Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Der erste Satz

Seit achtundzwanzig Minuten befand sich Lovelace nun in einem Körper, aber es fühlte sich noch kein bisschen weniger falsch an als in dem Augenblick, als sie darin erwacht war.

Zum Inhalt

Nach einem Systemausfall an Bord der Wayfarer ist die KI Lovelace in einem Bodykit gefangen. Von da an muss sich das ehemalige Computerhirn des Tunnlerschiffes mit den Beschränkungen eines menschlichen Körpers herumschlagen. Als wäre die ungewohnt eingeschränkte Wahrnehmung nicht schon schlimm genug, fällt es ihr ziemlich schwer, sich in einer Gesellschaft zurecht zu finden, in der künstliche Menschen verfolgt werden.
Ihre einzige Vertraute dabei ist die Technikerin Pepper, die selbst die Erfahrung machen musste, das Universum von einem Tag auf den Nächsten mit anderen Augen zu sehen.

Das Buch unterteilt sich in zwei Handlungsstränge, die zwar stellenweise miteinander verknüpft sind, ansonsten aber eigenständig bleiben.
Der erste Handlungsstrang – die Haupthandlung – aus Sicht von Lovelace / Sidra setzt direkt nach dem Ende von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” ein. Der zweite Handlungsstrang aus Sicht von Jane setzt etwa 20 GU-Standards vor den Geschehnissen aus Band 1 ein. Theoretisch kann man “Zwischen zwei Sternen” auch lesen, ohne “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” gelesen zu haben. Ich möchte an dieser Stelle allerdings dringend davon abraten, da “Zwischen zwei Sternen” in der selben Welt spielt und dementsprechend die verschiedenen Kulturen mit ihren Gepflogenheiten nur dort erklärt werden, wo es unbedingt nötig ist. Alles weitere am Setting ist in Band 1 nachzulesen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die letzte Seite ganz langsam umgeschlagen, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass das Buch schon zu Ende ist.
  2. Das Buch zur Seite gelegt, weil ich es leider doch komplett gelesen habe
  3. Die Empfehlung bekommen, noch einmal ganz vorne beim zornigen Planeten anzufangen, um die Reise erneut erleben zu können.

Mein Eindruck zu Zwischen zwei Sternen

Das Buch ist ein würdiger Nachfolger für das gefeierte Debüt der Autorin. Auch wenn die letzte Reise mit der Wayfarer schon ein bisschen länger her ist (wie es bei mir der Fall war), findet man sich nach einigen Startschwierigkeiten wieder wunderbar in die Welt ein. Ich muss schon sagen, dass mir – Achtung, nicht über den Spoiler stolpern – Die sympathischste Crew des Universums ein wenig fehlt. Wir begleiten die KI Lovelace, die sich in einem höchst illegalen Bodykit wiederfindet. Zwar hat sie damit den Ausfall der Wayfarer-Systeme überlebt, doch so ein Menschenkörper hat für eine KI eben seine Nachteile.

Stärken des Buchs:

Ich finde, die größte Stärke des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Die Autorin ist sehr geschickt darin, dem Leser die verschiedensten Eindrücke aus der Sicht der verschiedensten Kulturen lebhaft – und authentisch – auszubreiten. Besonders die Beziehungen der Figuren untereinander sind meisterhaft herausgearbeitet. Besonders der erneute “Kulturschock” der Protagonistin gefällt mir sehr gut. Wir erinnern uns: Zu Beginn von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” war es Rosemary, die als Mensch unter “Aliens” zurechtkommen muss. Besonders interessant finde ich an dieser Stelle, dass die Protagonistin in “Zwischen zwei Sternen” eine KI ist. Ich könnte jetzt eine Stunde darüber nachdenken, aber mir würde wahrscheinlich trotzdem kein Buch einfallen, in dem ich schon mal eine KI als Protagonist hatte.
Aus dieser Ausgangslage heraus ist Lovey natürlich ziemlich überfordert, weil ihr so ziemlich alles fremd ist, was sich außerhalb von Computersystemen befindet. Klar, an Bord der Wayfarer hat sie schon Einiges mitgenommen, aber wenn der Körper dann nur ein eingeschränktes Wahrnehmungsfeld hat, ist der Kulturschock – ja, das Wortspiel ist beabsichtigt – vorprogrammiert.

Was mich ein bisschen nachdenklich stimmt

Wo war da eigentlich die Spannung? Ich lese nicht so oft Bücher, in denen 460 Seiten lang kaum Action aufkommt, ohne sie deswegen an die Wand klatschen zu wollen. Deshalb: Ein klarer Plusminuspunkt. Die Autorin liefert ein Buch ab, das den Leser bei der Stange hält, ohne sich viele Gedanken um einen Spannungsbogen oder dergleichen zu machen. Dem einen oder anderen mag das überhaupt nicht gefallen.

Schwächen des Buchs:

Ich finde, die größte Schwäche des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Klingt redundant? Stimmt, hatten wir schließlich schon.
Im Wesentlichen könnte ich hier die Schwächen aufzählen, die Kia in ihrer Rezension zu Band 1 bereits erwähnt hat. Der Plot ist flach, es gibt keinen Showdown und keine spannenden Weltraumschlachten, die Handlung plätschert gemütlich im Hintergrund dahin. Es ist wahnsinnig entspannend, aber da hätte man mehr daraus machen können.
Der Grund, aus dem ich aber die Aufzählung von Stärken und Schwächen identisch begonnen habe: Mir fehlt die Überraschung. Einerseits heißt das, dass die Autorin weiß, wo ihre Stärken liegen und es deshalb vielleicht gar nicht versucht, es anders zu machen. Denn: Never touch a running system. Andererseits hat man aber irgendwie alles schon mal gesehen. Es ist die selbe Welt mit anderen Figuren und aus anderen Augen. Dennoch schwingt da so ein bisschen was von “lauwarmer Aufguss eines bewährten Schemas mit”.

Mein Fazit

Es tut mir wahnsinnig leid, das sagen zu müssen, aber: Ich habe “Zwischen zwei Sternen* gerne gelesen. Für mehr reicht es an dieser Stelle nicht. Es ist zweifelsfrei ein gutes Buch und eine angenehme Reise. Dennoch lässt mich das Ende ein bisschen bangen vor dem, was danach noch kommen mag. Eine einzige Wiederholung des Reiseerlebnisses des zornigen Planeten war es allemal wert. Gerade, weil Sidra eine Protagonistin ist, wie man sie eben nicht reihenweise auf der Straße findet. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele neue Reisen ins Universum der Wayfarer und ihrer Crew ich noch mitmachen möchte. Das ist sehr schade.
Deshalb ist “Zwischen zwei Sternen” eine Reise, die man sehr gerne in positiver Erinnerung behalten möchte. Doch irgendwie ist das Fernweh, das während und nach Band 1 noch ein riesiges Feuerwerk war, zu einem kleinen Funken geworden. Meine Bitte an die Autorin: Ich will mehr solcher Reisen, aber an das Gefühl von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” reicht “Zwischen zwei Sternen” leider nicht heran.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 464 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 25.01.2018, ISBN: 978-3-596-03569-4

Andere Leseeindrücke

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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