Schlagwort: 5 Herzen

Sprachpoet und Weltenmaler – Verhext [Rezension]

Sprachpoet und Weltenmaler – Verhext [Rezension]

Der erste Satz

Hast du dafür eine Erklärung?

Zum Inhalt:


Verhext ist ein Sammelband mit fünf phantastischen Erzählungen, die alle in unterschiedliche Welten und Geschichten eintauchen lassen. Wir leiden mit der Magierin Catya, die sich mit den Regeln und Strafen der Magierakademie herumzuplagen hat, begegnen Kendra von den Meeren auf einem geisterhaften Strand, der wahren Liebe in einer düsteren Zitadelle, einer Horde Bestien im 11.Jahrhundert und dem Herr der Toten selbst. Verhext, Kendras Auge, Nur ein Stein, Exsanguis, Glaswiesentänzer, so heißen die Geschichten. Ihnen allen ist eines gemeinsam: der Versuch, die Magie dazu zu nutzen, die eigenen Sehnsüchte zu stillen. Doch bald müssen die Protagonisten lernen, dass die Magie ihren eigenen Kopf hat, dass sie nicht alles heilen kann, dass sie gefährlich ist, einen manchmal auffrisst mit Haut und Haaren und ins Verderben stürzt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ein paar Minuten ins Leere gestarrt und mich gefragt, ob ich auch lernen kann, so schön zu schreiben.
  2. Zum Anfang zurück geblättert, um noch einmal einen Überblick über die Geschichten zu bekommen und sicher zu gehen, dass es tatsächlich nur 140 Seiten waren.
  3. Die Stellen rausgesucht, die ich aufgrund ihrer Schönheit markiert hatte und gleich nochmal gelesen.

Mein Eindruck zu Verhext:

Als ich Verhext gekauft habe, wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Ich mag keine Kurzgeschichten, schon gar keine Sammlungen. Auch das Cover hat mich nicht so recht überzeugt, aber wegen der interessanten Leseprobe wollte ich dem Büchlein, das knapp 140 Seiten umfasst, trotzdem eine Chance geben. Ich habe das Buch aufgeschlagen – und war fasziniert. Denn egal, wie man es zusammenfasst, es ist unmöglich, die Tiefe dieser kurzen Geschichten auch nur ansatzweise zu erfassen. Jede Erzählung ist ein Werk für sich und öffnet ein Tor zu einer neuen Welt, so ausgefeilt und durchdacht, dass man aus jeder der Geschichten einen neuen Roman machen könnte.

Stärken des Buchs:

Nach der ersten Erzählung, Verhext, dachte ich mir: von diesem Autor will ich unbedingt mal einen Roman lesen. Toller Stil. Tolle Handlung. Dann kamen die anderen Geschichten und meine Faszination wurde zu etwas, das man vermutlich nur mit Bewunderung oder Verehrung umschreiben kann. Markus Müller schafft es, in jeder dieser fünf Geschichten ein ganz eigenes Universum zu erschaffen, eine Erzählung mit fünfzig Seiten fühlt sich an, als hätte man einen ganzen Roman gelesen, mit einer so intensiven Atmosphäre, dass sie noch lange nachwirkt. Dies gelingt ihm mit einer solchen Wortgewalt und Sprachpoesie, dass ich sogar immer wieder Stellen anstreichen musste – etwas, was ich sonst nie tue. Mit einer Phantasie, die an die Genialität von Michael Ende grenzt, und einer Sprache, die einen nicht nur an die Handlung bindet, sondern auch tiefe Gefühle in einem hervorruft, weiß der Autor den Leser zu fesseln. Exsanguis vielleicht weniger, aber vor allem Nur ein Stein und Glaswiesentänzer waren für mich so wunderschön, dass ich sie am liebsten immer wieder lesen würde, nur um noch einmal die Poesie hinter den Worten zu entdecken und mich von dieser düsteren, melancholischen Atmosphäre gefangen nehmen zu lassen.

Schwächen des Buchs:

Die einzige Schwäche dieses Buches ist seine Kürze. Ich hätte einfach gerne mehr von allem gelesen. Ansonsten kann ich hier nicht viel dazu sagen.

Mein Fazit:

Verhext ist ein unglaubliches Stück Sprache, das mich mehr als fasziniert und inspiriert hat: Es hat mich in meiner Seele berührt – und das kann ich wirklich nicht von vielen Büchern behaupten. Ich denke, ich muss an dieser Stelle auch nicht mehr dazu schreiben, ihr dürftet meinem Lobgesang bereits entnommen haben, was ich euch sagen will: Kauft das Buch. Vor allem, wenn ihr Fantasy liebt: Lasst euch davontragen. Lasst euch inspirieren. Es ist das beste Buch, das ich im letzten Jahr gelesen habe und vermutlich auch eines der besten, das ich jemals gelesen haben werde. Also los!

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 142 Seiten, erschienen bei Books on Demand am 19.10.2015, ISBN:  978-3-73864693-1

Andere Leseeindrücke:

    • noch keine bekannt

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Alles außer gewöhnlich – Ersticktes Matt [Rezension]

Alles außer gewöhnlich – Ersticktes Matt [Rezension]

Der erste Satz

Die Frau sah aus wie eine Wachsfigur.

Zum Inhalt:


Remy Lafayette ist Gesichtsanalytiker und Berater des New York Floodlands Police Departments. Im Jahr 1893 verfolgt die Polizei in den Floodlands – ein Elendsviertel mitten im East River – ein Gespenst. An jedem Tatort findet sich eine weibliche Leiche, mit einer Schachfigur in der Hand. Für Remy wird die Ermittlung der Mordserie gleichzeitig eine Reise in seine persönliche Vergangenheit. Denn nach und nach gerät seine ehemalige Verlobte immer tiefer in den Strudel der Ereignisse.

Mein Eindruck zu Ersticktes Matt:

Ein historischer Krimi? Im Jahr 1893? Normalerweise hätte ich das Buch allein deshalb angewidert aus der Hand gelegt. Allerdings ist “Ersticktes Matt” viel mehr als das. Im Jahr 1893 ist in der Welt-Version von Nina Hasse der Meeresspiegel immer weiter angestiegen, so dass es zu einem regen Strom an Klimaflüchtigen kam. Um der Lage Herr zu werden hat man in New York mitten im East River ein Dorf für die Ärmsten der Armen auf Stelzen gebaut – die Floodlands.
Zugegeben, so richtig überzeugt war ich noch immer nicht. Doch da ich von dem Buch nur Positives gehört hatte, habe ich bei einem Gewinnspiel eines sympathischen Saarländers teilgenommen und tatsächlich gewonnen, also habe ich dem Buch doch eine Chance gegeben. Danke nochmal an Benjamin für den Buchgewinn.

Stärken des Buchs:

Um es noch einmal deutlich hervor zu heben: Ich mag normalerweise keine Krimis. Und ich mag keine Geschichten, die zwar in unserer Welt, aber weit vor den 1980er-Jahren spielen. Und doch ist es genau diese Kombination, die “Ersticktes Matt” so lesenswert macht. Die Grundidee, einen Kriminalroman in ein Steampunk-Setting einzubetten ist eindeutig die größte Stärke des Buches. Zumindest mir ist dieser Genremix bisher sonst noch nicht untergekommen. Ein weiterer Pluspunkt für das Setting: Der Roman spielt in New York statt in Großbritannien (wann und warum genau hat sich London zum Dreh- und Angelpunkt für Urban Fantasy und Steampunk entwickelt?).

Aber auch abseits des Genres hat die Autorin einige Pluspunkte für sich zu verbuchen.
Zum Einen die Entwickler selbst. Sie bieten viel mehr Tiefe als ein obligatorisch irgendwie geartetes Alkohol-, Drogen- oder sonstiges Suchtproblem (die inflationäre Verbreitung dieser Charakterzüge ist einer der Hauptgründe, warum ich Krimis normalerweise nichts abgewinnen kann). Daneben gibt es unter anderem einen Papageien – der dringend sein Repertoire an Volksliedern erweitern sollte – und einen schizophrenen Schriftsteller (oder waren Rufus / Henley einfach nur zwei Personen in einem Körper?)
Zum Anderen ist es der Plot, der diesen Krimi so lesenswert macht (ein Punkt, den ich bei Rezensionen leider viel zu oft kritisieren muss). Jedes Mal, wenn die Ermittler fast am Ziel sind, fehlt ein entscheidendes Detail und die Ermittlungen drehen sich in eine andere Richtung. Beim Lesen kamen immer wieder Verdachtsmomente hoch, wo ich mir dachte: “Ha, da ist doch der Mörder, wie blöd seid…”, nur um im nächsten Moment von der Autorin eine Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen und festzustellen, dass ich mit meiner Vermutung wohl doch daneben lag.

Schwächen des Buchs:

Kommen wir zu einem Punkt, den ich sehr ungern anschneide, weil mir Ersticktes Matt doch ziemlich gut gefallen hat. Zuerst einmal ist das Buch bei CreateSpace erschienen. Das ist kein eigentliches Problem von “Ersticktes Matt”, weshalb es keinen Abzug dafür gibt. Aber: Die Verarbeitung der Paperbacks, die Amazon da drucken lässt, ist einfach grauenhaft. Wenn man das Buch einmal zu weit aufgeschlagen hat, stellt sich gleich ein “Memory-Effekt” ein und die Klappe bleibt auf ewig in einer leicht geöffneten Position stehen (für alle, die das genauso stört: Ersticktes Matt ist auch als E-Book erhältlich).
Ein Punkt, der allerdings sehr wohl auf das Karma-Konto des Buches geht, ist das Cover. Ich mag die eher minimalistische Umsetzung davon. Gerade der Rahmen, der gekonnt auf das Steampunk-Genre anspielt. Allerdings sind mir die Krimi-Elemente auf dem Cover zu subtil und der lieblos gestaltete Buchrücken geht leider gar nicht. Ich hätte es schöner gefunden, hätte sich der Rahmen weiter durchgezogen. Stattdessen hat Ersticktes Matt einen einheitlich schwarzen Buchrücken, der abgesehen von der Schachfigur überhaupt keinen Mehrwert bildet und in jedem Bücherregal, in dem der Rücken nun einmal das Erste – und oft das Einzige – ist, was man von einem Buch sieht, gnadenlos untergeht. Dieses Cover wird dem Inhalt in meinen Augen nicht gerecht.

Mein Fazit:

Um es kurz zu fassen: Ersticktes Matt ist ein Kriminalroman, wie man ihn oft schmerzlich vermisst: Ein Mörder. Ermittlungen, die im Dunkeln verlaufen. Ein vertracktes Rätsel. Und (um mich noch einmal zu wiederholen) Ermittler, die man nicht sofort in eine Suchttherapie oder eine Selbsthilfegruppe stecken möchte. Wenn man erst einmal seine Skepsis dem eher ungewöhnlichen Genremix gegenüber überwunden hat, ist Ersticktes Matt in erster Linie ein hervorragender Krimi, wie man ihn sonst vergeblich sucht in einem Setting, das dazu einlädt, sich auch mit den kleinen Details am Rande zu beschäftigen. Bis auf ein paar kleine Schönheitsfehler in der Verarbeitung und in der Covergestaltung (was allerdings Geschmackssache ist), habe ich – als jemand, der Krimis eher ablehnend gegenübersteht – kaum Etwas an dem Buch auszusetzen.

Weitere Informationen:

  • Paperback 440 Seiten, erschienen bei CreateSpace am 26.07.2016, ISBN: 978-1-535537933

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Die Perle unter Säuen – Das Flüstern der Pappeln [Rezension]

Die Perle unter Säuen – Das Flüstern der Pappeln [Rezension]

Der erste Satz

“Ich erwarte nichts von dir. Das habe ich nie.”

Zum Inhalt:

Hennie war lange weg, zum Studieren in einer anderen Stadt und im Ausland. Sie kehrt auf den elterlichen Hof zurück, fühlt sich verloren, weiß nicht, warum sie sauer ist und wohin ihr Leben führen will. Ihre Großmutter liegt sterbend im Bett und spricht nicht mehr. Vielleicht ist sie nicht mehr bei Sinnen. Dennoch liest Hennie ihr alte Briefe vor, die Woche für Woche zurückkommen und die die Großmutter in jungen Jahren an einen Mann schrieb. Und der ist nicht Hennies Großvater.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Bemerkt, wie kalt es geworden ist, weil ich mich im Frühling in den ersten Sonnenstrahl setzte und das Buch “nur mal anlesen” wollte. Und es dann wie im Wahn in einem Rutsch las.
  2. Geseufzt vor Glücksgefühl.
  3. Der Autorin geschrieben, dass ich ihr Buch fressen will.

Mein Eindruck zu Das Flüstern der Pappeln:

Ich meinte es ernst, ich habe es wirklich gefressen. Es ist sensibel, aber nicht jammernd oder kitschig. Es ist sanft, aber scheut sich nicht davor, echt zu sein. Ich wurde sofort reingezogen. Es ist weise. Dieses Buch sollte jeder in den 20ern lesen, finde ich. Das Buch ist Coming of Age für Erwachsene. How to be an adult. Viele Szenen spielen draußen im Feld, im Sumpf, im Wald. Dadurch und durch den sanften Schreibstil entwickelt sich eine ganze eigene Romantik, die bezirzt und nie in Kitsch abrutscht.

Stärken des Buchs:

Hennie ist ein toller Charakter, denn sie ist nicht geschaffen, wie wir alle gerne wären, sondern wie wir sind oder sein könnten. Hennie ist echt. Sie kann schön, aber auch hässlich sein und ich habe mich oft in ihr wiedererkannt. Damit schafft die Autorin etwas, das ich in anderen Büchern oft vermisse. Ich fühle mich in sterilen Buchwelten nicht wohl, das Leben soll nicht vereinfacht und romantisiert dargestellt werden. Einige lesen genau deswegen, um zu flüchten. Ich nicht. Dazu ist “Das Flüstern der Pappeln* nicht schwermütig, sondern fühlt sich leicht an. Erst am Ende merkt man, wie stark man durchgeschüttelt wurde. Außerdem hebt sich das Buch von der Masse ab. Es käut nicht altbekannte Muster wieder, die wir schon satt sind. Die Pappeln gehen ihren eigenen Weg und sind genau deswegen aufregend.

Schwächen des Buchs:

Die Stärken können für viele Schwächen bedeuten. Das Buch ist nichts für Leute, die sich bedudeln lassen wollen, die lesen, um zu flüchten. Dazu ist es gewöhnungsbedürftig gesetzt, nämlich gar nicht. Es hat Flattersatz und die Anführungszeichen sind deutsch, also Gänsefüßchen oben und unten. Das Cover ist farblich schlecht gestaltet und man kann den Klappentext nur schwer lesen. Dadurch geht das Buch unter und ich bin mir sicher, ich hätte es nicht gelesen. Aber ich bekam es geschenkt und ich muss sagen, jetzt finde ich die Gestaltung so fast toll. Gerade weil ich das Buch so liebe und weil es sich wie ein besonderer Fund anfühlt.

Mein Fazit:

Eine absolute Perle unter Säuen! Mehr muss ich nicht sagen, oder?

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 166 Seiten, erschienen bei CreateSpace am 17. Juni 2016, ISBN: 978-1-53342038-1

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Die deideste Abwärtsspirale ever – Die Optimierer [Rezension]

Die deideste Abwärtsspirale ever – Die Optimierer [Rezension]

Der erste Satz

Samson ließ das Lenkrad los und blickte nach draußen.

Zum Inhalt:


Samson Freitag ist ein Lebensberater. Die Geschichte spielt im viel zu heißen Spätsommer 2052, Samson ist wohnhaft in München, BEU. Die BEU ist die Bundesrepublik Europa, die sich vom Rest der Welt abgeschottet hat. Samson hat 980 Sozialpunkte. Für jede Wohltat erhält man welche. Die Lebensberatungen, die er durchführt, helfen der Gesellschaft ebenfalls und bringen ihn immer näher an die 1.000. Mit der Begrüßung “Jeder an seinem Platz!” tritt er bei Martina Fischer ein, die er für ihre zukünftige Arbeitsstelle beraten soll. Wer eine Lebenberatung per Unterschrift auf dem Vertrag annimmt, verpflichtet sich, das Beratungsergebnis anzunehmen. Bei Martina lautet die Empfehlung “Kontemplation”, was bedeutet, dass sie mit ihrem Bedingungslosen Grundeinkommen machen kann, was sie will, solange sie arbeitslos bleibt und keinem anderen einen Arbeitsplatz wegnimmt. Das findet Frau Fischer ganz und gar nicht deide1. Er geht seiner Arbeit nach, obwohl er von der Kommunikationslinse, einer modernen Form der Brillen mit integriertem Web-Portal, Gesichtsscanner, Navi, Messengern und allem, was dazugehört, Augen- und Kopfschmerzen bekommt. Seine Freundin ist eher mies und genervt drauf, sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, und seine Beförderung, die beim Erreichen von 1000 Sozialpunkten winkt, rückt plötzlich in die Ferne, weil nichts mehr läuft wie es eigentlich soll.

1 Deide ist ein Wort, das im Jahr 2052 als Ausdruck für “cool”, “nice” oder ähnliche Wörter verwendet wird.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Klappentext erneut gelesen
  2. Halbseitig gegrinst und einige tiefe Atemzüge genommen
  3. In den letzten Kapiteln geblättert und einige Passagen nochmal gelesen

 

Mein Eindruck zu Die Optimierer:

Die Utopie “Die Optimierer* habe ich eigentlich eher zufällig recht weit oben im Regal meiner Lieblingsbuchhandlung gefunden. Am Samstag um 17 Uhr tauschte ich es gegen runde zehn Euro ohne Wechselgeld, am Montag um 13:30 Uhr hatte ich es ausgelesen. Seit Ready Player One habe ich keine 100 Seiten mehr an einem Tag gelesen. Die Optimierer habe ich für meine Verhältnisse in Bestzeit gelesen, und ich war durch und durch süchtig nach dem Buch. Meine Faszination grenzt schon an Fanatismus, so sehr bin ich von diesem Buch begeistert. Daher zügele ich mich gerade beim Schreiben dieser Rezension zu “Die Optimierer”, um nicht zu viel zu verraten. Der Schreibstil ist glatt und rund, man ahnt nicht, dass es sich um ein Debüt handelt. Der Plot und die Welt im Jahr 2052 sind schlüssig, nicht komplett unrealistisch (wobei eine Jahreszahl hundert Jahre in der Zukunft der Sache mit den Robotern mehr Glaubwürdigkeit verliehen hätte) und spannend. Kurz vor dem Ende habe ich geahnt, was kommen wird. Die kleinen Details, die die Autorin eingestreut hat, um auf die Auflösung hinzuweisen, habe ich größenteils wahrgenommen, aber ich wette, wenn ich das Buch noch einmal lesen würde, würden mir zwischen Seite 260 und 304 sicherlich noch mehr Hinweise auffallen, die die Spannung maßlos in die Höhe treiben. Die Optimierer ist ein hervorragendes Buch. Grandios. Wow.

Stärken des Buchs:

Wo soll ich bei den Stärken von “Die Optimierer” anfangen? Die ersten 25 Buchseiten habe ich noch in der Buchhandlung weggesnackt. Nachdem mich Cover und Rückentext beeindruckt haben, kam ich nach den ersten meiner Meinung nach ziemlich schwachen fünf Seiten voll in der Handlung an. Was bei Zukunftssetting und einem ausgeklügelten Gesellschaftsmodell meist um die dreißig bis fünfzig Seiten braucht, ging enorm schnell. Die ersten Seiten empfinde ich als schwach, weil sich der Schreibstil der Autorin meiner Meinung nach über die gesamten 304 Seiten des Romans verbessert. Insgesamt wird die Handlung immer spannender, die Konflikte packender und das automatische Kopfkino beim Lesen lebendiger, je mehr man beim Lesen voranschreitet.
Eine deutliche Stärke sind dabei die kurzen Kapitel. Mit 52 Kapiteln haben diese eine Durchschnittslänge von weniger als sechs Seiten, so dass ich nach jedem einzelnen Kapitel dachte: “Eines lese ich noch, ist doch nur ganz kurz.” Dass ich durch diese Nur-noch-fünf-Minuten-Mentalität das gesamte Buch in weniger als 48 Stunden verputzt habe, spricht für sich. Die kurzen Kapitel sorgen aber nicht dafür, dass Sinnabschnitte zu früh unterbrochen werden oder die Welt drumherum zu kurz kommt, im Gegenteil: Alles hat seinen Platz. Es hat knappen Platz, der aber durchaus ausreichend ist.
Dennoch habe ich durch die Bank weg den Wunsch gehabt, dass das Buch mindestens 700 Seiten hat. Schon ab Seite 100 hab ich bedauert, ein Drittel des Buches ausgelesen zu haben und ich wollte es mir aufteilen wie eine Tafel Schokolade, die dann mir nichts dir nichts doch irgendwie verschwindet.
Die Welt, die Theresa Hannig um die Bundesrepublik Europa erbaut hat, erscheint mir extrem gut durchdacht. Die negativen Folgen eines Bedingungslosen Grundeinkommens, die Sicht der Schüler, die in die Generation der Optimalwohlgesellschaft auf die Vergangenheit und sämtliche technische Errungenschaften erscheinen mir realistisch. Ich habe kein einziges Plothole und keine Logikfehler gefunden. Die Welt saugt den Leser in sich auf, und man will in das Buch kriechen und selbst zu dieser Gesellschaft gehören (und einiges besser machen als Samson Freitag).
Der Schüler, an den ich beim Verfassen des letzten Absatzes denke, wird für seine sechzehn Jahre ziemlich doof dargestellt. Seine Artikulation lässt vermuten, dass ihn Schule kaum interessiert und er eher zu den Dummen gehört. In einer glattgebügelten utopischen Welt, in der es darum geht, jedem einen perfekten Arbeitsplatz zuzuordnen, ist es durchaus wichtig, auch solche Menschen zu berücksichtigen. Was von der Autorin eigentlich nur als Methode diente, über die Geschichte der BEU zwischen 2016 und 2052 zu referieren, erschien realistisch und hat die Umstände, unter denen die Bürger im Jahr 2052 in “Die Optimierer” leben, solide untermauert.
Auch im übrigen Roman passt die Weltenbeschreibung perfekt zur Handlung. Alles, was beschrieben wird, ist aus Sicht des Protagonisten auf irgendeine Art und Weise relevant und alles, wovon ich beim Lesen mehr wollte, kam im nächsten Absatz auf dem Silbertablett serviert.
Kurz vor dem Ende geschieht ein Plottwist, der mich ein bisschen an die Dystopie “Infiziert” von Elenor Avelle erinnert hat. Der Handlungsstrang wird hart abgebrochen, der Protagonist kommt in eine andere Umgebung und der Leser wird maximal verwirrt. Diese Verwirrung hat das Finale eingeleitet und in einem grandiosen Ende sämtliche Handlungsstränge und offenen Rätsel der vorherigen 260 Seiten aufgegriffen und erklärt.
Außerdem endet der Roman – okay sorry, der Spoiler muss sein – mit einer Frage. Wie genial ist das denn bitte? Ich erkläre mich hiermit offiziell zum Fangirl.

Eine neutrale Information:

Sexszenen sind in “Die Optimierer” sehr ausführlich beschrieben. Obwohl ich geschriebene Erotik nicht mag, sind die Szenen angenehm geschrieben, auch wenn sie für meinen gefühlten Genredurchschnitt zu ausführlich sind (eine bis zwei Buchseiten geht es mehrmals voll zur Sache). Wer eine Aversion gegen detailierte Erotik hat, würde diesem Buch definitiv Abzüge in der Gesamtbewertung geben. Ich persönlich konnte mich mit dem Sexualverhalten der Charaktere abfinden, fühlte mich nicht gestört und empfand die Sexszenen insgesamt als plot- und weltrelevant und sinnvoll. Daher ignoriere ich hinsichtlich der Gesamtwertung, dass es eigentlich zu viel für meinen Geschmack ist. Dennoch ist es mir wichtig, diese Information im Buch unterzubringen.
Darüber hinaus befindet sich im ersten Drittel des Buches die typische Spiegel-Szene. Das Äußere des Protagonisten Samsons wird beschrieben, indem er sich selbst im Spiegel ansieht. Für meine Autorenkollegen ist das sicher eine nette Info am Rande 😉

Schwächen des Buchs:

Willkommen zum Meckern auf hohem Nivaeu. Auch, wenn “Die Optimierer” meine erste 5-Sterne-Bewertung in der Weltenbibliothek und für mich auch die erste Höchstwertung im Jahr 2018 hervorgerufen haben, möchte ich die Schwächen herausstellen.
Zu meinem Erstaunen enthält das Buch ziemlich viele Kommafehler. Für das, was ich von Bastei Lübbe gewohnt bin, sind sie mir recht häufig aufgefallen. Ausgerechnet auf den letzten Seiten findet sich ein fetter Das-Dass-Fehler, der mir sauer aufgestoßen ist.
Die Motivation des Protagonisten, alles haargenau zu machen, ist nicht 100 %-ig sauber herausgearbeitet worden. Durch mehr Information über den Spleen des Protagonisten oder über seine Bedeutung von Genauigkeit, weshalb der Kernkonflikt überhaupt ins Rollen kommt, hätten der Geschichte durchaus gut getan.
Ein paar Ticks der Autorin habe ich ebenfalls beim Lesen herausgestellt. Während in meinen Romanen ständig Augenbrauen gehoben, Köpfe schiefgelegt oder mit den Augen gerollt wird, hat Theresa Hannig augenscheinlich eine Vorliebe für knackende Kiefer, trockene Rachen und das sich ständig wiederholende Über-die-Lippen-lecken. Das ist ziemlich repetetiv, und auch, wenn es den sich verschlechternden Gesundheitsstatus des Protagonisten verdeutlichen soll, gingen mir diese drei Wiederholungen dann doch auf die Nerven.
Die Offenbarung des Hintergrundes, der Ercan Bösers wahre Motivation / Rolle darstellt, kam mir zu sehr im Infodump. Das letzte Kapitel hat mich nicht wirklich befriedigt. Ich kann aber nicht sagen, ob das daran liegt, dass ich mir noch immer wünsche, das Buch hätte 700 Seiten oder ich hätte Fortsetzungen davon im Regal stehen. Ich bin nur unbefriedigt in dem Sinne, als dass ich ewig weiterlesen möchte, daher ist diese Schwäche mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Mein Fazit:

Es würde mich nicht wundern, wenn Die Optimierer verfilmt werden. Im Gegenteil: Ich erwarte, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre eine Verfilmung anstehen wird. Der Plot eignet sich dafür, sodass der Film nicht viel vom Buch vernachlässigen oder über Bord werfen müsste. Die Optimierer ist eine durch und durch gelungene Utopie, die ich ausnahmslos jedem Liebhaber zukünftiger Gesellschaftsmodelle empfehlen möchte.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 304 Seiten, erschienen bei Bastei Lübbe am 29.09.2017, ISBN: 978-3-404-20887-6

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Ein Kinofilm zwischen Buchdeckeln – Illuminae [Rezension]

Ein Kinofilm zwischen Buchdeckeln – Illuminae [Rezension]

Der erste Satz

Verehrte Geschäftsleitung, hier nun die Datei, die mich fast das Leben gekostet hätte.

Zum Inhalt:

Das Jahr 2575: In der Schule dachte Kady Grant, die Trennung von ihrem Freund Ezra wäre das Schlimmste, das ihr an diesem Tag passieren kann – Bis am Nachmittag ihr Planet angegriffen wird. Aus heiterem Himmel tauchen Kampfraumschiffe eines intergalaktischen Konzerns auf, der sich ohne Rücksicht auf Verluste den Planeten unter den Nagel reißen will. Mit drei Raumschiffen gelingt einem Teil der Zivilbevölkerung die Flucht von Kerenza. Kady und Ezra gelangen dabei auf unterschiedliche Schiffe. Einen feindlichen Zerstörer Lincoln immer dicht auf den Fersen.
Doch damit nicht genug: Auf der Flucht wird die Besatzung von einem mutierenden Virus geplagt, das bei den Angriffen auf Kerenza als biologische Waffe eingesetzt wurde.
Und dann wäre da noch AIDAN, die KI des Schlachtkreuzers Alexander, die von der Sauerstoffversorgung bis hin zu den Atomraketen alles an Bord steuern kann und mehr und mehr den Verstand zu verlieren scheint.

Die ersten Drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mit ganz kleinen Tränen in den Augen einen erleichterten Seufzer ausgestoßen.
  2. Das Buch zugeklappt und das Ende auf mich wirken lassen.
  3. Getwittert, dass ich den höllischen (im positiven Sinn) Ritt hinter mir habe.

Mein Eindruck zu Illuminae:

Illuminae fällt auf. Die erste Überraschung ist sicherlich der halbtransparente Schutzumschlag über dem auch darunter sehr liebevoll gestalteten Cover. Wenn man dann allerdings das Buch eine Weile in der Hand hält und ein bisschen durch die Seiten blättert, schießt nur ein einziger Gedanke in Richtung Cover durch den Kopf: »Wie langweilig«.
Nein, wirklich. Im Vergleich zu den einzelnen Seiten ist die Covergestaltung nahezu langweilig. Seiten in einem Buch sind immer schwarze Schrift auf weißen (okay, cremefarben) Papier? Weit gefehlt. In Illuminae ist jede Seite ein Kunstwerk. Das Buch enthält Chatprotokolle, E-Mails, Berichte und Seiten, auf denen sich der Text nicht an die normale Orientierung in waagerechten Zeilen hält. Dazwischen reihen sich Illustrationen zu den Raumschiffen und Pläne derselben ein.
Illuminae hat – anders als fast alle anderen Romane – keinen durchgehenden Handlungsstrang. Klar, es gibt einen roten Faden, der sich von vorne nach hinten durchzieht. Im Wesentlichen ist Illuminae aber ein riesiges Puzzle, bei dem der Leser nach und nach die einzelnen Teile zugeworfen bekommt und selbst entscheiden muss, was er mit den gewonnenen Informationen anfangen will.

Stärken des Buchs:

Das Buch fällt auf. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Arbeit in der Gestaltung des Buches gesteckt hat. Von der ersten bis zur letzten Seite ist Illuminae mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden. Dieses Buch ist kein Roman, sondern nicht weniger als ein gedruckter Kinofilm (die Filmrechte wurden kurz nach Erscheinen der englischen Originalausgabe verkauft).
Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass Illuminae die Tätigkeit des Lesens auf ein völlig neues Level hebt. Besonders gut gelungen ist dem Autorenduo das Verstricken vieler unterschiedlicher Sichtweisen zu einem großen Ganzen, das sich ziemlich gut weglesen lässt. Besonders spannend sind hier übrigens die Einblicke in die Gedankenwelt von AIDAN, die man besonders zum Ende des Buches bekommt.

Schwächen des Buchs:

Man muss eindeutig dafür gemacht sein und Rätseln zumindest nicht völlig abgeneigt sein. Illuminae ist kein Buch, das man einfach mal so nebenbei liest. Man muss es Seite für Seite aufmerksam verfolgen, um nicht am Ende ein wichtiges Puzzleteil übersehen zu haben.
Was aber wirklich stört ist ein Punkt, den ich schon bei den Stärken angesprochen habe: Die Gestaltung. Es gibt zwischendrin Seiten, die entweder komplett leer sind, nur drei Wörter oder gar nur ein einziges Wort (und das dafür zig Mal) beinhalten. Stellenweise nimmt das Umblättern mehr Zeit in Anspruch als man für das Lesen braucht. Auch Ezras Liebeserklärungen an Kady hätten ein wenig dezenter ausfallen können. Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau und eher ein Abzug in der B-Note.

Mein Fazit:

Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich wirklich restlos begeistern konnte. Illuminae ist einer der wenigen Ausnahmefälle. Den zwischenzeitlichen Hype um dieses Buch im deutschsprachigen Bookstagram finde ich durchaus berechtigt. Illuminae* ist ein actionreicher Kinofilm zwischen zwei Buchdeckeln und ein Kunstwerk für sich. Stellenweise hätte man es gestaltungstechnisch ruhiger angehen lassen können, insgesamt stören diese Patzer aber den Gesamteindruck nicht. Illuminae definiert das Lesen neu. Ich bin gespannt, was uns da noch erwartet.
Eine klare Leseempfehlung – nicht nur für eingefleischte Science-Fiction-Fans.


Weitere Informationen:

  • Hardcover 604 Seiten, erschienen bei dtv am 13.10.2017, ISBN: 978-3-423-76183-3

Andere Leseeindrücke:

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

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