Ein sanfter Fausthieb – Und dein Leben, dein Leben [Rezension]

Ein sanfter Fausthieb – Und dein Leben, dein Leben [Rezension]

Der erste Satz

Noch war es still im Haus, zumindest im Vergleich zum Abend, der folgen sollte.

Zum Inhalt:


Carmen wohnt in einem alten Bootshaus am Ufer eines abgelegenen Sees, allein mit ihrem Hund Dexter. Sie ist Schriftstellerin und verliert sich inmitten der Einsamkeit in ihrer Arbeit. Nur ihre seltenen Besuche im Ort auf der anderen Seite des Sees bieten ihr Kontakt zur Außenwelt. Ihr Alltag wird bestimmt vom Schreiben und ausgedehnten Spaziergängen im Wald. Carmen ist fasziniert vom Tod, genauer gesagt dem gewaltsamen Tod und jenen, die ihn herbeiführen.

Ihr Leben lang befasst sie sich mit allen Bereichen des Sterbens und kommt nicht nur auf theoretischer Basis mit dem Tod in Kontakt. Besonders aufregend wird ihr Leben jedoch, als ein Mörder bei ihr zu Gast ist.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Tief durchgeatmet
  2. Mich gewundert, wie schnell das Buch ausgelesen war
  3. Fassungslos die Wand angestarrt

Mein Eindruck zu Und dein Leben, dein Leben:

Dieses Buch hat mich umgehauen! Es hat mich ganz langsam und unbemerkt an sich gefesselt und mir zum Schluss mit geballter Faust ins Gesicht geschlagen. Es ist eine Novelle und zugleich ein Thriller der anderen Art. Es ist schwer, meine Begeisterung in Worte zu fassen, ohne zu spoilern und das will man bei diesem Buch auf gar keinen Fall. Es ist kurz und sehr kompakt, das heißt, beinahe jedes Detail zählt.
Der Autorin ist es gelungen, mich mit nur wenigen, gut gesetzten Worten und ohne viel Blut oder direkte Gewalt vollkommen fertig zu machen. “Und dein Leben, dein Leben” ist tatsächlich ein Buch für Mutige, die bereit sind, sich der hässlichsten Seite des Menschen zu stellen und damit auch der hässlichsten Seite ihrer selbst.

Stärken des Buchs:

Die Novelle punktet zunächst mit der Atmosphäre, die auf subtile Weise geschaffen wird. Magret Kindermann ist eine Meisterin der reduzierten Sprache. Sie muss nichts aufbauschen oder wortreich beschreiben, sie nimmt einfach die richtigen Worte.
In diesem Fall hilft die Komposition aus Einsamkeit, Abgeschiedenheit, einer wenig sympathischen Protagonistin und bewusst erzeugter Vorahnung, dass hier Dinge nicht so verlaufen, wie sie sollten. Dieses Gefühl der bösen Vorahnung bleibt bis zum Schluss erhalten, selbst wenn man denkt, alles erfahren zu haben, legt die Autorin noch eine Schippe oben drauf. Und doch ist es keine Schippe zu viel.
Die Geschichte belastet ohne zu überlasten. Sie befasst sich mit den Abgründen des Menschen, wählt sich jedoch eine Protagonistin, mit der es sich nicht leicht identifizieren lässt. Das ist sehr gut. Die Protagonistin ermöglicht es der Leserin oder dem Leser, die Handlung nicht zu nah an sich heran zu lassen, sich von ihr zu distanzieren und macht sie überhaupt erst schlüssig. Denn Carmen ist nicht wie du und ich und nur das ermöglicht ihr den Umgang mit den Ereignissen um sie herum.

Das Ende. Es erhält hier einen eigenen Absatz, denn das Ende dieser Novelle ist ein Geniestreich. Es sitzt genau dort, wo es hingehört und schließt den Kreis der Handlung perfekt ab. An dieser Stelle möchte ich meine Hochachtung als Autorin aussprechen, denn es ist nicht leicht, den richtigen, geschweige denn den perfekten Schluss für ein Buch zu finden.

Noch einige Worte zur äußeren Gestaltung. Das Cover gefällt mir persönlich sehr gut. Das zarte blau, die weiche Schrift und die abgebildete Wasseroberfläche suggerieren den Frieden. Doch ist das Wasser aufgewühlt und das Bild zerstückelt. Es wirkt friedlich und zugleich auch nicht und passt somit perfekt zu seinem Inhalt. Auch der weiße Druck auf schwarzem Grund, wie er auf den ersten und letzten Seiten umgesetzt wurde, sorgt für einen besonderen optischen Eindruck.

Schwächen des Buchs:

Das ist mir jetzt etwas unangenehm… Und das passiert mir wirklich selten, aber ich habe absolut nichts zu meckern.
Ich kann mich nicht einmal darüber ärgern, dass das Buch irgendwann zu Ende war, denn der Schluss ist perfekt. Es hätte nicht länger oder kürzer sein dürfen.

Mein Fazit:

“Und dein Leben, dein Leben” ist ein Buch für mutige Denker. Es ist schnell gelesen, aber nicht leicht verarbeitet. Diese Novelle ist ein unblutiger Schocker, der mich einmal mehr an allem Menschlichen zweifeln lässt. Die Geschichte klingt nach, ich habe dieses Buch vor ungefähr fünf Wochen gelesen und denke immer noch darüber nach. Nicht ausschließlich und nicht dauerhaft, aber es lässt mich eben nicht ganz los.

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Wiebke Tillenburg
Wiebke liest alles, was ihr interessant erscheint und nicht Horror ist. (Sonst kann Wiebke nicht schlafen.) Verschiedene Gattungen der Fantastik findet sie besonders häufig interessant und sie liebt den klassischen Krimi. Bilderbücher sind ihre große Leidenschaft und sie sammelt sie nicht nur für ihre Kinder. Einst studierte Wiebke Geschichte und Germanistik, allerdings störte sie das dazugehörige Lehramt irgendwann dermaßen, dass sie damit aufhörte und sich vorerst ausschließlich dem Schreiben eigener Bücher widmet.

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