Ein literarisches Mosaik – Tyll [Rezension]

Ein literarisches Mosaik – Tyll [Rezension]

Der erste Satz

Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen.

Zum Inhalt:


In ‘Tyll’ geht es grob gesagt um den dreißigjährigen Krieg. Der berühmte Spaßmacher, Till Eulenspiegel oder Tyll Ulenspiegel, wie er auch im Buch genannt wird, dient dabei mehr als Leitfaden, der den Leser durch das Buch führt, an verschiedenen Schauplätzen auftaucht und verschiedenen geschichtlichen Berühmtheiten begegnet: Neben Elisabeth Stuart und Friedrich V., dem Winterkönig, auch dem Gelehrten Athanasius Kirchner oder dem Dichter Paul Fleming. Tatsächlich ist das schon alles, was man zum Inhalt sagen kann, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, denn eine klassische Handlung gibt es nicht. Viel mehr werden dem Leser kurze Einblicke in den Alltag der Figuren gewärt, die sich nach und nach zu einem Ganzen zusammenfügen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Darüber gestaunt, dass der Autor es tatsächlich geschafft hat, dem Roman ein angemessenes Ende zu geben
  2. Mich gefragt, warum viele die Hauptfigur so unsympatisch finden
  3. Abermals über das Cover gerätselt

Mein Eindruck zu Tyll:

Bevor ich das Buch selbst gelesen habe, hatte ich bereits viel positive Kritik darüber gehört. Da mir auch Daniel Kehlmanns Buch ‘Die Vermessung der Welt’ sehr gut gefallen hatte, muss ich sagen, dass ich meine Erwartungen vielleicht etwas zu hoch gesteckt hatte und zu Anfang ein wenig enttäuscht wurde.

Es mag ein subjektiver Eindruck sein, aber mir fiel es schwer, in das Buch reinzukommen. Die Gliederung versteht man eigentlich erst, wenn man sich dem Ende des Buches nähert. Es gibt acht Kapitel von sehr unterschiedlicher Länge und teilweise mit Unterkapiteln. Diese Kapitel weisen weder eine chronologische Reihenfolge auf, noch gibt es einen Höhepunkt oder eine durchgängige Hauptfigur. Trotzdem hat mir Tyll wirklich sehr gut gefallen. Das Buch kam mir im Nachhinein wie ein Mosaik vor. Die einzelnen Scherben bedeuten nicht viel, aber zusammen ergeben sie ein Kunstwerk. So ist es auch mit ‘Tyll’. Wenn man in die genaue Betrachtung einzelner Kapitel geht, hat man eine Ansammlung kleiner Geschichten über verschiedene historische Persönlichkeiten des siebzehnten Jahrhunderts. Es gibt humorvolle Dialoge, ab und zu ein paar hübsche Naturbeschreibungen und man lernt viel über den Alltag während des dreißigjährigen Krieges. Aber erst wenn man einen Schritt zurücktritt und das Buch in seiner Gesamtheit betrachtet, offenbart sich seine Schönheit und man versteht, warum viele ‘Tyll’ so großartig finden. Tatsächlich spiegelt das Werk den dreißgjährigen Krieg hervorragend wieder. Zwar könnte niemand auf Grundlage des Buches eine Zeittafel anfertigen, aber gerade dadurch, dass wichtige Ereignisse nur angerissen oder beiläufig erwähnt werden, wird der Leser direkt in die Zeit des Geschehens zurückversetzt. Figuren, die man sonst nur aus Geschichtsbüchern kennt, erwachen zum Leben und sind plötzlich ganz normale Menschen, mit normalen Problemen und normalen Fehlern. Den Krieg nehmen sie genau so selbstverständlich zur Kenntnis, wie wir die Meldungen von Flüchtlingswellen oder Terroranschlägen. ‘Die Welt verändert immer mal wieder ihr Gesicht, warum sollte einen das davon abhalten, abends Fußball zu gucken, wenn es einen nicht gerade persönlich betrifft?’ -Ungefähr so denken die Figuren ins Daniel Kehlmanns ‘Tyll’ auch, nur das für sie der Fernseher eben noch die Gaukler, Tänzer und Musiker sind.

Titel und Cover

Ich muss sagen, dass ich bei dem Buchtitel etwas zwiegespalten bin. Einerseits wirkt ‘Tyll’ doch ziemlich nichtssagend. Wenn ich kein Fan von Daniel Kehlmann wäre, hätte ich das Buch wahrscheinlich gar nicht gekauft. Andererseits fiele mir auch kein Titel ein, der besser gepasst hätte. Die Handlung spiegelt die Verworrenheit des dreißigjährigen Krieges absolut wieder und Tyll wirkt wie ein sich wiederholendes Motiv, das paradoxerweise die einzige Ordnung stiftet. Natürlich hätte man das Buch stattdessen ‘Tyll Ulenspiegel’ nennen können, allerdings hätten die Assoziationen, die dieser Name weckt, wohl einiges zerstört, denn Tyll ist lediglich eine Anlehnung an den berühmten Spaßmacher, den viele wahrscheinlich aus Gutenachtgeschichten kennen.

Desweiteren fällt auf, dass der Titel im Grunde gar nicht auffällt. Er ist in großen neonorangen Blockbuchstaben auf dem Buchdeckel ausgebreitet worden, so dass er anfänglich mehr wie ein Störfaktor auf dem hystorisch anmutenden Bild wirkt.

Ich gehe davon aus, dass der Coverdesigner sich irgendetwas bei der Gestaltung gedacht hat. Leider verstehe ich nicht ganz was. Aber hier würde ich sagen: Jedem das seine. Andere mögen es vielleicht.

Stärken des Buchs:

Die größte Stärke des Buches ist mit Abstand der Humor. Daniel Kehlmann hat ein großartiges Talent darin historische Persönlichkeiten und ihre Denkweisen ins Lächerliche zu ziehen. Auch die Doktrin des Mittelalters werden wunderbar karikiert. So reist Athanasius Kirchner beispielsweise nach Holstein, um einen Drachen zu finden, da Drachen unauffindbar seien und da in Holstein noch nie ein Drache gesichtet worden sei, wäre er zuversichtlich, dass dort einer sein müsse.

Auch über Elisabeth Stuart, die zu meiner persönlichen Lieblingsfigur des Buches geworden ist, kann man einfach nur lachen, wenn sie seitenlang überlegt, wer sich nach wem auf welchen Stuhl zu setzen hat, um ja ihrem Stand gerecht zu werden, bis sie sich schließlich auf einen kleinen Hocker niederlässt.

Eine weitere Stärke, die ich bereits erwähnt habe, ist die Lebendigkeit der Geschichte. Wenn ‘Tyll’ eines nicht ist, dann ein verstaubtes Geschichtsbuch. Die Ereignisse werden als real und völlig selbstverständlich dargestellt, genau so, wie Zeitgenossen sie wohl empfunden haben müssen.

Nicht hervorstechend aber durchaus als positiv zu erwähnen, ist der Schreibstil. Er ist weder besonders blumig, noch allzu kühl und dem Buch absolut angemessen.

Schwächen des Buchs:

Wenngleich ich diese Schwäche bereits in Teilen revidiert habe, muss ich doch sagen, dass es etwas schwer ist, in das Buch reinzukommen. Die ersten beiden Kapitel lassen noch nicht erkennen, wo die Geschichte hinführen soll und wenn das Dritte plötzlich wieder aus einer anderen Perspektive erzählt wird und zu einer völlig anderen Zeit spielt, ist man erst einmal verwirrt. Erst ab dem Vierten beginnt man den Aufbau zu verstehen und dass diese scheinbar zusammenhangslosen Abschnitte doch eine sinnvolle Gesamtheit bilden.

Mein Fazit:

Wahrscheinlich werden einige Fans mir den Kopf dafür abreißen, dass ich dem Buch nur viereinhalb Herzen gebe, aber ich möchte mir gerne noch etwas Potential nach oben bewahren. Lass dich also nicht durch diese fehlende Hälfte irritieren. Ich fand Tyll absolut lesenswert.

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Annika Sylgren
Fehlt leider meistens die Zeit zum lesen, versucht sich aber zu bessern.
Verfilmt eigene Gedichte, zeichnet, schreibt sehr lange Fantasyromane über Trottel und Verrückte und streitet sich dabei gerne mit ihren Charakteren. Arbeitet zur Zeit an der Veröffentlichung ihres ersten Buches.

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