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Ein Kinofilm zwischen Buchdeckeln – Illuminae [Rezension]

Ein Kinofilm zwischen Buchdeckeln – Illuminae [Rezension]

Der erste Satz

Verehrte Geschäftsleitung, hier nun die Datei, die mich fast das Leben gekostet hätte.

Zum Inhalt:

Das Jahr 2575: In der Schule dachte Kady Grant, die Trennung von ihrem Freund Ezra wäre das Schlimmste, das ihr an diesem Tag passieren kann – Bis am Nachmittag ihr Planet angegriffen wird. Aus heiterem Himmel tauchen Kampfraumschiffe eines intergalaktischen Konzerns auf, der sich ohne Rücksicht auf Verluste den Planeten unter den Nagel reißen will. Mit drei Raumschiffen gelingt einem Teil der Zivilbevölkerung die Flucht von Kerenza. Kady und Ezra gelangen dabei auf unterschiedliche Schiffe. Einen feindlichen Zerstörer Lincoln immer dicht auf den Fersen.
Doch damit nicht genug: Auf der Flucht wird die Besatzung von einem mutierenden Virus geplagt, das bei den Angriffen auf Kerenza als biologische Waffe eingesetzt wurde.
Und dann wäre da noch AIDAN, die KI des Schlachtkreuzers Alexander, die von der Sauerstoffversorgung bis hin zu den Atomraketen alles an Bord steuern kann und mehr und mehr den Verstand zu verlieren scheint.

Die ersten Drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mit ganz kleinen Tränen in den Augen einen erleichterten Seufzer ausgestoßen.
  2. Das Buch zugeklappt und das Ende auf mich wirken lassen.
  3. Getwittert, dass ich den höllischen (im positiven Sinn) Ritt hinter mir habe.

Mein Eindruck zu Illuminae:

Illuminae fällt auf. Die erste Überraschung ist sicherlich der halbtransparente Schutzumschlag über dem auch darunter sehr liebevoll gestalteten Cover. Wenn man dann allerdings das Buch eine Weile in der Hand hält und ein bisschen durch die Seiten blättert, schießt nur ein einziger Gedanke in Richtung Cover durch den Kopf: »Wie langweilig«.
Nein, wirklich. Im Vergleich zu den einzelnen Seiten ist die Covergestaltung nahezu langweilig. Seiten in einem Buch sind immer schwarze Schrift auf weißen (okay, cremefarben) Papier? Weit gefehlt. In Illuminae ist jede Seite ein Kunstwerk. Das Buch enthält Chatprotokolle, E-Mails, Berichte und Seiten, auf denen sich der Text nicht an die normale Orientierung in waagerechten Zeilen hält. Dazwischen reihen sich Illustrationen zu den Raumschiffen und Pläne derselben ein.
Illuminae hat – anders als fast alle anderen Romane – keinen durchgehenden Handlungsstrang. Klar, es gibt einen roten Faden, der sich von vorne nach hinten durchzieht. Im Wesentlichen ist Illuminae aber ein riesiges Puzzle, bei dem der Leser nach und nach die einzelnen Teile zugeworfen bekommt und selbst entscheiden muss, was er mit den gewonnenen Informationen anfangen will.

Stärken des Buchs:

Das Buch fällt auf. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Arbeit in der Gestaltung des Buches gesteckt hat. Von der ersten bis zur letzten Seite ist Illuminae mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden. Dieses Buch ist kein Roman, sondern nicht weniger als ein gedruckter Kinofilm (die Filmrechte wurden kurz nach Erscheinen der englischen Originalausgabe verkauft).
Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass Illuminae die Tätigkeit des Lesens auf ein völlig neues Level hebt. Besonders gut gelungen ist dem Autorenduo das Verstricken vieler unterschiedlicher Sichtweisen zu einem großen Ganzen, das sich ziemlich gut weglesen lässt. Besonders spannend sind hier übrigens die Einblicke in die Gedankenwelt von AIDAN, die man besonders zum Ende des Buches bekommt.

Schwächen des Buchs:

Man muss eindeutig dafür gemacht sein und Rätseln zumindest nicht völlig abgeneigt sein. Illuminae ist kein Buch, das man einfach mal so nebenbei liest. Man muss es Seite für Seite aufmerksam verfolgen, um nicht am Ende ein wichtiges Puzzleteil übersehen zu haben.
Was aber wirklich stört ist ein Punkt, den ich schon bei den Stärken angesprochen habe: Die Gestaltung. Es gibt zwischendrin Seiten, die entweder komplett leer sind, nur drei Wörter oder gar nur ein einziges Wort (und das dafür zig Mal) beinhalten. Stellenweise nimmt das Umblättern mehr Zeit in Anspruch als man für das Lesen braucht. Auch Ezras Liebeserklärungen an Kady hätten ein wenig dezenter ausfallen können. Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau und eher ein Abzug in der B-Note.

Mein Fazit:

Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich wirklich restlos begeistern konnte. Illuminae ist einer der wenigen Ausnahmefälle. Den zwischenzeitlichen Hype um dieses Buch im deutschsprachigen Bookstagram finde ich durchaus berechtigt. Illuminae* ist ein actionreicher Kinofilm zwischen zwei Buchdeckeln und ein Kunstwerk für sich. Stellenweise hätte man es gestaltungstechnisch ruhiger angehen lassen können, insgesamt stören diese Patzer aber den Gesamteindruck nicht. Illuminae definiert das Lesen neu. Ich bin gespannt, was uns da noch erwartet.
Eine klare Leseempfehlung – nicht nur für eingefleischte Science-Fiction-Fans.


Weitere Informationen:

  • Hardcover 604 Seiten, erschienen bei dtv am 13.10.2017, ISBN: 978-3-423-76183-3

Andere Leseeindrücke:

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

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