Der Gesundheitsstaat als Bürgerpflicht – Corpus Delicti [Rezension]

Der Gesundheitsstaat als Bürgerpflicht – Corpus Delicti [Rezension]

Der erste Satz

Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit.

Zum Inhalt:


Irgendwann im Verlauf des 21. Jahrhunderts hat der Staat die Gesundheit zur obersten Bürgerpflicht erhoben.
Moritz Holl wird von diesem Staat beschuldigt, ein Verbrechen begannen zu haben – und bringt sich um.
Mia Holl will beweisen, dass ihr Bruder unschuldig war, wird dadurch selbst zur Gefahr für das System und wird angeklagt.

Denn: Der Staat will schließlich nur ihr Bestes.

Mein Eindruck zu Corpus Delicti:

Die Geschichte beginnt mit der Verurteilung der Protagonistin Mia Holl. Danach wird der Prozess (der Untertitel hat schon seinen Grund) von Anfang bis Ende geschildert und der Leser erfährt immer mehr über die Vergangenheit von Moritz und Mia Holl, die schlussendlich zum Anfang führt (also zur Verurteilung von Mia Holl). Dabei kann es der geschilderte Gesundheitsstaat durchaus mit einem orwellschen Überwachungsstaat aufnehmen.

Ursprünglich habe ich das Buch in der Buchhandlung nur mitgenommen, weil ich mich sonst nicht hätte entscheiden können. Juli Zeh ist offenbar eine Art Dauergast im Feuilleton und allein das ist normalerweise ein Grund für mich, Bücher weiträumig zu umschiffen. Ich habe Corpus Delicti schließlich doch mitgenommen, gelesen und es nicht bereut.
Ja, die Sprache ist anspruchsvoll. Aber irgendwie hat es trotzdem nicht viel mit “gehobener” Literatur zu tun. Das Buch ist einerseits ein typisches Stück Literatur wie es Feuilleton-Redakteure so sehr lieben. Aber gleichzeitig auch ein ganz entspanntes Buch zur lockeren Unterhaltung während einer langweiligen Physik-Vorlesung.

Stärken des Buchs:

Die größte Stärke von Corpus Delicti ist die glasklare Charakterisierung der einzelnen Figuren.
Einerseits die Protagonistin Mia Holl, bei der man sich das eine oder andere Mal ernsthaft fragt, ob sie schon schizophren oder nur ein bisschen gestört ist, wenn sie mit der idealen Geliebten redet. Das führt zu mitunter interessanten Situationen, wenn ihre Gesprächspartner Mias Selbstgespräche als Reaktion auf den Gesprächsverlauf interpretieren. Die ideale Geliebte nimmt überhaupt kein Blatt vor den Mund. Und das ist in einigen Momenten eher suboptimal.

Moritz Holl wird unschuldig verurteilt und erhängt sich während der Haft in seiner Zelle. Ich finde es großartig, wie Mias Erinnerungen an ihn (denn sein Tod hat ja überhaupt zur Ausgangslage geführt) nach und nach ein bröckelndes Bild von einem desillusionierten Gesundheitsstaat zeigen, der hinter der Fassade alles andere als nett und freundlich ist. Je mehr man über Moritz Holl erfährt, umso tiefer blickt man hinter diese Fassade.

Schwächen des Buchs:

Ein Herz Abzug gibt es für die Erzählstruktur, die es leider ziemlich schwierig macht, der Handlung zu folgen. Corpus Delicti fängt am Ende (Mias Prozess) an und endet am Anfang mit Mias Verurteilung.
Auf den ersten Blick denkt man sich: Ja gut, wenn ich auf der ersten Seite das Ende kenne, kann ja keine Spannung aufkommen. Doch. Und genau das wird Corpus Delicti hier gewissermaßen zum Verhängnis. Während Corpus Delicti versucht auf eine andere Art zu überraschen, verrennt sich die Handlung irgendwie. Das ist kein Beinbruch, macht das Buch aber in Kombination mit der eher gehobenen Sprache schwerer zugänglich als man es vielleicht gewohnt ist.

Mein Fazit:

Der Vergleich mit George Orwell (bzw. seinem Meisterwerk “1984”) in meiner Einleitung ist – denke ich – durchaus angebracht, um den Gesundheitsstaat zu verstehen. Das Buch lässt mich mit einem mulmigen Gefühl zurück. Allein die Vorstellung, dass solch ein System, wie DIE METHODE überhaupt existieren könnte, ist einfach nur gruselig. Auch wenn das Ende (obwohl von der ersten Seite an bekannt) etwas – überraschend – ist, kann ich gar nicht anders, als dem Buch hier volle fünf Herzen zu geben.
Als Leser sollte man irgendwas zwischen Science-Fiction, Utopie und Gegenwartsliteratur erwarten. Viel genauer lässt sich “Corpus Delicti” aus meiner Sicht nicht einordnen.

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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