Wer ist hier eigentlich das Monster? – Monsters of Verity: Dieses wilde, wilde Lied [Rezension]

Wer ist hier eigentlich das Monster? – Monsters of Verity: Dieses wilde, wilde Lied [Rezension]

Buchanfang

In der Nacht, in der Kate Harker beschloss, die Schulkapelle in Flammen aufgehen zu lassen, war sie weder wütend noch betrunken. Sie war verzweifelt.

Zum Inhalt:


In der geteilten Metropole Verity City wimmelt es nur so von Monstern. Echten Monstern, die als Ergebnis von Gewaltverbrechen entstehen. Sie machen Jagd auf Menschen. Jeder geht mit der Bedrohung anders um.
In South City macht Henry Flynn gnadenlos Jagd auf die Sünder, die für die Entstehung der Monster verantwortlich sind.
In North City hat Callum Harker es irgendwie geschafft, die Monster unter seine Kontrolle zu bringen. Wer vor den Monstern sicher sein will, kann sich für viel Geld seinen Schutz erkaufen.

Kate Harker hat in dieser Welt damit zu kämpfen, dass sie sich ihrem Vater endlich beweisen will, damit sie in der Stadt bleiben darf.
August Flynn hat dagegen ganz andere Probleme: Denn um den brüchigen Waffenstillstand zwischen den beiden Stadtteilen aufrecht zu erhalten, wird er an Kates Schule eingeschleust, in der Hoffnung, dass seine Familie mit ihr ein wirksames Druckmittel gegen ihren Vater hat. Allerdings gibt es dabei eine Kleinigkeit, die ihm im Weg steht. Denn August ist ein Sunai. Eine überaus seltene und gefährliche Art von Monstern.

Beide sind erbitterte Feinde, bis sie gemeinsam aus der Stadt fliehen müssen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Wie so oft das Ende verteufelt. Dieses hier war irgendwie unvollständig.
  2. Mich geärgert, dass Band 2 wohl erst in einem Jahr auf deutsch erscheinen wird.
  3. Versucht, das Warum hinter Augusts Handlungen zu verstehen

Mein Eindruck zu Monsters of Verity – Dieses wilde, wilde Lied:

Die Geschichte wird (mehr oder weniger) abwechselnd aus der Sicht von Kate und August erzählt.
Sie ist ein Mädchen, das von ihrem Vater auf ein Internat nach dem anderen geschickt wurde, um “zu ihrer eigenen Sicherheit” außerhalb von Verity City zu sein. Überhaupt scheint Callum Harker von dieser trügerischen Sicherheit besessen zu sein. Kate versucht um jeden Preis, sich ihrem Vater zu beweisen. Dazu fliegt sie in fünf Jahren von sechs Schulen (und das mit purer Absicht. Etwa, indem sie die Kapelle der Schule abfackelt).
Er dagegen ist in seiner Familie völlig akzeptiert. Doch hat er Tag für Tag damit zu kämpfen, dass er kein Mensch ist und sich jedes Mal aufs Neue fragt, was er eigentlich ist.
Und immer wieder wirft Victoria Schwab in ihrem Buch die Frage auf, wer denn eigentlich das Monster ist. Ist es August, der “ich bin kein Monster” mehr oder weniger zu seinem persönlichen Mantra gemacht hat? Ist es Kate, die aus verletztem Stolz heraus schlimmer als ihr Vater sein will? Die Wahrheit liegt wie so oft dazwischen. Sind die Monster, die nachts den Menschen auflauern, die Monster? Oder sind nicht doch eher die Menschen die Monster, deren Gewalttaten die Monster überhaupt entstehen lassen?

Stärken des Buchs:

Die Welt hat ein ausgeklügeltes System. Das möchte ich hier lobend erwähnen. Es gibt in “Monsters of Verity” drei Arten von Monstern, die aus Gewaltverbrechen geboren werden:
Die schwächste Form von Monstern sind die Corsai. Eine Art Schwarmintelligenz, die aus nicht tödlichen Gewalttaten geboren werden. Sie leben in den Schatten und hassen das Licht.
Daneben gibt es die Malchai. Auf den ersten Blick ähneln sie Vampiren und sind doch viel mehr als das. Sie zerfleischen ihre Opfer mit Klauen und Zähnen. Sie werden aus Morden geboren.
Und wie eingangs erwähnt gibt es eine dritte Art von Monstern. Sie sind die seltenste Form von Monstern und entstehen aus Amokläufen, Bombenanschlägen oder ähnlichen Verbrechen, die viele Tote fordern. Sie sind die wahrscheinlich gefährlichste Art von Monstern und – was uns schließlich zum Titel des Buches führt – ihre Waffe ist die Musik. Sie spielen ihr Lied, um den Sündern ihre Seele zu rauben.

Zugegeben, es dauert eine Weile, bis man mit der Nasenspitze auf diese Informationen gestoßen wird. Von Anfang an weiß man, dass es diese Monster gibt. Aber nicht, was sie eigentlich sind. Der Grund, aus dem ich meine Auflistung gerade nicht als Spoiler markiert habe: Ich habe nur an der Oberfläche gekratzt. Auf den 430 Seiten gibt es noch viel mehr. Das Konzept ist gut durchdacht und in der Handlung verstrickt. Die Fähigkeiten der einzelnen Monsterarten kommen erst nach und nach ans Tageslicht und immer gibt es die eine oder andere Information, die man doch noch nicht kannte. Besonders interessant wird es, wenn man sich die Perspektivfiguren anschaut. Kate weiß – weil ihr Vater über die Monster der Stadt herrscht – ziemlich viel. August dagegen ist selbst ein Monster und füllt Kates Wissenlücken, ohne selbst alles zu wissen (selbst sein Wissen über Sunai ist stellenweise… verbesserungswürdig). Auf die Art und Weise erfährt man als Leser genug, um nicht auf der Strecke zu bleiben, sich aber andererseits seinen Teil noch selbst zusammenreimen zu dürfen.

Dazu passt übrigens auch der Aufbau des Buches: Der Prolog ist mit Präludium bezeichnet. Danach ist das Buch ganz der 5-Akt-Struktur entsprechend in 5 Strophen geteilt. Bis hin zum Titel (in der Originalfassung: This Dark Duet) “dieses wilde, wilde Lied” passt alles zu dem Lied, das August so gerne spielen will, es aber nie zu Ende spielen kann. Da wirkt alles rund. Man möchte fast meinen: Gut komponiert.

hin zu den Schwächen des Buchs:

Die Charaktere. Sie sind erstaunlich dreidimensional und ab von den üblichen Stereotypen. Besonders August geht sehr in die Tiefe. Man kann mit ihm mitfühlen und verstehen, wie er mit seiner Umwelt (nicht) zurechtkommt. Doch eine Frage, die sich nicht vollständig klären lässt, ist das Warum. Warum er ist, na gut. Das habe ich verstanden. Aber warum handelt er, wie er handelt. Bei Kate ist die Sache noch ganz einfach. Sie will einfach nur, dass Papi stolz auf sie ist (zumindest am Anfang. Es wird besser, wenn man sie besser kennt). Aber bei August bin ich auch zum Ende noch nicht ganz durchgestiegen, warum er so handelt, wie er handelt. Irgendwie ist er mir zu undurchsichtig. Nicht unsympathisch. Eher ein “ich würde dich gerne verstehen, aber du lässt mich nicht”. Ich mag ihn, aber ich verstehe ihn nicht so, wie ich einen Protagonisten gerne verstehen würde. Und das stimmt mich traurig.

Mein Fazit:

Monsters of Verity ist eine dieser Geschichten, die mehr als das 08/15-Klischee von wegen “sie kam, sah, verliebte sich in ihn” bietet, wie man sie in diesem YA-Bereich so gerne sieht. Klar, funkt es zwischen Kate und August ein bisschen. Aber wenn überhaupt ist das, was zwischen den beiden entsteht sowas wie eine Freundschaft. Immerhin tief genug, dass Kate – die Monster mehr als alles andere hasst – den Sunai nicht sofort tötet. Nein, auch das war kein Spoiler. Es gibt einen zweiten Band. Und Victoria Schwab lässt ihre Protagonisten nicht wie die Fliegen sterben, nur weil sie eben zu viele davon hat (Grüße gehen raus an einen graubärtigen Amerikaner). Ich mag das Buch. Keine Frage.
Abzüge gibt es dennoch. Dafür, dass an einigen Stellen der Bogen überspannt wurde und Saiten rissen. Und dafür, dass eine dieser vier Saiten seltsam verstimmt klang. Mein lieber August, nur eine Frage an dich: Warum? Wenn ich das im zweiten Band erfahre, gibt es auch die 5 Sterne, die dieses Buch sonst in jedem Fall verdient hätte.

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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