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Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Der erste Satz

Seit achtundzwanzig Minuten befand sich Lovelace nun in einem Körper, aber es fühlte sich noch kein bisschen weniger falsch an als in dem Augenblick, als sie darin erwacht war.

Zum Inhalt

Nach einem Systemausfall an Bord der Wayfarer ist die KI Lovelace in einem Bodykit gefangen. Von da an muss sich das ehemalige Computerhirn des Tunnlerschiffes mit den Beschränkungen eines menschlichen Körpers herumschlagen. Als wäre die ungewohnt eingeschränkte Wahrnehmung nicht schon schlimm genug, fällt es ihr ziemlich schwer, sich in einer Gesellschaft zurecht zu finden, in der künstliche Menschen verfolgt werden.
Ihre einzige Vertraute dabei ist die Technikerin Pepper, die selbst die Erfahrung machen musste, das Universum von einem Tag auf den Nächsten mit anderen Augen zu sehen.

Das Buch unterteilt sich in zwei Handlungsstränge, die zwar stellenweise miteinander verknüpft sind, ansonsten aber eigenständig bleiben.
Der erste Handlungsstrang – die Haupthandlung – aus Sicht von Lovelace / Sidra setzt direkt nach dem Ende von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” ein. Der zweite Handlungsstrang aus Sicht von Jane setzt etwa 20 GU-Standards vor den Geschehnissen aus Band 1 ein. Theoretisch kann man “Zwischen zwei Sternen” auch lesen, ohne “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” gelesen zu haben. Ich möchte an dieser Stelle allerdings dringend davon abraten, da “Zwischen zwei Sternen” in der selben Welt spielt und dementsprechend die verschiedenen Kulturen mit ihren Gepflogenheiten nur dort erklärt werden, wo es unbedingt nötig ist. Alles weitere am Setting ist in Band 1 nachzulesen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die letzte Seite ganz langsam umgeschlagen, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass das Buch schon zu Ende ist.
  2. Das Buch zur Seite gelegt, weil ich es leider doch komplett gelesen habe
  3. Die Empfehlung bekommen, noch einmal ganz vorne beim zornigen Planeten anzufangen, um die Reise erneut erleben zu können.

Mein Eindruck zu Zwischen zwei Sternen

Das Buch ist ein würdiger Nachfolger für das gefeierte Debüt der Autorin. Auch wenn die letzte Reise mit der Wayfarer schon ein bisschen länger her ist (wie es bei mir der Fall war), findet man sich nach einigen Startschwierigkeiten wieder wunderbar in die Welt ein. Ich muss schon sagen, dass mir – Achtung, nicht über den Spoiler stolpern – Die sympathischste Crew des Universums ein wenig fehlt. Wir begleiten die KI Lovelace, die sich in einem höchst illegalen Bodykit wiederfindet. Zwar hat sie damit den Ausfall der Wayfarer-Systeme überlebt, doch so ein Menschenkörper hat für eine KI eben seine Nachteile.

Stärken des Buchs:

Ich finde, die größte Stärke des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Die Autorin ist sehr geschickt darin, dem Leser die verschiedensten Eindrücke aus der Sicht der verschiedensten Kulturen lebhaft – und authentisch – auszubreiten. Besonders die Beziehungen der Figuren untereinander sind meisterhaft herausgearbeitet. Besonders der erneute “Kulturschock” der Protagonistin gefällt mir sehr gut. Wir erinnern uns: Zu Beginn von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” war es Rosemary, die als Mensch unter “Aliens” zurechtkommen muss. Besonders interessant finde ich an dieser Stelle, dass die Protagonistin in “Zwischen zwei Sternen” eine KI ist. Ich könnte jetzt eine Stunde darüber nachdenken, aber mir würde wahrscheinlich trotzdem kein Buch einfallen, in dem ich schon mal eine KI als Protagonist hatte.
Aus dieser Ausgangslage heraus ist Lovey natürlich ziemlich überfordert, weil ihr so ziemlich alles fremd ist, was sich außerhalb von Computersystemen befindet. Klar, an Bord der Wayfarer hat sie schon Einiges mitgenommen, aber wenn der Körper dann nur ein eingeschränktes Wahrnehmungsfeld hat, ist der Kulturschock – ja, das Wortspiel ist beabsichtigt – vorprogrammiert.

Was mich ein bisschen nachdenklich stimmt

Wo war da eigentlich die Spannung? Ich lese nicht so oft Bücher, in denen 460 Seiten lang kaum Action aufkommt, ohne sie deswegen an die Wand klatschen zu wollen. Deshalb: Ein klarer Plusminuspunkt. Die Autorin liefert ein Buch ab, das den Leser bei der Stange hält, ohne sich viele Gedanken um einen Spannungsbogen oder dergleichen zu machen. Dem einen oder anderen mag das überhaupt nicht gefallen.

Schwächen des Buchs:

Ich finde, die größte Schwäche des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Klingt redundant? Stimmt, hatten wir schließlich schon.
Im Wesentlichen könnte ich hier die Schwächen aufzählen, die Kia in ihrer Rezension zu Band 1 bereits erwähnt hat. Der Plot ist flach, es gibt keinen Showdown und keine spannenden Weltraumschlachten, die Handlung plätschert gemütlich im Hintergrund dahin. Es ist wahnsinnig entspannend, aber da hätte man mehr daraus machen können.
Der Grund, aus dem ich aber die Aufzählung von Stärken und Schwächen identisch begonnen habe: Mir fehlt die Überraschung. Einerseits heißt das, dass die Autorin weiß, wo ihre Stärken liegen und es deshalb vielleicht gar nicht versucht, es anders zu machen. Denn: Never touch a running system. Andererseits hat man aber irgendwie alles schon mal gesehen. Es ist die selbe Welt mit anderen Figuren und aus anderen Augen. Dennoch schwingt da so ein bisschen was von “lauwarmer Aufguss eines bewährten Schemas mit”.

Mein Fazit

Es tut mir wahnsinnig leid, das sagen zu müssen, aber: Ich habe “Zwischen zwei Sternen* gerne gelesen. Für mehr reicht es an dieser Stelle nicht. Es ist zweifelsfrei ein gutes Buch und eine angenehme Reise. Dennoch lässt mich das Ende ein bisschen bangen vor dem, was danach noch kommen mag. Eine einzige Wiederholung des Reiseerlebnisses des zornigen Planeten war es allemal wert. Gerade, weil Sidra eine Protagonistin ist, wie man sie eben nicht reihenweise auf der Straße findet. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele neue Reisen ins Universum der Wayfarer und ihrer Crew ich noch mitmachen möchte. Das ist sehr schade.
Deshalb ist “Zwischen zwei Sternen” eine Reise, die man sehr gerne in positiver Erinnerung behalten möchte. Doch irgendwie ist das Fernweh, das während und nach Band 1 noch ein riesiges Feuerwerk war, zu einem kleinen Funken geworden. Meine Bitte an die Autorin: Ich will mehr solcher Reisen, aber an das Gefühl von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” reicht “Zwischen zwei Sternen” leider nicht heran.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 464 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 25.01.2018, ISBN: 978-3-596-03569-4

Andere Leseeindrücke

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Die sympathischste Crew des Universums – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten [Rezension]

Die sympathischste Crew des Universums – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten [Rezension]

Der erste Satz

Als sie in der Kapsel die Augen aufschlug, erinnerte sie sich an dreierlei.

Zum Inhalt:


Rosemary kommt vom Mars auf die Wayfarer – ein abgewracktes, aber zweckmäßig funktionierendes Schiff. Unter Captain Ashby arbeiten dort nicht nur Menschen, sondern Angehörige unterschiedlicher Spezies, um mit dem Tunnlerschiff Wurmlöcher in den Raum zu stoßen. Rosemary arbeitet als Verwaltungsassistentin und durch die Einstellung einer solchen qualifiziert Ashby sich und seine Crew dazu, einen großen Auftrag anzunehmen. Eine lange Reise beginnt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich habe gelächelt
  2. Das Bild von Sissix ging nicht aus meinem Kopf raus
  3. Ich habe Florian, der gerade “Zwischen zwei Sternen” las, gefragt, ob Lovey darin vorkommt.

Mein Eindruck zu Der lange Weg zu einem zornigen Planeten:

Dieser Roman von Becky Chambers ist gut zu lesen und die perfekte Methode, mich als Weltraum-Muffel an Science Fiction mit Raumschiffen heranzuführen. Ich kann interplanetarische Kriege nicht leiden, halte Star Wars, Star Trek und ähnliches für affig und redundant, und mit Aliens braucht man mir gar nicht erst kommen. In “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten* geht es zwar um Raumschiffe und Aliens, aber auf eine sehr sympathische Weise. Die Crew auf dem Tunnlerschiff macht nur ihren Job, und Kriege geschehen irgendwo in der Ferne – damit haben die Leute an Bord der Wayfarer nichts zu tun. Becky Chambers hat mir gezeigt, dass Science Ficiton mit Raumschiffen unfassbar sympathisch und spaßig sein kann und ich bin sehr, sehr dankbar, dieses Buch zum Geburtstag im letzten Dezember geschenkt bekommen zu haben.

Stärken des Buchs:

Die größte Stärke von “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” ist definitiv die Crew. Dr. Koch ist das sympathischste Wesen, das ich jemals getroffen habe, und auch die Charaktere von Ashby, Corbin, Sissix, Rosemary, Lovey, Jenks und Kizzy sind äußerst schlüssig. Jeder hat so seine Eigenheiten, ohne dass man das Gefühl hat, die Figuren würden nur existieren, damit sie irgendeine Rolle erfüllen oder damit Becky Chambers konträre Charaktere einbauen könnte. Die gesamte Crew ist lustig, schlüssig und sympathisch. Auch die Beziehungen untereinander werden mit liebevollen Details und durch herausragende Dialoge unterstrichen, so dass sie alle noch lebendiger wirken.

Eine weitere Stärke ist, wie die Autorin das Geheimnis um Rosemary anreißt. Es wird hervorragend angedeutet und kaum vergisst man es beim Lesen, kommt eine weitere Schlinge, die den Leser an den Plot erinnert.

Informationen über beispielsweise die KI als vernunftbegabtes Individuum oder das Sianatpaar mit seinem Flüsterer und der schwierigen Kultur hinsichtlich einer alles entscheidenden Frage in der Gestaltung des Sianat-Lebens werden an den richtigen Stellen eingeworfen. Ich habe zu jedem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, dass Infodumps und Beschreibungen relevant waren. Eine klare Stärke: Das Buch lässt sich flüssig lesen und ist “rund”.

Unter’m Strich macht es einfach Spaß – richtigen Spaß –, dieses Buch zu lesen. Ich habe es sehr genossen und möchte noch einmal betonen, dass die Figuren und Beziehungen so dermaßen gut sind, dass die doch zahlreichen Schwächen, die ich im Folgenden dieser Rezension aufzählen werde, diese Stärke nicht aufwiegen können.

Eine neutrale Information:

Etwa gegen Seite 109 wird in einem gefühlt ewigen Dialog erklärt, wie Wurmlöcher funktionieren. Ich halte diese Erklärung für ziemlich schwierig formuliert und weiß nicht, ob ich den Text verstanden hätte, wenn ich nicht vorher schon gewusst hätte, was die Autorin an dieser Stelle sagen wollte. Wer nicht zufällig ohnehin nerdiger Fan von Astronomie ist, könnte ein paar Schwierigkeiten bekommen.

Schwächen des Buchs:

Es braucht ein wenig, bis man ins Buch reinkommt. Erst ab etwa 30 – 60 Seiten kam ich in die Welt hinein, was bei einer solch anderen Welt im Vergleich zu unserer und den vielen unterschiedlichen Spezies absolut verständlich und in Ordnung ist. Dennoch erachte ich den Anfang von “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” als ungelenk geschrieben. Die Charaktere wurden zu sehr im Infodump eingeführt und ich wollte mir zunächst kaum die Mühe machen, mir die Namen und Spezies zu merken. Nach den besagten Seiten funktioniert das aber fast von allein, daher geht diese Schwäche nicht so sehr ins Gewicht. Bleibt einfach dran; auch die unkommentierten bzw. nicht erklärten technischen Geräte leuchten dem Leser irgendwann einfach ein.

Eine weiter Schwäche ist der Plot. In “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” ist der Plot relativ flach, es passiert eher wenig und die Stärken der Autorin liegen ganz klar im Weltenbau und im Charakterdesign. Es hat mich beim Lesen nicht gestört, aber erwartet bitte keinen unendlich spannenden Showdown am Ende, bei dem eine wahnsinnige Epiphanie die Persönlichkeiten und Leben der Charaktere verändert. Müsste ich den Plot mit Musik vergleichen, wäre “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” eher angenehme Hintergrundmusik als eine mitreißende Symphonie mit  herunterbrechendem Finale am Ende.

Darüber hinaus sind mir die Kapitel zu lang. Ich hätte es schön gefunden, wenn pro Kapitel nur eine Perspektive eingenommen wird; denn das hat ab und zu zu Stolperern geführt. Es war mir häufig nicht möglich, ein Kapitel vor dem Schlafengehen zu lesen, weil es zu lang war und ich mitten drin unterbrechen musste.

Die letzte Schwäche, die ich ansprechen möchte, betrifft das deutsche Korrektorat der Übersetzung. Man merkt, wenn man aufmerksam liest, dass die deutschen Mitarbeiter schnell fertig werden wollten. Da war wohl eine Frist recht fortgeschritten, sodass sämtliche das-dass-Fehler (vier an der Zahl) im letzten Sechstel (!) des Buches vorkommen. Was mit ausgezeichneter Orthografie und Grammatik beginnt, schwächelt am Ende immer mehr, und das empfinde ich als äußerst schade.

Mein Fazit:

Kennst du das, wenn man einfach nur verliebt ist, ohne dass es dazu gute Gründe gibt? So geht es mir mit diesem Buch. Ich habe mehr Schwächen als Stärken aufgelistet, aber ich bin einfach in dieses Buch verliebt. Ich bin sehr glücklich, dieses Buch gelesen zu haben. “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” hat mir sehr viel Spaß gemacht, obwohl ich bevorzugt eher Science Fiction ohne Raumschiffe lese. Zum entspannten Entwicklung einer Lesesucht ist dieser Roman definitiv hervorragend geeignet.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 544 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 27.10.2016, ISBN: 978-3-596-03568-7

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Der erste Satz

Als Patricia sechs Jahre alt war, fand sie einen verletzten Vogel im Wald.

Zum Inhalt:


Patricia ist ein Mädchen, das bemerkt, dass sie eine Hexe ist und den Wald schützen soll. Sie vernachlässigt ihre Fähigkeit, weil irgendwie nichts klappt und ihr niemand sagt, wie dieses Hexenleben wirklich funktioniert. In der Schule trifft sie auf Laurence, der ihr einziger Freund ist, sodass sie mit ihm eine On-Off-Freundschaft eingeht, bis sie sich nach der Schule verlieren, wiedertreffen, wieder verlieren und gemeinsam die redundantesten Sachen überhaupt erleben.

Laurence ist ein Nerd, der eine künstliche Intelligenz geschaffen hat, die schon in seiner Jugend viel Macht und Intelligenz bekommt. Patricia nutzt er zunächst, um seinen Eltern gegenüber zu rechtfertigen, dass er kein Stubenhocker ist. Sie erfinden Geschichten über gemeinsame Ausflüge in die Natur, was in etwa so glaubwürdig ist wie eine Salsa tanzende Katze, die dir morgens den Kaffee bringt. Die Geschichten der beiden streifen sich immer mal wieder, und der Fokus liegt ganz klar auf den Zusammentreffen. Dass im weiteren Verlauf im Hintergrund die Welt in Gefahr ist oder andere potentiell plotrelevante Dinge geschehen, wird artig ausgeblendet.

Warum ich den Inhalt von “Alle Vögel unter dem Himmel” nicht in einem Absatz unter Betrachtung der unterschiedlichen Gesichtspunkte wiedergeben kann, liegt daran, dass es die Autorin selbst im gesamten Buch nicht geschafft hat, aus den zwei interessanten Ausgangslagen eine Geschichte zu stricken.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Hysterisch über den Satz mit der Langeweile und dem Narbengewebe gelacht.
  2. Das schlechte Gewissen runtergeschluckt.
  3. Mich total geärgert, weil das schlechte Gewissen wieder hochkam.

Mein Eindruck zu Alle Vögel unter dem Himmel:

Einen Plot sucht man vergebens, und selbst viel Geduld hat sich bei mir nicht ausgezahlt, sodass ich das Buch auf Seite 201 abbrechen musste. Ich brach “Alle Vögel unter dem Himmel* ab, nachdem mich der Satz “Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes” getriggert hat. Die Autorin hat echt Mut. In der Danksagung schreibt sie: “Ich hoffe, das Buch hat euch gefallen. Falls nicht, oder falls euch einige Dinge nicht eingeleuchtet haben oder zu abwegig erscheinen, schickt mir einfach eine E-Mail, dann komme ich vorbei und spiele euch das Ganze vor. Vielleicht mit Origami-Fingerpuppen.” Dieses Angebot würde ich gerne annehmen, doch ich weiß nicht, ob ich jemals nochmal so viel Interesse aufbringen kann, der Geschichte eine weitere Chance zu geben.

Stärken des Buchs:

Es riecht unfassbar gut! Der Klappentext verspricht viel! Das Cover macht was her und insgesamt fühlt sich das Buch wirklich gut an! Orthografie und Grammatik sind ok. Dass ich das erwähne, ist kein gutes Zeichen. Im Gegenteil. Zunächst dachte ich, es seien die einzigen Stärken, die “Alle Vögel unter dem Himmel” mitbringt.

Selbst Bücher, die mir nicht gefallen (Beispielsweise “Loslassen” von Katharina Finke), bleiben in meinem Bücherregal. Weil sie irgendwann mal wieder interessant sein könnten oder gute Stellen hatten, oder mir ans Herz gewachsen sind. “Alle Vögel unter dem Himmel” ist das erste Buch, bei dem ich darüber nachgedacht habe, es loszuwerden. Zu verkaufen und von dem Geld einen Ersatz zu kaufen. Ich fühle mich frustriert und als hätte ich beim Lesen Lebenszeit verschwendet. Nachdem mir das bewusst wurde, habe ich dem Buch dennoch einen Zweck zuordnen können: Ich habe mir Notizen gemacht, was in welchem Kapitel geschieht, versucht, den Plot nachzuvollziehen und mir aufgeschrieben, was mir nicht gefällt. Als angehende Sci-Fi-Autorin möchte ich auch gerne ein Buch bei Fischer TOR platzieren (hach, wie schön das wäre! Lasst mich träumen!), und wenn so ein undurchdachtes, lieblos geschriebenes Buch bei diesem Qualitätsverlag unterkommt – dann schaffe ich das schon längst. Das ist eine ganz klare Stärke von “Alle Vögel unter dem Himmel”: Es macht mir als Autorin Mut, denn das kann ich locker übertreffen. vielleicht nicht jetzt, aber mit mehr Genrekenntnis und einem akribisch geplotteten, mit Herzblut geschriebenen Manuskript kann ich das schaffen. Wir sehen uns auf Augenhöhe, Charlie!

Eine weitere Stärke – und das muss man der Autorin und der Geschichte lassen – ist, dass die nerdigen Stellen wirklich… angemessen sind. Auf 200 Seiten muss man sicherlich drei Mal leicht schmunzeln, wenn man sich mit Laurence auch nur ein bisschen identifizieren kann.

Schwächen des Buchs:

Der Anfang des Buches ist sehr holprig und unglaubwürdig. Von Klischees überrannt gab ich dem Buch weitere Chancen, mir zu beweisen, dass der Charakter von Patricia nichtssagend und leer ist. Leider wurde das nicht verändert. Das Kennenlernen von Patricia und Laurence ist unschlüssig und passt überhaupt nicht. Der Sprachstil ist ungelenk und oberflächlich. Immer, wenn man denkt, jetzt könnte die Geschichte ins Rollen kommen, driftet die Autorin ab und versorgt den Leser mit emotionslosem, redundantem Zeug.

Ich kenne zahlreiche Lektoren, die bei “Er hat einen nervösen Kopf” oder “Er lächelt mit einer Lippe” den Rotstift zücken würden. Weder Übersetzung noch Lektorat von Fischer TOR haben solche merkwürdigen Ausdrücke gestört. Mir haben sie sich in den Kopf gebrannt.

Bis Seite 118 passiert nichts. Dann passiert etwas und das Buch droht mir an, fast spannend zu werden. Aber dann flacht die Spannung sofort wieder ab und das Niveau kehrt zurück. Das sprachliche Niveau ist einerseits in Ordnung, andererseits so emotionslos, dass Charlie Jane Anders einen Preis dafür verdient hat. Keine andere Autorin kann einen versuchten Mord so langweilig schreiben wie sie! Das muss Talent sein.

Bei einigen Sätzen zeigt die Autorin wirklich Potential, und ich fühle mich in das Debüt eines blutjungen Selfpublishers versetzt. Aus Sätzen wie “Das Messer verfehlte sein Herz, aber es brach sein Herz” sieht man, was die Autorin sagen wollte, und freilich könnte man aus diesem Satz etwas Gutes machen – aber er wurde genau so veröffentlicht, wie viele, viele andere Sätze auch. Der lieblose Stil äußert sich auch im Verzicht auf Synonyme, dieser aneinandergeklatschte Stil ist sowas von eindimensional, dass ich es nicht einmal schaffe, ihn in dieser Rezension nachzuahmen. Aber ich gebe mir Mühe, vielleicht merkt man das.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erlaubt man sich noch einen Patzer mit einem Satz wie diesem: “Es stimmte, im Hintergrund waren Polizeisirenen hören.” (Seite 153) Das unterstreicht die größte Schwäche des Buches: Es ist lieblos und flach. Nach weiteren fünfzig Seiten bekam ich einen hysterischen Lachanfall, als die Autorin das Thema Langeweile in einem Satz anbrach (“Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes”) und zwang mich dazu, das Buch abzubrechen. Es hat mir tatsächlich wehgetan, diesem Buch – ein Geburtstagsgeschenk – keine Chance zu geben, sich endlich mal zu entfalten. Aber nach 50 % sollte die Geschichte zu einer Geschichte werden.

Übrigens: Wenn Laurence und Patricia sich nach der Schule wiedertreffen, seilt er sich von irgendwas ab und macht einen Millionendeal klar, weil die Welt in Gefahr ist. Man will wissen, warum die Welt in Gefahr ist und irgendwas darüber erfahren, wieso und warum und was los ist – aber davor verschont Charlie Jane Anders den Leser und füllt die folgenden Seiten mit Rückblicken und oberflächlichem Beziehungsgehabe, stockenden Bla-Bla-Gesprächen und ein bisschen Tell, don’t Show.

Als ich mich entschieden habe, das Buch abzubrechen, habe ich in einem der letzten Kapitel den “großen Showdown” gelesen. Ich will nicht spoilern, aber… Er konnte mich nicht vom Hocker hauen, hatte unglaubwürdige, klischeehaft-überspitzte Stellen, und auch das letzte Kapitel hat die nicht-vorhandene Geschichte nicht wirklich zu Ende geführt.

Mein Fazit:

“Alle Vögel unter dem Himmel” ist ein Buch, das mehr verspricht als es halten kann. Ich bin nicht nur gelangweilt und maßlos enttäuscht, sondern vergleiche den Schreibstil der Autorin auch mit “Mathilde Möhring”. Wer Lust auf ein Buch hat, das sich bestenfalls zur Analyse eigener Schreibkompetenz eignet und einem Mut macht, auch einmal in einem so großen Verlag unterzukommen, muss dieses Buch unbedingt lesen. Ich wünsche jedem viel Erfolg dabei, mehr als 200 Seiten durchzuhalten.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen bei Fischer TOR am 23.03.2017, ISBN: 978-3-596-03696-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Let’s Nerd – Ready Player One [Rezension]

Let’s Nerd – Ready Player One [Rezension]

Der erste Satz

Jeder in meinem Alter erinnert sich daran, wo er war und was er gerade getan hat, als er zum ersten Mal von dem Wettbewerb hörte.

Zum Inhalt:

In Ready Player One begleiten wir Wade in einer Welt, die nach außen hin dystopisch ist. Es gibt Hunger und Elend, Überbevölkerung und Wirtschaftskonzerne, die Schuldner zur Zwangsarbeit rekrutieren dürfen. Aber davon bekommt man nicht viel mit, denn Ready Player One dreht sich um die OASIS. Eine virtuelle Welt, die Milliarden von Spielern ermöglicht, ein Online-Leben zu führen. Arbeiten, Leben, Dating und der High School Unterricht können in der digitalen Welt stattfinden, und mit Videobrillen und haptischen Anzügen wird die OASIS zur gedachten Realität. Wade O. Watts ist ein High School Student, der in den Stacks lebt, einer Wohnwagensiedlung, die aus nach oben gestapelten Wohnwagen besteht, damit die armen Leute, die dort leben, irgendwie unterkommen können. Er geht auf dem virtuellen Planeten Ludus zur Schule und verbringt nach und vor dem Unterricht jede freie Minute, sich mit den 80ern auseinanderzusetzen. Halliday, einer der beiden OASIS-Erfinder und Gründer von GSS, das Unternehmen, das die OASIS entwickelt hat, ist nämlich verstorben und hat sein gesamtes Erbe demjenigen versprochen, der sein Easter Egg findet. Diejenigen, die nach dem Easter Egg suchen, werden Jäger genannt, und Wade ist mit seinem Avatar Parzival einer derer, die für sich alleine nach dem Easter Egg suchen. Daneben gibt es noch Clans und die Firma IOI, die den Wettbewerb über Jahre hinweg spannend machen. IOI ist hier der klare Antagonist: Wenn sie das Easter Egg finden, … im Ernst, sie sollten es nicht finden. Was als Suche nach einem Easter Egg und Reichtum beginnt, entwickelt sich schnell zu einer atemberaubenden Geschichte, die den Leser immer wieder hin und her wirft und in regelmäßigen Abständen mit 80er- und Videospielinformationen versorgt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Einen Laut von mir geben. Keine Ahnung, wie genau der war und was der sollte, aber es war mir ein Bedürfnis, geräuschvoll auszuatmen.
  2. „Das Ende von Ready Player One ist befriedigend und nicht“ als WhatsApp an besagten guten Freund geschickt
  3. Armada von Ernest Cline in der Buchhandlung meines Vertrauens reservieren lassen

Mein Eindruck zu Ready Player One:

Ich bin total angefixt. Durch Ready Player One von Ernest Cline habe ich meine nerdige Seite (wieder-) entdeckt. Immer, wenn rauskam, was sich Halliday für den nächsten Schritt ausgedacht hatte, war ich Feuer und Flamme, musste grinsen über die Genialität und die ganzen Easter Eggs, die ich entdeckt habe. Denn neben der Suche nach dem Easter Egg, um das sich der Roman aus dem Hause Fischer Tor dreht, befinden sich im Text selbst ständig kleine Easter Eggs, die zum Schmunzeln anregen. Art3mis, Aech und Parzival sind höchst interessante Charaktere und wirken authentisch und real, obwohl man sie nur als Avatare, also selbst designten Computerspielfiguren kennenlernt, die unter falscher Identität und mit Stimmverzerrung agieren können. Ich empfehle dieses Buch jedem, dessen Herz ein bisschen nerdig ist. Für mich war Ready Player One der Einstieg in ein neues Genre. Ein guter Freund hat es mir empfohlen und ausgeliehen, und ich hätte nicht gedacht, dass ich die 540 Seiten innerhalb von vierzehn Tagen lesen würde. Die teilweisen Cliffhanger an den Enden der Kapitel sind meines Erachtens perfekt gewählt. Es gibt, bis auf beim Show-Down am Ende, keine quälend spannenden Stellen, sondern immer wieder Szenen und Kapitel zum Durchatmen, trotzdem will man durchgehend wissen, wie es weitergeht.

Stärken des Buchs:

Klare Stärken sind der Schreibstil und – ich finde, heutzutage muss man sowas auch mal lobend erwähnen – die Übersetz- und Korrekturarbeit von Fischer Tor. Durch die Übersetzung ins Deutsche ging nichts verloren, jedenfalls nicht so, dass ich es negativ bemerkt hätte. Die Orthografie ist einwandfrei, nur auf den letzten 150 Seiten schlichen sich immer mal Kommafehler und solche, die ich optional anders gesetzt hatte, ein. In wem ein bisschen Grammarnazi steckt, der solle doch bitte auf das Wort „nachdem“ achten. Vor diesem Wort gibt es nämlich kein Komma. Nie. Never ever. Auch wenn damit ein Nebensatzkonstrukt eingeleitet wird, bei dem ein jeder das Komma sogar in der gesprochenen Sprache hören würde.
Weiterhin stark finde ich das große Ganze. Der Mix aus Innen- und Außenansicht des Protagonisten ist sinnvoll gewählt; aus der Ich-Erzählperspektive habe ich schon Romane erlebt, in denen es zu viel ums Innenleben geht. Der Sprachstil ist einheitlich und rundet das ganze Buch ab.
Sämtliche Handlungsstränge (bis auf einer) werden zu Ende erzählt und gehen ineinander auf. Mir gefällt der lineare, chronologische Erzählstil, der trotz personaler Erzählperspektive manchmal doch ein bisschen allwissend ist, und ich fühlte mich sehr in das Buch gesogen.
Große Klasse ist auch – für mich als Autorin – die Einteilung des Romans in drei Level. Hier wird einem die 3-Akt-Struktur offengelegt. Irgendwie charmant.

Schwächen des Buchs:

Kommen wir zu den Schwächen von Ready Player One.
Kurz vor „Level 3“ geschieht etwas unfassbar Geniales im Plot, und dann flacht die Geschichte so sehr ab und zerfasert, dass das Buch schon fast schlecht wird. Über zwanzig Seiten habe ich mich gefragt, was der Autor da macht und was das soll, und ich glaube, dieser Abschnitt war dann auch nicht mehr wichtig, aber mit dem Auftakt von Level 3 hat das Buch das alles wieder wettgemacht.
Der Handlungsstrang, beziehungsweise das Rätsel, das nicht zu Ende geführt wird, ließ mich die Nachricht an meinen Freund schicken. Das Ende ist befriedigend und nicht. Es ist einerseits abgeschlossen, andererseits offen, und irgendwie könnte ein zweiter Teil folgen, aber man wünscht es sich nicht. Denn die Geschichte spinnt im Kopf des Lesers weiter, und wenn man etwas genauer nachdenkt, verändert sich das Gefühl der wohlig warmen Auflösung der Geschichte in ein Erschüttern, wenn man den dystopischen Charakter wieder hervorholt.
Darüber hinaus gibt es etwa drei oder vier Kapitel, die aus reinem Infodump bestehen. Man muss schon sehr von der Spannung der vorherigen Kapitel angezogen worden sein, oder vollkommen in den kleinsten Details der 80er aufgehen und sich damit identifizieren können, um über diese Infodumps hinwegzusehen und sie dennoch konzentriert zu lesen.

Mein Fazit:

Bis auf ein paar kleine Schwächen, über die ich hinwegsehen möchte, liebe ich dieses Buch abgöttisch. Ich habe gerade beim Schreiben der Rezension den Impuls, es noch einmal zu lesen, um noch mehr zu entdecken. Als 90er-Kind habe ich sicher nicht alles verstanden und entdeckt, was jemand, der in den 80ern schon gelebt hat, heute in Ernest Clines Meisterwerk finden würde. Dennoch freue ich mich enorm darauf, am 5. April ins Kino zu gehen und mir die Verfilmung von Ready Player One* anzusehen. Der Autor hat mir ein neues Genre geöffnet, bei welchem ich kaum erwarten kann, mir weitere Geschichten einzuverleiben. Eine klare Kaufempfehlung für alle Nerds und Easter Egg Jäger da draußen!


Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 544 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 27.04.2017, ISBN: 978-3-596-29659-0

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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