Schlagwort: 4 Herzen

Die sympathischste Crew des Universums – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten [Rezension]

Die sympathischste Crew des Universums – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten [Rezension]

Der erste Satz

Als sie in der Kapsel die Augen aufschlug, erinnerte sie sich an dreierlei.

Zum Inhalt:


Rosemary kommt vom Mars auf die Wayfarer – ein abgewracktes, aber zweckmäßig funktionierendes Schiff. Unter Captain Ashby arbeiten dort nicht nur Menschen, sondern Angehörige unterschiedlicher Spezies, um mit dem Tunnlerschiff Wurmlöcher in den Raum zu stoßen. Rosemary arbeitet als Verwaltungsassistentin und durch die Einstellung einer solchen qualifiziert Ashby sich und seine Crew dazu, einen großen Auftrag anzunehmen. Eine lange Reise beginnt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich habe gelächelt
  2. Das Bild von Sissix ging nicht aus meinem Kopf raus
  3. Ich habe Florian, der gerade “Zwischen zwei Sternen” las, gefragt, ob Lovey darin vorkommt.

Mein Eindruck zu Der lange Weg zu einem zornigen Planeten:

Dieser Roman von Becky Chambers ist gut zu lesen und die perfekte Methode, mich als Weltraum-Muffel an Science Fiction mit Raumschiffen heranzuführen. Ich kann interplanetarische Kriege nicht leiden, halte Star Wars, Star Trek und ähnliches für affig und redundant, und mit Aliens braucht man mir gar nicht erst kommen. In “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten* geht es zwar um Raumschiffe und Aliens, aber auf eine sehr sympathische Weise. Die Crew auf dem Tunnlerschiff macht nur ihren Job, und Kriege geschehen irgendwo in der Ferne – damit haben die Leute an Bord der Wayfarer nichts zu tun. Becky Chambers hat mir gezeigt, dass Science Ficiton mit Raumschiffen unfassbar sympathisch und spaßig sein kann und ich bin sehr, sehr dankbar, dieses Buch zum Geburtstag im letzten Dezember geschenkt bekommen zu haben.

Stärken des Buchs:

Die größte Stärke von “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” ist definitiv die Crew. Dr. Koch ist das sympathischste Wesen, das ich jemals getroffen habe, und auch die Charaktere von Ashby, Corbin, Sissix, Rosemary, Lovey, Jenks und Kizzy sind äußerst schlüssig. Jeder hat so seine Eigenheiten, ohne dass man das Gefühl hat, die Figuren würden nur existieren, damit sie irgendeine Rolle erfüllen oder damit Becky Chambers konträre Charaktere einbauen könnte. Die gesamte Crew ist lustig, schlüssig und sympathisch. Auch die Beziehungen untereinander werden mit liebevollen Details und durch herausragende Dialoge unterstrichen, so dass sie alle noch lebendiger wirken.

Eine weitere Stärke ist, wie die Autorin das Geheimnis um Rosemary anreißt. Es wird hervorragend angedeutet und kaum vergisst man es beim Lesen, kommt eine weitere Schlinge, die den Leser an den Plot erinnert.

Informationen über beispielsweise die KI als vernunftbegabtes Individuum oder das Sianatpaar mit seinem Flüsterer und der schwierigen Kultur hinsichtlich einer alles entscheidenden Frage in der Gestaltung des Sianat-Lebens werden an den richtigen Stellen eingeworfen. Ich habe zu jedem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, dass Infodumps und Beschreibungen relevant waren. Eine klare Stärke: Das Buch lässt sich flüssig lesen und ist “rund”.

Unter’m Strich macht es einfach Spaß – richtigen Spaß –, dieses Buch zu lesen. Ich habe es sehr genossen und möchte noch einmal betonen, dass die Figuren und Beziehungen so dermaßen gut sind, dass die doch zahlreichen Schwächen, die ich im Folgenden dieser Rezension aufzählen werde, diese Stärke nicht aufwiegen können.

Eine neutrale Information:

Etwa gegen Seite 109 wird in einem gefühlt ewigen Dialog erklärt, wie Wurmlöcher funktionieren. Ich halte diese Erklärung für ziemlich schwierig formuliert und weiß nicht, ob ich den Text verstanden hätte, wenn ich nicht vorher schon gewusst hätte, was die Autorin an dieser Stelle sagen wollte. Wer nicht zufällig ohnehin nerdiger Fan von Astronomie ist, könnte ein paar Schwierigkeiten bekommen.

Schwächen des Buchs:

Es braucht ein wenig, bis man ins Buch reinkommt. Erst ab etwa 30 – 60 Seiten kam ich in die Welt hinein, was bei einer solch anderen Welt im Vergleich zu unserer und den vielen unterschiedlichen Spezies absolut verständlich und in Ordnung ist. Dennoch erachte ich den Anfang von “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” als ungelenk geschrieben. Die Charaktere wurden zu sehr im Infodump eingeführt und ich wollte mir zunächst kaum die Mühe machen, mir die Namen und Spezies zu merken. Nach den besagten Seiten funktioniert das aber fast von allein, daher geht diese Schwäche nicht so sehr ins Gewicht. Bleibt einfach dran; auch die unkommentierten bzw. nicht erklärten technischen Geräte leuchten dem Leser irgendwann einfach ein.

Eine weiter Schwäche ist der Plot. In “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” ist der Plot relativ flach, es passiert eher wenig und die Stärken der Autorin liegen ganz klar im Weltenbau und im Charakterdesign. Es hat mich beim Lesen nicht gestört, aber erwartet bitte keinen unendlich spannenden Showdown am Ende, bei dem eine wahnsinnige Epiphanie die Persönlichkeiten und Leben der Charaktere verändert. Müsste ich den Plot mit Musik vergleichen, wäre “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” eher angenehme Hintergrundmusik als eine mitreißende Symphonie mit  herunterbrechendem Finale am Ende.

Darüber hinaus sind mir die Kapitel zu lang. Ich hätte es schön gefunden, wenn pro Kapitel nur eine Perspektive eingenommen wird; denn das hat ab und zu zu Stolperern geführt. Es war mir häufig nicht möglich, ein Kapitel vor dem Schlafengehen zu lesen, weil es zu lang war und ich mitten drin unterbrechen musste.

Die letzte Schwäche, die ich ansprechen möchte, betrifft das deutsche Korrektorat der Übersetzung. Man merkt, wenn man aufmerksam liest, dass die deutschen Mitarbeiter schnell fertig werden wollten. Da war wohl eine Frist recht fortgeschritten, sodass sämtliche das-dass-Fehler (vier an der Zahl) im letzten Sechstel (!) des Buches vorkommen. Was mit ausgezeichneter Orthografie und Grammatik beginnt, schwächelt am Ende immer mehr, und das empfinde ich als äußerst schade.

Mein Fazit:

Kennst du das, wenn man einfach nur verliebt ist, ohne dass es dazu gute Gründe gibt? So geht es mir mit diesem Buch. Ich habe mehr Schwächen als Stärken aufgelistet, aber ich bin einfach in dieses Buch verliebt. Ich bin sehr glücklich, dieses Buch gelesen zu haben. “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” hat mir sehr viel Spaß gemacht, obwohl ich bevorzugt eher Science Fiction ohne Raumschiffe lese. Zum entspannten Entwicklung einer Lesesucht ist dieser Roman definitiv hervorragend geeignet.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 544 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 27.10.2016, ISBN: 978-3-596-03568-7

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Der erste Satz

»Beginnen wir mit einer schlichten Hypothese: Stellt euch vor, die Welt, in der ihr lebt, ist nicht die einzige, die existiert. Es gibt Millionen Universen, die wie Fäden neben-, unter-, über- und ineinander verlaufen, ohne sich jemals zu berühren.«

Zum Inhalt:

Der Protagonist ist Vanjar Belaquar, ein Weltenwanderer, der für die LOG (L`Organisation Gris) arbeitet, um die paranormale Weltbevölkerung vor dem unwissenden Teil zu schützen. Bisweilen auch andersherum.

Doch wie das so ist, gehen auch in einer Geheimorganisation der paranormalen Gesellschaft Dinge schief und die Reaktivierung eines alten Teams für Sonderermittlungen bringt den Stein eines seltsamen Falls erst so richtig ins Rollen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Hund ausgeführt, um den Showdown am Ende des Buches besser verdauen zu können.
  2. Das Buch zu den anderen Büchern in mein Regal gestellt. Mit dem Cover voran, zu meinen anderen Lieblingsbüchern.
  3. Eine Nacht über das Buch geschlafen, bevor ich mich an die Rezension setzte.

Mein Eindruck zu Narrenlauf:

Ich möchte mich auf diesem Weg noch einmal bei der Autorin bedanken, der ich spätestens seit unserer ersten Begegnung auf dem M’era Luna damit in den Ohren liege, dass ich ihr Buch auf jeden Fall lesen wollte, wenn es erschienen ist. Tja, nun ist der Erscheinungstag endlich da und das – für ein Debüt mit 540 Seiten recht dicke – Buch liegt ausgelesen neben mir.

Schon als ich das Buch in der Hand hielt war ich hellauf begeistert. Nicht nur, dass die Autorin passende Buttons, ein Lesezeichen (Blogger stehen auf solches Klimbim) und einen Beutel guten Schwarztee dazu gelegt hat. Nein, das Buch ist Urban Fantasy und spielt in Paris (die Handlung beginnt zwar in Tokio, aber wir wollen nicht kleinlich sein) statt wie jeder 0815-Urban-Fantasy-Roman in London oder wenigstens in England. Außerdem fällt das Buch in jedem Fantasy-Regal auf. Gefühlt ist es eine Konvention geworden, Fantasycover entweder schwarz (oder wenigstens sehr dunkel) oder sehr farbenfroh zu gestalten. Narrenlauf* hingegen schmückt sich mit einem minimalistisch gestalteten Cover ganz in weiß ohne unnötigen Schnickschnack. In Kombination mit dem Klappentext war es dann auch ziemlich schnell um mich geschehen. Ich gebe es nur zu gerne zu: Carolin, ich bin schon ein bisschen verliebt in dein Buch.

Aber zurück zum Inhalt: Man wird hier relativ sanft in Form einer pseudo-wissenschaftlichen Vorlesung über das Multiversum und Magie eingeführt. Auch wenn man ein paar hundert Seiten braucht, um dahinter zu steigen, was dieser Prolog eigentlich sollte, ist das eine mehr als gelungene Einleitung.

Direkt danach wird die Handbremse mit einem Schwenk in das Gris-Quartier in Tokio direkt zu Vanjar Belaquar ein bisschen gelockert. Und dann passiert erst einmal nichts. Ich war drauf und dran, der Autorin eine nette Nachricht per Twitter zu schreiben, wo denn bitte die Handlung einsetzt. Aber als ich dann tatsächlich bemerkt hatte, dass das was mir fehlte, die Handlung war, war ich auch schon bei Seite 200 angelangt. Im Nachhinein betrachtet bin ich sogar ziemlich froh über die recht ausufernde Einleitung, was für einen ersten Band einer Reihe aber auch völlig in Ordnung ist. Und sobald die Handlung einmal “wirklich” eingesetzt hat, gelangt die Geschichte auch ohne größere Hänger an den Showdown.

Stärken des Buchs:

Bereits das erste Kapitel lässt erahnen, dass man das Buch mit einer gewissen Portion Nerd-Humor nehmen sollte. Allein deshalb war ich schon voll dabei. Außerdem wurde ich von Carolin bereits vorgewarnt, dass es die eine oder andere Anspielung auf Film und Literatur geben wird. Nun, – Achtung Spoiler – das Hauptquartier der L’ Organisation Gris mit der Tardis zu vergleichen, ist schon ein netter Schachzug. Wo wir schon dabei sind: Der äußerliche Aufbau in vier Züge ist äußerst gelungen. Und ja, es könnte vielleicht nicht schaden, die Grundzüge der Schachkunst zu kennen, bevor man sich Narrenlauf zu Gemüte führt. Warum das trotzdem eine Stärke ist? Man kommt auch dann dahinter, wenn man von Schach überhaupt keine Ahnung hat. Ich habe es selbst ausprobiert. Auch in Fußnoten und den Kapitelüberschriften (bzw. deren Datumsangaben) lässt sich eine ordentliche Prise Humor finden. Ja, verdammt, es ist immer noch der selbe Dienstag!

Schwächen des Buchs:

Kommen wir nun zu dem Teil, den ich bei Rezensionen immer relativ ungern schreibe, besonders wenn mir ein Buch an sich gut gefallen hat.

Zwei Dinge – die ich an dieser Stelle bitte unter “Schönheitsfehler” laufen lassen möchte – haben mich beim Lesen dann doch hin und wieder gestört. Zum Einen hat sich das Lektorat den einen oder anderen Patzer erlaubt. So fehlt an mindestens einer Stelle (die ich leider gerade nicht im Kopf habe) ein Wort und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob man an Weihnachten tatsächlich von “Heilig Abend” spricht. Zum Anderen eben die hin und wieder fehlende Handlung. Die Autorin versteht es ziemlich gut, mit Hintergrundinformationen über langatmige Stellen hinweg zu kommen. Aber insgesamt habe ich den diffusen Eindruck, dass man die ganze Geschichte auch in fünfzig Seiten weniger hätte erzählen können. Es wird nicht langweilig, aber der Spannungsbogen ist doch ein bisschen ungleichmäßig verteilt.

Mein Fazit:

Insgesamt war Narrenlauf ein hervorragendes Lese- und Reiseerlebnis, das seinen Platz neben Victoria Schwab (ja, auch meine Lieblingsbücher sind alphabetisch nach dem Nachnamen der Autoren sortiert) redlich verdient hat. Nur leider werde ich irgendwie das Gefühl nicht los, dass Narrenlauf an den typischen Krankheiten eines Debütromans leidet. Für meinen Geschmack vermeidbare Längen und (zum Glück wenige) Fehler, die das Lektorat allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt haben, lassen das Buch haarscharf an meiner persönlichen Bestwertung vorbeischrammen. Von mir gibt es für das Leseerlebnis den Stempel “sehr gutes Debüt” und für den Gesamteindruck (auch und weil ich Hardcover liebe) ein “exzellent, mit Schönheitsfehlern”.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 540 Seiten, erschienen bei Tredition am 18.02.2018, ISBN: 978-3-7439–8482-0

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Let’s Nerd – Ready Player One [Rezension]

Let’s Nerd – Ready Player One [Rezension]

Der erste Satz

Jeder in meinem Alter erinnert sich daran, wo er war und was er gerade getan hat, als er zum ersten Mal von dem Wettbewerb hörte.

Zum Inhalt:

In Ready Player One begleiten wir Wade in einer Welt, die nach außen hin dystopisch ist. Es gibt Hunger und Elend, Überbevölkerung und Wirtschaftskonzerne, die Schuldner zur Zwangsarbeit rekrutieren dürfen. Aber davon bekommt man nicht viel mit, denn Ready Player One dreht sich um die OASIS. Eine virtuelle Welt, die Milliarden von Spielern ermöglicht, ein Online-Leben zu führen. Arbeiten, Leben, Dating und der High School Unterricht können in der digitalen Welt stattfinden, und mit Videobrillen und haptischen Anzügen wird die OASIS zur gedachten Realität. Wade O. Watts ist ein High School Student, der in den Stacks lebt, einer Wohnwagensiedlung, die aus nach oben gestapelten Wohnwagen besteht, damit die armen Leute, die dort leben, irgendwie unterkommen können. Er geht auf dem virtuellen Planeten Ludus zur Schule und verbringt nach und vor dem Unterricht jede freie Minute, sich mit den 80ern auseinanderzusetzen. Halliday, einer der beiden OASIS-Erfinder und Gründer von GSS, das Unternehmen, das die OASIS entwickelt hat, ist nämlich verstorben und hat sein gesamtes Erbe demjenigen versprochen, der sein Easter Egg findet. Diejenigen, die nach dem Easter Egg suchen, werden Jäger genannt, und Wade ist mit seinem Avatar Parzival einer derer, die für sich alleine nach dem Easter Egg suchen. Daneben gibt es noch Clans und die Firma IOI, die den Wettbewerb über Jahre hinweg spannend machen. IOI ist hier der klare Antagonist: Wenn sie das Easter Egg finden, … im Ernst, sie sollten es nicht finden. Was als Suche nach einem Easter Egg und Reichtum beginnt, entwickelt sich schnell zu einer atemberaubenden Geschichte, die den Leser immer wieder hin und her wirft und in regelmäßigen Abständen mit 80er- und Videospielinformationen versorgt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Einen Laut von mir geben. Keine Ahnung, wie genau der war und was der sollte, aber es war mir ein Bedürfnis, geräuschvoll auszuatmen.
  2. „Das Ende von Ready Player One ist befriedigend und nicht“ als WhatsApp an besagten guten Freund geschickt
  3. Armada von Ernest Cline in der Buchhandlung meines Vertrauens reservieren lassen

Mein Eindruck zu Ready Player One:

Ich bin total angefixt. Durch Ready Player One von Ernest Cline habe ich meine nerdige Seite (wieder-) entdeckt. Immer, wenn rauskam, was sich Halliday für den nächsten Schritt ausgedacht hatte, war ich Feuer und Flamme, musste grinsen über die Genialität und die ganzen Easter Eggs, die ich entdeckt habe. Denn neben der Suche nach dem Easter Egg, um das sich der Roman aus dem Hause Fischer Tor dreht, befinden sich im Text selbst ständig kleine Easter Eggs, die zum Schmunzeln anregen. Art3mis, Aech und Parzival sind höchst interessante Charaktere und wirken authentisch und real, obwohl man sie nur als Avatare, also selbst designten Computerspielfiguren kennenlernt, die unter falscher Identität und mit Stimmverzerrung agieren können. Ich empfehle dieses Buch jedem, dessen Herz ein bisschen nerdig ist. Für mich war Ready Player One der Einstieg in ein neues Genre. Ein guter Freund hat es mir empfohlen und ausgeliehen, und ich hätte nicht gedacht, dass ich die 540 Seiten innerhalb von vierzehn Tagen lesen würde. Die teilweisen Cliffhanger an den Enden der Kapitel sind meines Erachtens perfekt gewählt. Es gibt, bis auf beim Show-Down am Ende, keine quälend spannenden Stellen, sondern immer wieder Szenen und Kapitel zum Durchatmen, trotzdem will man durchgehend wissen, wie es weitergeht.

Stärken des Buchs:

Klare Stärken sind der Schreibstil und – ich finde, heutzutage muss man sowas auch mal lobend erwähnen – die Übersetz- und Korrekturarbeit von Fischer Tor. Durch die Übersetzung ins Deutsche ging nichts verloren, jedenfalls nicht so, dass ich es negativ bemerkt hätte. Die Orthografie ist einwandfrei, nur auf den letzten 150 Seiten schlichen sich immer mal Kommafehler und solche, die ich optional anders gesetzt hatte, ein. In wem ein bisschen Grammarnazi steckt, der solle doch bitte auf das Wort „nachdem“ achten. Vor diesem Wort gibt es nämlich kein Komma. Nie. Never ever. Auch wenn damit ein Nebensatzkonstrukt eingeleitet wird, bei dem ein jeder das Komma sogar in der gesprochenen Sprache hören würde.
Weiterhin stark finde ich das große Ganze. Der Mix aus Innen- und Außenansicht des Protagonisten ist sinnvoll gewählt; aus der Ich-Erzählperspektive habe ich schon Romane erlebt, in denen es zu viel ums Innenleben geht. Der Sprachstil ist einheitlich und rundet das ganze Buch ab.
Sämtliche Handlungsstränge (bis auf einer) werden zu Ende erzählt und gehen ineinander auf. Mir gefällt der lineare, chronologische Erzählstil, der trotz personaler Erzählperspektive manchmal doch ein bisschen allwissend ist, und ich fühlte mich sehr in das Buch gesogen.
Große Klasse ist auch – für mich als Autorin – die Einteilung des Romans in drei Level. Hier wird einem die 3-Akt-Struktur offengelegt. Irgendwie charmant.

Schwächen des Buchs:

Kommen wir zu den Schwächen von Ready Player One.
Kurz vor „Level 3“ geschieht etwas unfassbar Geniales im Plot, und dann flacht die Geschichte so sehr ab und zerfasert, dass das Buch schon fast schlecht wird. Über zwanzig Seiten habe ich mich gefragt, was der Autor da macht und was das soll, und ich glaube, dieser Abschnitt war dann auch nicht mehr wichtig, aber mit dem Auftakt von Level 3 hat das Buch das alles wieder wettgemacht.
Der Handlungsstrang, beziehungsweise das Rätsel, das nicht zu Ende geführt wird, ließ mich die Nachricht an meinen Freund schicken. Das Ende ist befriedigend und nicht. Es ist einerseits abgeschlossen, andererseits offen, und irgendwie könnte ein zweiter Teil folgen, aber man wünscht es sich nicht. Denn die Geschichte spinnt im Kopf des Lesers weiter, und wenn man etwas genauer nachdenkt, verändert sich das Gefühl der wohlig warmen Auflösung der Geschichte in ein Erschüttern, wenn man den dystopischen Charakter wieder hervorholt.
Darüber hinaus gibt es etwa drei oder vier Kapitel, die aus reinem Infodump bestehen. Man muss schon sehr von der Spannung der vorherigen Kapitel angezogen worden sein, oder vollkommen in den kleinsten Details der 80er aufgehen und sich damit identifizieren können, um über diese Infodumps hinwegzusehen und sie dennoch konzentriert zu lesen.

Mein Fazit:

Bis auf ein paar kleine Schwächen, über die ich hinwegsehen möchte, liebe ich dieses Buch abgöttisch. Ich habe gerade beim Schreiben der Rezension den Impuls, es noch einmal zu lesen, um noch mehr zu entdecken. Als 90er-Kind habe ich sicher nicht alles verstanden und entdeckt, was jemand, der in den 80ern schon gelebt hat, heute in Ernest Clines Meisterwerk finden würde. Dennoch freue ich mich enorm darauf, am 5. April ins Kino zu gehen und mir die Verfilmung von Ready Player One* anzusehen. Der Autor hat mir ein neues Genre geöffnet, bei welchem ich kaum erwarten kann, mir weitere Geschichten einzuverleiben. Eine klare Kaufempfehlung für alle Nerds und Easter Egg Jäger da draußen!


Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 544 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 27.04.2017, ISBN: 978-3-596-29659-0

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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