Ehrwürdiges Todesmonopol – Scythe: Die Hüter des Todes [Rezension]

Ehrwürdiges Todesmonopol – Scythe: Die Hüter des Todes [Rezension]

Der erste Satz

Wir müssen von Rechts wegen Buch führen über die Unschuldigen, die wir töten.

Zum Inhalt:

Citra Terranova und Rowan Damisch sind ganz normale Jugendliche, die in MidMerica leben, etwa 300 Jahre in der Zukunft. Die Menschen sind unsterblich und der Thunderhead, eine Mischung aus Cloud, Künstlicher Intelligenz und Datenkrake mit allen erdenklichen Möglichkeiten, stellt unendliches Wissen bereit. Er sorgt dafür, dass es keine Hungersnot gibt, jeder Mensch von dem leben kann, was er tun kann, und Armut ist ein Konstrukt aus der Sterblichkeitsära. Nur die wachsende Überbevölkerung wird zum Problem. Daher kommt der Ehrenwerte Scythe Faraday in die Leben der beiden und zieht sie für die Ausbildung zu Scythe heran. Die Aufgabe eines Scythe ist es, Menschen nachzulesen. Das ist das ehrenhafte Wort für töten. Wenn ein Mensch nachgelesen wurde, kommen keine Ambudrohnen und peppeln ihn wieder auf, bis der sogenannte totenähnliche Zustand revidiert ist, sondern werden diese Menschen wirklich für immer sterben. Die Ausbildung bringt einige Tücken mit sich, und – das hat der Klappentext bereits verraten – nur einer der beiden Jugendlichen kann Scythe werden. Seine oder ihre erste Aufgabe wird es sein, den anderen nachzulesen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Schutzumschlag wieder am Hardcover angebracht
  2. Scythe – Der Zorn der Gerechten auf die Einkaufsliste für den nächsten Buchhandlungsbesuch gesetzt
  3. Recherchiert, welche anderen Bücher Neal Shusterman sonst noch veröffentlicht hat

Mein Eindruck zu Scythe – Die Hüter des Todes:

Mit Scythe – Die Hüter des Todes* hat man ein wahres Schmuckstück in der Hand. Ich habe das Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung in der Jugendbuchabteilung gefunden und mich entschieden, es zu kaufen, bevor ich von diesem „Scythe-Hype“ erfahren habe, der sich derzeit auch in den Toplisten von Amazon beispielsweise wiederspiegelt. Das Lesen ging locker und leicht wie in einem klassischen Jugendbuch. Viel Handlung trifft auf wenige Worte, das Kopfkino ist laufend angestellt. Der Schreibstil macht Spaß, die Charaktere sind schlüssig und authentisch, und der Plot ist detailreich, weist keine Löcher auf und überrascht immer wieder mit Plottwists.

Stärken des Buchs:

Den Schreibstil von Neal Shusterman habe ich bereits erwähnt, möchte ihn aber in den Stärken als einzelnen Punkt aufführen. Denn er ist wirklich stimmig und flüssig. Der Stil bleibt konstant gleich gut, sodass ich als Schriftstellerin selbst immer wieder gemerkt habe, dass meine eigenen Texte im Stil noch zu sehr schwanken. Viel zu oft verhaspele ich mich hier und da oder gebe der Sprachmelodie andere Harmonien. Shusterman tut das nicht: Das Sprachniveau bleibt immer gleich, nirgends ist eine Information zu viel oder zu wenig, alles hat seinen Platz, wirkt stimmig, relevant und schlüssig. Der Schreibstil ist nicht blumig-schön oder angenehm kompliziert und tiefsinnig. Er ist schnell zu lesen, einprägsam und einfach, ohne zu unterfordern. Genau so stelle ich mir ein Jugendbuch vom Schreibstil her vor.

Da muss man auch einfach mal den Übersetzer loben. Man merkt beim Lesen, dass hier ein Profi am Werk war. Ich wage zu behaupten, die deutsche Fassung lässt den Leser kaum etwas im Vergleich zum englischen Original verpassen.

Als sei es ein Kinderspiel, wechselt Shusterman in Scythe – Die Hüter des Todes regelmäßig die Perspektiven. Nicht von Kapitel zu Kapitel, sondern mal hier und mal da. Es fällt auf, man findet sofort rein und jeder Perspektivwechsel bringt neuen Schwung in die Sache, wirft neue Aspekte auf und fühlt sich unfassbar leicht an. Würde ich dieses Buch lektorieren müssen, würde ich keine einzige Stelle markieren, weder im Schreibstil, noch bei den Perspektiven.

Auch das Korrektorat der deutschen Ausgabe von Scythe ist hervorragend gelungen. Auf 513 Seiten, die die Geschichte selbst einnimmt, begegneten mir genau fünf Fehler. Ich erinnere mich an ein paar Kommafehler, einen überflüssigen Buchstaben (wie in „dennn“ statt „denn“, den genauen Fehler habe ich nicht mehr im Kopf) und den für jedes Buch offenbar obligatorischen das-dass-Fehler. Alle 100 Seiten ein Fehler? Gute Quote!

Nun kommen wir zu den Charakteren und der Geschichte. Ich konnte mich gut mit Citra identifizieren, aber auch Rowan hat es mir angetan. Im Grunde empfinde ich Rowan sogar noch als authentischer, besonders seine Epiphanie im Laufe der Geschichte ist durch seine Ausbildung und die Eindrücke, die er von Scythe Goddard erhält, halte ich für bemerkenswert. Scythe Faraday ging mir am Anfang etwas auf die Nerven und war mir zu möchtegern-mysteriös. Er hat zu wenig mit seinen Lehrlingen gesprochen, sollte wohl dadurch mehr Spannung aufwirbeln. Nach den ersten fünfzig Seiten an der Seite von Scythe Faraday begann ich aber, ihn zu lieben. Mit Scythe Goddard konnte ich so gar nichts anfangen – bis ich einen seiner Tagebucheinträge las.

Die Tagebücher der Scythe werden auszugsweise zwischen den Kapiteln auf einer bis zwei Buchseiten eingefügt. Sie sind immer relevant und passen zum Kapitel. Manchmal kommen sie und die Erkenntnissse, die ein Scythe vor einiger Zeit hatte, (beabsichtigt) zu spät und schließen ein Kapitel mit einem bitteren „Hätte man das doch gewusst…!“-Gefühl ab.

Schwächen des Buchs:

Natürlich hat auch Scythe – Die Hüter des Todes einige Schwächen, die mich von einer finalen Bewertung mit maximaler Punktzahl abgebracht haben. Zum einen ist da das Label „Jugendbuch“. Menschen werden getötet, und zwar in nahezu jedem Kapitel. Wenn man „platscht“, also zum Spaß von einem Hochhaus springt und die Ambudrohnen seinen Körpermatsch auflesen und reanimieren lässt, ist das noch irgendwie okay. Aber Massennachlesen, Blutbäder, Enthauptungen und das grausame Ertränken eines Menschen waren mir persönlich zu viel, um Scythe vor dem Schlafengehen zu lesen. Es wird natürlich nur so viel beschrieben, wie nötig ist, um die Geschichte zu erzählen. Und für die Geschichte ist es nötig, die Grausamkeit von Scythe Goddards Machenschaften (Stichwort: Massen-Nachlesen, simulierter Flugzeugabsturz o.ä.) oder die nötigen Opfer des Scythetums darzustellen. Ich prangere nicht an, dass so viel Grausamkeit und Tod in einem Buch über Grausamkeit und Tod steht – vielmehr frage ich mich, ob ich das einen Jugendlichen unter 18 Jahren lesen lassen würde. Ich denke eher nicht.

Schwach empfand ich außerdem, dass der Plot von Scythe – Die Hüter des Todes oftmals vorausschaubar war. Immer, wenn es nicht mehr weiter zu gehen schien, dachte ich mir, dass nun folgender Plottwist geschehen müsste. Sonst würde der Spannungsbogen abflachen oder die Geschichte nicht funktionieren. Und siehe da! Die Plottwist traten ein. Sämtliche Veränderungen am Plot erahnte ich mit ziemlicher Sicherheit. Einzig die Bedeutung von Esme, einem kleinen Mädchen, konnte ich bis zum Schluss nicht vorausschauen. Und Neal Shusterman hat sie hervorragend eingesetzt! Verstehe mich bitte nicht falsch. Die Plottwists waren hervorragend – nur kannte ich sie im Vorfeld alle, sodass ich nie entsetzt war oder in die Lage kam, wirklich mit den Figuren des Buches mitzufiebern.

Scythe Curie konnte ich gut nachvollziehen, auch wenn sie mir anfangs etwas suspekt vorkam. Sie ist der einzige Charakter, der nicht genug Raum in Scythe – Die Hüter des Todes bekommen hat, um sich voll zu entfalten. Ich hätte gerne mehr von ihr erfahren, ein bisschen mehr Charakter gesehen. Diese Dame offenbart dem Leser gegenüber kaum eine echte Meinung, kein Reflektieren oder Grübeln. Sie bleibt mir etwas zu geheimnisvoll und ich hoffe, sie in Band 2 von Scythe wieder erleben zu dürfen und mehr über die Hintergründe ihres Rufes erfahren zu können.

A propos geheimnisvoll. „Ich liebe dich“. Ernsthaft? Are you serious, Mr. Shusterman? Das musste nicht sein. Ich bekenne mich als Gegner dieser unnachvollziehbaren Oberflächlichkeit, lasse mich aber auch in Band 2 gerne eines Besseren belehren.

P.S.: Ich erwarte, dass auch die Tonisten im Folgeband eine ernsthaftere Rolle bekommen. Ich halte sie derzeit für unrealistisch und kann mir nicht vorstellen, dass sich solch eine “Religion” bildet und durchsetzt.

Mein Fazit:

Scythe – Die Hüter des Todes ist ein fantastisches Buch. Wenn man etwas lesen möchte, das einen verschluckt wie ein wirklich gut gemachter Film, ist man mit diesem Buch definitiv richtig beraten. Der Vergleich zu einem Film passt hervorragend, denn wie bei den meisten Spielfilmen ist der Plot ziemlich vorausschaubar, und ich denke, das ist eines der Hauptargumente neben dem Schreibstil, warum Scythe ein Jugendbuch geworden ist. Wenn du Scythe liest, wirst du nicht überrascht und du wirst nicht mit Herzklopfen beim Lesen mitfiebern, aber du wirst gut unterhalten und erhältst Einblicke in eine faszinierte, ausgeklügelte Zukunftsansicht, die nicht nur unterhaltend ist, sondern auch zum Nachdenken anregt. Eine klare Kaufempfehlung für Scythe – Die Hüter des Todes*!

Weitere Informationen:

  • Hardcover 528 Seiten, erschienen bei FISCHER Sauerländer am 21. September 2017, ISBN: 978-3-7373-5506-3

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Kia Kahawa
Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.
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