Ex-Götter, Pfirsichbabys und Humor – Das verborgene Orakel [Rezension]

Ex-Götter, Pfirsichbabys und Humor – Das verborgene Orakel [Rezension]

Der erste Absatz

Mein Name ist Apollo. Ich war mal ein Gott.
In meinen viertausendsechshundertundzwölf Jahren habe ich vieles geleistet. Ich habe die Griechen mit der Pest geschlagen, als sie Troja belagerten. Ich habe den Baseballspieler Babe Ruth in den World Series von 1926 mit drei Home Runs gesegnet. Ich habe Britney Spears bei den MTV Video Awards von 2007 mit meinem Zorn überschüttet.
Aber in meinem ganzen unsterblichen Leben habe ich erst einmal eine Bruchlandung in einem Müllcontainer hingelegt.

Zum Inhalt:


Der Gott Apollo ist bei seinem Vater Zeus in Ungnade gefallen (im wahrsten Sinne des Wortes) und legt eine gottgleiche Bruchlandung in einem Müllcontainer hin.
Der umwerfende Gott der Dichtkunst wurde zur Strafe seiner Unsterblichkeit und seiner Kräfte beraubt und fristet sein Dasein als überaus pickliger Teenager mit Speckröllchen und dem unausstehlichen Namen Lester Papadopoulus.
Um seinen Platz im Olymp zurückzuerlangen, begibt er sich in die Dienste der höchstens zwölf Jahre alten Halbgöttin Meg und macht sich auf den Weg nach Camp-Halfblood, wo noch weitere Halbgötter, alte Bekannte und allerlei Gefahren lauern.
Denn das Orakel von Delphi ist immer noch von Apollos altem Widersacher Python besetzt. Doch schon bald stellt sich heraus, dass ein defektes Orakel erst der Anfang einer ganzen Reihe von Problemen ist.
Mach dich gefasst auf Begegnungen mit bekannten Gesichtern, einem übergroßen Pfirsichbaby und einem Ex-Gott der Dichtkunst, der sich doch wenigstens seine Liebe für Haikus bewahrt hat.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Tief durchgeatmet. Denn beim Lesen musste ich sehr oft ziemlich herzhaft lachen.
  2. Bedauert, dass ich bis Band 2 noch über einen Monat warten muss.
  3. Meine Sammlung aus Fotos durchgegangen, die ich beim Lesen von besonders lustigen Stellen gemacht habe.

Mein Eindruck zu Das verborgene Orakel:

Was man vielleicht wissen sollte: Mein Bruder (12) bezeichnet Rick Riordan als seinen absoluten Lieblingsautor. Für mich selbst war “Die Abenteuer des Apollo: Das verborgene Orakel” allerdings das erste Buch des Autors, das ich gelesen habe. Man kann dieses Buch wunderbar lesen, ohne “Percy Jackson” oder “Helden des Olymp” gelesen zu haben. Wer diese beiden Reihen allerdings kennt, wird wahrscheinlich sogar noch viel mehr Spaß mit diesem Buch haben.

Apollo ist ein wahnsinnig gelungener Protagonist. Er wurde seiner Göttlichkeit beraubt, hat aber immer noch das selbe Ego, dass er sich in seinen vier Jahrtausenden im Olymp angesammelt hat. Und auch seine Vorliebe für gute Poesie hat er sich auch in seiner pickligen, sterblichen Gestalt bewahrt – was zu einigen interessanten Dialogen führt.

Stärken des Buchs:

Eine klare Stärke von Rick Riordan sind Dialoge und Kapitelüberschriften. In “Die Abenteuer des Apollo: Das verborgene Orakel” beginnt jedes Kapitel mit einem Haiku, der den Inhalt des folgenden Kapitels zusammenfasst.

Das ist genau die Art von seichtem Humor, die ich auch in Büchern wie “Nevernight – Die Prüfung” sehr schätze, auch wenn es hier keine Fußnoten gibt. Aber dafür haben wir hier 400 Seiten astreine Unterhaltung. Und es ist eine klasse Sache, wenn Pfirsich seinen berühmten Kampfschrei (“Pfirsich!”) ertönen lässt und sich ins Getümmel stürzt. Oder wenn Apollo einer Naturgottheit ein Gedicht aufsagt und sich dann mit “Pete” darüber unterhält, wie er seinen Geysir besser für Touristen vermarkten kann. Es ist einfach schön zu lesen, wie Apollo sich mit einem Schwert (mit dem er überhaupt nicht umgehen kann) und seiner Kampf-Ukulele in den Wald begibt, um ein Orakel zu finden.

Um mal ein Beispiel zu liefern:

Hatte ich mich schon jemals so gefürchtet?
Vielleicht, als Typhon auf der Erde wütete und die Götter vor sich hertrieb. Vielleicht, als Gaia ihre Riesen losschickte, um den Olymp zu zerlegen. Oder vielleicht auch, als ich aus Versehen Ars nackt im Sportstudio sah. Das hatte gereicht, um meine Haare für ein Jahrhundert weiß werden zu lassen.
– Seite 180

Überhaupt macht Apollo ein Stück weit eine Entwicklung durch, die man bei den typischen Protagonisten in Jugendbüchern eher andersrum erlebt: Von einem arroganten Gott, der seine Verbannung auf die Erde für ein schreckliches Missverständnis hält, hin zu jemandem, der sich mit seiner Rolle abgibt und immer mehr mit den Schwächen seines Körpers zurechtkommt, so dass irgendwann sein Streben nach einer Rückkehr in den Olymp in den Hintergrund gerät. Es gefällt mir, wie Apollo auf die harte Tour lernt, dass er eben nicht immer die wichtigste Person im Raum ist und dass es keine Schande ist, sich auch mal für andere einzusetzen. Vielleicht eine Lektion, die nicht nur olympische Götter von Zeit zu Zeit lernen müssen.

Der Ex-Gott macht sich erstaunlich gut als durchschnittlicher Teenager. Es ist eine ungewohnte Position für ihn, aber er wächst wie ein anständiger Titelheld in seine Aufgabe hinein. Rick Riordan schafft es dabei mit wenigen, einfachen Mitteln einen Charakter zu zeichnen, der zwar ursprünglich ein Olympier mit dazugehörigem Ego, göttlichen Kräften und Unsterblichkeit ist, aber gleich zu Beginn auf den Boden der Tatsachen (oder eben: des Müllcontainers) zurückgeholt wird.
Die Reihe ist auf insgesamt fünf Bände angelegt. Das merkt man an der einen oder anderen Stelle auch. Der Autor lässt sich jede Menge Zeit, seine Figuren zu charakterisieren und selbst Figuren, die Lesern seiner anderen Reihen bereits bekannt sind, mehr oder weniger komplett neu vorzustellen. Überhaupt gibt es an den wichtigen Stellen ein Round-Up über die wichtigsten Ereignisse der “Percy Jackson”-Reihe, so dass auch Leser (wie ich) abgeholt werden, die mit diesem Buch neu in die Welt von Rick Riordan eintauchen. Ein Kunststück, an dem viele andere Autoren scheitern.

Schwächen des Buchs:

Wenn man eine Sache zum Meckern sucht, bleibt man vermutlich am Plot hängen. An vielen Stellen ist der Plot ziemlich plakativ und verzichtet auf unnötige Nebenhandlung. Es ist oft ein typisches Jugendbuch und so ist klar, dass das Labyrinth von Daedalus Apollo und Meg natürlich direkt unter das Orakel von Delphi führt, wo die beiden ein wichtiges Gespräch zwischen Python und dem wichtigsten Antagonisten belauschen. Was natürlich sinnvoll ist, weil Götter eben keine Linienflüge buchen und ohne ihre Fähigkeiten sonst eben nicht mal eben nach Griechenland kommen. Andererseits fragt man sich aber auch: “Ernsthaft?”.
Auch das “Grooting” von Pfirsich ist im ersten Moment lustig, aber auch wenn sein “fokussierter Wortschatz” ein netter Seitenhieb und ein guter Running-Gag ist, werden solche Spielerein auf Dauer aber doch ein bisschen nervig. Es war insgesamt zwar nicht zu viel, aber doch teilweise hart an der Grenze, unerträglich zu werden. Auch das PR-Gespräch über den Wald von Camp-Halfblood hätte man sich bei der Überladung an Humor rückblickend eher sparen können. Punktabzüge gibt es dafür nur nicht, weil solche Witze an den richtigen Stellen angefügt werden und erst Seiten später eine zweite Pointe zu genau diesem Witz in einem völlig anderen Kontext geliefert werden.

Mein Fazit:

Die Witze sind eine Parade-Disziplin von Rick Riordan. An sich ist die Überdosis oft zu viel des Guten, aber perfekt getimt. Deshalb ist es eine klare Schwäche, weil das nicht jedem Leser gefällt und die Handlung zugunsten der Dialoge ein Stück weit auf der Strecke bleibt. Aber: Ich kann und werde für den Humor keine Punkte abziehen.
Das Buch ist offensichtlich für Jugendliche geschrieben, ist aber auch für junge Erwachsene eine klare Empfehlung wert.
Es ist auch völlig egal, ob man die Apollo-Reihe vor, während oder nach “Percy Jackson” und “Helden des Olymp” liest. Wer die beiden anderen Reihen kennt, versteht vermutlich die ganzen Seitenhiebe auf erwähnte Namen und trifft vielleicht auf winzige Spoiler. Aber auch als eigenständige Reihe ist das definitiv lesenswert, auch wenn die Handlung definitiv nach dem Ende des fünften Percy-Jackson-Bandes spielt.
Ich verstehe völlig, warum mein Bruder (im perfekten Rick-Riordan-Alter) diesen Autor so feiert und so gut wie alles inhaliert, wo dessen Name auf dem Cover steht. Und auch ohne seine anderen Bücher gelesen zu haben, will ich mehr.
Mehr Pfirsich, mehr Bananen, mehr Himbeerlimo und mehr schlechte Pinguin-Witze.

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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