Papa, der Nazi – Der Junge im gestreiften Pyjama [Rezension]

Papa, der Nazi – Der Junge im gestreiften Pyjama [Rezension]

Der erste Satz

Eines Nachmittags kam Bruno von der Schule nach Hause und staunte nicht schlecht, als Maria, das Dienstmädchen der Familie, das den Kopf immer gesenkt hielt und nie vom Teppich aufblickte, in seinem Zimmer stand und seine Sachen aus dem Schrank in vier große Holzkisten packte, auch die ganz hinten versteckten, die nur ihm gehörten und keinen etwas angingen.

Zum Inhalt:


Jeder einzelne Satz dieser Rezension ist ein einziger Spoiler. Weder Autor noch Verlag haben vorgesehen, dass der Leser vor dem Aufschlagen dieses interessanten Buches etwas vom Inhalt erfährt. Da du hier aber in der Weltenbibliothek bist, erzähle ich dir dennoch etwas zum Inhalt.

Bruno ist neun Jahre alt und zieht um. Von seinem geliebten Berlin geht es für ihn, seine Mutter und seine 12-jährige Schwester Gretel (die ein hoffnungsloser Fall ist, weil Pubertät) und den Vater an einen neuen Ort. Dieser neue Ort ist hässlich und hat einen komischen langen Zaun. Der Vater wurde vom Furor versetzt und ist jetzt Kommandant. Das neue Haus, das Bruno so gar nicht leiden kann, heißt aus unerfindlichen Gründen Aus-Wisch. Und dann lernt Bruno jemanden kennen, der auf der anderen Seite des Zauns wohnt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich war begeistert und wollte mehr lesen.
  2. Etwa eine halbe Stunde habe ich über etwas nachgedacht, das sehr wichtig ist, aber ein fetter Spoiler wäre. Das Ende hat mich auf schriftstellerische Art und Weise nachdenklich gemacht.
  3. Ich bin so schnell wie möglich raus gegangen und habe mich gefreut, im 21. Jahrhundert zu leben.

Mein Eindruck zu Der Junge im gestreiften Pyjama :

Der Junge im gestreiften Pyjama* ist eine liebevoll erzählte Geschichte, die sich liest wie ein Kinderbuch. Es beginnt harmlos und ich wusste nicht einmal, in welchem Genre ich mich mit diesem Buch befinde. Ich hätte auch einen Jungen im Pyjama angenommen, der aus unerfindlichen Gründen zum Mond fliegt und dort die wildesten Fantasy-Abenteuer erlebt. Als vom Furor gesprochen wurde, der das Land regiert, dachte ich mir schon so etwas in der Art. Ich war gar nicht darauf gekommen, dass es sich um Adolf Hitler als Führer handelt. Zunächst kommen einem also die Umstände komisch vor, vor allem, wie die Kinder mit ihren Eltern sprechen. Das lässt mich das Buch der Vergangenheit zuordnen. Dann ist da dieser Furor. Eine Bemerkung hier und da. Ein mit vielen blumigen Worten verschleierter Hitlergruß von Bruno, der mich ahnen lässt, worum es geht. Und dann ziehen sie in ein Haus, das Aus-Wisch heißt. Spätestens dann hatte ich gerafft, worum es geht und wollte das Buch gar nicht weglegen. Eigentlich lese ich keine historischen Romane, aber dieses Buch fesselt, bevor man rafft, wo man sich befindet. Ich wollte eine lockere Geschichte aus der Sicht eines Neunjährigen, die mich verzaubert und unterhält. Ich bekam eine gigantische Batsche eines höchst talentierten Autors, der so über den Holocaust schreibt, dass es jeden zu interessieren hat.

Die Sache mit dem Klappentext

Hier möchte ich noch kurz den Klappentext von Der Junge im gestreiften Pyjama  vorstellen:

Die Geschichte von »Der Junge im gestreiften Pyjama« ist schwer zu beschreiben. Normalerweise geben wir an dieser Stelle ein paar Hinweise auf den Inhalt, aber bei diesem Buch – so glauben wir – ist es besser, wenn man vorher nicht weiß, worum es geht. Wer zu lesen beginnt, begibt sich auf eine Reise mit einem neunjährigen Jungen namens Bruno. (Und doch ist es kein Buch für Neunjährige.) Früher oder später kommt er mit Bruno an einen Zaun. Zäune wie dieser existieren auf der ganzen Welt.

Ich halte diesen Text für angemessen und für unangemessen. Das ist keine Sache des Nicht-Entscheiden-Könnens, es ist eine merkwürdige Gleichzeitigkeit. Hätte ich vorher gewusst, worum es in Der Junge im gestreiften Pyjama geht, hätte ich das Buch vielleicht gar nicht erst gekauft. Das ist gut, denn jeder sollte, vor allem in unserer heutigen Zeit, dieses Buch lesen. Andererseits sind mit Sicherheit viele interessierte Leser gegangen, ohne das Buch mitzunehmen, weil sie nicht wussten, worum es geht. Der Junge im gestreiften Pyjama  ist ein Buch, das man in einer Buchhandlung finden und die ersten Seiten testlesen sollte.

Stärken des Buchs:

Der Junge im gestreiften Pyjama ist aus der Sicht des neunjährigen Brunos geschrieben. Ich finde es sehr stark, dass das Kind so authentisch rüberkommt. Aus-Wisch ist Aus-Wisch, und wenn ein Erwachsener sagt, wie es richtig heißt, stehen dort nur drei Auslassungspunkte, weil Bruno den Namen schlichtweg nicht versteht. Der Führer ist der Furor, und wenn jemand jemandem extreme Gewalttaten antut, beschreibt Bruno das auch aus seiner Sicht. Irgendwie knien sich da die ganzen Männer in den gestreiften Pyjamas hin, werden von Soldaten angebrüllt und fallen dann um. Sie stehen nicht mehr auf und werden weggetragen. Merkwürdige Spiele spielen die da drüben – denkt Bruno zuerst. Die Welt aus der Sicht eines naiven Kindes zu sehen, ist extrem stark und macht beim Lesen von Der Junge im gestreiften Pyjama das gewisse Etwas aus. Dazu kommt, dass Bruno im Prinzip ein kleiner Nazi ist. Aber er glaubt, durch “Heil Hitler” würde man etwas sagen wie “einen schönen Tag noch”, und als ihm gesagt wird, dass die ganzen Männer mit den gestreiften Pyjamas Gefangene und eigentlich gar keine echten Menschen sind, ist Bruno total verwirrt.

Er findet das Haus, in dem der Kommandant mit seiner Familie lebt, nicht toll und wünscht sich, auch zu den gefangenen Juden zu gehören. Denn Bruno hat keine Freunde, und auf der anderen Seite des Zauns gibt es tausende, abertausende von Kindern. Auch so ein Wunsch zeigt Brunos kindliche Naivität und dass Kinder schlicht und ergreifend unschuldig sind. Selbst Nazi-Kinder eines Kommandanten, der mit Hitler zu Abend gegessen hat.

Auch, wenn das in dieser Rezension vielleicht alles ein bisschen übertrieben klingt, so wird in diesem Buch auf gar keinen Fall der Holocaust geleugnet. Im Gegenteil.

Diese Stärken liegen überwiegend in Sprachstil, Erzählperspektive und Figurenentwicklung. Alles andere habe ich schlichtweg nicht anzukreiden. In sich ist Der Junge im gestreiften Pyjama ein perfektes Buch, würde ich behaupten.

Schwächen des Buchs:

Schwach empfand ich an Der Junge im gestreiften Pyjama zu Beginn, dass der Schreibstil doch sehr repetetiv gehalten war. Natürlich, wir erfahren alles aus der Sicht eines Neunjährigen. Die Schwester, die immer ein hoffnungsloser Fall ist und Brunos Sachen, auch die von ganz hinten im Schrank, die keinen etwas angehen, werden immer genau so erwähnt. Anfangs empfand ich das als Schwäche. Als ich Bruno dann kennengelernt habe, war es ein charmanter Schreibstil und ich mochte es sehr gerne. Dennoch möchte ich diesen Punkt als Schwäche aufführen, da es potentielle Leser abschrecken könnte, die nicht sofort mit dem Buch warmwerden können.

Etwas schwach fand ich den Vater von Bruno. Klar, er war ein eiskalter Nazi und brachte täglich hunderte von Menschen um, aber irgendwo hätte ich gerne ein Stück Gefühlsregung gehabt. Er diszipliniert seinen Sohn auf die strenge Weise, erwartet von ihm, perfekt zu funktionieren und hat keinerlei Anzeichen von schlechtem Gewissen, wenn er von seiner Arbeit nach Hause kommt. Ich hätte es gern gehabt, wenn sich der Vater im Laufe des Buches wenigstens ein bisschen damit auseinandergesetzt hätte, was er da im Rahmen seines Jobs eigentlich tut. Aber auch wenn er das getan hätte – Bruno hätte es nicht mitbekommen.

Mein Fazit:

Der Junge im gestreiften Pyjama* hat mich gefesselt. Ich habe ihn – ebenso wie “Daniel is different” – zwischendurch gelesen, um mich vom doch sehr mühselig zu lesenden Thriller “Split Second” abzuwechseln und bin sehr glücklich mit der Wahl. Es bleibt einfach nichts anderes mehr zu sagen als: “Lest dieses Buch!”. Dieses Buch wird einmal ein Klassiker werden und in Schulen durchgenommen. Das würde ich mir wünschen. Statt Nazi-Infos im Geschichtsunterricht trocken und nervig aufzutischen, kann ich mir gut vorstellen, dass die Kinder das Buch lesen und den Lehrer dann mit Fragen löchern. Wäre das nicht ein toller Einstieg in das ganze Thema rund um 1945?

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Kia Kahawa
Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.
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