Die deideste Abwärtsspirale ever – Die Optimierer [Rezension]

Die deideste Abwärtsspirale ever – Die Optimierer [Rezension]

Der erste Satz

Samson ließ das Lenkrad los und blickte nach draußen.

Zum Inhalt:


Samson Freitag ist ein Lebensberater. Die Geschichte spielt im viel zu heißen Spätsommer 2052, Samson ist wohnhaft in München, BEU. Die BEU ist die Bundesrepublik Europa, die sich vom Rest der Welt abgeschottet hat. Samson hat 980 Sozialpunkte. Für jede Wohltat erhält man welche. Die Lebensberatungen, die er durchführt, helfen der Gesellschaft ebenfalls und bringen ihn immer näher an die 1.000. Mit der Begrüßung “Jeder an seinem Platz!” tritt er bei Martina Fischer ein, die er für ihre zukünftige Arbeitsstelle beraten soll. Wer eine Lebenberatung per Unterschrift auf dem Vertrag annimmt, verpflichtet sich, das Beratungsergebnis anzunehmen. Bei Martina lautet die Empfehlung “Kontemplation”, was bedeutet, dass sie mit ihrem Bedingungslosen Grundeinkommen machen kann, was sie will, solange sie arbeitslos bleibt und keinem anderen einen Arbeitsplatz wegnimmt. Das findet Frau Fischer ganz und gar nicht deide1. Er geht seiner Arbeit nach, obwohl er von der Kommunikationslinse, einer modernen Form der Brillen mit integriertem Web-Portal, Gesichtsscanner, Navi, Messengern und allem, was dazugehört, Augen- und Kopfschmerzen bekommt. Seine Freundin ist eher mies und genervt drauf, sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, und seine Beförderung, die beim Erreichen von 1000 Sozialpunkten winkt, rückt plötzlich in die Ferne, weil nichts mehr läuft wie es eigentlich soll.

1 Deide ist ein Wort, das im Jahr 2052 als Ausdruck für “cool”, “nice” oder ähnliche Wörter verwendet wird.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Klappentext erneut gelesen
  2. Halbseitig gegrinst und einige tiefe Atemzüge genommen
  3. In den letzten Kapiteln geblättert und einige Passagen nochmal gelesen

 

Mein Eindruck zu Die Optimierer:

Die Utopie “Die Optimierer* habe ich eigentlich eher zufällig recht weit oben im Regal meiner Lieblingsbuchhandlung gefunden. Am Samstag um 17 Uhr tauschte ich es gegen runde zehn Euro ohne Wechselgeld, am Montag um 13:30 Uhr hatte ich es ausgelesen. Seit Ready Player One habe ich keine 100 Seiten mehr an einem Tag gelesen. Die Optimierer habe ich für meine Verhältnisse in Bestzeit gelesen, und ich war durch und durch süchtig nach dem Buch. Meine Faszination grenzt schon an Fanatismus, so sehr bin ich von diesem Buch begeistert. Daher zügele ich mich gerade beim Schreiben dieser Rezension zu “Die Optimierer”, um nicht zu viel zu verraten. Der Schreibstil ist glatt und rund, man ahnt nicht, dass es sich um ein Debüt handelt. Der Plot und die Welt im Jahr 2052 sind schlüssig, nicht komplett unrealistisch (wobei eine Jahreszahl hundert Jahre in der Zukunft der Sache mit den Robotern mehr Glaubwürdigkeit verliehen hätte) und spannend. Kurz vor dem Ende habe ich geahnt, was kommen wird. Die kleinen Details, die die Autorin eingestreut hat, um auf die Auflösung hinzuweisen, habe ich größenteils wahrgenommen, aber ich wette, wenn ich das Buch noch einmal lesen würde, würden mir zwischen Seite 260 und 304 sicherlich noch mehr Hinweise auffallen, die die Spannung maßlos in die Höhe treiben. Die Optimierer ist ein hervorragendes Buch. Grandios. Wow.

Stärken des Buchs:

Wo soll ich bei den Stärken von “Die Optimierer” anfangen? Die ersten 25 Buchseiten habe ich noch in der Buchhandlung weggesnackt. Nachdem mich Cover und Rückentext beeindruckt haben, kam ich nach den ersten meiner Meinung nach ziemlich schwachen fünf Seiten voll in der Handlung an. Was bei Zukunftssetting und einem ausgeklügelten Gesellschaftsmodell meist um die dreißig bis fünfzig Seiten braucht, ging enorm schnell. Die ersten Seiten empfinde ich als schwach, weil sich der Schreibstil der Autorin meiner Meinung nach über die gesamten 304 Seiten des Romans verbessert. Insgesamt wird die Handlung immer spannender, die Konflikte packender und das automatische Kopfkino beim Lesen lebendiger, je mehr man beim Lesen voranschreitet.
Eine deutliche Stärke sind dabei die kurzen Kapitel. Mit 52 Kapiteln haben diese eine Durchschnittslänge von weniger als sechs Seiten, so dass ich nach jedem einzelnen Kapitel dachte: “Eines lese ich noch, ist doch nur ganz kurz.” Dass ich durch diese Nur-noch-fünf-Minuten-Mentalität das gesamte Buch in weniger als 48 Stunden verputzt habe, spricht für sich. Die kurzen Kapitel sorgen aber nicht dafür, dass Sinnabschnitte zu früh unterbrochen werden oder die Welt drumherum zu kurz kommt, im Gegenteil: Alles hat seinen Platz. Es hat knappen Platz, der aber durchaus ausreichend ist.
Dennoch habe ich durch die Bank weg den Wunsch gehabt, dass das Buch mindestens 700 Seiten hat. Schon ab Seite 100 hab ich bedauert, ein Drittel des Buches ausgelesen zu haben und ich wollte es mir aufteilen wie eine Tafel Schokolade, die dann mir nichts dir nichts doch irgendwie verschwindet.
Die Welt, die Theresa Hannig um die Bundesrepublik Europa erbaut hat, erscheint mir extrem gut durchdacht. Die negativen Folgen eines Bedingungslosen Grundeinkommens, die Sicht der Schüler, die in die Generation der Optimalwohlgesellschaft auf die Vergangenheit und sämtliche technische Errungenschaften erscheinen mir realistisch. Ich habe kein einziges Plothole und keine Logikfehler gefunden. Die Welt saugt den Leser in sich auf, und man will in das Buch kriechen und selbst zu dieser Gesellschaft gehören (und einiges besser machen als Samson Freitag).
Der Schüler, an den ich beim Verfassen des letzten Absatzes denke, wird für seine sechzehn Jahre ziemlich doof dargestellt. Seine Artikulation lässt vermuten, dass ihn Schule kaum interessiert und er eher zu den Dummen gehört. In einer glattgebügelten utopischen Welt, in der es darum geht, jedem einen perfekten Arbeitsplatz zuzuordnen, ist es durchaus wichtig, auch solche Menschen zu berücksichtigen. Was von der Autorin eigentlich nur als Methode diente, über die Geschichte der BEU zwischen 2016 und 2052 zu referieren, erschien realistisch und hat die Umstände, unter denen die Bürger im Jahr 2052 in “Die Optimierer” leben, solide untermauert.
Auch im übrigen Roman passt die Weltenbeschreibung perfekt zur Handlung. Alles, was beschrieben wird, ist aus Sicht des Protagonisten auf irgendeine Art und Weise relevant und alles, wovon ich beim Lesen mehr wollte, kam im nächsten Absatz auf dem Silbertablett serviert.
Kurz vor dem Ende geschieht ein Plottwist, der mich ein bisschen an die Dystopie “Infiziert” von Elenor Avelle erinnert hat. Der Handlungsstrang wird hart abgebrochen, der Protagonist kommt in eine andere Umgebung und der Leser wird maximal verwirrt. Diese Verwirrung hat das Finale eingeleitet und in einem grandiosen Ende sämtliche Handlungsstränge und offenen Rätsel der vorherigen 260 Seiten aufgegriffen und erklärt.
Außerdem endet der Roman – okay sorry, der Spoiler muss sein – mit einer Frage. Wie genial ist das denn bitte? Ich erkläre mich hiermit offiziell zum Fangirl.

Eine neutrale Information:

Sexszenen sind in “Die Optimierer” sehr ausführlich beschrieben. Obwohl ich geschriebene Erotik nicht mag, sind die Szenen angenehm geschrieben, auch wenn sie für meinen gefühlten Genredurchschnitt zu ausführlich sind (eine bis zwei Buchseiten geht es mehrmals voll zur Sache). Wer eine Aversion gegen detailierte Erotik hat, würde diesem Buch definitiv Abzüge in der Gesamtbewertung geben. Ich persönlich konnte mich mit dem Sexualverhalten der Charaktere abfinden, fühlte mich nicht gestört und empfand die Sexszenen insgesamt als plot- und weltrelevant und sinnvoll. Daher ignoriere ich hinsichtlich der Gesamtwertung, dass es eigentlich zu viel für meinen Geschmack ist. Dennoch ist es mir wichtig, diese Information im Buch unterzubringen.
Darüber hinaus befindet sich im ersten Drittel des Buches die typische Spiegel-Szene. Das Äußere des Protagonisten Samsons wird beschrieben, indem er sich selbst im Spiegel ansieht. Für meine Autorenkollegen ist das sicher eine nette Info am Rande 😉

Schwächen des Buchs:

Willkommen zum Meckern auf hohem Nivaeu. Auch, wenn “Die Optimierer” meine erste 5-Sterne-Bewertung in der Weltenbibliothek und für mich auch die erste Höchstwertung im Jahr 2018 hervorgerufen haben, möchte ich die Schwächen herausstellen.
Zu meinem Erstaunen enthält das Buch ziemlich viele Kommafehler. Für das, was ich von Bastei Lübbe gewohnt bin, sind sie mir recht häufig aufgefallen. Ausgerechnet auf den letzten Seiten findet sich ein fetter Das-Dass-Fehler, der mir sauer aufgestoßen ist.
Die Motivation des Protagonisten, alles haargenau zu machen, ist nicht 100 %-ig sauber herausgearbeitet worden. Durch mehr Information über den Spleen des Protagonisten oder über seine Bedeutung von Genauigkeit, weshalb der Kernkonflikt überhaupt ins Rollen kommt, hätten der Geschichte durchaus gut getan.
Ein paar Ticks der Autorin habe ich ebenfalls beim Lesen herausgestellt. Während in meinen Romanen ständig Augenbrauen gehoben, Köpfe schiefgelegt oder mit den Augen gerollt wird, hat Theresa Hannig augenscheinlich eine Vorliebe für knackende Kiefer, trockene Rachen und das sich ständig wiederholende Über-die-Lippen-lecken. Das ist ziemlich repetetiv, und auch, wenn es den sich verschlechternden Gesundheitsstatus des Protagonisten verdeutlichen soll, gingen mir diese drei Wiederholungen dann doch auf die Nerven.
Die Offenbarung des Hintergrundes, der Ercan Bösers wahre Motivation / Rolle darstellt, kam mir zu sehr im Infodump. Das letzte Kapitel hat mich nicht wirklich befriedigt. Ich kann aber nicht sagen, ob das daran liegt, dass ich mir noch immer wünsche, das Buch hätte 700 Seiten oder ich hätte Fortsetzungen davon im Regal stehen. Ich bin nur unbefriedigt in dem Sinne, als dass ich ewig weiterlesen möchte, daher ist diese Schwäche mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Mein Fazit:

Es würde mich nicht wundern, wenn Die Optimierer verfilmt werden. Im Gegenteil: Ich erwarte, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre eine Verfilmung anstehen wird. Der Plot eignet sich dafür, sodass der Film nicht viel vom Buch vernachlässigen oder über Bord werfen müsste. Die Optimierer ist eine durch und durch gelungene Utopie, die ich ausnahmslos jedem Liebhaber zukünftiger Gesellschaftsmodelle empfehlen möchte.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 304 Seiten, erschienen bei Bastei Lübbe am 29.09.2017, ISBN: 978-3-404-20887-6

Andere Leseeindrücke:

Kia Kahawa
Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.
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