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RPG-Bericht mit Potential – Play to Live: Gefangen im Perma-Effekt [Rezension]

RPG-Bericht mit Potential – Play to Live: Gefangen im Perma-Effekt [Rezension]

Der erste Satz

Vertrauliche Informationen
Streng geheim
Nach dem Lesen zu vernichten

Zum Inhalt:

Max hat Krebs und nicht genug Geld, sich einfrieren zu lassen, bis ein Heilmittel erfunden wurde. Also geht er in AlterWorld, ein MMORPG, in dem man durch den allseits befürchteten und in seltenen Fällen geliebten Perma-Effekt digitalisiert wird und für immer und ewig als Rollenspielcharakter leben kann. Dazu muss man lediglich in eine FIVR Kapsel steigen und drei Tage am Stück spielen. Irgendwann verschwindet das Ausloggen-Symbol und man kann nicht mehr raus. Das geschieht auch Max, der fortan Laith genannt wird. Als Nekromant bzw. Todesritter zieht er mit seinem Haustier, einem Bären, durch die Welt und erledigt Quests.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Glossar sowie sämtliche Werbeseiten am Ende durchgelesen
  2. Mich erneut über das Cover aufgeregt
  3. Bestätigung findend genickt – ich hatte recht!

Mein Eindruck zu Play to live – Gefangen im Perma-Effekt:

Ich hätte mir mehr Dystopie gewünscht. Mehr Drumherum, mehr Menschen, mehr Politik. Zu gern hätte ich Play to Live auf den Tisch bekommen und es als Lektorin bearbeitet. Leider lebe ich dazu auf dem falschen Kontinent. Das Cover gefällt mir ebenfalls überhaupt nicht. Es besteht aus Fotos von Shutterstock und ist vor allem hinten extrem billig gestaltet. Mit abgeschnittenen Bilderkanten im Word-1997-Style und so. Insgesamt ist mein Leseeindruck durchwachsen. Ich mag es, aber es hat extrem viele Schwächen. Ich würde es niemandem wirklich ans Herz legen oder auch nur empfehlen, dennoch möchte ich den zweiten Teil lesen.

Stärken des Buchs:

Man kann Play to Live kaum mit Ready Player One vergleichen. Das ist etwas Gutes, denn ich hatte, als ich das Buch auf meine Wunschliste setzte, ein bisschen Angst, es mit meinem derzeitigen Lieblingsbuch zu vergleichen und enttäuscht zu werden. Schon auf den Seiten um den Schmutztitel herum erfahren wir, das es sich beim vorliegenden Werk um den Grundstein eines neuen Genres, dem LitRPG  handeln soll. Dem haben wir bei der Weltenbibliothek Folge geleistet und die entsprechende Genrekategorie aufgemacht. In der Hoffnung, dass weitere solcher Bücher auf dem Markt erscheinen. Pioniere braucht der Buchmarkt, neue Genre-Mixe sind ungewohnt und spannend.

Eher neutral als stark sind die Details aus der Spielewelt. In der ersten Hälfte des Buches haben sie die Geschichte lebendiger gemacht und waren für mich als jemanden, der sich in MMORPGs auskennt, angenehm. Dennoch waren sie redundant und wurden von mir in der zweiten Hälfte des Buches eher mit genervten Lauten überflogen. Ein Gamer Jargon wird dabei vorausgesetzt – was ich ganz passend und in Ordnung finde, da man es notfalls im Glossar nachlesen kann, wenn man keine Ahnung hat. Für wen das Internet aber kein Neuland ist, der hat die meisten Worte schon einmal gehört, und wer sich schon mehr als nur ein paar Stunden mit Steam & co beschäftigt hat, kommt gut klar. Einziger Manko: Es heißt NPC, nicht NSC. Sorry, Heyne, aber holt euch Übersetzer, die schon mal selbst online gezockt haben. Eindeutschung kommt uncool an.

Ein bisschen spielt Play to live mit dem Gehirn des Lesers. Auf Seite 78 habe ich vergessen, dass der Protagonist Max heißt, da er nur noch mit seinem Charakternamen Laith angesprochen wurde. Das war interessant und ich habe dem Autor unterstellt, dass das Absicht war. Bis ich auf zahlreiche Plotholes und Logikfehler gestoßen bin, die diese Absicht widerlegen könnten. Dennoch: Lasst mich das als Kompliment auslegen! Ich möchte ein Buch, das so viel Spaß gemacht hat, nicht total negativ bewerten. Dennoch kann ich schon an dieser Stelle gestehen – sorry, doch es schwappt die ganze Zeit schon durch –, dass Play to live deutlich mehr Schwächen als Stärken hat.

Doch zunächst noch etwas Positives: Die Wirtschaftsmechanismen von AlterWorld sind interessant und geben dem Buch gegen Ende hin einen richtigen Kick. Ich hatte ab Seite 350 das Gefühl, dass endlich eine Art Handlung zustande kommen würde und bin dadurch am Ball geblieben.

Der Anfang von Play to live – Gefangen im Perma-Effekt* ist außerdem stark geschrieben. Frei nach Röntgens Motto “Vier Seiten für ein Hallelujah” hat mich das Buch sofort in seinen Bann gezogen. Die ersten 75 Seiten wurden am Stück verschlungen. Der Eintritt von Max in die Welt von AlterWorld und das ganze Organisatorische um das bewusste Eingliedern in den Perma-Effekt sind anschaulich und spannend dargestellt. Ab Seite 75 wartet man darauf, dass die Handlung Fahrt aufnimmt. Gibt der Geschichte Zeit bis Seite 100 und knapp darüber. Und dann stellt man fest, dass dieser Satz im Schwächen-Teil der Rezension fortgeführt werden muss.

Schwächen des Buchs:

Was ist mit der Handlung los? Was ist mit den Menschen der echten Welt, die Serverräume zerbomben und das Leben von Perma-Spielern und virtuellen KI beeinträchtigen? Was ist mit Max’ Mama, die eigentlich Geldsorgen hat und bei der sich Max dann als Laith meldet? Wieso wird der vermeintliche Haupt-Plot um Taali überhaupt nicht zu Ende geführt und offen gelassen – aber auf die Art offen, die das Gefühl hinterlassen, nach 448 Seiten hätte Dmitry Rus einfach einen Zahnarzttermin gehabt, das Manuskript gespeichert und eben abgesendet. Die Geschichte ist unvollständig. Für ein Buch mit Klappe & Deckel ist das eine schwache Leistung. Das Lesen hat mich absolut unbefriedigt zurückgelassen. Wüsste ich nicht, dass schon seitMonaten der zweite Teil angekündigt und mit festen Veröffentlichungsdatum angepriesen wäre, wäre ich hier wirklich sehr enttäuscht.

A propos enttäuscht – ich weiß nicht, in welchem Jahrhundert die Russen in Dmitry Rus’ Play to live leben, aber 2018, da, wo ich zeitgeschichtlich herkomme, spielen Frauen, wenn sie sich in ein MMORPG einloggen und als Kämpferin unterwegs sind. Taali tut das nicht. Sie ist nicht im Perma-Modus, sondern eine Frau, die im echten Leben vor dem Rechner sitzt. Was tut eine Frau, wenn sie im Dungeon von einem Mitspieler geschlagen wird? Klar, sie setzt ihren Charakter auf den Boden und wählt die Funktion “hilflos schluchzen und weinend auf den Held warten”. Was tut eine Frau, wenn ein Kämpfer-Turnier stattfindet, in der man seine Kräfte messen und gutes Preisgeld gewinnen kann? Man setzt seinen virtuellen Charakter auf eine Bank und lässt ihn bei den Spielen zu sehen. Im Ernst. Wie kann ein Mensch in einer Geschichte, die in der Zukunft spielt, Frauen nur so kindlich, hilflos und dämlich darstellen? Wer zum Henker loggt sich in World of Warcraft ein, nur um dann dumm rumzustehen und anderen beim Spielen zuzusehen? Wenn ich eine solche Dame unter unseren Lesern findet, würde ich mich über eine E-Mail freuen. Bis dahin steht die Darstellung der Protagonisten-Braut (denn zu mehr ist Taali in 95 % des Buches nicht gut) hier ganz klar in den Schwächen. Der Charakter wird unglaubwürdig eingeführt, ist uninteressant gestaltet und hat auch später für die eigene Mission (Stichwort Rache) fragwürdige Motive, ein seelenloses Dasein und gleicht einem Poster aus der BRAVO mehr als einem echten Menschen.

A propos seelenlos: Eine weitere Schwäche von Play to Live ist ganz klar der Schreibstil. Es handelt sich beim hier vorliegenden Werk nicht um einen Roman mit Spannungskurve und co. Es liest sich eher, als hätte jemand ein Let’s Play mitgeschrieben und sich dazu eine Geschichte ausgedacht. Beim Lesen war mir teilweise so langweilig, dass ich nicht mitbekommen habe, dass der Protagonist entführt wurde oder gegen das zich-tausendste Monster kämpft, weil der monotone und repetetive Berichterstattungs-Schreibstil alles überschattet, was annähernd an einen Spannungsbogen herankommen konnte.

Darüber hinaus war das ganze Ding zu fantasy-lastig. Ich habe beim Schreiben der Rezension schon überlegt, das neue Genre nicht anzuerkennen und einfach “Fantasy” daraus zu machen. Wer mich kennt, weiß, dass ich Fantasy grauenhaft finde und sowas eigentlich nie lesen würde. Gäbe es nicht die Level-Up-Angaben, Manapunkte und gamingbezogene Infos sowie Administratoren, würde das Buch in das von mir so ungeliebte Genre schlittern.

ACHSO! Und eine Sache noch: Was mit dem Körper passiert, wenn ein Mensch in den Perma-Effekt geht, wird nicht erzählt. Auch, wenn man noch nicht im Perma-Effekt ist, schmeckt Essen und Trinken sofort total gut durch die Geschmacksdateien im MMORPG, aber Toilettenbedürfnisse oder sonstwas gibt es nicht. Alles darüber hinaus wird großzügig beschrieben. Das ist etwas merkwürdig; wenn man auf solche Dinge eingeht, dann sollte man das auch richtig tun.

Absolut schenken kann man sich die Kampfszenen. Sie sind ziemlich irrelevant und langweilig geschrieben. Zwischen Seite 101 und 134 geschehen Kämpfe, die man letzten Endes auf fünf Seiten hätte darstellen können. Das kann auch daran liegen, dass der Protagonist Laith ein Haustierbesitzer ist. Er selbst kämpft nicht, er hat einen Bären dabei, der alles für ihn erledigt und generell ziemlich op ist, wenn man das mal so sagen darf. Allgemein finde ich, dass Play to Live ein richtig gutes 4,5-Herzen-Buch geworden wäre, hätte man es ordentlich gekürzt und auf das Wesentliche reduziert, dafür aber eine Auflösung wenigstens eines einzigen Handlungsstrangs eingebaut.

Mein Fazit:

Allmählich beschleicht mich der Verdacht, dass Play to Live gar kein 448-Seiten-Werk war, sondern eigentlich ein 1000- oder 1200-Seiten-Werk und der Verlag hat achtlos ob der Hermetik des einzelnen Buches drei Bücher daraus geschnitten. Kann das sein? Man weiß es nicht. Daher werde ich den zweiten Teil wohl auch lesen. Hoffentlich wird er nicht so langatmig und löst endlich Taalis Plan auf, der kurz vor der Umsetzung stand oder die Befreiung von C., oder wenigstens den Dialog zwischen Dan und Laith. Vielleicht erbarmt sich auch die blöde Mutter von Max, nach zweihundert Seiten des Vergessenwerdens wieder in den Plot zurückzukehren. Man weiß es nicht. Ich bin gespannt. Eine Kaufempfehlung für alle, die Let’s Plays gucken und sich dabei langweilen, aber dennoch unterhalten fühlen. Genau so ist Play to Live.

Meine detailierten Reaktionen zu Play to live – Gefangen im Perma-Effekt kannst du bei lovelybooks.de nachverfolgen. Beim Lesen hatte ich genug Zeit, um zwischendurch eine Lesechronik anzufordern, da das Buch kaum fesselt.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 448 Seiten, erschienen bei Heyne am 12.03.2018, ISBN: 978-3-453-31907-3

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Nährwertlevel Pappkarton – Das Wunder des Pfirsichgartens [Rezension]

Nährwertlevel Pappkarton – Das Wunder des Pfirsichgartens [Rezension]

Der erste Satz

Just an dem Tag, als Paxton Osgood die Schachtel mit den gefütterten, von einem Killigrafen beschrifteten Premiumkuverts zur Post brachte, begann es so heftig zu regnen, dass die Luft weiß wurde, wie gebleichte Baumwolle.

Zum Inhalt:


Willa Jackson führt ein ruhiges Leben in einer amerikanischen Kleinstadt. Bis zu dem Tag, als Paxton Osgood den Ort zur Neueröffnung der alten, geheimnisvollen Villa auf dem Hügel lädt, die fortan als Hotel dienen soll. Diese Einladung erinnert Willa nicht nur an ihre schmerzhafte Vergangenheit, sondern konfrontiert sie auch mit Paxtons gutaussehendem Zwillingsbruder Colin.

Kein Wunder also, dass sie sich weder mit der Einladung, noch mit den beiden Geschwistern auseinandersetzen will. Als jedoch der alte Pfirsichbaum auf dem Grundstück gefällt wird, gibt es jedoch kein Entkommen mehr. Die Ereignisse zwingen sie, sich mit Colin und seiner Schwester zu verbünden, um ihrer Familiengeschichte und einem alten Geheimnis auf die Schliche zu kommen, das mit ihren Großmüttern ihren Anfang nahm.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Aus dem Flugzeug steigen.
  2. Nach Hause fahren.
  3. Das Buch zum Stapel für die Caritas legen und am nächsten Tag entsorgen.

Mein Eindruck zu Das Wunder des Pfirsichgartens:

Als ich im Februar nach London geflogen bin, dachte ich mir, ein kleiner, feiner Liebesroman wäre genau das Richtige, um die englische Kälte zu vertreiben. Die Autorin gilt als großartige Romantikerin, das Cover war ansprechend und dieser Duft aus Magie und Geheimnisvollem, die dem Klappentext anhaftete, wirkte ausgesprochen betörend.

Voller Vorfreude habe ich mich also im Flugzeug zurück (am Hinweg hatte ich keine Zeit zu lesen) an die Lektüre gemacht – und das Buch glatt in einem Zug ausgelesen. Das klingt, gerade für mich, die seit langem kein Buch mehr so schnell durch hatte, natürlich sehr beeindruckend. Leider war genau das Gegenteil der Fall. Nicht die atemlose Spannung hat mich nämlich vorangetrieben, sondern pure Langeweile und ein Mangel an Alternativen. Die Handlung war ganz nett, die Protagonisten okay, die Sprache recht angenehm. Trotzdem war alles irgendwie leer. So, als hätte die Autorin sich ein paar Zeilen Notizen gemacht und rundherum dann ein paar Worte ausgeschmückt, bis das ganze eine annehmbare Länge hatte. Kein wirklicher Liebesroman, kein historischer Roman, kein Roman über Charakterentwicklung und die Magie war eigentlich keine Magie, sondern ein schmückendes Beiwerk, das sie zwar erwähnt, aber das eigentlich für die Handlung völlig egal ist. Als hätte sie sich an allem versucht und wäre als Resultat zwischen allen Varianten durchgefallen. Einzige Rettung: die Beschreibungen. Doch auch diese konnten die mangelnde Tiefe der Charaktere oder der Handlung nicht aufwiegen. Die ganze Lektüre ging mit einem Gefühl neutraler Gleichgültigkeit einher, und auch als ich das Buch beendet hatte, war da kein Hochgefühl, kein negativer Nachgeschmack – es war, als hätte ich das Buch gar nicht gelesen. Der Hauptgrund, warum das Buch sofort auf den Bücherflohmarkt gewandert ist.

Stärken des Buchs:

Am positivsten in Erinnerung geblieben ist mir mit großem Abstand die schöne Ausdrucksweise der Autorin. Viele Metaphern, schöne Ausschmückungen, ordentliche Dialoge und bildhafte Beschreibungen schaffen eine schöne örtliche Atmosphäre. Wenn ich an das Buch denke, sehe ich Wasserfälle, rieche den Duft von Pfirsich und spüre Schlamm an meinen Stiefeln. Auch noch als Stärke hervorzuheben ist die grundsätzliche Auswahl der Charaktere: man bleibt verschont von den üblichen Klischees. Willa ist keine dumme Nuss, die sich nach Liebe verzehrt, Paxton keine bösartige Intrigantin und Colin zwar gutaussehend, aber irgendwie auch nicht auf die klassische 08/15 Art und Weise. Eigentlich ein vielversprechendes Potential.

Schwächen des Buchs:

Wenn da nicht die Umsetzung gewesen wäre. Die Charaktere, so abwechslungsreich sie auch angelegt wurden, wirkten irgendwie deplatziert in ihrer Handlung. Die potentialträchtige Willa blieb das ganze Buch über irgendwie passiv; Paxton wurde zwar großartig eingeführt, hatte aber irgendwie kein Entwicklungspotential und Colin, der ebenfalls das Zeug zu einem wirklich einzigartigen Charakter gehabt hätte, wurde auf nach einer anfänglich vielversprechenden Einführung irgendwie plötzlich blass. Dasselbe gilt für die Handlung: Die Grundidee der Geschichte war richtig gut. Ein altes Familiengeheimnis, eine geheimnisvolle Spurensuche, eine Freundschaft fürs Leben. Und dann…? Nichts. Alles entwickelt sich irgendwie so vor sich hin, plätschert mal lauter, mal leiser. Handlung wird an Handlung gereiht, die Protagonisten stolpern irgendwie mit und verirren sich in ihre Liebesgeschichten. Hurra, endlich! Die Liebesgeschichten! Ja… oder auch nicht. Auch das war vielversprechend: spannende Konstellationen zwischen den Charakteren, ein Haufen Differenzen zu überbrücken, eine gemeinsame Vergangenheit und dann… nichts. Ein keuscher Kuss hier. Ein heimlicher Blick da. Nichts, das wirklich in Schwung kommen würde. Auf einmal sind die Charaktere zusammen und das Buch ist aus, bevor man überhaupt Herzflattern bekommen hat. Also unter einem Liebesroman hätte ich mir wirklich etwas Anderes vorgestellt.

Mein Fazit:

Auch wenn alle anderen scheinbar dem Zauber erlegen sind: Dieses Buch* kann ich nicht empfehlen. Nicht als schnelle Lektüre für Zwischendurch und schon gar nicht für Leser mit größeren Ambitionen. Es ist blass, kann sich nicht enscheiden, was es werden oder sein will und zeigt keinen Gewinn, weder auf emotionaler noch auf inhaltlicher Ebene. Eine Lektüre mit dem Nährwert eines Pappkartons. Vielleicht bin ich nicht die richtige Zielgruppe oder habe zu hohe Ansprüche, aber dieses Buch bekommt von mir leider nur:

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch, 288 Seiten, erschienen bei Goldmann am 20.01.2014, ISBN: 978-344-247951-1

Andere Leseeindrücke:

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Ein grellbuntes, triestes Grau – Arthur und die Farben des Lebens [Rezension]

Ein grellbuntes, triestes Grau – Arthur und die Farben des Lebens [Rezension]

Der erste Satz

Licht mit einer Wellenlänge von fünfhundertzwanzig Nanometern trifft auf die Zapfen in Arthur Astorgs Netzhaut.

Zum Inhalt:


Arthur Astorg hat in so ziemlich allen Belangen versagt, in denen ein Mensch versagen kann. Damit ihm die Sozialhilfe nicht gestrichen wird, nimmt er unfreiwillig einen Job in einer Buntstiftfabrik an. Zu allem Überdruss meldet diese allerdings bald darauf Konkurs an. Um seine Arbeit wenigstens zu einem gelungen Abschluss zu führen, stellt er die leuchtkräftigsten Buntstifte her, die die Welt je gesehen hat.

Die Sache hat nur einen Haken: Denn von einem Tag auf den anderen verschwinden alle Farben von der Welt, die daraufhin mehr und mehr im Chaos versinkt.

Arthurs einziger Hoffnungsschimmer ist der Anblick seiner blinden Nachbarin Charlotte, die sich als Neurowissenschaftlerin mit der Wahrnehmung von Farben auskennt. Um ihr endlich näher zu kommen, schenkt er ihrer Tochter Louise einen pinken Buntstift. Das Bild, das sie damit malt, ist Pink und nicht wie erwartet Einheitsgrau. Und jeder, der das Bild betrachtet, kann wieder Pink sehen.

Und so kommt es, dass Arthur – gemeinsam mit Charlotte und Louise – damit beginnt, die Farben wieder zurück in die Welt zu holen. Gar nicht so einfach, wenn man ein paar Nichtsnutze der chinesischen Mafia am Hacken hat.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch zugeklappt und es erst einmal für drei Stunden zur Seite gelegt, bevor ich es ins Regal geräumt habe.
  2. Mir Gedanken darüber gemacht, ob es das beste oder das schlechteste Buch war, das ich bisher gelesen habe, ohne zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen.
  3. Dem (erneuten) Impuls widerstanden die Buntstifte rauszukramen und das Cover endlich fertig zu malen.

Mein Eindruck zu Arthur und die Farben des Lebens:

Wie bereits erwähnt bin ich mir ziemlich unschlüssig, wie ich das Buch einordnen soll. Das fängt schon beim Genre an. Auch am Ende der knapp 280 Seiten bin ich mir nicht sicher, ob ich da einen Liebes- oder einen Entwicklungsroman gelesen habe. Was das Buch – zur Abwechslung mal aus dem Französischen, nicht aus dem Englischen stammend – aber definitiv für sich verbuchen kann: Ich habe das Buch am Abend gegen 21 Uhr angefangen und hatte es am nächsten Tag schon vor 12 Uhr durchgelesen.

Stärken des Buchs:

Zugegeben, die 1. Person ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig (besonders weil sich der Autor scheinbar nicht einig werden konnte, aus wessen Sicht er denn jetzt eigentlich schreiben wollte), aber der Stil ist sehr locker gehalten. Fast schon typisch französisch, würde ich mal behaupten. Jedenfalls lässt sich das Buch sehr gut lesen und überwiegend leicht verstehen. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, kommt man ziemlich gut damit klar.

Besonders der Humor kommt hier nicht zu kurz. Wo es zwischendurch darum geht, wie die Menschheit das Verschwinden der Farben auffasst, unter anderem:

Fans der Serie Game of Thrones hingegen glauben, der Winter sei angebrochen, und warten auf die Armee der untoten Wiedergänger. – Seite 73

oder auch:

Eilmeldung auf lemonde.fr

E. L. James soll in Kürze ihren neuen Roman veröffentlichen: One Million Shades of Grey – Seite 116

Während das erste Zitat mir ein Schmunzeln entlockte (was vor allem auch am Kontext lag), habe ich beim zweiten Zitat ziemlich herzlich gelacht.

Auch das Cover ist definitiv gelungen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, Buch und Buntstifte getrennt aufzubewahren. Tatsächlich passt diese »Malbuch-Optik« aber wunderbar zur Geschichte. Schließlich ist die Umgebung der Figuren fast durchgängig in Grau-, Weiß- und Schwarztönen gehalten.

Wo wir übrigens bei den Farben sind, die das Hauptthema des Buches sind. Der Autor ist hauptberuflich als Farbdesigner (nein, ich habe auch keine Ahnung, was ein Farbdesigner macht), unter anderem für Jil Sander in Japan, tätig und außerdem Mitglied im »Comité Français de la Couleur« (deutsch also: Französische Farbkommission). Ich würde also behaupten, dass er jemand ist, der Ahnung von Farben hat. Ich habe nicht jede einzelne Behauptung zur Farbpsychologie überprüft, die in den Roman eingestreut wurde (das sind für unter 300 Seiten ziemlich viele). Was da allerdings zu den Farben erzählt wird klingt jedenfalls sinnvoll und authentisch, wenn man selbst keine Ahnung davon hat.

Schwächen des Buchs:

Um es mal ganz deutlich zu sagen: Mir missfällt der Plot. Stellenweise war die Handlung einfach zu schnell. Das Buch lässt sich zwar gut lesen, wirkt dann aber so als wäre dem Autor nach Seite 230 eingefallen: »Mist, jetzt habe ich alle brauchbaren Ideen verpulvert und muss dringend ein Ende schreiben.« Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass mir für den Übergang zwischen der Handlung und der letzten Szene mindestens 50 Seiten fehlten.

Außerdem werden ständig Eindrücke von irgendwelchen Nebenschauplätzen »eingeblendet« und immer mal wieder eine fiktive Schlagzeile eingestreut. Was als gute Auflockerung anfängt wird allerdings schnell nervig und führt letzten Endes dazu, dass der Plot zerfasert, nachdem er schon keinen Platz bekommen hat, sich zu entfalten.

Was mir außerdem sauer aufstößt ist die Figurengestaltung. Besonders die Figur der Charlotte finde ich – um es nett auszudrücken – ein bisschen daneben. Dadurch, dass das Buch so kurz ist, erfährt man leider relativ wenig über sie, obwohl sie ja doch so etwas wie eine zweite Protagonistin ist. Sie ist blind. Und Neurowissenschaftlerin, die sich hervorragend mit Farben auskennt. Eine bemerkenswert frische Ausgangslage. Allerdings schafft der Autor es, diesen schönen Prototyp von Charakter ansonsten mit Klischees aufzubauschen. Natürlich ist sie schön. Selbstverständlich hat sie den perfekten Körper. Und natürlich lässt sie sich nach nur wenigen Stunden in New York gleich von einem Taxifahrer schwängern, um dann zurück in Paris mit ihrer Tochter allein da zu stehen. Um es also auf den Punkt zu bringen: Gute Idee, miserabel umgesetzt. Und das gilt leider für Vieles in diesem Buch.

Ein kleiner Fakt am Rande:

Der französische Originaltitel des Buches lautet “Les crayons de couleur”, wörtlich übersetzt also: Buntstifte. Durchaus passend, wenn man bedenkt, dass es Buntstifte sind, die vom Band rollen und damit in die Welt der Farben eintauchen lassen. Außerdem ist es ausgerechnet ein pinker Buntstift, der die Handlung ins Rollen bringt.

Mein Fazit:

Dem Buch liegt eine gute Idee zu Grunde. Die Umsetzung hat allerdings gut angefangen und noch stärker nachgelassen. Ein paar Seiten mehr (vielleicht 50 oder 100) hätten dem Buch ziemlich gut getan, um dem Plot mal Zeit zu lassen, sich zu entfalten. Von der Gestaltung her ist das Buch ein auffällig unauffälliger Eyecatcher. Ein weißes Cover mit Farbsprenkeln fällt eben auf. Der Klappentext hat mich neugierig gemacht. Aber insgesamt ist es eher ein erzählendes Sachbuch über Farben, bei dem der Haupthandlungsstrang irgendwie zur Nebensache verkommt. Als Sachbuch? Sehr lehrreich und überzeugend. Als Roman? Na ja. Man hätte deutlich mehr daraus machen können.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 288 Seiten, erschienen bei C. Bertelsmann am 10.04.2018, ISBN: 978-3-570-10346-3

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Fremdschämen für Fortgeschrittene – Geheimes Verlangen [Rezension]

Fremdschämen für Fortgeschrittene – Geheimes Verlangen [Rezension]

Der erste Satz

Frustriert betrachte ich mich im Spiegel.

Zum Inhalt:


Ana Steele ist schüchtern, unschuldig und hat gerade die Uni abgeschlossen. Bei einem Interview lernt sie den attraktiven, reichen Christian Grey kennen und fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Die magische Anziehung ist beidseitig, doch je näher sie dem charmanten Millionär kommt, desto mehr lernt sie Christians geheime Vorlieben kennen. Zwischen Verstörung und Verliebtheit muss Ana sich entscheiden – und wählt schlussendlich die Lust.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Meine Hirnzellen zählen und ein Verlustgeschäft beklagen.
  2. Die Autorenbeschreibung lesen, um herauszufinden, welcher Mensch so ein Buch schreibt.
  3. Das Buch zurück ins Regal stellen und mich fragen, ob ich jemals das Bedürfnis verspüren werde, die anderen beiden Teile zu lesen, oder ob ich es gleich verschenken soll.

Mein Eindruck zu 50 Shades:

Nun. Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Ich habe den Hype um 50 Shades of Grey* noch nie so richtig verstanden – aber andererseits ist so etwas immer schwer zu beurteilen, wenn man das Buch nicht wirklich gelesen hat. Ich habe mit vielen Menschen darüber gesprochen, sie gefragt, was ihnen daran gefallen hat und was nicht, und wurde nicht so richtig schlau daraus. Manche behaupteten, es sei das erotischte und spannendste, das sie jemals gelesen hatten, andere bezeichneten es als größten Schwachsinn überhaupt. Um herauszufinden, was ich wirklich von dem Buch halten sollte, gab es also nur eine Lösung: Ich musste das Buch selbst lesen.

Geld dafür auszugeben schien mir nicht unbedingt angebracht, also habe ich mir alle drei Teile für genauso viele Euro auf einem Flohmarkt organisiert. Um das Buch tatsächlich ganz zu lesen habe ich sage und schreibe sechs Monate gebraucht – und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich immer ein bisschen Pause gebraucht habe, um meinen Hirnzellen nach dem Lesen Zeit zur Regeneration zu geben. Den Großteil habe ich allerdings im Januar geschafft, nachdem ich mich im Urlaub endlich mal richtig auf die Geschichte einlassen konnte.

Tja. Die Geschichte. Was kann ich euch zu dieser Geschichte erzählen? Ich bin mir nicht sicher. Also ja, es existiert eine Handlung – manchmal deutlicher, manchmal (meistens) weniger deutlich. Ja, es gibt Protagonisten – eindeutig sonderbar, manchmal (selten) nachvollziehbar und in wenigen Bereichen realistisch. Und dann gibt es einen Haufen Erotik – oder das, was manche darunter verstehen wollen.

Stärken des Buchs:

Trotzdem war das Buch nicht ganz “für die Fisch” wie man in Österreich sagt. Als (sehr) anspruchslose Unterhaltung war es sogar gar nicht so unerfolgreich: Ich habe knapp sieben Mal gelacht. Gut, vier Mal, weil das Fremdschämen einen Höhepunkt erreicht hatte, der einfach nicht mehr erträglich war, aber auch drei Mal, weil es wirklich witzig war. Dabei denke ich vor allem an den E-Mail-Verkehr zwischen Ana und Christian, sowohl Anas Hinweise zu Christians Stalkertum als auch Christians Anpassungen der Signatur haben tatsächlich für einige laute Lacher gesorgt.

Ebenfalls bei den Stärken anzuführen ist das umfangreiche Vokabular, das die Autorin verwendet, um sexuelle Erregung, Verlangen, Lust, erotische Handlungen oder die Gefühlswelt der Protagonistin zu beschreiben. Als Nachschlagewerk für besonders kitschige oder schundbehaftete Szenen sind vor allem diverse Sexszenen sehr zu empfehlen; ich habe mir selbst die eine oder andere Formulierung rausgeschrieben.

Schwächen des Buchs:

Alles andere. Klingt nicht sehr differenziert und objeketiv, daher ein kurzer Versuch, es aufzuschlüsseln.
Dem Buch mangelt es an…
a) Handlung: Der Inhalt kann stark reduziert werden auf den Satz “Sie lernen sich kennen und vögeln”. Ansonsten passiert eigentlich nicht viel, außer dass mehrmals (!) der Vertrag mit den sexuellen Vereinbarungen über Seiten hinweg minutiös und Paragraph für Paragraph abgedruckt wird.
b) Spannung: Die ersten 200 Seiten passiert, wie gerade angedeutet, im Grunde genommen einfach nichts (nicht Mal Sex). Mein Lieblingssatz, der das Spannungsniveau wunderbar widerspiegelt: “Junge, Junge, war das aufregend!” – und ja, Ana referiert dabei auf die unerlaubte Verwendung von Christians’ Zahnbürste. Mehr ist nicht.
c) glaubwürdigen Charakteren: Auch hier kann man die Protagonisten auf einen Satz reduzieren. Christian Grey ist ein reicher Stalker mit schlechtem Kleidergeschmack und kaum Hintergrundgeschichte – und nein, “Meine Mutter war eine… und Mrs. Robinson hat…” reicht nicht aus – ; Ana ist gleichzeitig prüde und lasziv (manchmal beides gleichzeitig) und, wenn sie nicht gerade per E-Mail kommuniziert, wunderbar stereotyp und hysterisch.
d) sprachlichem Ausdruck: Als Beispiel für vorbildhafte Schundsprache bietet das Buch wie bereits berichtet doch einiges, wobei allerdings die Lektüre von ca. 20 Seiten ausreicht um das gesamte Vokabular zu kennen. Das ganze ist repetitiv, lebt von den immer gleichen Beschreibungen und bewegt sich vom Niveau her meistens irgendwo zwischen (bitte verzeiht meine Ausdrucksweise) “ficken” und “vögeln”. Literarisch anspruchsvoller wird es – tut mir leid – nicht.

Mein Fazit:

Man kann das Buch lesen. Und zwar unter drei Umständen: Entweder man will endlich auch mal wissen, worüber da immer alle reden. Oder man will die Marktlage recherchieren (ja, Menschen kaufen und lieben das – weiß noch immer nicht, warum). Oder – und dafür gibt es ein halbes Herz in der Bewertung – man will ein amüsantes Level an Fremdschämen erreichen, das nicht nur einem selbst, sondern auch allen, die unfreiwillig den Zitaten lauschen, einen gewissen Unterhaltungswert verspricht. Von der “winzig kleinen Göttin, die ungeduldig mit den Füßen auf den Boden tippt” über das dagegen kunkurrierende “Unterbewusstsein hinter dem Sofa” bis hin zu “Oh vielleicht braucht er zu den Kabelbindern einen Blaumann” und “Oh Gott, er hat mich bestimmt vergewaltigt, obwohl ich noch alle Klamotten anhabe – aber nein, er ist ja doch heiß, deshalb komme ich gleich unter der Dusche”, habe ich das ganze auf vielleicht doch auch ein wenig masochistische Weise manchmal sogar genossen. Insgesamt kommen wir für diese Strand-Unterhaltung daher auf großartige:

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch, 601 Seiten, erschienen bei Goldmann am 30.06.2012, ISBN: 978-3-442-47895-8

Andere Leseeindrücke:

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Der erste Satz

Seit achtundzwanzig Minuten befand sich Lovelace nun in einem Körper, aber es fühlte sich noch kein bisschen weniger falsch an als in dem Augenblick, als sie darin erwacht war.

Zum Inhalt

Nach einem Systemausfall an Bord der Wayfarer ist die KI Lovelace in einem Bodykit gefangen. Von da an muss sich das ehemalige Computerhirn des Tunnlerschiffes mit den Beschränkungen eines menschlichen Körpers herumschlagen. Als wäre die ungewohnt eingeschränkte Wahrnehmung nicht schon schlimm genug, fällt es ihr ziemlich schwer, sich in einer Gesellschaft zurecht zu finden, in der künstliche Menschen verfolgt werden.
Ihre einzige Vertraute dabei ist die Technikerin Pepper, die selbst die Erfahrung machen musste, das Universum von einem Tag auf den Nächsten mit anderen Augen zu sehen.

Das Buch unterteilt sich in zwei Handlungsstränge, die zwar stellenweise miteinander verknüpft sind, ansonsten aber eigenständig bleiben.
Der erste Handlungsstrang – die Haupthandlung – aus Sicht von Lovelace / Sidra setzt direkt nach dem Ende von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” ein. Der zweite Handlungsstrang aus Sicht von Jane setzt etwa 20 GU-Standards vor den Geschehnissen aus Band 1 ein. Theoretisch kann man “Zwischen zwei Sternen” auch lesen, ohne “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” gelesen zu haben. Ich möchte an dieser Stelle allerdings dringend davon abraten, da “Zwischen zwei Sternen” in der selben Welt spielt und dementsprechend die verschiedenen Kulturen mit ihren Gepflogenheiten nur dort erklärt werden, wo es unbedingt nötig ist. Alles weitere am Setting ist in Band 1 nachzulesen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die letzte Seite ganz langsam umgeschlagen, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass das Buch schon zu Ende ist.
  2. Das Buch zur Seite gelegt, weil ich es leider doch komplett gelesen habe
  3. Die Empfehlung bekommen, noch einmal ganz vorne beim zornigen Planeten anzufangen, um die Reise erneut erleben zu können.

Mein Eindruck zu Zwischen zwei Sternen

Das Buch ist ein würdiger Nachfolger für das gefeierte Debüt der Autorin. Auch wenn die letzte Reise mit der Wayfarer schon ein bisschen länger her ist (wie es bei mir der Fall war), findet man sich nach einigen Startschwierigkeiten wieder wunderbar in die Welt ein. Ich muss schon sagen, dass mir – Achtung, nicht über den Spoiler stolpern – Die sympathischste Crew des Universums ein wenig fehlt. Wir begleiten die KI Lovelace, die sich in einem höchst illegalen Bodykit wiederfindet. Zwar hat sie damit den Ausfall der Wayfarer-Systeme überlebt, doch so ein Menschenkörper hat für eine KI eben seine Nachteile.

Stärken des Buchs:

Ich finde, die größte Stärke des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Die Autorin ist sehr geschickt darin, dem Leser die verschiedensten Eindrücke aus der Sicht der verschiedensten Kulturen lebhaft – und authentisch – auszubreiten. Besonders die Beziehungen der Figuren untereinander sind meisterhaft herausgearbeitet. Besonders der erneute “Kulturschock” der Protagonistin gefällt mir sehr gut. Wir erinnern uns: Zu Beginn von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” war es Rosemary, die als Mensch unter “Aliens” zurechtkommen muss. Besonders interessant finde ich an dieser Stelle, dass die Protagonistin in “Zwischen zwei Sternen” eine KI ist. Ich könnte jetzt eine Stunde darüber nachdenken, aber mir würde wahrscheinlich trotzdem kein Buch einfallen, in dem ich schon mal eine KI als Protagonist hatte.
Aus dieser Ausgangslage heraus ist Lovey natürlich ziemlich überfordert, weil ihr so ziemlich alles fremd ist, was sich außerhalb von Computersystemen befindet. Klar, an Bord der Wayfarer hat sie schon Einiges mitgenommen, aber wenn der Körper dann nur ein eingeschränktes Wahrnehmungsfeld hat, ist der Kulturschock – ja, das Wortspiel ist beabsichtigt – vorprogrammiert.

Was mich ein bisschen nachdenklich stimmt

Wo war da eigentlich die Spannung? Ich lese nicht so oft Bücher, in denen 460 Seiten lang kaum Action aufkommt, ohne sie deswegen an die Wand klatschen zu wollen. Deshalb: Ein klarer Plusminuspunkt. Die Autorin liefert ein Buch ab, das den Leser bei der Stange hält, ohne sich viele Gedanken um einen Spannungsbogen oder dergleichen zu machen. Dem einen oder anderen mag das überhaupt nicht gefallen.

Schwächen des Buchs:

Ich finde, die größte Schwäche des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Klingt redundant? Stimmt, hatten wir schließlich schon.
Im Wesentlichen könnte ich hier die Schwächen aufzählen, die Kia in ihrer Rezension zu Band 1 bereits erwähnt hat. Der Plot ist flach, es gibt keinen Showdown und keine spannenden Weltraumschlachten, die Handlung plätschert gemütlich im Hintergrund dahin. Es ist wahnsinnig entspannend, aber da hätte man mehr daraus machen können.
Der Grund, aus dem ich aber die Aufzählung von Stärken und Schwächen identisch begonnen habe: Mir fehlt die Überraschung. Einerseits heißt das, dass die Autorin weiß, wo ihre Stärken liegen und es deshalb vielleicht gar nicht versucht, es anders zu machen. Denn: Never touch a running system. Andererseits hat man aber irgendwie alles schon mal gesehen. Es ist die selbe Welt mit anderen Figuren und aus anderen Augen. Dennoch schwingt da so ein bisschen was von “lauwarmer Aufguss eines bewährten Schemas mit”.

Mein Fazit

Es tut mir wahnsinnig leid, das sagen zu müssen, aber: Ich habe “Zwischen zwei Sternen* gerne gelesen. Für mehr reicht es an dieser Stelle nicht. Es ist zweifelsfrei ein gutes Buch und eine angenehme Reise. Dennoch lässt mich das Ende ein bisschen bangen vor dem, was danach noch kommen mag. Eine einzige Wiederholung des Reiseerlebnisses des zornigen Planeten war es allemal wert. Gerade, weil Sidra eine Protagonistin ist, wie man sie eben nicht reihenweise auf der Straße findet. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele neue Reisen ins Universum der Wayfarer und ihrer Crew ich noch mitmachen möchte. Das ist sehr schade.
Deshalb ist “Zwischen zwei Sternen” eine Reise, die man sehr gerne in positiver Erinnerung behalten möchte. Doch irgendwie ist das Fernweh, das während und nach Band 1 noch ein riesiges Feuerwerk war, zu einem kleinen Funken geworden. Meine Bitte an die Autorin: Ich will mehr solcher Reisen, aber an das Gefühl von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” reicht “Zwischen zwei Sternen” leider nicht heran.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 464 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 25.01.2018, ISBN: 978-3-596-03569-4

Andere Leseeindrücke

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Die sympathischste Crew des Universums – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten [Rezension]

Die sympathischste Crew des Universums – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten [Rezension]

Der erste Satz

Als sie in der Kapsel die Augen aufschlug, erinnerte sie sich an dreierlei.

Zum Inhalt:


Rosemary kommt vom Mars auf die Wayfarer – ein abgewracktes, aber zweckmäßig funktionierendes Schiff. Unter Captain Ashby arbeiten dort nicht nur Menschen, sondern Angehörige unterschiedlicher Spezies, um mit dem Tunnlerschiff Wurmlöcher in den Raum zu stoßen. Rosemary arbeitet als Verwaltungsassistentin und durch die Einstellung einer solchen qualifiziert Ashby sich und seine Crew dazu, einen großen Auftrag anzunehmen. Eine lange Reise beginnt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich habe gelächelt
  2. Das Bild von Sissix ging nicht aus meinem Kopf raus
  3. Ich habe Florian, der gerade “Zwischen zwei Sternen” las, gefragt, ob Lovey darin vorkommt.

Mein Eindruck zu Der lange Weg zu einem zornigen Planeten:

Dieser Roman von Becky Chambers ist gut zu lesen und die perfekte Methode, mich als Weltraum-Muffel an Science Fiction mit Raumschiffen heranzuführen. Ich kann interplanetarische Kriege nicht leiden, halte Star Wars, Star Trek und ähnliches für affig und redundant, und mit Aliens braucht man mir gar nicht erst kommen. In “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten* geht es zwar um Raumschiffe und Aliens, aber auf eine sehr sympathische Weise. Die Crew auf dem Tunnlerschiff macht nur ihren Job, und Kriege geschehen irgendwo in der Ferne – damit haben die Leute an Bord der Wayfarer nichts zu tun. Becky Chambers hat mir gezeigt, dass Science Ficiton mit Raumschiffen unfassbar sympathisch und spaßig sein kann und ich bin sehr, sehr dankbar, dieses Buch zum Geburtstag im letzten Dezember geschenkt bekommen zu haben.

Stärken des Buchs:

Die größte Stärke von “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” ist definitiv die Crew. Dr. Koch ist das sympathischste Wesen, das ich jemals getroffen habe, und auch die Charaktere von Ashby, Corbin, Sissix, Rosemary, Lovey, Jenks und Kizzy sind äußerst schlüssig. Jeder hat so seine Eigenheiten, ohne dass man das Gefühl hat, die Figuren würden nur existieren, damit sie irgendeine Rolle erfüllen oder damit Becky Chambers konträre Charaktere einbauen könnte. Die gesamte Crew ist lustig, schlüssig und sympathisch. Auch die Beziehungen untereinander werden mit liebevollen Details und durch herausragende Dialoge unterstrichen, so dass sie alle noch lebendiger wirken.

Eine weitere Stärke ist, wie die Autorin das Geheimnis um Rosemary anreißt. Es wird hervorragend angedeutet und kaum vergisst man es beim Lesen, kommt eine weitere Schlinge, die den Leser an den Plot erinnert.

Informationen über beispielsweise die KI als vernunftbegabtes Individuum oder das Sianatpaar mit seinem Flüsterer und der schwierigen Kultur hinsichtlich einer alles entscheidenden Frage in der Gestaltung des Sianat-Lebens werden an den richtigen Stellen eingeworfen. Ich habe zu jedem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, dass Infodumps und Beschreibungen relevant waren. Eine klare Stärke: Das Buch lässt sich flüssig lesen und ist “rund”.

Unter’m Strich macht es einfach Spaß – richtigen Spaß –, dieses Buch zu lesen. Ich habe es sehr genossen und möchte noch einmal betonen, dass die Figuren und Beziehungen so dermaßen gut sind, dass die doch zahlreichen Schwächen, die ich im Folgenden dieser Rezension aufzählen werde, diese Stärke nicht aufwiegen können.

Eine neutrale Information:

Etwa gegen Seite 109 wird in einem gefühlt ewigen Dialog erklärt, wie Wurmlöcher funktionieren. Ich halte diese Erklärung für ziemlich schwierig formuliert und weiß nicht, ob ich den Text verstanden hätte, wenn ich nicht vorher schon gewusst hätte, was die Autorin an dieser Stelle sagen wollte. Wer nicht zufällig ohnehin nerdiger Fan von Astronomie ist, könnte ein paar Schwierigkeiten bekommen.

Schwächen des Buchs:

Es braucht ein wenig, bis man ins Buch reinkommt. Erst ab etwa 30 – 60 Seiten kam ich in die Welt hinein, was bei einer solch anderen Welt im Vergleich zu unserer und den vielen unterschiedlichen Spezies absolut verständlich und in Ordnung ist. Dennoch erachte ich den Anfang von “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” als ungelenk geschrieben. Die Charaktere wurden zu sehr im Infodump eingeführt und ich wollte mir zunächst kaum die Mühe machen, mir die Namen und Spezies zu merken. Nach den besagten Seiten funktioniert das aber fast von allein, daher geht diese Schwäche nicht so sehr ins Gewicht. Bleibt einfach dran; auch die unkommentierten bzw. nicht erklärten technischen Geräte leuchten dem Leser irgendwann einfach ein.

Eine weiter Schwäche ist der Plot. In “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” ist der Plot relativ flach, es passiert eher wenig und die Stärken der Autorin liegen ganz klar im Weltenbau und im Charakterdesign. Es hat mich beim Lesen nicht gestört, aber erwartet bitte keinen unendlich spannenden Showdown am Ende, bei dem eine wahnsinnige Epiphanie die Persönlichkeiten und Leben der Charaktere verändert. Müsste ich den Plot mit Musik vergleichen, wäre “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” eher angenehme Hintergrundmusik als eine mitreißende Symphonie mit  herunterbrechendem Finale am Ende.

Darüber hinaus sind mir die Kapitel zu lang. Ich hätte es schön gefunden, wenn pro Kapitel nur eine Perspektive eingenommen wird; denn das hat ab und zu zu Stolperern geführt. Es war mir häufig nicht möglich, ein Kapitel vor dem Schlafengehen zu lesen, weil es zu lang war und ich mitten drin unterbrechen musste.

Die letzte Schwäche, die ich ansprechen möchte, betrifft das deutsche Korrektorat der Übersetzung. Man merkt, wenn man aufmerksam liest, dass die deutschen Mitarbeiter schnell fertig werden wollten. Da war wohl eine Frist recht fortgeschritten, sodass sämtliche das-dass-Fehler (vier an der Zahl) im letzten Sechstel (!) des Buches vorkommen. Was mit ausgezeichneter Orthografie und Grammatik beginnt, schwächelt am Ende immer mehr, und das empfinde ich als äußerst schade.

Mein Fazit:

Kennst du das, wenn man einfach nur verliebt ist, ohne dass es dazu gute Gründe gibt? So geht es mir mit diesem Buch. Ich habe mehr Schwächen als Stärken aufgelistet, aber ich bin einfach in dieses Buch verliebt. Ich bin sehr glücklich, dieses Buch gelesen zu haben. “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” hat mir sehr viel Spaß gemacht, obwohl ich bevorzugt eher Science Fiction ohne Raumschiffe lese. Zum entspannten Entwicklung einer Lesesucht ist dieser Roman definitiv hervorragend geeignet.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 544 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 27.10.2016, ISBN: 978-3-596-03568-7

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Der erste Satz

Mama? Kannst du kommen?

Zum Inhalt:


Hannah ist depressiv, übergewichtig, geschieden und hat eine ausgeprägte Angststörung. Sie erbt Geld von ihrer Großmutter, sodass sie es sich leisten kann, ihr Leben sich selbst zu widmen und gesund zu werden. Sie reist nach Mallorca, um dort Urlaub allein zu machen, da sie das als Kind mal in ein Wünschebuch geschrieben hat. Dort trifft sie auf Beate, eine Dame, die nichts anderes zu tun hat, als Hannah auf den Geist zu gehen und dadurch das Leben der Depressiven positiver zu gestalten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Kopf geschüttelt
  2. “Endlich” gesagt, da ich mich endlich getraut habe, das Buch abzubrechen
  3. Mich schnell mit etwas anderem beschäftigt

Mein Eindruck zu Hummeln fliegen auch bei Regen:

Hummeln fliegen auch bei Regen ist die unglaubwürdigste, flachste und redundanteste Geschichte, die ich seit “Alle Vögel unter dem Himmel” gelesen habe. Da das Buch das Thema Depressionen, Angststörung und Übergewicht behandelt, ist es neben der Tatsache, dass ich es als außerordentlich schlecht empfinde, zudem noch eine Beleidigung an alle Leserinnen und Leser, die sich ernsthaft mit den Themen auseinandersetzen wollen.

Stärken des Buchs:

Inhaltlich ist dieser Roman wirklich nett. Zumindest auf den ersten Seiten. Der Einstieg scheint sich zu lohnen, die ersten fünfzig Seiten ziehen den Leser in ein Geschehen und ein Setting, das ist in erster Linie etwas Gutes. Dass Geschehen und Setting nicht warm werden und es mit der Qualität des Buches stetig bergab geht, steht auf einem anderen Blatt.

Am Anfang macht das Buch wirklich Spaß. Und er bestürzt. Als Depressive weiß ich sehr gut, was die Protagonistin durchmacht und bin auch darüber informiert, dass die Autorin selbst an Depressionen leidet oder gelitten hat. Zu Beginn war ich über mich selbst bestürzt, da ich diese Situationen und mich selbst wiedererkannte. Die Sicht von außen auf sich selbst zu haben ist ein schöner Spiegel, der natürlich gewissermaßen schmerzt. Vor allem die ungeduldigen, idiotischen Angehörigen hat Andrea Kraft beim Schreiben ihres Romans hervorragend getroffen und damit ein kleines Tabu gebrochen. Sehr gut!

Das Joggen-Gehen ist schön dargestellt und einige Sätze findet man, die wirklich herausragend sind. Schöne Worte, gute Qualität – eben leider in einem Meer aus Stuss und Schwachsinn.

Mangelhafte Recherche:

Die mangelhafte Recherche der Autorin hat es nicht in die “Schwächen”-Liste geschafft, da sie gesondert dargestellt werden soll. Macht also bitte Platz für einen Rant der Rezensentin. Wer schreibt bitte darüber, wie man zum ersten Mal im Leben eine Feige isst, wenn man noch nie selbst eine Feige in der Hand gehalten zu haben scheint? Eine Feige schmeckt widerlich, wenn man sie vorsichtig von außen anknabbert und sich nur das weiße Bett einverleibt, in das das rote, süße Fruchtfleisch eingelassen ist. Abgesehen davon, dass ich es für absolut unrealistisch halte, dass eine 35-jährige Frau noch nie eine Feige gesehen oder probiert hat, ist diese Szene wirklich absurd schlecht geschrieben. Eine Feige wird aufgeschnitten und ausgelöffelt. Meinetwegen auch mit Honig bestrichen und dann abgebissen, aber niemand knabbert die nicht verzehrbare Schale an und sagt: “mhh, so schmecken Feigen also, lecker!”.

Außerdem ist die Protagonistin dick. Übergewichtig. Ihr Body Mass Index (BMI) ist so hoch, dass sie nicht einmal joggen gehen darf. So sagt es eine besserwisserische, aber sicher nicht im Unrecht stehende Freundin der Protagonistin. Dieser BMI ist bei einem Wert von 30 erreicht, ab welchem man adipös, also krankhaft fettleibig ist. Das ist vollkommen okay – ich mag übergewichtige Protagonisten und lese gerne über das Thema, das ist wichtig. Aber wieso zum Geier glaubt Andrea Kraft, dass ein derart übergewichtiger “Moppel”, wie Hannah sich selbst bezeichnet, weinend in die Dusche kauert und ihre Bene umschlingt? Jeder, der einen Bauch hat, weiß, dass das eine unbequeme Haltung ist und anatomisch für krankhaft übergewichtige Adipöse mit einem BMI über 30 schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Solche Kleinigkeiten ignoriert die Autorin – und stören mich daher umso mehr.

Als dritte mangelhafte Recherche möchte ich anmerken, dass Hummeln fliegen können. Sie sind nicht nur doof und wissen nicht, dass sie nicht fliegen können und fliegen trotzdem – sorry, was ist das für ein Bullshit? Hat die Autorin jemals einen Zeppelin gesehen? Der hat gar keine Flügel und wird nicht so romantisiert wie dieses arme, gemobbte Wesen, das selbstverständlich fliegen kann. Die Flügel erzeugen Auftrieb, indem sie Wirbel verursachen. Bei bis zu 200 Flügelschlägen pro Sekunde gibt die Hummel sich ganz schön Mühe. Dann einfach zu sagen, sie sei dumm und wisse nicht, dass sie gar nicht fliegen könne, ist gemein. Scherz beiseite – ich mag es schlichtweg nicht, dass die Autorin solchen Humbug einfach in ihr Manuskript übernimmt und darüber schreibt, ohne selbst mal ein paar Minuten darüber nachgedacht zu haben.

Schwächen des Buchs:

Die Kommasetzung ist eine Katastrophe. Der Schreibstil auch. Bei “Hummeln fliegen auch bei Regen” handelt es sich um einen Titel, der im Selfpublishing seit 2014 wohl schon Erfolg hatte und im Februar 2018 seinen Weg in einen Verlag gefunden hat. Es handelt sich hierbei nicht um ein literarisches Werk, nicht um eine durch den Goldmann-Verlag überdachte schriftstellerische Leistung, sondern um ein Produkt, das sich gut verkauft und wovon der Verlag etwas abhaben wollte. Das merkt man beim nichtvorhandenen Lektorat, beim langweiligen Plot und bei den zahlreichen Fehlern.

Auf den ersten fünfzig Seiten findet man bereits zwei das-dass-Fehler. Pro Buchseite springt mir mindestens ein Kommafehler entgegen und manchmal schreibt man das höfliche “Sie” eben klein. Und auch sonst merkt man dem Schreibstil an, dass er monoton und lieblos ist. Manchmal vergisst die Autorin die Grammatik vollkommen. Mitten im Satz werden die Kräfte des Dudens ausgehebelt und geschrieben, als gäbe es ihn nicht.

Besonders nervig finde ich den Schreibstil, der sich inflationär an grammatikalischen Wundern bedient wie “Erstmals nahm ich die Umgebung zur Kenntnis, kein Wunder, plagten mich bei der Anreise andere Sorgen.” (S. 135) Diese Umstellung kann man wirkungsvoll einsetzen, aber wenn es gefühlt alle hundert Wörter vorkommt, nervt es einfach nur.

Die Protagonistin weint viel. Aber statt Einblick in die Seele einer zerstörten, labilen Depressiven zu geben, wird beiläufig erwähnt, dass sie vielleicht wieder weint und es selbst nicht weiß. Diese Abstumpfung könnte in ihrer Absurdität für tiefe Botschaften verwendet werden, aber die Autorin hat sich keinerlei Mühe gemacht, der Protagonistin Hannah irgendwas Nachvollziehbares zu geben.

Dann ist da noch er. Der kursiv gedruckte Typ, der nicht Ben, der frisch geschiedene Exmann von Hannah ist, über den wir auch nicht viel erfahren, bevor ich das Buch empört über die Grauenhaftigkeit des Schreibens abbrechen musste. Aber Hannah zeigt auf Young Adult Niveau, dass es nur um ihn geht. Er hat ihr Leben verändert, wie auch immer das geschehen sein soll. Die Tussi macht sich abhängig von irgendwelchen Typen, und kaum ist Ben, der Exmann, der ihr Herz so sehr gebrochen hat, mal nicht Thema, geht es um ihn. Wenigstens so lange, bis es um Lukas geht, der Hannah in der ersten Schulklasse, also vor etwa 29 Jahren, wichtig gewesen ist. Lukas sitzt nur zu Hause und wartet darauf, dass Hannah ihm E-Mails schreibt. Da er der einzige Mann ist, der ihr Aufmerksamkeit schenkt – ganz im Gegensatz zu unserem geheimnisvollen “er” –, ist er natürlich plötzlich die Liebe des Lebens und alle Gedanken müssen sich um Lukas drehen. Außer, sie denkt mal kurz an ihn, dann existiert Lukas natürlich nicht. Wird Hannah langweilig, wird eben wieder geheult oder mit Beate gesprochen.

Ach ja, Beate. Beate Sommer. Über diese Dame muss ich in dieser Rezension zu “Hummeln fliegen auch bei Regen” ein paar Worte verlieren. Auf dem Weg nach Mallorca trifft Hannah auf Beate. Sie ist 78 Jahre alt und sitzt zufällig neben ihr im Flieger. Auf eine arrogante, widerwärtige Weise urteilt sie über die 35-Jährige, erzählt ihr ungefragt etwas übers Leben und stalkt sie anschließend. Hannah wundert sich nicht, dass Beate nichts anderes auf Mallorca tut als Hannah zu verfolgen und in ihrer Finca aufzusuchen. (Hat die Autorin Andrea Kraft schon mal etwas über Datenschutz gehört?) Beate verbringt ihre Zeit auf Mallorca damit, Hannah auf den Kranz zu gehen und ihr das Leben zu erklären – dabei ist Beate lediglich Mittel zum Zweck. Als Person ist sie null charakterisiert. Sie hat keine eigene Geschichte, keine nennenswerte Vergangenheit und keine Charakterzüge. Im Grunde ist diese Person nur ein Skelett des Dialogs. Dazu da, die Epiphanie der Protagonistin anzustoßen und ihr irgendwas zu tun zu geben. Wäre ich Hannah, hätte ich dieser hobbylosen Stalker-Oma schon am ersten Tag, als sie bei einer Heulattacke plötzlich in der Finca vor der Badezimmertür stand (wtf?!?) die Meinung gegeigt. Hier ist die Protagonistin Hannah allerdings schlüssig gestaltet: Sie hat keine Meinung. Und das konsequent. Leider hat sie neben der Meinungslosigkeit außerdem weder Charakter noch Gefühle.

Ach so, und da ich noch nicht genug Schwächen aufgezählt habe, muss ich noch etwas zum Buch als physisches Objekt sagen. Es ist scharf geschnitten, die Ecken stechen in die Hand beim Lesen und hinterlassen schmerzende Eindrückstellen. Ich habe mich selten so oft beim Lesen verletzt. Der Buchblock ist in einen Umschlag aus billigster Pappe gesteckt, die ich fortan Memory-Pappe nenne: Hast du das Buch einmal aufgeschlagen, merkt sich der Buchdeckel das und bleibt fortan für immer aufgeklappt.

P.S.: Wenn eine Protagonistin leckeren Käse isst, dann aber erfährt, dass es Ziegen- und kein Kuhkäse ist und ihn fortan eklig (also doch lecker, aber wegen der Ziege einfach nur eklig) findet, kann sie nur unsympathisch sein. Wieso sollte irgendjemand etwas gegen Ziegenkäse haben, obwohl er gut schmeckt?!

Mein Fazit:

Wer Lust auf eine undurchdachte, flache Geschichte hat, die Seite um Seite immer schlechter wird und sich selbst zerfasert und verliert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Undurchdachte Charaktere, unglaubwürdige Dialoge und redundantes, oberflächliches Geschwafel gehören definitiv zu den Stärken der Autorin. Ich werde nie wieder ein Buch von ihr anfassen und befördere “Hummeln fliegen auch bei Regen* auf meinen Aussortier-Stapel. Dieser Roman hat es leider nicht einmal ins dauerhafte Inventar meines Bücherregals geschafft. Das bricht mir immer wieder das Herz, weshalb ich für dieses Buch lediglich eines von fünf Herzen übrig habe.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen beim Goldmann Verlag am 19.02.2018, ISBN: 978-3-442-22218-6

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Die deideste Abwärtsspirale ever – Die Optimierer [Rezension]

Die deideste Abwärtsspirale ever – Die Optimierer [Rezension]

Der erste Satz

Samson ließ das Lenkrad los und blickte nach draußen.

Zum Inhalt:


Samson Freitag ist ein Lebensberater. Die Geschichte spielt im viel zu heißen Spätsommer 2052, Samson ist wohnhaft in München, BEU. Die BEU ist die Bundesrepublik Europa, die sich vom Rest der Welt abgeschottet hat. Samson hat 980 Sozialpunkte. Für jede Wohltat erhält man welche. Die Lebensberatungen, die er durchführt, helfen der Gesellschaft ebenfalls und bringen ihn immer näher an die 1.000. Mit der Begrüßung “Jeder an seinem Platz!” tritt er bei Martina Fischer ein, die er für ihre zukünftige Arbeitsstelle beraten soll. Wer eine Lebenberatung per Unterschrift auf dem Vertrag annimmt, verpflichtet sich, das Beratungsergebnis anzunehmen. Bei Martina lautet die Empfehlung “Kontemplation”, was bedeutet, dass sie mit ihrem Bedingungslosen Grundeinkommen machen kann, was sie will, solange sie arbeitslos bleibt und keinem anderen einen Arbeitsplatz wegnimmt. Das findet Frau Fischer ganz und gar nicht deide1. Er geht seiner Arbeit nach, obwohl er von der Kommunikationslinse, einer modernen Form der Brillen mit integriertem Web-Portal, Gesichtsscanner, Navi, Messengern und allem, was dazugehört, Augen- und Kopfschmerzen bekommt. Seine Freundin ist eher mies und genervt drauf, sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, und seine Beförderung, die beim Erreichen von 1000 Sozialpunkten winkt, rückt plötzlich in die Ferne, weil nichts mehr läuft wie es eigentlich soll.

1 Deide ist ein Wort, das im Jahr 2052 als Ausdruck für “cool”, “nice” oder ähnliche Wörter verwendet wird.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Klappentext erneut gelesen
  2. Halbseitig gegrinst und einige tiefe Atemzüge genommen
  3. In den letzten Kapiteln geblättert und einige Passagen nochmal gelesen

 

Mein Eindruck zu Die Optimierer:

Die Utopie “Die Optimierer* habe ich eigentlich eher zufällig recht weit oben im Regal meiner Lieblingsbuchhandlung gefunden. Am Samstag um 17 Uhr tauschte ich es gegen runde zehn Euro ohne Wechselgeld, am Montag um 13:30 Uhr hatte ich es ausgelesen. Seit Ready Player One habe ich keine 100 Seiten mehr an einem Tag gelesen. Die Optimierer habe ich für meine Verhältnisse in Bestzeit gelesen, und ich war durch und durch süchtig nach dem Buch. Meine Faszination grenzt schon an Fanatismus, so sehr bin ich von diesem Buch begeistert. Daher zügele ich mich gerade beim Schreiben dieser Rezension zu “Die Optimierer”, um nicht zu viel zu verraten. Der Schreibstil ist glatt und rund, man ahnt nicht, dass es sich um ein Debüt handelt. Der Plot und die Welt im Jahr 2052 sind schlüssig, nicht komplett unrealistisch (wobei eine Jahreszahl hundert Jahre in der Zukunft der Sache mit den Robotern mehr Glaubwürdigkeit verliehen hätte) und spannend. Kurz vor dem Ende habe ich geahnt, was kommen wird. Die kleinen Details, die die Autorin eingestreut hat, um auf die Auflösung hinzuweisen, habe ich größenteils wahrgenommen, aber ich wette, wenn ich das Buch noch einmal lesen würde, würden mir zwischen Seite 260 und 304 sicherlich noch mehr Hinweise auffallen, die die Spannung maßlos in die Höhe treiben. Die Optimierer ist ein hervorragendes Buch. Grandios. Wow.

Stärken des Buchs:

Wo soll ich bei den Stärken von “Die Optimierer” anfangen? Die ersten 25 Buchseiten habe ich noch in der Buchhandlung weggesnackt. Nachdem mich Cover und Rückentext beeindruckt haben, kam ich nach den ersten meiner Meinung nach ziemlich schwachen fünf Seiten voll in der Handlung an. Was bei Zukunftssetting und einem ausgeklügelten Gesellschaftsmodell meist um die dreißig bis fünfzig Seiten braucht, ging enorm schnell. Die ersten Seiten empfinde ich als schwach, weil sich der Schreibstil der Autorin meiner Meinung nach über die gesamten 304 Seiten des Romans verbessert. Insgesamt wird die Handlung immer spannender, die Konflikte packender und das automatische Kopfkino beim Lesen lebendiger, je mehr man beim Lesen voranschreitet.
Eine deutliche Stärke sind dabei die kurzen Kapitel. Mit 52 Kapiteln haben diese eine Durchschnittslänge von weniger als sechs Seiten, so dass ich nach jedem einzelnen Kapitel dachte: “Eines lese ich noch, ist doch nur ganz kurz.” Dass ich durch diese Nur-noch-fünf-Minuten-Mentalität das gesamte Buch in weniger als 48 Stunden verputzt habe, spricht für sich. Die kurzen Kapitel sorgen aber nicht dafür, dass Sinnabschnitte zu früh unterbrochen werden oder die Welt drumherum zu kurz kommt, im Gegenteil: Alles hat seinen Platz. Es hat knappen Platz, der aber durchaus ausreichend ist.
Dennoch habe ich durch die Bank weg den Wunsch gehabt, dass das Buch mindestens 700 Seiten hat. Schon ab Seite 100 hab ich bedauert, ein Drittel des Buches ausgelesen zu haben und ich wollte es mir aufteilen wie eine Tafel Schokolade, die dann mir nichts dir nichts doch irgendwie verschwindet.
Die Welt, die Theresa Hannig um die Bundesrepublik Europa erbaut hat, erscheint mir extrem gut durchdacht. Die negativen Folgen eines Bedingungslosen Grundeinkommens, die Sicht der Schüler, die in die Generation der Optimalwohlgesellschaft auf die Vergangenheit und sämtliche technische Errungenschaften erscheinen mir realistisch. Ich habe kein einziges Plothole und keine Logikfehler gefunden. Die Welt saugt den Leser in sich auf, und man will in das Buch kriechen und selbst zu dieser Gesellschaft gehören (und einiges besser machen als Samson Freitag).
Der Schüler, an den ich beim Verfassen des letzten Absatzes denke, wird für seine sechzehn Jahre ziemlich doof dargestellt. Seine Artikulation lässt vermuten, dass ihn Schule kaum interessiert und er eher zu den Dummen gehört. In einer glattgebügelten utopischen Welt, in der es darum geht, jedem einen perfekten Arbeitsplatz zuzuordnen, ist es durchaus wichtig, auch solche Menschen zu berücksichtigen. Was von der Autorin eigentlich nur als Methode diente, über die Geschichte der BEU zwischen 2016 und 2052 zu referieren, erschien realistisch und hat die Umstände, unter denen die Bürger im Jahr 2052 in “Die Optimierer” leben, solide untermauert.
Auch im übrigen Roman passt die Weltenbeschreibung perfekt zur Handlung. Alles, was beschrieben wird, ist aus Sicht des Protagonisten auf irgendeine Art und Weise relevant und alles, wovon ich beim Lesen mehr wollte, kam im nächsten Absatz auf dem Silbertablett serviert.
Kurz vor dem Ende geschieht ein Plottwist, der mich ein bisschen an die Dystopie “Infiziert” von Elenor Avelle erinnert hat. Der Handlungsstrang wird hart abgebrochen, der Protagonist kommt in eine andere Umgebung und der Leser wird maximal verwirrt. Diese Verwirrung hat das Finale eingeleitet und in einem grandiosen Ende sämtliche Handlungsstränge und offenen Rätsel der vorherigen 260 Seiten aufgegriffen und erklärt.
Außerdem endet der Roman – okay sorry, der Spoiler muss sein – mit einer Frage. Wie genial ist das denn bitte? Ich erkläre mich hiermit offiziell zum Fangirl.

Eine neutrale Information:

Sexszenen sind in “Die Optimierer” sehr ausführlich beschrieben. Obwohl ich geschriebene Erotik nicht mag, sind die Szenen angenehm geschrieben, auch wenn sie für meinen gefühlten Genredurchschnitt zu ausführlich sind (eine bis zwei Buchseiten geht es mehrmals voll zur Sache). Wer eine Aversion gegen detailierte Erotik hat, würde diesem Buch definitiv Abzüge in der Gesamtbewertung geben. Ich persönlich konnte mich mit dem Sexualverhalten der Charaktere abfinden, fühlte mich nicht gestört und empfand die Sexszenen insgesamt als plot- und weltrelevant und sinnvoll. Daher ignoriere ich hinsichtlich der Gesamtwertung, dass es eigentlich zu viel für meinen Geschmack ist. Dennoch ist es mir wichtig, diese Information im Buch unterzubringen.
Darüber hinaus befindet sich im ersten Drittel des Buches die typische Spiegel-Szene. Das Äußere des Protagonisten Samsons wird beschrieben, indem er sich selbst im Spiegel ansieht. Für meine Autorenkollegen ist das sicher eine nette Info am Rande 😉

Schwächen des Buchs:

Willkommen zum Meckern auf hohem Nivaeu. Auch, wenn “Die Optimierer” meine erste 5-Sterne-Bewertung in der Weltenbibliothek und für mich auch die erste Höchstwertung im Jahr 2018 hervorgerufen haben, möchte ich die Schwächen herausstellen.
Zu meinem Erstaunen enthält das Buch ziemlich viele Kommafehler. Für das, was ich von Bastei Lübbe gewohnt bin, sind sie mir recht häufig aufgefallen. Ausgerechnet auf den letzten Seiten findet sich ein fetter Das-Dass-Fehler, der mir sauer aufgestoßen ist.
Die Motivation des Protagonisten, alles haargenau zu machen, ist nicht 100 %-ig sauber herausgearbeitet worden. Durch mehr Information über den Spleen des Protagonisten oder über seine Bedeutung von Genauigkeit, weshalb der Kernkonflikt überhaupt ins Rollen kommt, hätten der Geschichte durchaus gut getan.
Ein paar Ticks der Autorin habe ich ebenfalls beim Lesen herausgestellt. Während in meinen Romanen ständig Augenbrauen gehoben, Köpfe schiefgelegt oder mit den Augen gerollt wird, hat Theresa Hannig augenscheinlich eine Vorliebe für knackende Kiefer, trockene Rachen und das sich ständig wiederholende Über-die-Lippen-lecken. Das ist ziemlich repetetiv, und auch, wenn es den sich verschlechternden Gesundheitsstatus des Protagonisten verdeutlichen soll, gingen mir diese drei Wiederholungen dann doch auf die Nerven.
Die Offenbarung des Hintergrundes, der Ercan Bösers wahre Motivation / Rolle darstellt, kam mir zu sehr im Infodump. Das letzte Kapitel hat mich nicht wirklich befriedigt. Ich kann aber nicht sagen, ob das daran liegt, dass ich mir noch immer wünsche, das Buch hätte 700 Seiten oder ich hätte Fortsetzungen davon im Regal stehen. Ich bin nur unbefriedigt in dem Sinne, als dass ich ewig weiterlesen möchte, daher ist diese Schwäche mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Mein Fazit:

Es würde mich nicht wundern, wenn Die Optimierer verfilmt werden. Im Gegenteil: Ich erwarte, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre eine Verfilmung anstehen wird. Der Plot eignet sich dafür, sodass der Film nicht viel vom Buch vernachlässigen oder über Bord werfen müsste. Die Optimierer ist eine durch und durch gelungene Utopie, die ich ausnahmslos jedem Liebhaber zukünftiger Gesellschaftsmodelle empfehlen möchte.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 304 Seiten, erschienen bei Bastei Lübbe am 29.09.2017, ISBN: 978-3-404-20887-6

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Ein halbfertiges Potentialkonvolut – Spiegel [Rezension]

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Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Der erste Satz

Als Patricia sechs Jahre alt war, fand sie einen verletzten Vogel im Wald.

Zum Inhalt:


Patricia ist ein Mädchen, das bemerkt, dass sie eine Hexe ist und den Wald schützen soll. Sie vernachlässigt ihre Fähigkeit, weil irgendwie nichts klappt und ihr niemand sagt, wie dieses Hexenleben wirklich funktioniert. In der Schule trifft sie auf Laurence, der ihr einziger Freund ist, sodass sie mit ihm eine On-Off-Freundschaft eingeht, bis sie sich nach der Schule verlieren, wiedertreffen, wieder verlieren und gemeinsam die redundantesten Sachen überhaupt erleben.

Laurence ist ein Nerd, der eine künstliche Intelligenz geschaffen hat, die schon in seiner Jugend viel Macht und Intelligenz bekommt. Patricia nutzt er zunächst, um seinen Eltern gegenüber zu rechtfertigen, dass er kein Stubenhocker ist. Sie erfinden Geschichten über gemeinsame Ausflüge in die Natur, was in etwa so glaubwürdig ist wie eine Salsa tanzende Katze, die dir morgens den Kaffee bringt. Die Geschichten der beiden streifen sich immer mal wieder, und der Fokus liegt ganz klar auf den Zusammentreffen. Dass im weiteren Verlauf im Hintergrund die Welt in Gefahr ist oder andere potentiell plotrelevante Dinge geschehen, wird artig ausgeblendet.

Warum ich den Inhalt von “Alle Vögel unter dem Himmel” nicht in einem Absatz unter Betrachtung der unterschiedlichen Gesichtspunkte wiedergeben kann, liegt daran, dass es die Autorin selbst im gesamten Buch nicht geschafft hat, aus den zwei interessanten Ausgangslagen eine Geschichte zu stricken.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Hysterisch über den Satz mit der Langeweile und dem Narbengewebe gelacht.
  2. Das schlechte Gewissen runtergeschluckt.
  3. Mich total geärgert, weil das schlechte Gewissen wieder hochkam.

Mein Eindruck zu Alle Vögel unter dem Himmel:

Einen Plot sucht man vergebens, und selbst viel Geduld hat sich bei mir nicht ausgezahlt, sodass ich das Buch auf Seite 201 abbrechen musste. Ich brach “Alle Vögel unter dem Himmel* ab, nachdem mich der Satz “Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes” getriggert hat. Die Autorin hat echt Mut. In der Danksagung schreibt sie: “Ich hoffe, das Buch hat euch gefallen. Falls nicht, oder falls euch einige Dinge nicht eingeleuchtet haben oder zu abwegig erscheinen, schickt mir einfach eine E-Mail, dann komme ich vorbei und spiele euch das Ganze vor. Vielleicht mit Origami-Fingerpuppen.” Dieses Angebot würde ich gerne annehmen, doch ich weiß nicht, ob ich jemals nochmal so viel Interesse aufbringen kann, der Geschichte eine weitere Chance zu geben.

Stärken des Buchs:

Es riecht unfassbar gut! Der Klappentext verspricht viel! Das Cover macht was her und insgesamt fühlt sich das Buch wirklich gut an! Orthografie und Grammatik sind ok. Dass ich das erwähne, ist kein gutes Zeichen. Im Gegenteil. Zunächst dachte ich, es seien die einzigen Stärken, die “Alle Vögel unter dem Himmel” mitbringt.

Selbst Bücher, die mir nicht gefallen (Beispielsweise “Loslassen” von Katharina Finke), bleiben in meinem Bücherregal. Weil sie irgendwann mal wieder interessant sein könnten oder gute Stellen hatten, oder mir ans Herz gewachsen sind. “Alle Vögel unter dem Himmel” ist das erste Buch, bei dem ich darüber nachgedacht habe, es loszuwerden. Zu verkaufen und von dem Geld einen Ersatz zu kaufen. Ich fühle mich frustriert und als hätte ich beim Lesen Lebenszeit verschwendet. Nachdem mir das bewusst wurde, habe ich dem Buch dennoch einen Zweck zuordnen können: Ich habe mir Notizen gemacht, was in welchem Kapitel geschieht, versucht, den Plot nachzuvollziehen und mir aufgeschrieben, was mir nicht gefällt. Als angehende Sci-Fi-Autorin möchte ich auch gerne ein Buch bei Fischer TOR platzieren (hach, wie schön das wäre! Lasst mich träumen!), und wenn so ein undurchdachtes, lieblos geschriebenes Buch bei diesem Qualitätsverlag unterkommt – dann schaffe ich das schon längst. Das ist eine ganz klare Stärke von “Alle Vögel unter dem Himmel”: Es macht mir als Autorin Mut, denn das kann ich locker übertreffen. vielleicht nicht jetzt, aber mit mehr Genrekenntnis und einem akribisch geplotteten, mit Herzblut geschriebenen Manuskript kann ich das schaffen. Wir sehen uns auf Augenhöhe, Charlie!

Eine weitere Stärke – und das muss man der Autorin und der Geschichte lassen – ist, dass die nerdigen Stellen wirklich… angemessen sind. Auf 200 Seiten muss man sicherlich drei Mal leicht schmunzeln, wenn man sich mit Laurence auch nur ein bisschen identifizieren kann.

Schwächen des Buchs:

Der Anfang des Buches ist sehr holprig und unglaubwürdig. Von Klischees überrannt gab ich dem Buch weitere Chancen, mir zu beweisen, dass der Charakter von Patricia nichtssagend und leer ist. Leider wurde das nicht verändert. Das Kennenlernen von Patricia und Laurence ist unschlüssig und passt überhaupt nicht. Der Sprachstil ist ungelenk und oberflächlich. Immer, wenn man denkt, jetzt könnte die Geschichte ins Rollen kommen, driftet die Autorin ab und versorgt den Leser mit emotionslosem, redundantem Zeug.

Ich kenne zahlreiche Lektoren, die bei “Er hat einen nervösen Kopf” oder “Er lächelt mit einer Lippe” den Rotstift zücken würden. Weder Übersetzung noch Lektorat von Fischer TOR haben solche merkwürdigen Ausdrücke gestört. Mir haben sie sich in den Kopf gebrannt.

Bis Seite 118 passiert nichts. Dann passiert etwas und das Buch droht mir an, fast spannend zu werden. Aber dann flacht die Spannung sofort wieder ab und das Niveau kehrt zurück. Das sprachliche Niveau ist einerseits in Ordnung, andererseits so emotionslos, dass Charlie Jane Anders einen Preis dafür verdient hat. Keine andere Autorin kann einen versuchten Mord so langweilig schreiben wie sie! Das muss Talent sein.

Bei einigen Sätzen zeigt die Autorin wirklich Potential, und ich fühle mich in das Debüt eines blutjungen Selfpublishers versetzt. Aus Sätzen wie “Das Messer verfehlte sein Herz, aber es brach sein Herz” sieht man, was die Autorin sagen wollte, und freilich könnte man aus diesem Satz etwas Gutes machen – aber er wurde genau so veröffentlicht, wie viele, viele andere Sätze auch. Der lieblose Stil äußert sich auch im Verzicht auf Synonyme, dieser aneinandergeklatschte Stil ist sowas von eindimensional, dass ich es nicht einmal schaffe, ihn in dieser Rezension nachzuahmen. Aber ich gebe mir Mühe, vielleicht merkt man das.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erlaubt man sich noch einen Patzer mit einem Satz wie diesem: “Es stimmte, im Hintergrund waren Polizeisirenen hören.” (Seite 153) Das unterstreicht die größte Schwäche des Buches: Es ist lieblos und flach. Nach weiteren fünfzig Seiten bekam ich einen hysterischen Lachanfall, als die Autorin das Thema Langeweile in einem Satz anbrach (“Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes”) und zwang mich dazu, das Buch abzubrechen. Es hat mir tatsächlich wehgetan, diesem Buch – ein Geburtstagsgeschenk – keine Chance zu geben, sich endlich mal zu entfalten. Aber nach 50 % sollte die Geschichte zu einer Geschichte werden.

Übrigens: Wenn Laurence und Patricia sich nach der Schule wiedertreffen, seilt er sich von irgendwas ab und macht einen Millionendeal klar, weil die Welt in Gefahr ist. Man will wissen, warum die Welt in Gefahr ist und irgendwas darüber erfahren, wieso und warum und was los ist – aber davor verschont Charlie Jane Anders den Leser und füllt die folgenden Seiten mit Rückblicken und oberflächlichem Beziehungsgehabe, stockenden Bla-Bla-Gesprächen und ein bisschen Tell, don’t Show.

Als ich mich entschieden habe, das Buch abzubrechen, habe ich in einem der letzten Kapitel den “großen Showdown” gelesen. Ich will nicht spoilern, aber… Er konnte mich nicht vom Hocker hauen, hatte unglaubwürdige, klischeehaft-überspitzte Stellen, und auch das letzte Kapitel hat die nicht-vorhandene Geschichte nicht wirklich zu Ende geführt.

Mein Fazit:

“Alle Vögel unter dem Himmel” ist ein Buch, das mehr verspricht als es halten kann. Ich bin nicht nur gelangweilt und maßlos enttäuscht, sondern vergleiche den Schreibstil der Autorin auch mit “Mathilde Möhring”. Wer Lust auf ein Buch hat, das sich bestenfalls zur Analyse eigener Schreibkompetenz eignet und einem Mut macht, auch einmal in einem so großen Verlag unterzukommen, muss dieses Buch unbedingt lesen. Ich wünsche jedem viel Erfolg dabei, mehr als 200 Seiten durchzuhalten.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen bei Fischer TOR am 23.03.2017, ISBN: 978-3-596-03696-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Ein Kinofilm zwischen Buchdeckeln – Illuminae [Rezension]

Ein Kinofilm zwischen Buchdeckeln – Illuminae [Rezension]

Der erste Satz

Verehrte Geschäftsleitung, hier nun die Datei, die mich fast das Leben gekostet hätte.

Zum Inhalt:

Das Jahr 2575: In der Schule dachte Kady Grant, die Trennung von ihrem Freund Ezra wäre das Schlimmste, das ihr an diesem Tag passieren kann – Bis am Nachmittag ihr Planet angegriffen wird. Aus heiterem Himmel tauchen Kampfraumschiffe eines intergalaktischen Konzerns auf, der sich ohne Rücksicht auf Verluste den Planeten unter den Nagel reißen will. Mit drei Raumschiffen gelingt einem Teil der Zivilbevölkerung die Flucht von Kerenza. Kady und Ezra gelangen dabei auf unterschiedliche Schiffe. Einen feindlichen Zerstörer Lincoln immer dicht auf den Fersen.
Doch damit nicht genug: Auf der Flucht wird die Besatzung von einem mutierenden Virus geplagt, das bei den Angriffen auf Kerenza als biologische Waffe eingesetzt wurde.
Und dann wäre da noch AIDAN, die KI des Schlachtkreuzers Alexander, die von der Sauerstoffversorgung bis hin zu den Atomraketen alles an Bord steuern kann und mehr und mehr den Verstand zu verlieren scheint.

Die ersten Drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mit ganz kleinen Tränen in den Augen einen erleichterten Seufzer ausgestoßen.
  2. Das Buch zugeklappt und das Ende auf mich wirken lassen.
  3. Getwittert, dass ich den höllischen (im positiven Sinn) Ritt hinter mir habe.

Mein Eindruck zu Illuminae:

Illuminae fällt auf. Die erste Überraschung ist sicherlich der halbtransparente Schutzumschlag über dem auch darunter sehr liebevoll gestalteten Cover. Wenn man dann allerdings das Buch eine Weile in der Hand hält und ein bisschen durch die Seiten blättert, schießt nur ein einziger Gedanke in Richtung Cover durch den Kopf: »Wie langweilig«.
Nein, wirklich. Im Vergleich zu den einzelnen Seiten ist die Covergestaltung nahezu langweilig. Seiten in einem Buch sind immer schwarze Schrift auf weißen (okay, cremefarben) Papier? Weit gefehlt. In Illuminae ist jede Seite ein Kunstwerk. Das Buch enthält Chatprotokolle, E-Mails, Berichte und Seiten, auf denen sich der Text nicht an die normale Orientierung in waagerechten Zeilen hält. Dazwischen reihen sich Illustrationen zu den Raumschiffen und Pläne derselben ein.
Illuminae hat – anders als fast alle anderen Romane – keinen durchgehenden Handlungsstrang. Klar, es gibt einen roten Faden, der sich von vorne nach hinten durchzieht. Im Wesentlichen ist Illuminae aber ein riesiges Puzzle, bei dem der Leser nach und nach die einzelnen Teile zugeworfen bekommt und selbst entscheiden muss, was er mit den gewonnenen Informationen anfangen will.

Stärken des Buchs:

Das Buch fällt auf. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Arbeit in der Gestaltung des Buches gesteckt hat. Von der ersten bis zur letzten Seite ist Illuminae mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden. Dieses Buch ist kein Roman, sondern nicht weniger als ein gedruckter Kinofilm (die Filmrechte wurden kurz nach Erscheinen der englischen Originalausgabe verkauft).
Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass Illuminae die Tätigkeit des Lesens auf ein völlig neues Level hebt. Besonders gut gelungen ist dem Autorenduo das Verstricken vieler unterschiedlicher Sichtweisen zu einem großen Ganzen, das sich ziemlich gut weglesen lässt. Besonders spannend sind hier übrigens die Einblicke in die Gedankenwelt von AIDAN, die man besonders zum Ende des Buches bekommt.

Schwächen des Buchs:

Man muss eindeutig dafür gemacht sein und Rätseln zumindest nicht völlig abgeneigt sein. Illuminae ist kein Buch, das man einfach mal so nebenbei liest. Man muss es Seite für Seite aufmerksam verfolgen, um nicht am Ende ein wichtiges Puzzleteil übersehen zu haben.
Was aber wirklich stört ist ein Punkt, den ich schon bei den Stärken angesprochen habe: Die Gestaltung. Es gibt zwischendrin Seiten, die entweder komplett leer sind, nur drei Wörter oder gar nur ein einziges Wort (und das dafür zig Mal) beinhalten. Stellenweise nimmt das Umblättern mehr Zeit in Anspruch als man für das Lesen braucht. Auch Ezras Liebeserklärungen an Kady hätten ein wenig dezenter ausfallen können. Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau und eher ein Abzug in der B-Note.

Mein Fazit:

Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich wirklich restlos begeistern konnte. Illuminae ist einer der wenigen Ausnahmefälle. Den zwischenzeitlichen Hype um dieses Buch im deutschsprachigen Bookstagram finde ich durchaus berechtigt. Illuminae* ist ein actionreicher Kinofilm zwischen zwei Buchdeckeln und ein Kunstwerk für sich. Stellenweise hätte man es gestaltungstechnisch ruhiger angehen lassen können, insgesamt stören diese Patzer aber den Gesamteindruck nicht. Illuminae definiert das Lesen neu. Ich bin gespannt, was uns da noch erwartet.
Eine klare Leseempfehlung – nicht nur für eingefleischte Science-Fiction-Fans.


Weitere Informationen:

  • Hardcover 604 Seiten, erschienen bei dtv am 13.10.2017, ISBN: 978-3-423-76183-3

Andere Leseeindrücke:

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Let’s Nerd – Ready Player One [Rezension]

Let’s Nerd – Ready Player One [Rezension]

Der erste Satz

Jeder in meinem Alter erinnert sich daran, wo er war und was er gerade getan hat, als er zum ersten Mal von dem Wettbewerb hörte.

Zum Inhalt:

In Ready Player One begleiten wir Wade in einer Welt, die nach außen hin dystopisch ist. Es gibt Hunger und Elend, Überbevölkerung und Wirtschaftskonzerne, die Schuldner zur Zwangsarbeit rekrutieren dürfen. Aber davon bekommt man nicht viel mit, denn Ready Player One dreht sich um die OASIS. Eine virtuelle Welt, die Milliarden von Spielern ermöglicht, ein Online-Leben zu führen. Arbeiten, Leben, Dating und der High School Unterricht können in der digitalen Welt stattfinden, und mit Videobrillen und haptischen Anzügen wird die OASIS zur gedachten Realität. Wade O. Watts ist ein High School Student, der in den Stacks lebt, einer Wohnwagensiedlung, die aus nach oben gestapelten Wohnwagen besteht, damit die armen Leute, die dort leben, irgendwie unterkommen können. Er geht auf dem virtuellen Planeten Ludus zur Schule und verbringt nach und vor dem Unterricht jede freie Minute, sich mit den 80ern auseinanderzusetzen. Halliday, einer der beiden OASIS-Erfinder und Gründer von GSS, das Unternehmen, das die OASIS entwickelt hat, ist nämlich verstorben und hat sein gesamtes Erbe demjenigen versprochen, der sein Easter Egg findet. Diejenigen, die nach dem Easter Egg suchen, werden Jäger genannt, und Wade ist mit seinem Avatar Parzival einer derer, die für sich alleine nach dem Easter Egg suchen. Daneben gibt es noch Clans und die Firma IOI, die den Wettbewerb über Jahre hinweg spannend machen. IOI ist hier der klare Antagonist: Wenn sie das Easter Egg finden, … im Ernst, sie sollten es nicht finden. Was als Suche nach einem Easter Egg und Reichtum beginnt, entwickelt sich schnell zu einer atemberaubenden Geschichte, die den Leser immer wieder hin und her wirft und in regelmäßigen Abständen mit 80er- und Videospielinformationen versorgt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Einen Laut von mir geben. Keine Ahnung, wie genau der war und was der sollte, aber es war mir ein Bedürfnis, geräuschvoll auszuatmen.
  2. „Das Ende von Ready Player One ist befriedigend und nicht“ als WhatsApp an besagten guten Freund geschickt
  3. Armada von Ernest Cline in der Buchhandlung meines Vertrauens reservieren lassen

Mein Eindruck zu Ready Player One:

Ich bin total angefixt. Durch Ready Player One von Ernest Cline habe ich meine nerdige Seite (wieder-) entdeckt. Immer, wenn rauskam, was sich Halliday für den nächsten Schritt ausgedacht hatte, war ich Feuer und Flamme, musste grinsen über die Genialität und die ganzen Easter Eggs, die ich entdeckt habe. Denn neben der Suche nach dem Easter Egg, um das sich der Roman aus dem Hause Fischer Tor dreht, befinden sich im Text selbst ständig kleine Easter Eggs, die zum Schmunzeln anregen. Art3mis, Aech und Parzival sind höchst interessante Charaktere und wirken authentisch und real, obwohl man sie nur als Avatare, also selbst designten Computerspielfiguren kennenlernt, die unter falscher Identität und mit Stimmverzerrung agieren können. Ich empfehle dieses Buch jedem, dessen Herz ein bisschen nerdig ist. Für mich war Ready Player One der Einstieg in ein neues Genre. Ein guter Freund hat es mir empfohlen und ausgeliehen, und ich hätte nicht gedacht, dass ich die 540 Seiten innerhalb von vierzehn Tagen lesen würde. Die teilweisen Cliffhanger an den Enden der Kapitel sind meines Erachtens perfekt gewählt. Es gibt, bis auf beim Show-Down am Ende, keine quälend spannenden Stellen, sondern immer wieder Szenen und Kapitel zum Durchatmen, trotzdem will man durchgehend wissen, wie es weitergeht.

Stärken des Buchs:

Klare Stärken sind der Schreibstil und – ich finde, heutzutage muss man sowas auch mal lobend erwähnen – die Übersetz- und Korrekturarbeit von Fischer Tor. Durch die Übersetzung ins Deutsche ging nichts verloren, jedenfalls nicht so, dass ich es negativ bemerkt hätte. Die Orthografie ist einwandfrei, nur auf den letzten 150 Seiten schlichen sich immer mal Kommafehler und solche, die ich optional anders gesetzt hatte, ein. In wem ein bisschen Grammarnazi steckt, der solle doch bitte auf das Wort „nachdem“ achten. Vor diesem Wort gibt es nämlich kein Komma. Nie. Never ever. Auch wenn damit ein Nebensatzkonstrukt eingeleitet wird, bei dem ein jeder das Komma sogar in der gesprochenen Sprache hören würde.
Weiterhin stark finde ich das große Ganze. Der Mix aus Innen- und Außenansicht des Protagonisten ist sinnvoll gewählt; aus der Ich-Erzählperspektive habe ich schon Romane erlebt, in denen es zu viel ums Innenleben geht. Der Sprachstil ist einheitlich und rundet das ganze Buch ab.
Sämtliche Handlungsstränge (bis auf einer) werden zu Ende erzählt und gehen ineinander auf. Mir gefällt der lineare, chronologische Erzählstil, der trotz personaler Erzählperspektive manchmal doch ein bisschen allwissend ist, und ich fühlte mich sehr in das Buch gesogen.
Große Klasse ist auch – für mich als Autorin – die Einteilung des Romans in drei Level. Hier wird einem die 3-Akt-Struktur offengelegt. Irgendwie charmant.

Schwächen des Buchs:

Kommen wir zu den Schwächen von Ready Player One.
Kurz vor „Level 3“ geschieht etwas unfassbar Geniales im Plot, und dann flacht die Geschichte so sehr ab und zerfasert, dass das Buch schon fast schlecht wird. Über zwanzig Seiten habe ich mich gefragt, was der Autor da macht und was das soll, und ich glaube, dieser Abschnitt war dann auch nicht mehr wichtig, aber mit dem Auftakt von Level 3 hat das Buch das alles wieder wettgemacht.
Der Handlungsstrang, beziehungsweise das Rätsel, das nicht zu Ende geführt wird, ließ mich die Nachricht an meinen Freund schicken. Das Ende ist befriedigend und nicht. Es ist einerseits abgeschlossen, andererseits offen, und irgendwie könnte ein zweiter Teil folgen, aber man wünscht es sich nicht. Denn die Geschichte spinnt im Kopf des Lesers weiter, und wenn man etwas genauer nachdenkt, verändert sich das Gefühl der wohlig warmen Auflösung der Geschichte in ein Erschüttern, wenn man den dystopischen Charakter wieder hervorholt.
Darüber hinaus gibt es etwa drei oder vier Kapitel, die aus reinem Infodump bestehen. Man muss schon sehr von der Spannung der vorherigen Kapitel angezogen worden sein, oder vollkommen in den kleinsten Details der 80er aufgehen und sich damit identifizieren können, um über diese Infodumps hinwegzusehen und sie dennoch konzentriert zu lesen.

Mein Fazit:

Bis auf ein paar kleine Schwächen, über die ich hinwegsehen möchte, liebe ich dieses Buch abgöttisch. Ich habe gerade beim Schreiben der Rezension den Impuls, es noch einmal zu lesen, um noch mehr zu entdecken. Als 90er-Kind habe ich sicher nicht alles verstanden und entdeckt, was jemand, der in den 80ern schon gelebt hat, heute in Ernest Clines Meisterwerk finden würde. Dennoch freue ich mich enorm darauf, am 5. April ins Kino zu gehen und mir die Verfilmung von Ready Player One* anzusehen. Der Autor hat mir ein neues Genre geöffnet, bei welchem ich kaum erwarten kann, mir weitere Geschichten einzuverleiben. Eine klare Kaufempfehlung für alle Nerds und Easter Egg Jäger da draußen!


Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 544 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 27.04.2017, ISBN: 978-3-596-29659-0

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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