Todesangst und Splatter vom Feinsten – Der Angstfresser [Rezension]

Todesangst und Splatter vom Feinsten – Der Angstfresser [Rezension]

Der erste Satz

“Meine Damen und Herren, darf ich Ihnen meine Mutter, die scheußliche alte Hexe, vorstellen? Wesson, bitte schieb sie herein.”

Zum Inhalt:


Chester Harris ist der erfolgreichste Horrorautor der britischen Inseln. Doch für ihn reicht es nicht mehr, die Menschen nur mit seinen Romanen zu schocken. Er hat auf einer Lesung das Gefühl, seine Leser nicht mehr richtig fesseln zu können und will ihnen beweisen, dass er ihnen so richtig Angst machen kann.
Er lädt eine ausgewählte Gruppe in eine einsame Villa ein, um ihnen einen Abend zu bieten, den sie niemals wieder vergessen werden. Die Gäste überschreiten Grenzen und geraten in ein Spiel auf Leben und Tod. Auf dem Speiseplan stehen Angst, Blut und Schmerz, so wie Chester es liebt. Und schon bald wird klar, dass er sehr viel davon bekommen wird.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Angefangen, diese Rezension zu tippen, die Inhaltswarnung eingebaut und mich dann doch dafür entschieden, erstmal eine Nacht darüber zu schlafen.
  2. Mir den kalten Schweiß von der Stirn gewischt.
  3. Das Buch mit einigem Sicherheitsabstand wieder zurück ins Regal gelegt.

Mein Eindruck zu Der Angstfresser:

Der Angstfresser war das erste Buch, bei dem ich zwischenzeitlich echt eine Pause einlegen musste. Die ersten ca. 120 Seiten liefen an einem Stück, ohne dass ich mir selbst wirklich eine Pause zum Atmen gelassen habe. Aber dann erreichte das Buch so langsam aber sicher eine Schmerzgrenze, bei der es mir einfach zu viel wurde. Überhaupt finde ich, dass mit dem “Angst, Blut und Schmerz”, die Chester Harris sich so wünschte, nicht geizig umgegangen wird. Mir lief bei der Lektüre immer mal wieder ein eiskalter Schauer über den Rücken, auch wenn es vielleicht hin und wieder ein bisschen viel Splatter wurde.

Stärken des Buchs:

Man kann sich ziemlich gut in die Ängste der einzelnen Charaktere hineinversetzen, was besonders durch häufige Perspektivwechsel erreicht wird. Gerade zu Beginn wirft der Leser einen Blick über die Schultern von Chester selbst, der aber gerade in der zweiten Hälfte des Buches mehr und mehr nur noch aus der Außensicht von anderen Charakteren beschrieben wird. Viel mehr bekommen auch Charaktere eine Erzählstimme, die in den Szenen davor nicht mehr als Statisten waren.
Es gibt viel Blut und dennoch hat die geschilderte Gewalt irgendwo immer einen Sinn, auch wenn der sich nicht unbedingt auf dem ersten Blick erschließt. Spoiler: Es gibt niemanden, der wahllos mit der Kettensäge durch die Gegend läuft und Menschen abschlachtet.
Einen Pluspunkt gibt es hier auf jeden Fall auch für die Kreativität von Tanja Hanika, wenn es darum geht die Schmerzgelüste ihres Protagonisten auszuleben. Hut ab an dieser Stelle für den Wintergarten. Mein persönliches Highlight.

Falls du außerdem jemals auf dumme Ideen kommen solltest: Wage es ja nicht, Chester die Aktion mit dem Beton nachzumachen. Der ist dafür nicht gedacht. Don’t! Never!

Schwächen des Buchs:

Der Prolog. Ohne jetzt viel spoilern zu wollen: Der Übergang zwischen Chesters “Mama hat mich als Kind in den Keller gesperrt” und “Meine Mutter muss sterben” ist mir viel zu krass. Punktabzüge gibt es für diesen (bis zum Ende immer noch ziemlich notdürftig aufgelösten) Handlungsstrang nur deshalb nicht, weil Chesters Background offenbar nicht viel mit der Handlung zu tun hat. Außerdem sind mir zwei relativ gravierende Fehler aufgefallen: Auf Seite 39 wird an einer Stelle Chester erwähnt, wo aus dem Kontext ersichtlich wird, dass dieser Satz sich eindeutig auf Ethan bezieht. Auf Seite 139 fehlt außerdem ein Wort. Ansonsten hat mich die Handlung zu sehr mitgenommen, um weitere Fehler zu bemerken, auch wenn ich mir sicher bin, dass Kia bei genauerem Hinschauen ihren obligatorischen Das-Dass-Fehler finden würde.
Alles in allem ist der Angstfresser schön rund und verspricht eine schaurige Lektüre. Was aber immer wie ein fader Beigeschmack an dem Buch haftet: Das Erzähltempo passt nicht. Während im Prolog gleich auf Tempo 200 beschleunigt wird, passiert stellenweise über fast 50 (von knapp 200) Seiten kaum etwas, das die Bezeichnung “Horror” verdient hätte.

Mein Fazit:

Ich gebe zu, die Schwächen lesen sich ziemlich ernüchternd und bei den meisten anderen Büchern hätte ich dafür mindestens ein Herz abgezogen. Dennoch ist der Angstfresser ein gelungenes Buch. Ja, die Schwächen sind da und es handelt sich um Fehler, die auffallen und die man auch definitiv nicht kleindiskutieren kann. Aber im Gesamtkontext ist es einfach egal. Ich wollte den Angstfresser lesen, weil mir Angst, Blut und Schmerz ohne Ende versprochen wurden. Und was soll ich sagen: Der Angstfresser liefert genau das, was auf dem Cover versprochen wird. Wer anspruchsvolle Lektüre erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht. Wer aber auf der Suche nach gutem Horror ist und mit Splatter etwas anfangen kann, ist hiermit bestens beraten. Für etwaige psychische Schäden übernehme ich allerdings keine Haftung. Und wenn dir das Buch zu hart ist: Ich habe dich gewarnt. Such dir wen anders, der deine Sauerei wieder wegmacht. 😉

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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