Schlagwort: Selfpublisher

Sprachpoet und Weltenmaler – Verhext [Rezension]

Sprachpoet und Weltenmaler – Verhext [Rezension]

Der erste Satz

Hast du dafür eine Erklärung?

Zum Inhalt:


Verhext ist ein Sammelband mit fünf phantastischen Erzählungen, die alle in unterschiedliche Welten und Geschichten eintauchen lassen. Wir leiden mit der Magierin Catya, die sich mit den Regeln und Strafen der Magierakademie herumzuplagen hat, begegnen Kendra von den Meeren auf einem geisterhaften Strand, der wahren Liebe in einer düsteren Zitadelle, einer Horde Bestien im 11.Jahrhundert und dem Herr der Toten selbst. Verhext, Kendras Auge, Nur ein Stein, Exsanguis, Glaswiesentänzer, so heißen die Geschichten. Ihnen allen ist eines gemeinsam: der Versuch, die Magie dazu zu nutzen, die eigenen Sehnsüchte zu stillen. Doch bald müssen die Protagonisten lernen, dass die Magie ihren eigenen Kopf hat, dass sie nicht alles heilen kann, dass sie gefährlich ist, einen manchmal auffrisst mit Haut und Haaren und ins Verderben stürzt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ein paar Minuten ins Leere gestarrt und mich gefragt, ob ich auch lernen kann, so schön zu schreiben.
  2. Zum Anfang zurück geblättert, um noch einmal einen Überblick über die Geschichten zu bekommen und sicher zu gehen, dass es tatsächlich nur 140 Seiten waren.
  3. Die Stellen rausgesucht, die ich aufgrund ihrer Schönheit markiert hatte und gleich nochmal gelesen.

Mein Eindruck zu Verhext:

Als ich Verhext gekauft habe, wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Ich mag keine Kurzgeschichten, schon gar keine Sammlungen. Auch das Cover hat mich nicht so recht überzeugt, aber wegen der interessanten Leseprobe wollte ich dem Büchlein, das knapp 140 Seiten umfasst, trotzdem eine Chance geben. Ich habe das Buch aufgeschlagen – und war fasziniert. Denn egal, wie man es zusammenfasst, es ist unmöglich, die Tiefe dieser kurzen Geschichten auch nur ansatzweise zu erfassen. Jede Erzählung ist ein Werk für sich und öffnet ein Tor zu einer neuen Welt, so ausgefeilt und durchdacht, dass man aus jeder der Geschichten einen neuen Roman machen könnte.

Stärken des Buchs:

Nach der ersten Erzählung, Verhext, dachte ich mir: von diesem Autor will ich unbedingt mal einen Roman lesen. Toller Stil. Tolle Handlung. Dann kamen die anderen Geschichten und meine Faszination wurde zu etwas, das man vermutlich nur mit Bewunderung oder Verehrung umschreiben kann. Markus Müller schafft es, in jeder dieser fünf Geschichten ein ganz eigenes Universum zu erschaffen, eine Erzählung mit fünfzig Seiten fühlt sich an, als hätte man einen ganzen Roman gelesen, mit einer so intensiven Atmosphäre, dass sie noch lange nachwirkt. Dies gelingt ihm mit einer solchen Wortgewalt und Sprachpoesie, dass ich sogar immer wieder Stellen anstreichen musste – etwas, was ich sonst nie tue. Mit einer Phantasie, die an die Genialität von Michael Ende grenzt, und einer Sprache, die einen nicht nur an die Handlung bindet, sondern auch tiefe Gefühle in einem hervorruft, weiß der Autor den Leser zu fesseln. Exsanguis vielleicht weniger, aber vor allem Nur ein Stein und Glaswiesentänzer waren für mich so wunderschön, dass ich sie am liebsten immer wieder lesen würde, nur um noch einmal die Poesie hinter den Worten zu entdecken und mich von dieser düsteren, melancholischen Atmosphäre gefangen nehmen zu lassen.

Schwächen des Buchs:

Die einzige Schwäche dieses Buches ist seine Kürze. Ich hätte einfach gerne mehr von allem gelesen. Ansonsten kann ich hier nicht viel dazu sagen.

Mein Fazit:

Verhext ist ein unglaubliches Stück Sprache, das mich mehr als fasziniert und inspiriert hat: Es hat mich in meiner Seele berührt – und das kann ich wirklich nicht von vielen Büchern behaupten. Ich denke, ich muss an dieser Stelle auch nicht mehr dazu schreiben, ihr dürftet meinem Lobgesang bereits entnommen haben, was ich euch sagen will: Kauft das Buch. Vor allem, wenn ihr Fantasy liebt: Lasst euch davontragen. Lasst euch inspirieren. Es ist das beste Buch, das ich im letzten Jahr gelesen habe und vermutlich auch eines der besten, das ich jemals gelesen haben werde. Also los!

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 142 Seiten, erschienen bei Books on Demand am 19.10.2015, ISBN:  978-3-73864693-1

Andere Leseeindrücke:

    • noch keine bekannt

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Alles außer gewöhnlich – Ersticktes Matt [Rezension]

Alles außer gewöhnlich – Ersticktes Matt [Rezension]

Der erste Satz

Die Frau sah aus wie eine Wachsfigur.

Zum Inhalt:


Remy Lafayette ist Gesichtsanalytiker und Berater des New York Floodlands Police Departments. Im Jahr 1893 verfolgt die Polizei in den Floodlands – ein Elendsviertel mitten im East River – ein Gespenst. An jedem Tatort findet sich eine weibliche Leiche, mit einer Schachfigur in der Hand. Für Remy wird die Ermittlung der Mordserie gleichzeitig eine Reise in seine persönliche Vergangenheit. Denn nach und nach gerät seine ehemalige Verlobte immer tiefer in den Strudel der Ereignisse.

Mein Eindruck zu Ersticktes Matt:

Ein historischer Krimi? Im Jahr 1893? Normalerweise hätte ich das Buch allein deshalb angewidert aus der Hand gelegt. Allerdings ist “Ersticktes Matt” viel mehr als das. Im Jahr 1893 ist in der Welt-Version von Nina Hasse der Meeresspiegel immer weiter angestiegen, so dass es zu einem regen Strom an Klimaflüchtigen kam. Um der Lage Herr zu werden hat man in New York mitten im East River ein Dorf für die Ärmsten der Armen auf Stelzen gebaut – die Floodlands.
Zugegeben, so richtig überzeugt war ich noch immer nicht. Doch da ich von dem Buch nur Positives gehört hatte, habe ich bei einem Gewinnspiel eines sympathischen Saarländers teilgenommen und tatsächlich gewonnen, also habe ich dem Buch doch eine Chance gegeben. Danke nochmal an Benjamin für den Buchgewinn.

Stärken des Buchs:

Um es noch einmal deutlich hervor zu heben: Ich mag normalerweise keine Krimis. Und ich mag keine Geschichten, die zwar in unserer Welt, aber weit vor den 1980er-Jahren spielen. Und doch ist es genau diese Kombination, die “Ersticktes Matt” so lesenswert macht. Die Grundidee, einen Kriminalroman in ein Steampunk-Setting einzubetten ist eindeutig die größte Stärke des Buches. Zumindest mir ist dieser Genremix bisher sonst noch nicht untergekommen. Ein weiterer Pluspunkt für das Setting: Der Roman spielt in New York statt in Großbritannien (wann und warum genau hat sich London zum Dreh- und Angelpunkt für Urban Fantasy und Steampunk entwickelt?).

Aber auch abseits des Genres hat die Autorin einige Pluspunkte für sich zu verbuchen.
Zum Einen die Entwickler selbst. Sie bieten viel mehr Tiefe als ein obligatorisch irgendwie geartetes Alkohol-, Drogen- oder sonstiges Suchtproblem (die inflationäre Verbreitung dieser Charakterzüge ist einer der Hauptgründe, warum ich Krimis normalerweise nichts abgewinnen kann). Daneben gibt es unter anderem einen Papageien – der dringend sein Repertoire an Volksliedern erweitern sollte – und einen schizophrenen Schriftsteller (oder waren Rufus / Henley einfach nur zwei Personen in einem Körper?)
Zum Anderen ist es der Plot, der diesen Krimi so lesenswert macht (ein Punkt, den ich bei Rezensionen leider viel zu oft kritisieren muss). Jedes Mal, wenn die Ermittler fast am Ziel sind, fehlt ein entscheidendes Detail und die Ermittlungen drehen sich in eine andere Richtung. Beim Lesen kamen immer wieder Verdachtsmomente hoch, wo ich mir dachte: “Ha, da ist doch der Mörder, wie blöd seid…”, nur um im nächsten Moment von der Autorin eine Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen und festzustellen, dass ich mit meiner Vermutung wohl doch daneben lag.

Schwächen des Buchs:

Kommen wir zu einem Punkt, den ich sehr ungern anschneide, weil mir Ersticktes Matt doch ziemlich gut gefallen hat. Zuerst einmal ist das Buch bei CreateSpace erschienen. Das ist kein eigentliches Problem von “Ersticktes Matt”, weshalb es keinen Abzug dafür gibt. Aber: Die Verarbeitung der Paperbacks, die Amazon da drucken lässt, ist einfach grauenhaft. Wenn man das Buch einmal zu weit aufgeschlagen hat, stellt sich gleich ein “Memory-Effekt” ein und die Klappe bleibt auf ewig in einer leicht geöffneten Position stehen (für alle, die das genauso stört: Ersticktes Matt ist auch als E-Book erhältlich).
Ein Punkt, der allerdings sehr wohl auf das Karma-Konto des Buches geht, ist das Cover. Ich mag die eher minimalistische Umsetzung davon. Gerade der Rahmen, der gekonnt auf das Steampunk-Genre anspielt. Allerdings sind mir die Krimi-Elemente auf dem Cover zu subtil und der lieblos gestaltete Buchrücken geht leider gar nicht. Ich hätte es schöner gefunden, hätte sich der Rahmen weiter durchgezogen. Stattdessen hat Ersticktes Matt einen einheitlich schwarzen Buchrücken, der abgesehen von der Schachfigur überhaupt keinen Mehrwert bildet und in jedem Bücherregal, in dem der Rücken nun einmal das Erste – und oft das Einzige – ist, was man von einem Buch sieht, gnadenlos untergeht. Dieses Cover wird dem Inhalt in meinen Augen nicht gerecht.

Mein Fazit:

Um es kurz zu fassen: Ersticktes Matt ist ein Kriminalroman, wie man ihn oft schmerzlich vermisst: Ein Mörder. Ermittlungen, die im Dunkeln verlaufen. Ein vertracktes Rätsel. Und (um mich noch einmal zu wiederholen) Ermittler, die man nicht sofort in eine Suchttherapie oder eine Selbsthilfegruppe stecken möchte. Wenn man erst einmal seine Skepsis dem eher ungewöhnlichen Genremix gegenüber überwunden hat, ist Ersticktes Matt in erster Linie ein hervorragender Krimi, wie man ihn sonst vergeblich sucht in einem Setting, das dazu einlädt, sich auch mit den kleinen Details am Rande zu beschäftigen. Bis auf ein paar kleine Schönheitsfehler in der Verarbeitung und in der Covergestaltung (was allerdings Geschmackssache ist), habe ich – als jemand, der Krimis eher ablehnend gegenübersteht – kaum Etwas an dem Buch auszusetzen.

Weitere Informationen:

  • Paperback 440 Seiten, erschienen bei CreateSpace am 26.07.2016, ISBN: 978-1-535537933

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Die Perle unter Säuen – Das Flüstern der Pappeln [Rezension]

Die Perle unter Säuen – Das Flüstern der Pappeln [Rezension]

Der erste Satz

“Ich erwarte nichts von dir. Das habe ich nie.”

Zum Inhalt:

Hennie war lange weg, zum Studieren in einer anderen Stadt und im Ausland. Sie kehrt auf den elterlichen Hof zurück, fühlt sich verloren, weiß nicht, warum sie sauer ist und wohin ihr Leben führen will. Ihre Großmutter liegt sterbend im Bett und spricht nicht mehr. Vielleicht ist sie nicht mehr bei Sinnen. Dennoch liest Hennie ihr alte Briefe vor, die Woche für Woche zurückkommen und die die Großmutter in jungen Jahren an einen Mann schrieb. Und der ist nicht Hennies Großvater.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Bemerkt, wie kalt es geworden ist, weil ich mich im Frühling in den ersten Sonnenstrahl setzte und das Buch “nur mal anlesen” wollte. Und es dann wie im Wahn in einem Rutsch las.
  2. Geseufzt vor Glücksgefühl.
  3. Der Autorin geschrieben, dass ich ihr Buch fressen will.

Mein Eindruck zu Das Flüstern der Pappeln:

Ich meinte es ernst, ich habe es wirklich gefressen. Es ist sensibel, aber nicht jammernd oder kitschig. Es ist sanft, aber scheut sich nicht davor, echt zu sein. Ich wurde sofort reingezogen. Es ist weise. Dieses Buch sollte jeder in den 20ern lesen, finde ich. Das Buch ist Coming of Age für Erwachsene. How to be an adult. Viele Szenen spielen draußen im Feld, im Sumpf, im Wald. Dadurch und durch den sanften Schreibstil entwickelt sich eine ganze eigene Romantik, die bezirzt und nie in Kitsch abrutscht.

Stärken des Buchs:

Hennie ist ein toller Charakter, denn sie ist nicht geschaffen, wie wir alle gerne wären, sondern wie wir sind oder sein könnten. Hennie ist echt. Sie kann schön, aber auch hässlich sein und ich habe mich oft in ihr wiedererkannt. Damit schafft die Autorin etwas, das ich in anderen Büchern oft vermisse. Ich fühle mich in sterilen Buchwelten nicht wohl, das Leben soll nicht vereinfacht und romantisiert dargestellt werden. Einige lesen genau deswegen, um zu flüchten. Ich nicht. Dazu ist “Das Flüstern der Pappeln* nicht schwermütig, sondern fühlt sich leicht an. Erst am Ende merkt man, wie stark man durchgeschüttelt wurde. Außerdem hebt sich das Buch von der Masse ab. Es käut nicht altbekannte Muster wieder, die wir schon satt sind. Die Pappeln gehen ihren eigenen Weg und sind genau deswegen aufregend.

Schwächen des Buchs:

Die Stärken können für viele Schwächen bedeuten. Das Buch ist nichts für Leute, die sich bedudeln lassen wollen, die lesen, um zu flüchten. Dazu ist es gewöhnungsbedürftig gesetzt, nämlich gar nicht. Es hat Flattersatz und die Anführungszeichen sind deutsch, also Gänsefüßchen oben und unten. Das Cover ist farblich schlecht gestaltet und man kann den Klappentext nur schwer lesen. Dadurch geht das Buch unter und ich bin mir sicher, ich hätte es nicht gelesen. Aber ich bekam es geschenkt und ich muss sagen, jetzt finde ich die Gestaltung so fast toll. Gerade weil ich das Buch so liebe und weil es sich wie ein besonderer Fund anfühlt.

Mein Fazit:

Eine absolute Perle unter Säuen! Mehr muss ich nicht sagen, oder?

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 166 Seiten, erschienen bei CreateSpace am 17. Juni 2016, ISBN: 978-1-53342038-1

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Der erste Satz

»Beginnen wir mit einer schlichten Hypothese: Stellt euch vor, die Welt, in der ihr lebt, ist nicht die einzige, die existiert. Es gibt Millionen Universen, die wie Fäden neben-, unter-, über- und ineinander verlaufen, ohne sich jemals zu berühren.«

Zum Inhalt:

Der Protagonist ist Vanjar Belaquar, ein Weltenwanderer, der für die LOG (L`Organisation Gris) arbeitet, um die paranormale Weltbevölkerung vor dem unwissenden Teil zu schützen. Bisweilen auch andersherum.

Doch wie das so ist, gehen auch in einer Geheimorganisation der paranormalen Gesellschaft Dinge schief und die Reaktivierung eines alten Teams für Sonderermittlungen bringt den Stein eines seltsamen Falls erst so richtig ins Rollen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Hund ausgeführt, um den Showdown am Ende des Buches besser verdauen zu können.
  2. Das Buch zu den anderen Büchern in mein Regal gestellt. Mit dem Cover voran, zu meinen anderen Lieblingsbüchern.
  3. Eine Nacht über das Buch geschlafen, bevor ich mich an die Rezension setzte.

Mein Eindruck zu Narrenlauf:

Ich möchte mich auf diesem Weg noch einmal bei der Autorin bedanken, der ich spätestens seit unserer ersten Begegnung auf dem M’era Luna damit in den Ohren liege, dass ich ihr Buch auf jeden Fall lesen wollte, wenn es erschienen ist. Tja, nun ist der Erscheinungstag endlich da und das – für ein Debüt mit 540 Seiten recht dicke – Buch liegt ausgelesen neben mir.

Schon als ich das Buch in der Hand hielt war ich hellauf begeistert. Nicht nur, dass die Autorin passende Buttons, ein Lesezeichen (Blogger stehen auf solches Klimbim) und einen Beutel guten Schwarztee dazu gelegt hat. Nein, das Buch ist Urban Fantasy und spielt in Paris (die Handlung beginnt zwar in Tokio, aber wir wollen nicht kleinlich sein) statt wie jeder 0815-Urban-Fantasy-Roman in London oder wenigstens in England. Außerdem fällt das Buch in jedem Fantasy-Regal auf. Gefühlt ist es eine Konvention geworden, Fantasycover entweder schwarz (oder wenigstens sehr dunkel) oder sehr farbenfroh zu gestalten. Narrenlauf* hingegen schmückt sich mit einem minimalistisch gestalteten Cover ganz in weiß ohne unnötigen Schnickschnack. In Kombination mit dem Klappentext war es dann auch ziemlich schnell um mich geschehen. Ich gebe es nur zu gerne zu: Carolin, ich bin schon ein bisschen verliebt in dein Buch.

Aber zurück zum Inhalt: Man wird hier relativ sanft in Form einer pseudo-wissenschaftlichen Vorlesung über das Multiversum und Magie eingeführt. Auch wenn man ein paar hundert Seiten braucht, um dahinter zu steigen, was dieser Prolog eigentlich sollte, ist das eine mehr als gelungene Einleitung.

Direkt danach wird die Handbremse mit einem Schwenk in das Gris-Quartier in Tokio direkt zu Vanjar Belaquar ein bisschen gelockert. Und dann passiert erst einmal nichts. Ich war drauf und dran, der Autorin eine nette Nachricht per Twitter zu schreiben, wo denn bitte die Handlung einsetzt. Aber als ich dann tatsächlich bemerkt hatte, dass das was mir fehlte, die Handlung war, war ich auch schon bei Seite 200 angelangt. Im Nachhinein betrachtet bin ich sogar ziemlich froh über die recht ausufernde Einleitung, was für einen ersten Band einer Reihe aber auch völlig in Ordnung ist. Und sobald die Handlung einmal “wirklich” eingesetzt hat, gelangt die Geschichte auch ohne größere Hänger an den Showdown.

Stärken des Buchs:

Bereits das erste Kapitel lässt erahnen, dass man das Buch mit einer gewissen Portion Nerd-Humor nehmen sollte. Allein deshalb war ich schon voll dabei. Außerdem wurde ich von Carolin bereits vorgewarnt, dass es die eine oder andere Anspielung auf Film und Literatur geben wird. Nun, – Achtung Spoiler – das Hauptquartier der L’ Organisation Gris mit der Tardis zu vergleichen, ist schon ein netter Schachzug. Wo wir schon dabei sind: Der äußerliche Aufbau in vier Züge ist äußerst gelungen. Und ja, es könnte vielleicht nicht schaden, die Grundzüge der Schachkunst zu kennen, bevor man sich Narrenlauf zu Gemüte führt. Warum das trotzdem eine Stärke ist? Man kommt auch dann dahinter, wenn man von Schach überhaupt keine Ahnung hat. Ich habe es selbst ausprobiert. Auch in Fußnoten und den Kapitelüberschriften (bzw. deren Datumsangaben) lässt sich eine ordentliche Prise Humor finden. Ja, verdammt, es ist immer noch der selbe Dienstag!

Schwächen des Buchs:

Kommen wir nun zu dem Teil, den ich bei Rezensionen immer relativ ungern schreibe, besonders wenn mir ein Buch an sich gut gefallen hat.

Zwei Dinge – die ich an dieser Stelle bitte unter “Schönheitsfehler” laufen lassen möchte – haben mich beim Lesen dann doch hin und wieder gestört. Zum Einen hat sich das Lektorat den einen oder anderen Patzer erlaubt. So fehlt an mindestens einer Stelle (die ich leider gerade nicht im Kopf habe) ein Wort und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob man an Weihnachten tatsächlich von “Heilig Abend” spricht. Zum Anderen eben die hin und wieder fehlende Handlung. Die Autorin versteht es ziemlich gut, mit Hintergrundinformationen über langatmige Stellen hinweg zu kommen. Aber insgesamt habe ich den diffusen Eindruck, dass man die ganze Geschichte auch in fünfzig Seiten weniger hätte erzählen können. Es wird nicht langweilig, aber der Spannungsbogen ist doch ein bisschen ungleichmäßig verteilt.

Mein Fazit:

Insgesamt war Narrenlauf ein hervorragendes Lese- und Reiseerlebnis, das seinen Platz neben Victoria Schwab (ja, auch meine Lieblingsbücher sind alphabetisch nach dem Nachnamen der Autoren sortiert) redlich verdient hat. Nur leider werde ich irgendwie das Gefühl nicht los, dass Narrenlauf an den typischen Krankheiten eines Debütromans leidet. Für meinen Geschmack vermeidbare Längen und (zum Glück wenige) Fehler, die das Lektorat allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt haben, lassen das Buch haarscharf an meiner persönlichen Bestwertung vorbeischrammen. Von mir gibt es für das Leseerlebnis den Stempel “sehr gutes Debüt” und für den Gesamteindruck (auch und weil ich Hardcover liebe) ein “exzellent, mit Schönheitsfehlern”.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 540 Seiten, erschienen bei Tredition am 18.02.2018, ISBN: 978-3-7439–8482-0

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Von verbotenen Wäldern und vergessenen Menschen – Eselmädchen [Rezension]

Von verbotenen Wäldern und vergessenen Menschen – Eselmädchen [Rezension]

Der erste Satz

Die kleine Hand zur Faust geballt, hielt das Mädchen den zierlichen Schatz fest umschlossen.

Zum Inhalt:

Ein namenloser Protagonist wohnt mit seiner Mutter in einer kleinen Hütte. Sie leben in Armut, der Vater hat sie verlassen, und auf dem Nachbargrundstück wohnt ein komisches Mädchen. Niemand spricht mit ihr, und jeder, der etwas auf sich hält, soll das Eselmädchen meiden. Im Dorf hält jeder etwas auf sich, also ignoriert man das Kind von der Eselwiese. Dem Protagonisten ist das egal, er besucht das Mädchen namens Nike und entschlüsselt Stück für Stück die Rätsel um das Mädchen, das niemand beachtet, den Wald, den niemand betritt und die Esel, die nicht sind, was sie scheinen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mein Mund stand offen. Ich habe Luft geholt und konnte meinen sensationsgeilen Blick nicht verstecken. Leider konnte ich niemandem vom Ende erzählen, da ich das Buch vor Release lese. So ein Mist!
  2. Ich habe mir an den Kopf gefasst, als habe ich eine schwer verdauliche Nachricht bekommen.
  3. Diese Rezension musste geschrieben werden. Umgehend!

Mein Eindruck zu Eselmädchen:

Eselmädchen fühlt sich nicht an wie ein Debüt. Die Autorin hat bereits Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht, aber Eselmädchen selbst ist als alleinstehendes Werk das Debüt von Wiebke Tillenburg. Ich habe es auf den ersten fünfzig Seiten nicht als Debüt wahrgenommen, so professionell erschien es mir. Einzig die sich doch ziemlich häufenden Fehler erinnern beim Lesen immer wieder daran, dass es sich um ein Erstlingswerk im Selfpublishing handelt, später aber mehr dazu. Im Großen und Ganzen bin ich froh und glücklich, Eselmädchen* gelesen zu haben und bedanke mich bei der Autorin für die liebevolle Signatur und die Chance, schon vor Release-Datum am 10. Februar eine Reise in den verbotenen Wald gemacht haben zu dürfen.

Stärken des Buchs:

Die Novelle von Wiebke Tillenburg beginnt nicht ad ovo, sondern schmeißt den Leser sofort mitten in die Geschichte. Das gelingt der Autorin wirklich hervorragend, ich fühle mich nach nur acht Buchseiten in die Geschichte hineinversetzt und will gar nicht aufhören.
Die Konflikte reihen sich aneinander, der Spannungsbogen nimmt Fahrt auf, ganz, wie es sich gehört. Da Eselmädchen mit seinen kurzen 116 Seiten etwas mager ist, erkenne ich als Autorin ziemlich deutlich die unterschiedlichen Wendepunkte einer Geschichte. Aber obwohl ich Hook, Pinch und Midpoint relativ gut erahnen kann, ist jeder Plottwist unvorhersehbar. Das Wissen um die Struktur der Geschichte macht Eselmädchen nicht schlechter, sondern besser. Beim Lesen hatte ich durch und durch eine gewisse kindliche Aufregung, weil ich wusste, dass etwas kommt, ahnte, was in etwa kommt und dann auch noch überrascht wurde. Klasse!
Der Schreibstil von Wiebke Tillenburg ist durch und durch flüssig. Ich habe beim Lesen zu 90 % der Zeit eine Welt im Kopf gehabt, in der die Häuser, Wege und der Wald klar abgebildet wurden. Dieses automatisch ablaufende Kopfkino ist beim Lesen eines wirklich guten Buches typisch und für mich unerlässlich. Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen und habe die ersten drei Viertel der Novelle regelrecht verschlungen.
Etwa zur Mitte des Buches gerät der Protagonist in solch eine Misere, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie er da wieder herauskommen sollte. Genau solche Stellen machen mir Belletristik schmackhaft: Es muss ausweglos erscheinen. Ich will das Buch weglegen und selbst überlegen, wie es weitergehen könnte. Dann komme ich auf keine Idee und lese weiter wie ein Junkey, der keine fünf Minuten auf seine Droge verzichten möchte. Und, was soll ich sagen? Natürlich wusste die Autorin einen genialen und glaubhaften Ausweg. Für solche Stellen liebe ich Bücher! Hut ab, Wiebke!
Außerdem empfand ich das Ende als besonders stark. Ich will nicht spoilern, und das widerspricht einem inneren Drang. Gerade will ich in die Welt hinausschreien, wie das Ende ist und weiterführende Theorien und Ideen mit jemandem austauschen. Da das aber nicht geht, möchte ich an dieser Stelle lediglich deutlich betonen, dass ich das Ende mehr als gelungen finde.

Schwächen des Buchs:

Leider hat das Eselmädchen einige Schwächen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Es gibt an einigen Stellen im Buch Geheimnistuerei, die mir klischeehaft erscheint. Etwa zwischen Seite 80 und 90 erstreckt sich ein ermüdender Dialog zwischen dem Protagonisten und dem Eselmädchen. Dieser Dialog klärt vieles auf und beschreibt die letzte Etappe, die der namenlose Held zu meistern hat, aber er zieht sich für mich unglaublich dahin. Für mich bröckelt die Geschichte an dieser Stelle, und das ein oder andere halte ich für zu ausführlich erklärt, zu sehr Fantasy- und Märchen-Klischee.
Danach nimmt die Geschichte wieder Fahrt auf und zeigt sich, wie auch vor diesem schwachen Dialog, von der besten Seite. Bis zum letzten Wort werde ich mitgerissen und kann kaum fassen, was dann geschieht. Das bombastische Ende lasse ich auf mich wirken – und das ist gut so. Denn er Epilog kommt mir etwas zerfasert vor. Als wisse er nicht, wofür er stünde. Es hätte dem Eselmädchen keinen Abbruch getan, den Epilog ganz wegzulassen. Oder ihn gegen einen anderen auszutauschen. Und das ist wohl mein Problem: Er ist austauschbar. Es geht anders, es geht besser. Da muss ich ganz klar gestehen: Der Epilog hat mir nicht gefallen.
Weitere Schwächen von Eselmädchen sind die Fehler. Man kann beim Lesen regelrecht merken, an welchen Stellen die Autorin, Lektorin und Testleser betriebsblind waren. Hier und da ist ein “die” statt “dir”, ein “sie” statt “sich”, ein doppeltes “hat”, und die Anführungszeichen wurden leider nicht immer richtig konvertiert. Die Guillements rahmen die wörtliche Rede in 98 % der Fälle ein – aber manchmal schleicht sich ein deutsches Anführungszeichen an das Ende eines gesprochenen Satzes. Das ist unprofessionell und mit einfachen Handgriffen zu beheben – hier muss ich gestehen, wurde ein wenig geschlampt.
Aber: Ich bin durch die Erstauflage vor Erscheinungsdatum gereist. Wenn du dir das Buch kaufst, sind die Fehler vielleicht schon längst ausgebügelt 😉

Mein Fazit:

Das Eselmädchen ist eine Geschichte (meiner Meinung nach für Jung und Alt), die nicht nur märchenhafte Rätsel erzeugt und wieder aufdeckt, sondern hat eine Botschaft für uns alle. Es geht um Wut und die Zerstörungskraft der Worte und Taten, die wir Menschen füreinander haben. Ich möchte diese faszinierende Reise jedem empfehlen, der über ein paar Schwächen hinwegsehen kann und Lust auf eine kurze, sprachlich gewandte und inhaltlich berührende Waldwanderung hat.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 116 Seiten, erschienen bei Twentysix am 29.01.2018, ISBN: 978-3-7407-4301-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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