Teenager werden Clanführer – Der Verrat des Wandlers [Rezension]

Teenager werden Clanführer – Der Verrat des Wandlers [Rezension]

Der erste Satz

An diesem wunderschönen Septembertag hatte ich nur eins im Sinn: Die Sonnenstrahlen zu genießen, die auf meiner Nase tanzten.

Zum Inhalt:


Die siebzehnjährige Kiara wurde zur Königin des Schlangenclans erkoren, da sie die mächtigste Gestaltwandlerin ihres Volkes ist. Wie mächtig, kann zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnen, nicht einmal Kiara selbst. Gleichzeitig wird auch Jacques, ihre große Liebe, zum König des gegnerischen Skorpionclans gemacht. Beide entdecken nach und nach das volle Ausmaß ihrer Macht, je stärker Jacques wird, desto stärker wird auch Kiara, wie zwei Ventile einer wilden Macht. Zur ersten großen Teenager-Liebe, die sich sowieso immer anfühlt, als wäre sie für immer, kommt also auch noch die Schicksalskomponente. Außerdem sind beide rebellische Siebzehnjährige, die auf ihr Teenagerdasein beharren, vor allem Kiara. (Kennt ihr das? Wenn man spürt, dass man anders ist, aber unbedingt normal sein will?) Das Drama wäre also sowieso schon vorprogrammiert.

Darüber hinaus entsteht durch dieses Gleichgewicht der Macht auch noch eine Art kalter Krieg, in dem Attentate und Spionage auf der Tagesordnung stehen. Und als wäre das nicht genug, bedroht die verdeckte Anwesenheit des dunkelsten aller Wesen, dem Wanderer, von dem niemand weiß, woran er zu erkennen ist, das Dasein beider Clans und möglicherweise der gesamten Menschheit. Bald wissen weder Kiara noch Jacques, wer eigentlich die Guten, wer die Bösen sind und wem man überhaupt noch trauen kann. Wer ist hier wirklich der bzw. das Böse und lauert der Verrat vielleicht in den eigenen Reihen oder verbirgt er sich gar hinter der großen Liebe? 

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Band 3 bestellt und mit Entsetzen festgestellt, dass der erst erscheint
  2. Band 1 & 2 in mein Lesetagebuch eingetragen
  3. Versehentlich alle Zitate gelöscht, die ich mir aus Band 1 & 2 rausgeschrieben habe

Mein Eindruck zu Der Verrat des Wandlers:

Schon nach den ersten Seiten war ich sofort wieder in die Geschichte um Kiara und Jacques vertieft und besonders erfreut, dass nicht mehr alles nur aus Kiaras Sicht beschrieben wird. In diesem Teil dürfen wir auch in Jacques’ und Alecs Perspektiven eintauchen, die uns tiefere Einblicke in deren Beweggründe geben. Interessant sind dabei vor allem die vor Kiara verheimlichten Informationen, die in diesen Kapiteln ans Licht geraten. Die Spannung wird durch diesen Wissensvorsprung noch weiter aufgebaut. Wenn du denkst, jetzt hast du alles durchschaut und weißt, wie es weitergeht, kommt plötzlich wieder eine neue Information ans Licht, die alles infrage stellt, was du bisher zu wissen geglaubt hast. Auch die erwachseneren Sichtweisen Alecs, der eben kein Teenager mehr ist, sind immer wieder eine willkommene Abwechslung.

Die im ersten Band konstruierten philosophischen und moralischen Zwickmühlen sind in Der Verrat des Wandlers mitunter noch präsenter. Durch das langsame Erwachsenwerden der Hauptcharaktere ergeben sich neue Probleme und Charakterzüge, die sich nicht als rein Gut oder Böse kategorisieren lassen. Wann ist es richtig, seine große Liebe anzulügen, um den Clan zu schützen? Und wann ist es richtig, den Clan anzulügen, um seine große Liebe zu schützen? Ist es besser, seinen eigenen Leuten zu helfen, oder ist es die Aufgabe der Starken, die Schwachen zu schützen? Wer hat das Recht auf Freiheit und warum? Mein Eindruck ist auch nach dem zweiten Teil noch, dass es sich bei Die Wandler um eine sehr durchdachte Reihe handelt, die beim Lesen unbequeme Fragen aufwirft, die uns alle betreffen – ob Gestaltwandler oder nicht.

Stärken des Buchs:

Der Verrat des Wandlers* hat zwei große Stärken. Erstens sind sowohl die Geschichte als auch die Charaktere gänzlich unvorhersehbar. Das liegt allerdings nicht daran, dass sie nicht nachvollziehbar handeln oder aus der Rolle fallen würden (mit einer großen Ausnahme, s. unten). Die Autorin ist einfach eine Meisterin darin, Informationen über die Charaktere so lange zurückzuhalten, bis sie sie an den richtigen Stellen ausspielen kann. Dadurch bleibt zwar das Meiste unvorhersehbar, aber trotzdem logisch, sobald du die nötigen Hintergrundinformationen dazu bekommen hast.

Die zweite große Stärke ist die philosophische Komponente, die (nicht nur junge) Leserinnen und Leser dazu bringt, selbstständig über moralische Dilemmata nachzudenken, statt eine universale Lösung aufzutischen. Hier wird nicht der moralische Zeigefinger erhoben, sondern gezeigt, dass es eben keine Universallösungen für komplizierte Probleme gibt, dass man nicht alles in Gut und Böse einteilen kann und dass es manchmal einfach nur darum geht, das geringste Übel aus vielen unbefriedigenden Lösungen zu wählen. Wenn einer gewinnt, muss ein anderer verlieren. So einfach und gleichzeitig so kompliziert ist das – im Krieg und in der Liebe.

Wie im ersten Teil ist auch hier sehr positiv, wie realistisch die Gefühle beschrieben sind, mit einigen Auf und Abs. Das kennst du vielleicht: Bei der ersten große Liebe denkst du, es ist für immer. In anderen Romantasy-Büchern wird das überhaupt nicht infrage gestellt, da ist das Schicksal und fertig. Aber wenn du ein bisschen vernünftig bist, hast du auch als Teenager schon die dunkle Vorahnung, dass das wahrscheinlich nicht wirklich für immer ist, auch wenn du es dir noch so sehr wünschst. Du fragst dich, ob das tatsächlich schon alles war, oder ob da noch was kommt, denn du hast ja noch gar nichts anderes kennengelernt und so weiter. Auch dieser innere Konflikt ist Lena Klassen bei Der Verrat der Wandler ausgesprochen gut gelungen.

Schwächen des Buchs:

Bei aller Liebe zur realistischen Darstellung der Gefühlswelt, kann man es jedoch auch übertreiben. Wie es nämlich zwangsweise sein muss, wenn hauptsächlich Teenager die Hauptrollen spielen, die auch noch unsterblich und verbotenerweise ineinander verliebt sind, stehen Kitsch und Gefühlsduselei ganz hoch im Kurs. Da wird passagenweise viel zu lange geschmachtet, gegrübelt und gezweifelt. Die Geschichte büßt dadurch einiges an Tempo ein und scheint an manchen Stellen absichtlich in die Länge gezogen, während anderswo zu viel Hintergrundinformationen ausgespart werden. Der Verrat des Wandlers kommt zwar ähnlich gut durchdacht daher wie der erste Band, wirkt stellenweise jedoch auch wie ein Übergangswerk, in dem vieles aufgebaut wird, das erst in den nächsten Bänden (hoffentlich) aufgelöst wird. Es hätte der Geschichte besser getan, die eine oder andere offene Frage schon in diesem Band zu lösen, um die Leserinnen und Leser nicht gänzlich verwirrt zurückzulassen.

Eine besondere Schwäche liegt außerdem in einer absolut nicht nachvollziehbaren Szene, in der Kiara viel zu schnell glaubt, was man ihr vorsetzt. Um nicht zu spoilern, gehe ich darauf jetzt nicht näher ein, aber allein dafür ziehe ich einen ganzen Stern ab.

Mein Fazit:

Alles in allem ist Der Verrat des Wandlers* ein gelungener Romantasy-Roman, dem es vielleicht gut getan hätte, wenn die Charaktere etwas älter gewesen wären. Das Entdecken seiner neuen, ziemlich mächtigen Fähigkeiten und das Anführen eines Clans für sich genommen sind schon zwei sehr komplizierte Dinge. Kommt jetzt auch noch unberechenbares Teenager-Gefühlschaos kombiniert mit komplexen politischen Intrigen dazu, kann das beim Lesen schon recht anstrengend werden.

Und doch wiegen die positiven Aspekte des Buchs die wenigen negativen auf, sodass ich eine ganz klare Leseempfehlung für diesen Band geben kann, sofern du vorhast, die gesamte Reihe zu lesen. Als zweiter Band einer Tetralogie ist Der Verrat des Wandlers weitestgehend sehr gelungen. Denn vor allem durch das Erforschen der eigenen Fähigkeiten sowie das Entdecken politischer Intrigen wird ein facettenreiches Spannungsfeld geschaffen, in dem sich die nächsten beiden Bände wunderbar entfalten können. Dadurch bleiben aber zwangsläufig viele Fragen offen, die meisten Konflikte ungelöst und ich als Leser etwas frustriert zurück, da ich nicht sofort weiterlesen kann, um alles aufzulösen. Zum Glück sind der dritte und vierte Band jetzt bereits im Eisermann Verlag erschienen, dass zumindest du dieses Problem mit dem Frust nicht mehr haben musst.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch ca. 450 Seiten, erschienen bei Eisermann Verlag am 13.04.2018, ISBN: 978-3-96173-058-2

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
S. M. Gruber
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