Ein grellbuntes, triestes Grau – Arthur und die Farben des Lebens [Rezension]

Ein grellbuntes, triestes Grau – Arthur und die Farben des Lebens [Rezension]

Der erste Satz

Licht mit einer Wellenlänge von fünfhundertzwanzig Nanometern trifft auf die Zapfen in Arthur Astorgs Netzhaut.

Zum Inhalt:


Arthur Astorg hat in so ziemlich allen Belangen versagt, in denen ein Mensch versagen kann. Damit ihm die Sozialhilfe nicht gestrichen wird, nimmt er unfreiwillig einen Job in einer Buntstiftfabrik an. Zu allem Überdruss meldet diese allerdings bald darauf Konkurs an. Um seine Arbeit wenigstens zu einem gelungen Abschluss zu führen, stellt er die leuchtkräftigsten Buntstifte her, die die Welt je gesehen hat.

Die Sache hat nur einen Haken: Denn von einem Tag auf den anderen verschwinden alle Farben von der Welt, die daraufhin mehr und mehr im Chaos versinkt.

Arthurs einziger Hoffnungsschimmer ist der Anblick seiner blinden Nachbarin Charlotte, die sich als Neurowissenschaftlerin mit der Wahrnehmung von Farben auskennt. Um ihr endlich näher zu kommen, schenkt er ihrer Tochter Louise einen pinken Buntstift. Das Bild, das sie damit malt, ist Pink und nicht wie erwartet Einheitsgrau. Und jeder, der das Bild betrachtet, kann wieder Pink sehen.

Und so kommt es, dass Arthur – gemeinsam mit Charlotte und Louise – damit beginnt, die Farben wieder zurück in die Welt zu holen. Gar nicht so einfach, wenn man ein paar Nichtsnutze der chinesischen Mafia am Hacken hat.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch zugeklappt und es erst einmal für drei Stunden zur Seite gelegt, bevor ich es ins Regal geräumt habe.
  2. Mir Gedanken darüber gemacht, ob es das beste oder das schlechteste Buch war, das ich bisher gelesen habe, ohne zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen.
  3. Dem (erneuten) Impuls widerstanden die Buntstifte rauszukramen und das Cover endlich fertig zu malen.

Mein Eindruck zu Arthur und die Farben des Lebens:

Wie bereits erwähnt bin ich mir ziemlich unschlüssig, wie ich das Buch einordnen soll. Das fängt schon beim Genre an. Auch am Ende der knapp 280 Seiten bin ich mir nicht sicher, ob ich da einen Liebes- oder einen Entwicklungsroman gelesen habe. Was das Buch – zur Abwechslung mal aus dem Französischen, nicht aus dem Englischen stammend – aber definitiv für sich verbuchen kann: Ich habe das Buch am Abend gegen 21 Uhr angefangen und hatte es am nächsten Tag schon vor 12 Uhr durchgelesen.

Stärken des Buchs:

Zugegeben, die 1. Person ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig (besonders weil sich der Autor scheinbar nicht einig werden konnte, aus wessen Sicht er denn jetzt eigentlich schreiben wollte), aber der Stil ist sehr locker gehalten. Fast schon typisch französisch, würde ich mal behaupten. Jedenfalls lässt sich das Buch sehr gut lesen und überwiegend leicht verstehen. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, kommt man ziemlich gut damit klar.

Besonders der Humor kommt hier nicht zu kurz. Wo es zwischendurch darum geht, wie die Menschheit das Verschwinden der Farben auffasst, unter anderem:

Fans der Serie Game of Thrones hingegen glauben, der Winter sei angebrochen, und warten auf die Armee der untoten Wiedergänger. – Seite 73

oder auch:

Eilmeldung auf lemonde.fr

E. L. James soll in Kürze ihren neuen Roman veröffentlichen: One Million Shades of Grey – Seite 116

Während das erste Zitat mir ein Schmunzeln entlockte (was vor allem auch am Kontext lag), habe ich beim zweiten Zitat ziemlich herzlich gelacht.

Auch das Cover ist definitiv gelungen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, Buch und Buntstifte getrennt aufzubewahren. Tatsächlich passt diese »Malbuch-Optik« aber wunderbar zur Geschichte. Schließlich ist die Umgebung der Figuren fast durchgängig in Grau-, Weiß- und Schwarztönen gehalten.

Wo wir übrigens bei den Farben sind, die das Hauptthema des Buches sind. Der Autor ist hauptberuflich als Farbdesigner (nein, ich habe auch keine Ahnung, was ein Farbdesigner macht), unter anderem für Jil Sander in Japan, tätig und außerdem Mitglied im »Comité Français de la Couleur« (deutsch also: Französische Farbkommission). Ich würde also behaupten, dass er jemand ist, der Ahnung von Farben hat. Ich habe nicht jede einzelne Behauptung zur Farbpsychologie überprüft, die in den Roman eingestreut wurde (das sind für unter 300 Seiten ziemlich viele). Was da allerdings zu den Farben erzählt wird klingt jedenfalls sinnvoll und authentisch, wenn man selbst keine Ahnung davon hat.

Schwächen des Buchs:

Um es mal ganz deutlich zu sagen: Mir missfällt der Plot. Stellenweise war die Handlung einfach zu schnell. Das Buch lässt sich zwar gut lesen, wirkt dann aber so als wäre dem Autor nach Seite 230 eingefallen: »Mist, jetzt habe ich alle brauchbaren Ideen verpulvert und muss dringend ein Ende schreiben.« Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass mir für den Übergang zwischen der Handlung und der letzten Szene mindestens 50 Seiten fehlten.

Außerdem werden ständig Eindrücke von irgendwelchen Nebenschauplätzen »eingeblendet« und immer mal wieder eine fiktive Schlagzeile eingestreut. Was als gute Auflockerung anfängt wird allerdings schnell nervig und führt letzten Endes dazu, dass der Plot zerfasert, nachdem er schon keinen Platz bekommen hat, sich zu entfalten.

Was mir außerdem sauer aufstößt ist die Figurengestaltung. Besonders die Figur der Charlotte finde ich – um es nett auszudrücken – ein bisschen daneben. Dadurch, dass das Buch so kurz ist, erfährt man leider relativ wenig über sie, obwohl sie ja doch so etwas wie eine zweite Protagonistin ist. Sie ist blind. Und Neurowissenschaftlerin, die sich hervorragend mit Farben auskennt. Eine bemerkenswert frische Ausgangslage. Allerdings schafft der Autor es, diesen schönen Prototyp von Charakter ansonsten mit Klischees aufzubauschen. Natürlich ist sie schön. Selbstverständlich hat sie den perfekten Körper. Und natürlich lässt sie sich nach nur wenigen Stunden in New York gleich von einem Taxifahrer schwängern, um dann zurück in Paris mit ihrer Tochter allein da zu stehen. Um es also auf den Punkt zu bringen: Gute Idee, miserabel umgesetzt. Und das gilt leider für Vieles in diesem Buch.

Ein kleiner Fakt am Rande:

Der französische Originaltitel des Buches lautet “Les crayons de couleur”, wörtlich übersetzt also: Buntstifte. Durchaus passend, wenn man bedenkt, dass es Buntstifte sind, die vom Band rollen und damit in die Welt der Farben eintauchen lassen. Außerdem ist es ausgerechnet ein pinker Buntstift, der die Handlung ins Rollen bringt.

Mein Fazit:

Dem Buch liegt eine gute Idee zu Grunde. Die Umsetzung hat allerdings gut angefangen und noch stärker nachgelassen. Ein paar Seiten mehr (vielleicht 50 oder 100) hätten dem Buch ziemlich gut getan, um dem Plot mal Zeit zu lassen, sich zu entfalten. Von der Gestaltung her ist das Buch ein auffällig unauffälliger Eyecatcher. Ein weißes Cover mit Farbsprenkeln fällt eben auf. Der Klappentext hat mich neugierig gemacht. Aber insgesamt ist es eher ein erzählendes Sachbuch über Farben, bei dem der Haupthandlungsstrang irgendwie zur Nebensache verkommt. Als Sachbuch? Sehr lehrreich und überzeugend. Als Roman? Na ja. Man hätte deutlich mehr daraus machen können.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 288 Seiten, erschienen bei C. Bertelsmann am 10.04.2018, ISBN: 978-3-570-10346-3

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

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