Einheitsbrei mit interessanten Stückchen – Die Morde von Pye Hall [Rezension]

Einheitsbrei mit interessanten Stückchen – Die Morde von Pye Hall [Rezension]

Der erste Satz

Eine Flasche Wein.

Zum Inhalt:


Susan Ryeland, ihres Zeichens Lektorin bei Cloverleaf Books, arbeitet seit Jahren mit Alan Conway zusammen. Einem erfolgreichen Bestseller-Autor, der genau wie die letzten Kapitel seines neuesten Manuskripts verschwunden ist. Ein seltsamer Abschiedsbrief legt die Vermutung nahe, dass sich Alan Conway selbst das Leben genommen hat. Die Lektorin muss selbst zur Detektivin werden, um nicht nur die “Morde von Pye Hall”, sondern auch die Umstände von Alan Conways Tod aufzuklären.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Für diese Rezension den ersten Satz herausgeschrieben und erst in dem Moment realisiert, dass der aus gerade einmal drei Wörtern besteht.
  2. Realisiert, dass ich die letzten 275 an einem einzelnen Tag gelesen habe.
  3. Mir in Erinnerung gerufen, dass ich da tatsächlich gerade einen Kriminalroman zu Ende gelesen habe, ohne das Bedürfnis zu haben, ihn im hohen Bogen an die Wand zu klatschen.1

1 Wie ich es schon in meiner Rezension zu “Ersticktes Matt” anmerkte: Ich lese im Normalfall keine Krimis. Das ist eines der Genres, mit denen ich nie warm geworden bin. Thriller in diversen Ausprägungen sind kein Problem, aber um reine Krimis mache ich normalerweise einen sehr großen Bogen.

Mein Eindruck zu Die Morde von Pye Hall:

Wow. Das beschreibt es glaube ich ziemlich gut. Im ersten Moment gerät man tatsächlich ins Stocken, weil das Buch einen Umfang von etwas über 600 Seiten hat. Für einen einzelnen Krimi ist das tatsächlich ziemlich viel (soweit ich das beurteilen kann, allzu viele Krimis habe ich ja nicht gelesen). Dann aber wird klar, dass “Die Morde von Pye Hall” gar kein einzelner Krimi ist.
In dem Buch enthalten ist zum Einen Alan Conways Manuskript, das Susan Ryeland in die Hände bekommt und für ihren Job natürlich liest. Zum Anderen führt genau dieses Manuskript schließlich zu einem zweiten Kriminalfall, in den Ms. Ryeland verwickelt wird.

Stärken des Buchs:

Womit fange ich am Besten an? Aus schriftstellerischer Sicht ist das ziemlich klar. Mir würde es schon ziemlich schwer fallen, einen einzigen Krimi auf die Reihe zu bekommen. Aber die scheinbare Leichtigkeit, mit der Anthony Horowitz hier gleich zwei davon miteinander verknüpft ist bemerkenswert. Wie bereits erwähnt ist das gesamte Manuskript eigentlich nur der Auslöser für einen fesselnden Kriminalfall, der sich darum aufspannt. Doch auch der Krimi “Morde von Pye Hall” an sich kann sich durchaus sehen lassen. Überall sind Rätsel und unerwartete Wendungen versteckt. Auch der Schreibstil ist angemessen. Während Susan Ryeland in ihrer Erzählung eine moderne Sprache benutzt, wird der Krimi aus Sicht von Atticus Pünd (ein ziemlich bescheuerter Name, wenn du mich fragst) ziemlich altbacken erzählt, spielt aber immerhin auch in den 1950er-Jahren.

Schwächen des Buchs:

Sorry, aber es dauert ewig, bis da mal irgendetwas in Fahrt kommt. Das Buch zieht sich stellenweise ellenlang wie uraltes Kaugummi. Zwischen Seite 325 und 326 lagen bei mir gut anderthalb Monate, in denen ich ganze drei Bücher mit insgesamt immerhin 1.200 Seiten gelesen habe. Und das ohne das Gefühl zu bekommen, etwas verpasst zu haben. Der Krimi rund um Atticus Pünd braucht viel zu lange um in Fahrt zu kommen und es dauert ewig, bis überhaupt mal etwas Sinnvolles passiert. Die Figuren sind mir unsympathisch. Das gesamte Manuskript wirkt wie eine lieblose Silhouette, die man eben aufgespannt hat, damit man überhaupt eine Grundlage für den zweiten Kriminalfall hat.
Wo wir beim Thema angelangt wären: Susan Ryeland ist eine furchtbare Erzählerin. Sie labert und labert und ist sowieso 90% der Zeit damit beschäftigt, entweder das Manuskript zu lesen, irgendwo hin zu fahren oder irgendwelchen Leuten immer und immer wieder die selben Fragen zu stellen. Auch die ganzen Kleinigkeiten, die auf drei, vier, fünf Seiten ausgewalzt werden, wo unterm Strich zwei Sätze gereicht hätten, haben extrem gestört. Es gab mehr als eine Etappe, wo ich im Kapitel mehrfach angehalten habe, um kurz durchzublättern, wie viele Seiten dieses blöde Ding eigentlich hat, bis ich endlich das nächste Kapitel erreicht habe. Und außerdem habe ich den Eindruck, dass Susan Ryeland – obwohl sie Lektorin ist – als Erzählerin die wichstigsten Grundregeln von Show, don’t tell nicht verstanden hat. Mich interessiert nicht die x-te Erwähnung davon, wie der Schauplatz des (Selbst-)Mordes aussah oder wer welche Hintergrundgeschichte hat, die schon seit 30 Jahren vorbei ist. Mich interessiert bei so einem Krimi, wenn überhaupt (entschuldige bitte den direkten Ausdruck), wer da verdammt nochmal wen umgelegt hat und welches Motiv der Mörder hatte. Wenn ich auf mehreren hundert Seiten Lebensgeschichten ausgerollt haben will, lese ich Biographien. Und damit erinnert mich “Die Morde von Pye Hall” daran, warum ich Krimis ungern lese: Sie laufen fast alle nach dem selben Schema F ab, gehen atmosphärisch nicht in die Tiefe, lassen die Figuren zweidimensional und langweilen mich zu Tode.

Mein Fazit:

Allein für die Grundidee gibt es ein paar Fleißpunkte. Dieses “zwei Kriminalromane in einer Geschichte” wirkt erfrischend anders, weshalb ich das Buch schließlich überhaupt gelesen habe. Aber abgesehen davon macht “Die Morde von Pye Hall” so ziemlich alles falsch, was ein Krimi aus meiner Sicht falsch machen kann. Aber: Und das ist schließlich der Punkt, der die Herzchen davor bewahrt, maßlos in den Keller zu rauschen, ich bin da kein Maßstab. Wer auf 08/15-Krimis mit mehreren Erzählebenen und typischen Ermittlungen steht, ist hier bestens beraten.
Mein Fazit an dieser Stelle deshalb: Von der Grundidee ein sehr guter Kriminalroman, der aber abgesehen davon viel zu oft beim Altbewährten bleibt. Die Verknüpfung der beiden Fälle zu einem Gesamtkonstrukt ist immerhin gut gelungen. Kann man lesen, das nächste Mal überlege ich mir aber lieber dreimal, ob ich meine Zeit wirklich an so ein Buch verschenken will.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 604 Seiten, erschienen bei Suhrkamp (Insel) am 12.03.2018, ISBN: 978-3-458-17738-8

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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