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Nährwertlevel Pappkarton – Das Wunder des Pfirsichgartens [Rezension]

Nährwertlevel Pappkarton – Das Wunder des Pfirsichgartens [Rezension]

Der erste Satz

Just an dem Tag, als Paxton Osgood die Schachtel mit den gefütterten, von einem Killigrafen beschrifteten Premiumkuverts zur Post brachte, begann es so heftig zu regnen, dass die Luft weiß wurde, wie gebleichte Baumwolle.

Zum Inhalt:


Willa Jackson führt ein ruhiges Leben in einer amerikanischen Kleinstadt. Bis zu dem Tag, als Paxton Osgood den Ort zur Neueröffnung der alten, geheimnisvollen Villa auf dem Hügel lädt, die fortan als Hotel dienen soll. Diese Einladung erinnert Willa nicht nur an ihre schmerzhafte Vergangenheit, sondern konfrontiert sie auch mit Paxtons gutaussehendem Zwillingsbruder Colin.

Kein Wunder also, dass sie sich weder mit der Einladung, noch mit den beiden Geschwistern auseinandersetzen will. Als jedoch der alte Pfirsichbaum auf dem Grundstück gefällt wird, gibt es jedoch kein Entkommen mehr. Die Ereignisse zwingen sie, sich mit Colin und seiner Schwester zu verbünden, um ihrer Familiengeschichte und einem alten Geheimnis auf die Schliche zu kommen, das mit ihren Großmüttern ihren Anfang nahm.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Aus dem Flugzeug steigen.
  2. Nach Hause fahren.
  3. Das Buch zum Stapel für die Caritas legen und am nächsten Tag entsorgen.

Mein Eindruck zu Das Wunder des Pfirsichgartens:

Als ich im Februar nach London geflogen bin, dachte ich mir, ein kleiner, feiner Liebesroman wäre genau das Richtige, um die englische Kälte zu vertreiben. Die Autorin gilt als großartige Romantikerin, das Cover war ansprechend und dieser Duft aus Magie und Geheimnisvollem, die dem Klappentext anhaftete, wirkte ausgesprochen betörend.

Voller Vorfreude habe ich mich also im Flugzeug zurück (am Hinweg hatte ich keine Zeit zu lesen) an die Lektüre gemacht – und das Buch glatt in einem Zug ausgelesen. Das klingt, gerade für mich, die seit langem kein Buch mehr so schnell durch hatte, natürlich sehr beeindruckend. Leider war genau das Gegenteil der Fall. Nicht die atemlose Spannung hat mich nämlich vorangetrieben, sondern pure Langeweile und ein Mangel an Alternativen. Die Handlung war ganz nett, die Protagonisten okay, die Sprache recht angenehm. Trotzdem war alles irgendwie leer. So, als hätte die Autorin sich ein paar Zeilen Notizen gemacht und rundherum dann ein paar Worte ausgeschmückt, bis das ganze eine annehmbare Länge hatte. Kein wirklicher Liebesroman, kein historischer Roman, kein Roman über Charakterentwicklung und die Magie war eigentlich keine Magie, sondern ein schmückendes Beiwerk, das sie zwar erwähnt, aber das eigentlich für die Handlung völlig egal ist. Als hätte sie sich an allem versucht und wäre als Resultat zwischen allen Varianten durchgefallen. Einzige Rettung: die Beschreibungen. Doch auch diese konnten die mangelnde Tiefe der Charaktere oder der Handlung nicht aufwiegen. Die ganze Lektüre ging mit einem Gefühl neutraler Gleichgültigkeit einher, und auch als ich das Buch beendet hatte, war da kein Hochgefühl, kein negativer Nachgeschmack – es war, als hätte ich das Buch gar nicht gelesen. Der Hauptgrund, warum das Buch sofort auf den Bücherflohmarkt gewandert ist.

Stärken des Buchs:

Am positivsten in Erinnerung geblieben ist mir mit großem Abstand die schöne Ausdrucksweise der Autorin. Viele Metaphern, schöne Ausschmückungen, ordentliche Dialoge und bildhafte Beschreibungen schaffen eine schöne örtliche Atmosphäre. Wenn ich an das Buch denke, sehe ich Wasserfälle, rieche den Duft von Pfirsich und spüre Schlamm an meinen Stiefeln. Auch noch als Stärke hervorzuheben ist die grundsätzliche Auswahl der Charaktere: man bleibt verschont von den üblichen Klischees. Willa ist keine dumme Nuss, die sich nach Liebe verzehrt, Paxton keine bösartige Intrigantin und Colin zwar gutaussehend, aber irgendwie auch nicht auf die klassische 08/15 Art und Weise. Eigentlich ein vielversprechendes Potential.

Schwächen des Buchs:

Wenn da nicht die Umsetzung gewesen wäre. Die Charaktere, so abwechslungsreich sie auch angelegt wurden, wirkten irgendwie deplatziert in ihrer Handlung. Die potentialträchtige Willa blieb das ganze Buch über irgendwie passiv; Paxton wurde zwar großartig eingeführt, hatte aber irgendwie kein Entwicklungspotential und Colin, der ebenfalls das Zeug zu einem wirklich einzigartigen Charakter gehabt hätte, wurde auf nach einer anfänglich vielversprechenden Einführung irgendwie plötzlich blass. Dasselbe gilt für die Handlung: Die Grundidee der Geschichte war richtig gut. Ein altes Familiengeheimnis, eine geheimnisvolle Spurensuche, eine Freundschaft fürs Leben. Und dann…? Nichts. Alles entwickelt sich irgendwie so vor sich hin, plätschert mal lauter, mal leiser. Handlung wird an Handlung gereiht, die Protagonisten stolpern irgendwie mit und verirren sich in ihre Liebesgeschichten. Hurra, endlich! Die Liebesgeschichten! Ja… oder auch nicht. Auch das war vielversprechend: spannende Konstellationen zwischen den Charakteren, ein Haufen Differenzen zu überbrücken, eine gemeinsame Vergangenheit und dann… nichts. Ein keuscher Kuss hier. Ein heimlicher Blick da. Nichts, das wirklich in Schwung kommen würde. Auf einmal sind die Charaktere zusammen und das Buch ist aus, bevor man überhaupt Herzflattern bekommen hat. Also unter einem Liebesroman hätte ich mir wirklich etwas Anderes vorgestellt.

Mein Fazit:

Auch wenn alle anderen scheinbar dem Zauber erlegen sind: Dieses Buch* kann ich nicht empfehlen. Nicht als schnelle Lektüre für Zwischendurch und schon gar nicht für Leser mit größeren Ambitionen. Es ist blass, kann sich nicht enscheiden, was es werden oder sein will und zeigt keinen Gewinn, weder auf emotionaler noch auf inhaltlicher Ebene. Eine Lektüre mit dem Nährwert eines Pappkartons. Vielleicht bin ich nicht die richtige Zielgruppe oder habe zu hohe Ansprüche, aber dieses Buch bekommt von mir leider nur:

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch, 288 Seiten, erschienen bei Goldmann am 20.01.2014, ISBN: 978-344-247951-1

Andere Leseeindrücke:

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Fremdschämen für Fortgeschrittene – Geheimes Verlangen [Rezension]

Fremdschämen für Fortgeschrittene – Geheimes Verlangen [Rezension]

Der erste Satz

Frustriert betrachte ich mich im Spiegel.

Zum Inhalt:


Ana Steele ist schüchtern, unschuldig und hat gerade die Uni abgeschlossen. Bei einem Interview lernt sie den attraktiven, reichen Christian Grey kennen und fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Die magische Anziehung ist beidseitig, doch je näher sie dem charmanten Millionär kommt, desto mehr lernt sie Christians geheime Vorlieben kennen. Zwischen Verstörung und Verliebtheit muss Ana sich entscheiden – und wählt schlussendlich die Lust.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Meine Hirnzellen zählen und ein Verlustgeschäft beklagen.
  2. Die Autorenbeschreibung lesen, um herauszufinden, welcher Mensch so ein Buch schreibt.
  3. Das Buch zurück ins Regal stellen und mich fragen, ob ich jemals das Bedürfnis verspüren werde, die anderen beiden Teile zu lesen, oder ob ich es gleich verschenken soll.

Mein Eindruck zu 50 Shades:

Nun. Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Ich habe den Hype um 50 Shades of Grey* noch nie so richtig verstanden – aber andererseits ist so etwas immer schwer zu beurteilen, wenn man das Buch nicht wirklich gelesen hat. Ich habe mit vielen Menschen darüber gesprochen, sie gefragt, was ihnen daran gefallen hat und was nicht, und wurde nicht so richtig schlau daraus. Manche behaupteten, es sei das erotischte und spannendste, das sie jemals gelesen hatten, andere bezeichneten es als größten Schwachsinn überhaupt. Um herauszufinden, was ich wirklich von dem Buch halten sollte, gab es also nur eine Lösung: Ich musste das Buch selbst lesen.

Geld dafür auszugeben schien mir nicht unbedingt angebracht, also habe ich mir alle drei Teile für genauso viele Euro auf einem Flohmarkt organisiert. Um das Buch tatsächlich ganz zu lesen habe ich sage und schreibe sechs Monate gebraucht – und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich immer ein bisschen Pause gebraucht habe, um meinen Hirnzellen nach dem Lesen Zeit zur Regeneration zu geben. Den Großteil habe ich allerdings im Januar geschafft, nachdem ich mich im Urlaub endlich mal richtig auf die Geschichte einlassen konnte.

Tja. Die Geschichte. Was kann ich euch zu dieser Geschichte erzählen? Ich bin mir nicht sicher. Also ja, es existiert eine Handlung – manchmal deutlicher, manchmal (meistens) weniger deutlich. Ja, es gibt Protagonisten – eindeutig sonderbar, manchmal (selten) nachvollziehbar und in wenigen Bereichen realistisch. Und dann gibt es einen Haufen Erotik – oder das, was manche darunter verstehen wollen.

Stärken des Buchs:

Trotzdem war das Buch nicht ganz “für die Fisch” wie man in Österreich sagt. Als (sehr) anspruchslose Unterhaltung war es sogar gar nicht so unerfolgreich: Ich habe knapp sieben Mal gelacht. Gut, vier Mal, weil das Fremdschämen einen Höhepunkt erreicht hatte, der einfach nicht mehr erträglich war, aber auch drei Mal, weil es wirklich witzig war. Dabei denke ich vor allem an den E-Mail-Verkehr zwischen Ana und Christian, sowohl Anas Hinweise zu Christians Stalkertum als auch Christians Anpassungen der Signatur haben tatsächlich für einige laute Lacher gesorgt.

Ebenfalls bei den Stärken anzuführen ist das umfangreiche Vokabular, das die Autorin verwendet, um sexuelle Erregung, Verlangen, Lust, erotische Handlungen oder die Gefühlswelt der Protagonistin zu beschreiben. Als Nachschlagewerk für besonders kitschige oder schundbehaftete Szenen sind vor allem diverse Sexszenen sehr zu empfehlen; ich habe mir selbst die eine oder andere Formulierung rausgeschrieben.

Schwächen des Buchs:

Alles andere. Klingt nicht sehr differenziert und objeketiv, daher ein kurzer Versuch, es aufzuschlüsseln.
Dem Buch mangelt es an…
a) Handlung: Der Inhalt kann stark reduziert werden auf den Satz “Sie lernen sich kennen und vögeln”. Ansonsten passiert eigentlich nicht viel, außer dass mehrmals (!) der Vertrag mit den sexuellen Vereinbarungen über Seiten hinweg minutiös und Paragraph für Paragraph abgedruckt wird.
b) Spannung: Die ersten 200 Seiten passiert, wie gerade angedeutet, im Grunde genommen einfach nichts (nicht Mal Sex). Mein Lieblingssatz, der das Spannungsniveau wunderbar widerspiegelt: “Junge, Junge, war das aufregend!” – und ja, Ana referiert dabei auf die unerlaubte Verwendung von Christians’ Zahnbürste. Mehr ist nicht.
c) glaubwürdigen Charakteren: Auch hier kann man die Protagonisten auf einen Satz reduzieren. Christian Grey ist ein reicher Stalker mit schlechtem Kleidergeschmack und kaum Hintergrundgeschichte – und nein, “Meine Mutter war eine… und Mrs. Robinson hat…” reicht nicht aus – ; Ana ist gleichzeitig prüde und lasziv (manchmal beides gleichzeitig) und, wenn sie nicht gerade per E-Mail kommuniziert, wunderbar stereotyp und hysterisch.
d) sprachlichem Ausdruck: Als Beispiel für vorbildhafte Schundsprache bietet das Buch wie bereits berichtet doch einiges, wobei allerdings die Lektüre von ca. 20 Seiten ausreicht um das gesamte Vokabular zu kennen. Das ganze ist repetitiv, lebt von den immer gleichen Beschreibungen und bewegt sich vom Niveau her meistens irgendwo zwischen (bitte verzeiht meine Ausdrucksweise) “ficken” und “vögeln”. Literarisch anspruchsvoller wird es – tut mir leid – nicht.

Mein Fazit:

Man kann das Buch lesen. Und zwar unter drei Umständen: Entweder man will endlich auch mal wissen, worüber da immer alle reden. Oder man will die Marktlage recherchieren (ja, Menschen kaufen und lieben das – weiß noch immer nicht, warum). Oder – und dafür gibt es ein halbes Herz in der Bewertung – man will ein amüsantes Level an Fremdschämen erreichen, das nicht nur einem selbst, sondern auch allen, die unfreiwillig den Zitaten lauschen, einen gewissen Unterhaltungswert verspricht. Von der “winzig kleinen Göttin, die ungeduldig mit den Füßen auf den Boden tippt” über das dagegen kunkurrierende “Unterbewusstsein hinter dem Sofa” bis hin zu “Oh vielleicht braucht er zu den Kabelbindern einen Blaumann” und “Oh Gott, er hat mich bestimmt vergewaltigt, obwohl ich noch alle Klamotten anhabe – aber nein, er ist ja doch heiß, deshalb komme ich gleich unter der Dusche”, habe ich das ganze auf vielleicht doch auch ein wenig masochistische Weise manchmal sogar genossen. Insgesamt kommen wir für diese Strand-Unterhaltung daher auf großartige:

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch, 601 Seiten, erschienen bei Goldmann am 30.06.2012, ISBN: 978-3-442-47895-8

Andere Leseeindrücke:

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Der erste Satz

Mama? Kannst du kommen?

Zum Inhalt:


Hannah ist depressiv, übergewichtig, geschieden und hat eine ausgeprägte Angststörung. Sie erbt Geld von ihrer Großmutter, sodass sie es sich leisten kann, ihr Leben sich selbst zu widmen und gesund zu werden. Sie reist nach Mallorca, um dort Urlaub allein zu machen, da sie das als Kind mal in ein Wünschebuch geschrieben hat. Dort trifft sie auf Beate, eine Dame, die nichts anderes zu tun hat, als Hannah auf den Geist zu gehen und dadurch das Leben der Depressiven positiver zu gestalten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Kopf geschüttelt
  2. “Endlich” gesagt, da ich mich endlich getraut habe, das Buch abzubrechen
  3. Mich schnell mit etwas anderem beschäftigt

Mein Eindruck zu Hummeln fliegen auch bei Regen:

Hummeln fliegen auch bei Regen ist die unglaubwürdigste, flachste und redundanteste Geschichte, die ich seit “Alle Vögel unter dem Himmel” gelesen habe. Da das Buch das Thema Depressionen, Angststörung und Übergewicht behandelt, ist es neben der Tatsache, dass ich es als außerordentlich schlecht empfinde, zudem noch eine Beleidigung an alle Leserinnen und Leser, die sich ernsthaft mit den Themen auseinandersetzen wollen.

Stärken des Buchs:

Inhaltlich ist dieser Roman wirklich nett. Zumindest auf den ersten Seiten. Der Einstieg scheint sich zu lohnen, die ersten fünfzig Seiten ziehen den Leser in ein Geschehen und ein Setting, das ist in erster Linie etwas Gutes. Dass Geschehen und Setting nicht warm werden und es mit der Qualität des Buches stetig bergab geht, steht auf einem anderen Blatt.

Am Anfang macht das Buch wirklich Spaß. Und er bestürzt. Als Depressive weiß ich sehr gut, was die Protagonistin durchmacht und bin auch darüber informiert, dass die Autorin selbst an Depressionen leidet oder gelitten hat. Zu Beginn war ich über mich selbst bestürzt, da ich diese Situationen und mich selbst wiedererkannte. Die Sicht von außen auf sich selbst zu haben ist ein schöner Spiegel, der natürlich gewissermaßen schmerzt. Vor allem die ungeduldigen, idiotischen Angehörigen hat Andrea Kraft beim Schreiben ihres Romans hervorragend getroffen und damit ein kleines Tabu gebrochen. Sehr gut!

Das Joggen-Gehen ist schön dargestellt und einige Sätze findet man, die wirklich herausragend sind. Schöne Worte, gute Qualität – eben leider in einem Meer aus Stuss und Schwachsinn.

Mangelhafte Recherche:

Die mangelhafte Recherche der Autorin hat es nicht in die “Schwächen”-Liste geschafft, da sie gesondert dargestellt werden soll. Macht also bitte Platz für einen Rant der Rezensentin. Wer schreibt bitte darüber, wie man zum ersten Mal im Leben eine Feige isst, wenn man noch nie selbst eine Feige in der Hand gehalten zu haben scheint? Eine Feige schmeckt widerlich, wenn man sie vorsichtig von außen anknabbert und sich nur das weiße Bett einverleibt, in das das rote, süße Fruchtfleisch eingelassen ist. Abgesehen davon, dass ich es für absolut unrealistisch halte, dass eine 35-jährige Frau noch nie eine Feige gesehen oder probiert hat, ist diese Szene wirklich absurd schlecht geschrieben. Eine Feige wird aufgeschnitten und ausgelöffelt. Meinetwegen auch mit Honig bestrichen und dann abgebissen, aber niemand knabbert die nicht verzehrbare Schale an und sagt: “mhh, so schmecken Feigen also, lecker!”.

Außerdem ist die Protagonistin dick. Übergewichtig. Ihr Body Mass Index (BMI) ist so hoch, dass sie nicht einmal joggen gehen darf. So sagt es eine besserwisserische, aber sicher nicht im Unrecht stehende Freundin der Protagonistin. Dieser BMI ist bei einem Wert von 30 erreicht, ab welchem man adipös, also krankhaft fettleibig ist. Das ist vollkommen okay – ich mag übergewichtige Protagonisten und lese gerne über das Thema, das ist wichtig. Aber wieso zum Geier glaubt Andrea Kraft, dass ein derart übergewichtiger “Moppel”, wie Hannah sich selbst bezeichnet, weinend in die Dusche kauert und ihre Bene umschlingt? Jeder, der einen Bauch hat, weiß, dass das eine unbequeme Haltung ist und anatomisch für krankhaft übergewichtige Adipöse mit einem BMI über 30 schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Solche Kleinigkeiten ignoriert die Autorin – und stören mich daher umso mehr.

Als dritte mangelhafte Recherche möchte ich anmerken, dass Hummeln fliegen können. Sie sind nicht nur doof und wissen nicht, dass sie nicht fliegen können und fliegen trotzdem – sorry, was ist das für ein Bullshit? Hat die Autorin jemals einen Zeppelin gesehen? Der hat gar keine Flügel und wird nicht so romantisiert wie dieses arme, gemobbte Wesen, das selbstverständlich fliegen kann. Die Flügel erzeugen Auftrieb, indem sie Wirbel verursachen. Bei bis zu 200 Flügelschlägen pro Sekunde gibt die Hummel sich ganz schön Mühe. Dann einfach zu sagen, sie sei dumm und wisse nicht, dass sie gar nicht fliegen könne, ist gemein. Scherz beiseite – ich mag es schlichtweg nicht, dass die Autorin solchen Humbug einfach in ihr Manuskript übernimmt und darüber schreibt, ohne selbst mal ein paar Minuten darüber nachgedacht zu haben.

Schwächen des Buchs:

Die Kommasetzung ist eine Katastrophe. Der Schreibstil auch. Bei “Hummeln fliegen auch bei Regen” handelt es sich um einen Titel, der im Selfpublishing seit 2014 wohl schon Erfolg hatte und im Februar 2018 seinen Weg in einen Verlag gefunden hat. Es handelt sich hierbei nicht um ein literarisches Werk, nicht um eine durch den Goldmann-Verlag überdachte schriftstellerische Leistung, sondern um ein Produkt, das sich gut verkauft und wovon der Verlag etwas abhaben wollte. Das merkt man beim nichtvorhandenen Lektorat, beim langweiligen Plot und bei den zahlreichen Fehlern.

Auf den ersten fünfzig Seiten findet man bereits zwei das-dass-Fehler. Pro Buchseite springt mir mindestens ein Kommafehler entgegen und manchmal schreibt man das höfliche “Sie” eben klein. Und auch sonst merkt man dem Schreibstil an, dass er monoton und lieblos ist. Manchmal vergisst die Autorin die Grammatik vollkommen. Mitten im Satz werden die Kräfte des Dudens ausgehebelt und geschrieben, als gäbe es ihn nicht.

Besonders nervig finde ich den Schreibstil, der sich inflationär an grammatikalischen Wundern bedient wie “Erstmals nahm ich die Umgebung zur Kenntnis, kein Wunder, plagten mich bei der Anreise andere Sorgen.” (S. 135) Diese Umstellung kann man wirkungsvoll einsetzen, aber wenn es gefühlt alle hundert Wörter vorkommt, nervt es einfach nur.

Die Protagonistin weint viel. Aber statt Einblick in die Seele einer zerstörten, labilen Depressiven zu geben, wird beiläufig erwähnt, dass sie vielleicht wieder weint und es selbst nicht weiß. Diese Abstumpfung könnte in ihrer Absurdität für tiefe Botschaften verwendet werden, aber die Autorin hat sich keinerlei Mühe gemacht, der Protagonistin Hannah irgendwas Nachvollziehbares zu geben.

Dann ist da noch er. Der kursiv gedruckte Typ, der nicht Ben, der frisch geschiedene Exmann von Hannah ist, über den wir auch nicht viel erfahren, bevor ich das Buch empört über die Grauenhaftigkeit des Schreibens abbrechen musste. Aber Hannah zeigt auf Young Adult Niveau, dass es nur um ihn geht. Er hat ihr Leben verändert, wie auch immer das geschehen sein soll. Die Tussi macht sich abhängig von irgendwelchen Typen, und kaum ist Ben, der Exmann, der ihr Herz so sehr gebrochen hat, mal nicht Thema, geht es um ihn. Wenigstens so lange, bis es um Lukas geht, der Hannah in der ersten Schulklasse, also vor etwa 29 Jahren, wichtig gewesen ist. Lukas sitzt nur zu Hause und wartet darauf, dass Hannah ihm E-Mails schreibt. Da er der einzige Mann ist, der ihr Aufmerksamkeit schenkt – ganz im Gegensatz zu unserem geheimnisvollen “er” –, ist er natürlich plötzlich die Liebe des Lebens und alle Gedanken müssen sich um Lukas drehen. Außer, sie denkt mal kurz an ihn, dann existiert Lukas natürlich nicht. Wird Hannah langweilig, wird eben wieder geheult oder mit Beate gesprochen.

Ach ja, Beate. Beate Sommer. Über diese Dame muss ich in dieser Rezension zu “Hummeln fliegen auch bei Regen” ein paar Worte verlieren. Auf dem Weg nach Mallorca trifft Hannah auf Beate. Sie ist 78 Jahre alt und sitzt zufällig neben ihr im Flieger. Auf eine arrogante, widerwärtige Weise urteilt sie über die 35-Jährige, erzählt ihr ungefragt etwas übers Leben und stalkt sie anschließend. Hannah wundert sich nicht, dass Beate nichts anderes auf Mallorca tut als Hannah zu verfolgen und in ihrer Finca aufzusuchen. (Hat die Autorin Andrea Kraft schon mal etwas über Datenschutz gehört?) Beate verbringt ihre Zeit auf Mallorca damit, Hannah auf den Kranz zu gehen und ihr das Leben zu erklären – dabei ist Beate lediglich Mittel zum Zweck. Als Person ist sie null charakterisiert. Sie hat keine eigene Geschichte, keine nennenswerte Vergangenheit und keine Charakterzüge. Im Grunde ist diese Person nur ein Skelett des Dialogs. Dazu da, die Epiphanie der Protagonistin anzustoßen und ihr irgendwas zu tun zu geben. Wäre ich Hannah, hätte ich dieser hobbylosen Stalker-Oma schon am ersten Tag, als sie bei einer Heulattacke plötzlich in der Finca vor der Badezimmertür stand (wtf?!?) die Meinung gegeigt. Hier ist die Protagonistin Hannah allerdings schlüssig gestaltet: Sie hat keine Meinung. Und das konsequent. Leider hat sie neben der Meinungslosigkeit außerdem weder Charakter noch Gefühle.

Ach so, und da ich noch nicht genug Schwächen aufgezählt habe, muss ich noch etwas zum Buch als physisches Objekt sagen. Es ist scharf geschnitten, die Ecken stechen in die Hand beim Lesen und hinterlassen schmerzende Eindrückstellen. Ich habe mich selten so oft beim Lesen verletzt. Der Buchblock ist in einen Umschlag aus billigster Pappe gesteckt, die ich fortan Memory-Pappe nenne: Hast du das Buch einmal aufgeschlagen, merkt sich der Buchdeckel das und bleibt fortan für immer aufgeklappt.

P.S.: Wenn eine Protagonistin leckeren Käse isst, dann aber erfährt, dass es Ziegen- und kein Kuhkäse ist und ihn fortan eklig (also doch lecker, aber wegen der Ziege einfach nur eklig) findet, kann sie nur unsympathisch sein. Wieso sollte irgendjemand etwas gegen Ziegenkäse haben, obwohl er gut schmeckt?!

Mein Fazit:

Wer Lust auf eine undurchdachte, flache Geschichte hat, die Seite um Seite immer schlechter wird und sich selbst zerfasert und verliert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Undurchdachte Charaktere, unglaubwürdige Dialoge und redundantes, oberflächliches Geschwafel gehören definitiv zu den Stärken der Autorin. Ich werde nie wieder ein Buch von ihr anfassen und befördere “Hummeln fliegen auch bei Regen* auf meinen Aussortier-Stapel. Dieser Roman hat es leider nicht einmal ins dauerhafte Inventar meines Bücherregals geschafft. Das bricht mir immer wieder das Herz, weshalb ich für dieses Buch lediglich eines von fünf Herzen übrig habe.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen beim Goldmann Verlag am 19.02.2018, ISBN: 978-3-442-22218-6

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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