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Nährwertlevel Pappkarton – Das Wunder des Pfirsichgartens [Rezension]

Nährwertlevel Pappkarton – Das Wunder des Pfirsichgartens [Rezension]

Der erste Satz

Just an dem Tag, als Paxton Osgood die Schachtel mit den gefütterten, von einem Killigrafen beschrifteten Premiumkuverts zur Post brachte, begann es so heftig zu regnen, dass die Luft weiß wurde, wie gebleichte Baumwolle.

Zum Inhalt:


Willa Jackson führt ein ruhiges Leben in einer amerikanischen Kleinstadt. Bis zu dem Tag, als Paxton Osgood den Ort zur Neueröffnung der alten, geheimnisvollen Villa auf dem Hügel lädt, die fortan als Hotel dienen soll. Diese Einladung erinnert Willa nicht nur an ihre schmerzhafte Vergangenheit, sondern konfrontiert sie auch mit Paxtons gutaussehendem Zwillingsbruder Colin.

Kein Wunder also, dass sie sich weder mit der Einladung, noch mit den beiden Geschwistern auseinandersetzen will. Als jedoch der alte Pfirsichbaum auf dem Grundstück gefällt wird, gibt es jedoch kein Entkommen mehr. Die Ereignisse zwingen sie, sich mit Colin und seiner Schwester zu verbünden, um ihrer Familiengeschichte und einem alten Geheimnis auf die Schliche zu kommen, das mit ihren Großmüttern ihren Anfang nahm.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Aus dem Flugzeug steigen.
  2. Nach Hause fahren.
  3. Das Buch zum Stapel für die Caritas legen und am nächsten Tag entsorgen.

Mein Eindruck zu Das Wunder des Pfirsichgartens:

Als ich im Februar nach London geflogen bin, dachte ich mir, ein kleiner, feiner Liebesroman wäre genau das Richtige, um die englische Kälte zu vertreiben. Die Autorin gilt als großartige Romantikerin, das Cover war ansprechend und dieser Duft aus Magie und Geheimnisvollem, die dem Klappentext anhaftete, wirkte ausgesprochen betörend.

Voller Vorfreude habe ich mich also im Flugzeug zurück (am Hinweg hatte ich keine Zeit zu lesen) an die Lektüre gemacht – und das Buch glatt in einem Zug ausgelesen. Das klingt, gerade für mich, die seit langem kein Buch mehr so schnell durch hatte, natürlich sehr beeindruckend. Leider war genau das Gegenteil der Fall. Nicht die atemlose Spannung hat mich nämlich vorangetrieben, sondern pure Langeweile und ein Mangel an Alternativen. Die Handlung war ganz nett, die Protagonisten okay, die Sprache recht angenehm. Trotzdem war alles irgendwie leer. So, als hätte die Autorin sich ein paar Zeilen Notizen gemacht und rundherum dann ein paar Worte ausgeschmückt, bis das ganze eine annehmbare Länge hatte. Kein wirklicher Liebesroman, kein historischer Roman, kein Roman über Charakterentwicklung und die Magie war eigentlich keine Magie, sondern ein schmückendes Beiwerk, das sie zwar erwähnt, aber das eigentlich für die Handlung völlig egal ist. Als hätte sie sich an allem versucht und wäre als Resultat zwischen allen Varianten durchgefallen. Einzige Rettung: die Beschreibungen. Doch auch diese konnten die mangelnde Tiefe der Charaktere oder der Handlung nicht aufwiegen. Die ganze Lektüre ging mit einem Gefühl neutraler Gleichgültigkeit einher, und auch als ich das Buch beendet hatte, war da kein Hochgefühl, kein negativer Nachgeschmack – es war, als hätte ich das Buch gar nicht gelesen. Der Hauptgrund, warum das Buch sofort auf den Bücherflohmarkt gewandert ist.

Stärken des Buchs:

Am positivsten in Erinnerung geblieben ist mir mit großem Abstand die schöne Ausdrucksweise der Autorin. Viele Metaphern, schöne Ausschmückungen, ordentliche Dialoge und bildhafte Beschreibungen schaffen eine schöne örtliche Atmosphäre. Wenn ich an das Buch denke, sehe ich Wasserfälle, rieche den Duft von Pfirsich und spüre Schlamm an meinen Stiefeln. Auch noch als Stärke hervorzuheben ist die grundsätzliche Auswahl der Charaktere: man bleibt verschont von den üblichen Klischees. Willa ist keine dumme Nuss, die sich nach Liebe verzehrt, Paxton keine bösartige Intrigantin und Colin zwar gutaussehend, aber irgendwie auch nicht auf die klassische 08/15 Art und Weise. Eigentlich ein vielversprechendes Potential.

Schwächen des Buchs:

Wenn da nicht die Umsetzung gewesen wäre. Die Charaktere, so abwechslungsreich sie auch angelegt wurden, wirkten irgendwie deplatziert in ihrer Handlung. Die potentialträchtige Willa blieb das ganze Buch über irgendwie passiv; Paxton wurde zwar großartig eingeführt, hatte aber irgendwie kein Entwicklungspotential und Colin, der ebenfalls das Zeug zu einem wirklich einzigartigen Charakter gehabt hätte, wurde auf nach einer anfänglich vielversprechenden Einführung irgendwie plötzlich blass. Dasselbe gilt für die Handlung: Die Grundidee der Geschichte war richtig gut. Ein altes Familiengeheimnis, eine geheimnisvolle Spurensuche, eine Freundschaft fürs Leben. Und dann…? Nichts. Alles entwickelt sich irgendwie so vor sich hin, plätschert mal lauter, mal leiser. Handlung wird an Handlung gereiht, die Protagonisten stolpern irgendwie mit und verirren sich in ihre Liebesgeschichten. Hurra, endlich! Die Liebesgeschichten! Ja… oder auch nicht. Auch das war vielversprechend: spannende Konstellationen zwischen den Charakteren, ein Haufen Differenzen zu überbrücken, eine gemeinsame Vergangenheit und dann… nichts. Ein keuscher Kuss hier. Ein heimlicher Blick da. Nichts, das wirklich in Schwung kommen würde. Auf einmal sind die Charaktere zusammen und das Buch ist aus, bevor man überhaupt Herzflattern bekommen hat. Also unter einem Liebesroman hätte ich mir wirklich etwas Anderes vorgestellt.

Mein Fazit:

Auch wenn alle anderen scheinbar dem Zauber erlegen sind: Dieses Buch* kann ich nicht empfehlen. Nicht als schnelle Lektüre für Zwischendurch und schon gar nicht für Leser mit größeren Ambitionen. Es ist blass, kann sich nicht enscheiden, was es werden oder sein will und zeigt keinen Gewinn, weder auf emotionaler noch auf inhaltlicher Ebene. Eine Lektüre mit dem Nährwert eines Pappkartons. Vielleicht bin ich nicht die richtige Zielgruppe oder habe zu hohe Ansprüche, aber dieses Buch bekommt von mir leider nur:

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch, 288 Seiten, erschienen bei Goldmann am 20.01.2014, ISBN: 978-344-247951-1

Andere Leseeindrücke:

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Der erste Satz

Mama? Kannst du kommen?

Zum Inhalt:


Hannah ist depressiv, übergewichtig, geschieden und hat eine ausgeprägte Angststörung. Sie erbt Geld von ihrer Großmutter, sodass sie es sich leisten kann, ihr Leben sich selbst zu widmen und gesund zu werden. Sie reist nach Mallorca, um dort Urlaub allein zu machen, da sie das als Kind mal in ein Wünschebuch geschrieben hat. Dort trifft sie auf Beate, eine Dame, die nichts anderes zu tun hat, als Hannah auf den Geist zu gehen und dadurch das Leben der Depressiven positiver zu gestalten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Kopf geschüttelt
  2. “Endlich” gesagt, da ich mich endlich getraut habe, das Buch abzubrechen
  3. Mich schnell mit etwas anderem beschäftigt

Mein Eindruck zu Hummeln fliegen auch bei Regen:

Hummeln fliegen auch bei Regen ist die unglaubwürdigste, flachste und redundanteste Geschichte, die ich seit “Alle Vögel unter dem Himmel” gelesen habe. Da das Buch das Thema Depressionen, Angststörung und Übergewicht behandelt, ist es neben der Tatsache, dass ich es als außerordentlich schlecht empfinde, zudem noch eine Beleidigung an alle Leserinnen und Leser, die sich ernsthaft mit den Themen auseinandersetzen wollen.

Stärken des Buchs:

Inhaltlich ist dieser Roman wirklich nett. Zumindest auf den ersten Seiten. Der Einstieg scheint sich zu lohnen, die ersten fünfzig Seiten ziehen den Leser in ein Geschehen und ein Setting, das ist in erster Linie etwas Gutes. Dass Geschehen und Setting nicht warm werden und es mit der Qualität des Buches stetig bergab geht, steht auf einem anderen Blatt.

Am Anfang macht das Buch wirklich Spaß. Und er bestürzt. Als Depressive weiß ich sehr gut, was die Protagonistin durchmacht und bin auch darüber informiert, dass die Autorin selbst an Depressionen leidet oder gelitten hat. Zu Beginn war ich über mich selbst bestürzt, da ich diese Situationen und mich selbst wiedererkannte. Die Sicht von außen auf sich selbst zu haben ist ein schöner Spiegel, der natürlich gewissermaßen schmerzt. Vor allem die ungeduldigen, idiotischen Angehörigen hat Andrea Kraft beim Schreiben ihres Romans hervorragend getroffen und damit ein kleines Tabu gebrochen. Sehr gut!

Das Joggen-Gehen ist schön dargestellt und einige Sätze findet man, die wirklich herausragend sind. Schöne Worte, gute Qualität – eben leider in einem Meer aus Stuss und Schwachsinn.

Mangelhafte Recherche:

Die mangelhafte Recherche der Autorin hat es nicht in die “Schwächen”-Liste geschafft, da sie gesondert dargestellt werden soll. Macht also bitte Platz für einen Rant der Rezensentin. Wer schreibt bitte darüber, wie man zum ersten Mal im Leben eine Feige isst, wenn man noch nie selbst eine Feige in der Hand gehalten zu haben scheint? Eine Feige schmeckt widerlich, wenn man sie vorsichtig von außen anknabbert und sich nur das weiße Bett einverleibt, in das das rote, süße Fruchtfleisch eingelassen ist. Abgesehen davon, dass ich es für absolut unrealistisch halte, dass eine 35-jährige Frau noch nie eine Feige gesehen oder probiert hat, ist diese Szene wirklich absurd schlecht geschrieben. Eine Feige wird aufgeschnitten und ausgelöffelt. Meinetwegen auch mit Honig bestrichen und dann abgebissen, aber niemand knabbert die nicht verzehrbare Schale an und sagt: “mhh, so schmecken Feigen also, lecker!”.

Außerdem ist die Protagonistin dick. Übergewichtig. Ihr Body Mass Index (BMI) ist so hoch, dass sie nicht einmal joggen gehen darf. So sagt es eine besserwisserische, aber sicher nicht im Unrecht stehende Freundin der Protagonistin. Dieser BMI ist bei einem Wert von 30 erreicht, ab welchem man adipös, also krankhaft fettleibig ist. Das ist vollkommen okay – ich mag übergewichtige Protagonisten und lese gerne über das Thema, das ist wichtig. Aber wieso zum Geier glaubt Andrea Kraft, dass ein derart übergewichtiger “Moppel”, wie Hannah sich selbst bezeichnet, weinend in die Dusche kauert und ihre Bene umschlingt? Jeder, der einen Bauch hat, weiß, dass das eine unbequeme Haltung ist und anatomisch für krankhaft übergewichtige Adipöse mit einem BMI über 30 schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Solche Kleinigkeiten ignoriert die Autorin – und stören mich daher umso mehr.

Als dritte mangelhafte Recherche möchte ich anmerken, dass Hummeln fliegen können. Sie sind nicht nur doof und wissen nicht, dass sie nicht fliegen können und fliegen trotzdem – sorry, was ist das für ein Bullshit? Hat die Autorin jemals einen Zeppelin gesehen? Der hat gar keine Flügel und wird nicht so romantisiert wie dieses arme, gemobbte Wesen, das selbstverständlich fliegen kann. Die Flügel erzeugen Auftrieb, indem sie Wirbel verursachen. Bei bis zu 200 Flügelschlägen pro Sekunde gibt die Hummel sich ganz schön Mühe. Dann einfach zu sagen, sie sei dumm und wisse nicht, dass sie gar nicht fliegen könne, ist gemein. Scherz beiseite – ich mag es schlichtweg nicht, dass die Autorin solchen Humbug einfach in ihr Manuskript übernimmt und darüber schreibt, ohne selbst mal ein paar Minuten darüber nachgedacht zu haben.

Schwächen des Buchs:

Die Kommasetzung ist eine Katastrophe. Der Schreibstil auch. Bei “Hummeln fliegen auch bei Regen” handelt es sich um einen Titel, der im Selfpublishing seit 2014 wohl schon Erfolg hatte und im Februar 2018 seinen Weg in einen Verlag gefunden hat. Es handelt sich hierbei nicht um ein literarisches Werk, nicht um eine durch den Goldmann-Verlag überdachte schriftstellerische Leistung, sondern um ein Produkt, das sich gut verkauft und wovon der Verlag etwas abhaben wollte. Das merkt man beim nichtvorhandenen Lektorat, beim langweiligen Plot und bei den zahlreichen Fehlern.

Auf den ersten fünfzig Seiten findet man bereits zwei das-dass-Fehler. Pro Buchseite springt mir mindestens ein Kommafehler entgegen und manchmal schreibt man das höfliche “Sie” eben klein. Und auch sonst merkt man dem Schreibstil an, dass er monoton und lieblos ist. Manchmal vergisst die Autorin die Grammatik vollkommen. Mitten im Satz werden die Kräfte des Dudens ausgehebelt und geschrieben, als gäbe es ihn nicht.

Besonders nervig finde ich den Schreibstil, der sich inflationär an grammatikalischen Wundern bedient wie “Erstmals nahm ich die Umgebung zur Kenntnis, kein Wunder, plagten mich bei der Anreise andere Sorgen.” (S. 135) Diese Umstellung kann man wirkungsvoll einsetzen, aber wenn es gefühlt alle hundert Wörter vorkommt, nervt es einfach nur.

Die Protagonistin weint viel. Aber statt Einblick in die Seele einer zerstörten, labilen Depressiven zu geben, wird beiläufig erwähnt, dass sie vielleicht wieder weint und es selbst nicht weiß. Diese Abstumpfung könnte in ihrer Absurdität für tiefe Botschaften verwendet werden, aber die Autorin hat sich keinerlei Mühe gemacht, der Protagonistin Hannah irgendwas Nachvollziehbares zu geben.

Dann ist da noch er. Der kursiv gedruckte Typ, der nicht Ben, der frisch geschiedene Exmann von Hannah ist, über den wir auch nicht viel erfahren, bevor ich das Buch empört über die Grauenhaftigkeit des Schreibens abbrechen musste. Aber Hannah zeigt auf Young Adult Niveau, dass es nur um ihn geht. Er hat ihr Leben verändert, wie auch immer das geschehen sein soll. Die Tussi macht sich abhängig von irgendwelchen Typen, und kaum ist Ben, der Exmann, der ihr Herz so sehr gebrochen hat, mal nicht Thema, geht es um ihn. Wenigstens so lange, bis es um Lukas geht, der Hannah in der ersten Schulklasse, also vor etwa 29 Jahren, wichtig gewesen ist. Lukas sitzt nur zu Hause und wartet darauf, dass Hannah ihm E-Mails schreibt. Da er der einzige Mann ist, der ihr Aufmerksamkeit schenkt – ganz im Gegensatz zu unserem geheimnisvollen “er” –, ist er natürlich plötzlich die Liebe des Lebens und alle Gedanken müssen sich um Lukas drehen. Außer, sie denkt mal kurz an ihn, dann existiert Lukas natürlich nicht. Wird Hannah langweilig, wird eben wieder geheult oder mit Beate gesprochen.

Ach ja, Beate. Beate Sommer. Über diese Dame muss ich in dieser Rezension zu “Hummeln fliegen auch bei Regen” ein paar Worte verlieren. Auf dem Weg nach Mallorca trifft Hannah auf Beate. Sie ist 78 Jahre alt und sitzt zufällig neben ihr im Flieger. Auf eine arrogante, widerwärtige Weise urteilt sie über die 35-Jährige, erzählt ihr ungefragt etwas übers Leben und stalkt sie anschließend. Hannah wundert sich nicht, dass Beate nichts anderes auf Mallorca tut als Hannah zu verfolgen und in ihrer Finca aufzusuchen. (Hat die Autorin Andrea Kraft schon mal etwas über Datenschutz gehört?) Beate verbringt ihre Zeit auf Mallorca damit, Hannah auf den Kranz zu gehen und ihr das Leben zu erklären – dabei ist Beate lediglich Mittel zum Zweck. Als Person ist sie null charakterisiert. Sie hat keine eigene Geschichte, keine nennenswerte Vergangenheit und keine Charakterzüge. Im Grunde ist diese Person nur ein Skelett des Dialogs. Dazu da, die Epiphanie der Protagonistin anzustoßen und ihr irgendwas zu tun zu geben. Wäre ich Hannah, hätte ich dieser hobbylosen Stalker-Oma schon am ersten Tag, als sie bei einer Heulattacke plötzlich in der Finca vor der Badezimmertür stand (wtf?!?) die Meinung gegeigt. Hier ist die Protagonistin Hannah allerdings schlüssig gestaltet: Sie hat keine Meinung. Und das konsequent. Leider hat sie neben der Meinungslosigkeit außerdem weder Charakter noch Gefühle.

Ach so, und da ich noch nicht genug Schwächen aufgezählt habe, muss ich noch etwas zum Buch als physisches Objekt sagen. Es ist scharf geschnitten, die Ecken stechen in die Hand beim Lesen und hinterlassen schmerzende Eindrückstellen. Ich habe mich selten so oft beim Lesen verletzt. Der Buchblock ist in einen Umschlag aus billigster Pappe gesteckt, die ich fortan Memory-Pappe nenne: Hast du das Buch einmal aufgeschlagen, merkt sich der Buchdeckel das und bleibt fortan für immer aufgeklappt.

P.S.: Wenn eine Protagonistin leckeren Käse isst, dann aber erfährt, dass es Ziegen- und kein Kuhkäse ist und ihn fortan eklig (also doch lecker, aber wegen der Ziege einfach nur eklig) findet, kann sie nur unsympathisch sein. Wieso sollte irgendjemand etwas gegen Ziegenkäse haben, obwohl er gut schmeckt?!

Mein Fazit:

Wer Lust auf eine undurchdachte, flache Geschichte hat, die Seite um Seite immer schlechter wird und sich selbst zerfasert und verliert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Undurchdachte Charaktere, unglaubwürdige Dialoge und redundantes, oberflächliches Geschwafel gehören definitiv zu den Stärken der Autorin. Ich werde nie wieder ein Buch von ihr anfassen und befördere “Hummeln fliegen auch bei Regen* auf meinen Aussortier-Stapel. Dieser Roman hat es leider nicht einmal ins dauerhafte Inventar meines Bücherregals geschafft. Das bricht mir immer wieder das Herz, weshalb ich für dieses Buch lediglich eines von fünf Herzen übrig habe.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen beim Goldmann Verlag am 19.02.2018, ISBN: 978-3-442-22218-6

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Der erste Satz

Als Patricia sechs Jahre alt war, fand sie einen verletzten Vogel im Wald.

Zum Inhalt:


Patricia ist ein Mädchen, das bemerkt, dass sie eine Hexe ist und den Wald schützen soll. Sie vernachlässigt ihre Fähigkeit, weil irgendwie nichts klappt und ihr niemand sagt, wie dieses Hexenleben wirklich funktioniert. In der Schule trifft sie auf Laurence, der ihr einziger Freund ist, sodass sie mit ihm eine On-Off-Freundschaft eingeht, bis sie sich nach der Schule verlieren, wiedertreffen, wieder verlieren und gemeinsam die redundantesten Sachen überhaupt erleben.

Laurence ist ein Nerd, der eine künstliche Intelligenz geschaffen hat, die schon in seiner Jugend viel Macht und Intelligenz bekommt. Patricia nutzt er zunächst, um seinen Eltern gegenüber zu rechtfertigen, dass er kein Stubenhocker ist. Sie erfinden Geschichten über gemeinsame Ausflüge in die Natur, was in etwa so glaubwürdig ist wie eine Salsa tanzende Katze, die dir morgens den Kaffee bringt. Die Geschichten der beiden streifen sich immer mal wieder, und der Fokus liegt ganz klar auf den Zusammentreffen. Dass im weiteren Verlauf im Hintergrund die Welt in Gefahr ist oder andere potentiell plotrelevante Dinge geschehen, wird artig ausgeblendet.

Warum ich den Inhalt von “Alle Vögel unter dem Himmel” nicht in einem Absatz unter Betrachtung der unterschiedlichen Gesichtspunkte wiedergeben kann, liegt daran, dass es die Autorin selbst im gesamten Buch nicht geschafft hat, aus den zwei interessanten Ausgangslagen eine Geschichte zu stricken.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Hysterisch über den Satz mit der Langeweile und dem Narbengewebe gelacht.
  2. Das schlechte Gewissen runtergeschluckt.
  3. Mich total geärgert, weil das schlechte Gewissen wieder hochkam.

Mein Eindruck zu Alle Vögel unter dem Himmel:

Einen Plot sucht man vergebens, und selbst viel Geduld hat sich bei mir nicht ausgezahlt, sodass ich das Buch auf Seite 201 abbrechen musste. Ich brach “Alle Vögel unter dem Himmel* ab, nachdem mich der Satz “Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes” getriggert hat. Die Autorin hat echt Mut. In der Danksagung schreibt sie: “Ich hoffe, das Buch hat euch gefallen. Falls nicht, oder falls euch einige Dinge nicht eingeleuchtet haben oder zu abwegig erscheinen, schickt mir einfach eine E-Mail, dann komme ich vorbei und spiele euch das Ganze vor. Vielleicht mit Origami-Fingerpuppen.” Dieses Angebot würde ich gerne annehmen, doch ich weiß nicht, ob ich jemals nochmal so viel Interesse aufbringen kann, der Geschichte eine weitere Chance zu geben.

Stärken des Buchs:

Es riecht unfassbar gut! Der Klappentext verspricht viel! Das Cover macht was her und insgesamt fühlt sich das Buch wirklich gut an! Orthografie und Grammatik sind ok. Dass ich das erwähne, ist kein gutes Zeichen. Im Gegenteil. Zunächst dachte ich, es seien die einzigen Stärken, die “Alle Vögel unter dem Himmel” mitbringt.

Selbst Bücher, die mir nicht gefallen (Beispielsweise “Loslassen” von Katharina Finke), bleiben in meinem Bücherregal. Weil sie irgendwann mal wieder interessant sein könnten oder gute Stellen hatten, oder mir ans Herz gewachsen sind. “Alle Vögel unter dem Himmel” ist das erste Buch, bei dem ich darüber nachgedacht habe, es loszuwerden. Zu verkaufen und von dem Geld einen Ersatz zu kaufen. Ich fühle mich frustriert und als hätte ich beim Lesen Lebenszeit verschwendet. Nachdem mir das bewusst wurde, habe ich dem Buch dennoch einen Zweck zuordnen können: Ich habe mir Notizen gemacht, was in welchem Kapitel geschieht, versucht, den Plot nachzuvollziehen und mir aufgeschrieben, was mir nicht gefällt. Als angehende Sci-Fi-Autorin möchte ich auch gerne ein Buch bei Fischer TOR platzieren (hach, wie schön das wäre! Lasst mich träumen!), und wenn so ein undurchdachtes, lieblos geschriebenes Buch bei diesem Qualitätsverlag unterkommt – dann schaffe ich das schon längst. Das ist eine ganz klare Stärke von “Alle Vögel unter dem Himmel”: Es macht mir als Autorin Mut, denn das kann ich locker übertreffen. vielleicht nicht jetzt, aber mit mehr Genrekenntnis und einem akribisch geplotteten, mit Herzblut geschriebenen Manuskript kann ich das schaffen. Wir sehen uns auf Augenhöhe, Charlie!

Eine weitere Stärke – und das muss man der Autorin und der Geschichte lassen – ist, dass die nerdigen Stellen wirklich… angemessen sind. Auf 200 Seiten muss man sicherlich drei Mal leicht schmunzeln, wenn man sich mit Laurence auch nur ein bisschen identifizieren kann.

Schwächen des Buchs:

Der Anfang des Buches ist sehr holprig und unglaubwürdig. Von Klischees überrannt gab ich dem Buch weitere Chancen, mir zu beweisen, dass der Charakter von Patricia nichtssagend und leer ist. Leider wurde das nicht verändert. Das Kennenlernen von Patricia und Laurence ist unschlüssig und passt überhaupt nicht. Der Sprachstil ist ungelenk und oberflächlich. Immer, wenn man denkt, jetzt könnte die Geschichte ins Rollen kommen, driftet die Autorin ab und versorgt den Leser mit emotionslosem, redundantem Zeug.

Ich kenne zahlreiche Lektoren, die bei “Er hat einen nervösen Kopf” oder “Er lächelt mit einer Lippe” den Rotstift zücken würden. Weder Übersetzung noch Lektorat von Fischer TOR haben solche merkwürdigen Ausdrücke gestört. Mir haben sie sich in den Kopf gebrannt.

Bis Seite 118 passiert nichts. Dann passiert etwas und das Buch droht mir an, fast spannend zu werden. Aber dann flacht die Spannung sofort wieder ab und das Niveau kehrt zurück. Das sprachliche Niveau ist einerseits in Ordnung, andererseits so emotionslos, dass Charlie Jane Anders einen Preis dafür verdient hat. Keine andere Autorin kann einen versuchten Mord so langweilig schreiben wie sie! Das muss Talent sein.

Bei einigen Sätzen zeigt die Autorin wirklich Potential, und ich fühle mich in das Debüt eines blutjungen Selfpublishers versetzt. Aus Sätzen wie “Das Messer verfehlte sein Herz, aber es brach sein Herz” sieht man, was die Autorin sagen wollte, und freilich könnte man aus diesem Satz etwas Gutes machen – aber er wurde genau so veröffentlicht, wie viele, viele andere Sätze auch. Der lieblose Stil äußert sich auch im Verzicht auf Synonyme, dieser aneinandergeklatschte Stil ist sowas von eindimensional, dass ich es nicht einmal schaffe, ihn in dieser Rezension nachzuahmen. Aber ich gebe mir Mühe, vielleicht merkt man das.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erlaubt man sich noch einen Patzer mit einem Satz wie diesem: “Es stimmte, im Hintergrund waren Polizeisirenen hören.” (Seite 153) Das unterstreicht die größte Schwäche des Buches: Es ist lieblos und flach. Nach weiteren fünfzig Seiten bekam ich einen hysterischen Lachanfall, als die Autorin das Thema Langeweile in einem Satz anbrach (“Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes”) und zwang mich dazu, das Buch abzubrechen. Es hat mir tatsächlich wehgetan, diesem Buch – ein Geburtstagsgeschenk – keine Chance zu geben, sich endlich mal zu entfalten. Aber nach 50 % sollte die Geschichte zu einer Geschichte werden.

Übrigens: Wenn Laurence und Patricia sich nach der Schule wiedertreffen, seilt er sich von irgendwas ab und macht einen Millionendeal klar, weil die Welt in Gefahr ist. Man will wissen, warum die Welt in Gefahr ist und irgendwas darüber erfahren, wieso und warum und was los ist – aber davor verschont Charlie Jane Anders den Leser und füllt die folgenden Seiten mit Rückblicken und oberflächlichem Beziehungsgehabe, stockenden Bla-Bla-Gesprächen und ein bisschen Tell, don’t Show.

Als ich mich entschieden habe, das Buch abzubrechen, habe ich in einem der letzten Kapitel den “großen Showdown” gelesen. Ich will nicht spoilern, aber… Er konnte mich nicht vom Hocker hauen, hatte unglaubwürdige, klischeehaft-überspitzte Stellen, und auch das letzte Kapitel hat die nicht-vorhandene Geschichte nicht wirklich zu Ende geführt.

Mein Fazit:

“Alle Vögel unter dem Himmel” ist ein Buch, das mehr verspricht als es halten kann. Ich bin nicht nur gelangweilt und maßlos enttäuscht, sondern vergleiche den Schreibstil der Autorin auch mit “Mathilde Möhring”. Wer Lust auf ein Buch hat, das sich bestenfalls zur Analyse eigener Schreibkompetenz eignet und einem Mut macht, auch einmal in einem so großen Verlag unterzukommen, muss dieses Buch unbedingt lesen. Ich wünsche jedem viel Erfolg dabei, mehr als 200 Seiten durchzuhalten.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen bei Fischer TOR am 23.03.2017, ISBN: 978-3-596-03696-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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