305 Mal das Licht an und ausschalten – Daniel is different [Rezension]

305 Mal das Licht an und ausschalten – Daniel is different [Rezension]

Der erste Satz

Es war an einem Dienstag, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich verrückt war.

Zum Inhalt:


Daniel ist ein völlig gewöhnlicher Junge. 13 Jahre alt, verknallt in die süße Inderin Raya, die ihn als Kumpel sieht. Sein bester Freund heißt Max und spielt leidenschaftlich Football, wohin der beliebte Junge Daniel mitschleppt. Er verbringt seine Zeit mit Wasser-Auffüllen im Football-Team, Rumstammeln in Rayas Gegenwart und Tischgesprächen am Abend mit seiner klugen kleinen Schwester Emma und dem pubertären Angeber-Bruder Steve. Alles normal, sag’ ich doch! Na ja, da sind noch drei Sachen, die Daniels Geschichte eine Daseinsberechtigung geben:

  1. Daniel leidet unter Zaps. Er hat willkürliche Anfälle, in denen er sich in Zwangshandlungen verstrickt.
  2. Jeden Abend muss Daniel ein Programm absolvieren. Wenn er nicht mit exakt zehn Schritten zur Toilette geht, ist sein Leben vorbei.
  3. Sara.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Nachwort gelesen
  2. Meine Entscheidung #TeamRaya überdacht
  3. Das Verlagslogo auf dem Cover gesucht

Mein Eindruck zu Daniel is different:

Daniel is different ist ein unglaublich wertvolles Buch. Es enthält alles, was einen Jugendlichen interessieren könnte, der sonst wenig bis gar nichts liest, was in unserer Realität zu unserer Zeit spielt. Der Protagonist ist Autor und schreibt ein Buch. Die Football-Spiele werden ausführlich beschrieben. Die Liebesgeschichte fängt an, bröckelt und geht dann so weiter, wie es sich für 13-Jährige gehört. Eine interessante und spannende Ermittlung eines Mordfalls im Kinderzimmer nimmt ungeahnte Ausmaße an, ohne dass das Buch zum Krimi wird. Daniel is different* ist auf seine eigene verrückte Weise fantastisch!

Stärken des Buchs:

Der Roman liest sich flüssig und enthält meiner Auffassung nach keinen einzigen Rechtschreibfehler. Die Grammatik ist hervorragend, ich konnte keine Grammatik-Faux-Pas finden; ich bin zufrieden.

Auch das Cover gefällt mir sehr gut. Gekauft habe ich Daniel is different, nachdem das Cover in einer mir fremden Buchhandlung auf Augenhöhe in der Jugendbuchabteilung regelrecht gestrahlt hat. Der Klappentext verrät kaum etwas über das Buch – ich erwartete aber etwas über Psychosen, Synästhesie oder Zwangsstörungen. Also genau mein Fall. Ich wurde nicht enttäuscht, auch wenn ich gestehen muss, dass mir Psychosen immer lieber sind als Zwangsstörungen. Kleiner Entwicklungsromanautoren-Spleen an der Stelle 😉

Stark ist an diesem Jugendbuch, wie präzise und kurz die einzelnen Szenen geschrieben sind. Dazu ist die Verteilung wunderbar. In jedem Kapitel hat man im Hinterkopf, was in welchem Handlungsstrang zuletzt geschehen ist. Nichts wird übertrieben, keine Stelle ist so lang, dass man nicht mehr haargenau im Kopf hat, was beim anderen Handlungsstrang anstand. Ich hatte beim Lesen durchgehend das Gefühl, Daniels Terminkalender (Football, Ermittlungen, Parties, Familie, Schule) zu kennen und empfand jeden Szenen- und Ortswechsel als angemessen.

Bis auf die Tatsache, dass Daniel blond ist (dem widerspreche ich!), bleibt der Protagonist relativ frei von äußeren Erscheinungsmerkmalen. Dadurch kann sich der Leser sehr gut mit ihm identifizieren. Und das ist auch wichtig, denn unter den Zaps leidet Daniel extrem. Sie tauchen auf und zwingen ihn, Dinge zu tun, damit die Welt wieder ins Gleichgewicht kommt. Ich finde, ein Leser kann umso besser mit dem Protagonisten mitfühlen, desto mehr er sich mit ihm identifiziert. Das ist hier definitiv gelungen.

Last but not least will ich auf die Zwangsstörung an sich eingehen. Daniel muss sich etwa fünf Mal die Hände waschen und dann mit fünf Mal zudrücken im Handtuch abtrocknen. Vom Badezimmer zum Bett braucht er zehn Schritte. Bringt er sein abendliches Programm durch geringe Abweichungen durcheinander, muss er alles von vorne machen. Weil er sonst im Schlaf sterben und nie wieder aufwachen würde. Die – ich sag’s mal so – Eskalation dieses Programms ist realistisch dargestellt. Der Hauptkonflikt in Daniels persönlicher Entwicklung spitzt sich genau so zu, wie ich es von einem ausgezeichneten Plot erwarte.

Schwächen des Buchs:

Der Schreibstil in Daniel is different wird zum Ende hin etwas ermüdend. Natürlich hat der Roman als Jugendbuch eine einfachere Sprache als gängige Literatur für Erwachsene mit gewissen Ansprüchen und Fähigkeiten, aber teilweise beginnen fünf, sechs Sätze in Folge mit “Ich [Verb] …”, und das nicht nur an einer kunstvollen Stelle, sondern regelmäßig im Buch. Zum Ende hin häufen sich stilistische No-Gos, aber das riss mich nicht komplett aus dem Lesefluss. Nur ein bisschen.

Etwas schwach fand ich das Ende von Daniel is different. Es ist schön geschrieben und könnte mir eine (Freuden?)-Träne abverlangen, weil es so schön geschrieben ist, aber es hinterlässt den Leser mit dem Gefühl, das Buch sei noch nicht zu Ende. Wie es mit Raya weitergeht, wäre schön zu wissen. Ein Gespräch ist offen und wird nicht zu Ende geführt – vielleicht mit Absicht, vielleicht auch nicht –, und ich hätte es gerne beendet gesehen.

Auch bleiben einige Charaktere etwas blass. Klar, die Geschwister Steve und Emma waren nur da, um ihre Rollen einzunehmen, und Eltern sind ohnehin Nebensache. Aber ich hätte mir an den Stellen, an denen die Figuren auftreten, mehr Farbe gewünscht. Mehr Charakter, mehr Inhalt. Auch der völlig konfliktfreie Max hätte mehr Eigenleben vertragen können. Das gewinnt er in der einzigen Rückblende des gesamten Buches. Ein No-Go: Nur eine Rückblende aus Daniels Vergangenheit, um Max viel zu spät doch noch ein bisschen zu charakerisieren? Ach, komm schon! Da wäre mehr gegangen! Deutlich mehr.

Dear Wesley King:

Wesley King überrascht am Ende des Buches mit einem Nachwort, das sich gewaschen hat. Er litt selbst unter Zwangsstörungen und kann sich in Daniel mehr wiederfinden, als ich beim Lesen des Buches überhaupt geahnt habe. Ein solch ernstes Thema in einem Jugendbuch zu verarbeiten, das ich einem Kind ab zehn Jahren locker in die Hände geben würde, ist genial. Mit der Message, dass Verrücktsein in Ordnung ist und sich Hilfe holen keine Scham ist – GENAU. DAS.

Exakt das ist es, was Bücher brauchen. Das, was ich durch meine eigenen Entwicklungsromane, in denen die Protagonisten immer eine psychische oder physische Einschränkung haben und sich darüber hinaus selbst im Weg stehen, in die Welt schreien will, macht Wesley King hier auch. Am Ende des Buches entblößt er sich und seine Geschichte in einem Ausmaß, das ich mich selbst als Autorin nicht trauen würde.

Hut ab, Wesley King.

Mein Fazit:

Daniel is different ist ein Buch für jedermann. Ich würde es einem 35-Jährigen Businesstypen genauso zum Ausspannen und Zurückversetzen in die Jugendzeit schenken wie einer Zehnjährigen, die gerne Entwicklungsromane liest. Ich möchte, dass mehr Bücher Themen wie diese enthalten, dass wir uns für psychische Erkrankungen nicht mehr schämen müssen und deutlich mehr solcher Bücher auf dem Markt sehen werden. Ich kann Daniel is different* jedem empfehlen. Uneingeschränkt. Gerade für mich, die derzeit an ihrem ersten Thriller knabbert, war Daniel is different eine willkommene Abwechslung für zwischendurch, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Kia Kahawa
Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.
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