Ich will zurück – Mosaik der verlorenen Zeit [Rezension]

Ich will zurück – Mosaik der verlorenen Zeit [Rezension]

Der erste Satz

“Was führt dich zu mir?”

Zum Inhalt:

Im Mosaik der verlorenen Zeit* geht es zunächst um die Suche. Julián hat einen immer wiederkehrenden Alptraum und sucht nach seinem Vater, um zu erfahren, wie er die Träume und die damit entstehenden Brandmale loswerden kann. Aber eigentlich geht es um Laura. Sie wurde vom Blitz getroffen. Zurück bleibt ein totes Mädchen und ein besonderer Stein. Ihr Freund Kyriel macht sich gemeinsam mit Julián auf seine Reise, und keiner von beiden hätte gedacht, wie schwer und erstaunlich sie werden würde. Zugleich fließt in das Mosaik der verlorenen Zeit eine wahrhaftige Geschichte der Sechzigerjahre. Alles fließt auf eine gemeinsame Handlung hin.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Vielleicht ein Tränchen verdrückt
  2. Fulgurit, Fulmarit und ähnliche Wörter gegoogelt
  3. Mir mosaikderverlorenenzeit.de angesehen

Mein Eindruck zum Mosaik der verlorenen Zeit:

Ich mache es so, wie es Pascal, Julián, Kyriel und Yoyotli an den entsprechenden Stellen im Buch getan haben: Ich beginne mit dem Schluss.

Und der hinterlässt mich als Leser nach einigen vielen Minuten Löcher-in-die-Luft-Starren mit dem Gefühl, zurückzuwollen.

Das Lesen war für mich wie ein ausgedehnter Urlaub, bei dem man sich jedes Mal gefreut hat, wie viel Zeit vor einem liegt. Doch kaum sind die Seiten vorüber, weiß man nichts mehr mit sich anzufangen, mindestens für … in meinem Fall jetzt 36 Minuten.

Aber das Leben geht weiter. Trotzdem will ich zurück nach Guatemala und mehr erleben, mehr erfahren. Jedes Wort in diesem Buch erscheint mir so verdammt wahr, dass es im Nachhinein wehtut. Es ist dieses Wehtun, das man empfindet, wenn man etwas Bedeutsames und Erfüllendes erlebt hat, aber weiß, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann.

Aber kommen wir zur eigentlichen Rezension vom Mosaik der verlorenen Zeit.

Stärken des Buchs:

Der Schreibstil von Elyseo da Silva ist höchst professionell. Man könnte meinen, man hielte einen Roman eines Bestsellerautors in der Hand, der seinen dreißigsten Roman formuliert – wie so ein geübter Profi eben. Dass es sich beim Mosaik der verlorenen Zeit um einen Debütroman handelt, liest man in keiner einzigen Formulierung heraus. An dieser Stelle Hut ab vor diesem grandiosen Stil, der gleichzeitig prägnant und leicht zu lesen ist.

Übrigens: Wer Spaß am Vergleichen meiner Schreibstil-Einschätzungen hat, kann sich gerne Kapitel 7 und Kapitel 59 vergleichen. Kapitel 7 empfinde ich als eine schriftstellerische Perle der Perfektion, Kapitel 59 machte mich glücklich, als ich mit Kapitel 60 beginnen konnte.

“Mit kühlen Fingern tastete eine Brise nach ihr.” S. 273

“Mit einem Mal zerrissen Donnerschläge die Luft.” S. 240

“Das letzte Licht der des Tages verglomm über den Hausdächern” S. 339

“Sein Blick folgte den Rauchschwaden, die ihre Reise ins Nichts antraten” S. 15

Solche romantisch gemalten Beschreibungen ziehen sich durch das gesamte Buch. Sie geben immer wieder Halt in der aufregenden Handlung der vier (oder fünf? Ich habe nie gezählt) verschiedenen Handlungssträngen, ohne dass ich als Leser aufgehalten werde oder es als unpassend empfinde. Insgesamt bedient sich der Autor immer wieder einer etwas älteren Sprache und schreibt nie, ohne jeden Absatz mit Besonderem zu schmücken. Dass er das über fast 600 Seiten durchzieht und mir damit an keiner Stelle auf den Keks ging oder dies unauthentisch rüberbrachte, ist genial.

Die Geschichte hat mich bewegt und lässt mich das Thema “Loslassen”, das in meinem Leben schon oft eine entscheidende Bedeutung eingenommen hat, mit anderen Augen sehen. Ich konnte mich super mit Kyriel identifizieren, da wir sehr viel gemeinsam haben. Auch die Entscheidungen von Julián, Pascal, Simon und Laura waren zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar und so, als gäbe es keine Alternative.

Schwächen des Buchs:

Und da will ich gleich zum Negativen kommen, denn ich konnte und wollte dem Buch keine fünf Sterne geben. Das fühlt sich fast schon wie Fremdgehen an, hat mich das Buch doch so sehr mitgenommen und überzeugt. Aber ich kann nicht anders, als meinen Mecker-Punkten ein entsprechendes Gewicht einzuräumen.

Das Mosaik der verlorenen Zeit als Taschenbuch selbst ist unheimlich unhandlich. Der Abstand vom Text zum Seitenrand ist so gering, dass mir immer ein Finger im Weg ist und ich Probleme beim Lesen hatte. Es lässt sich auch aufgrund der 600 Seiten nicht mal eben mit einer Hand lesen und als Lektüre im Bett ist es deutlich schwieriger zu lesen, als als Buch für unterwegs in Bus und Bahn. Daher habe ich auch geschlagene sieben Monate gebraucht, um immer wieder Zeit für das Mosaik zu finden.

Auch der Klappentext stört mich im Nachhinein noch mehr, als er es nach hundert Seiten schon getan hat. Die Fragen, die der beschreibende Text aufwirft, werden beantwortet und der Leser kann alles entdecken, was der Text verspricht, aber der Text verspricht einfach zu wenig. Das Symbol auf dem Felsen, die weiße Hand, die der Autor hinten auf dem Buch spoilert, raubt meiner Meinung nach Platz für eine treffendere Beschreibung, die mehr vom relevanteren Teil des Inhalts verrät. Ich möchte die Geschichte nicht spoilern, führe hier also nicht auf, welche Variante des Klappentextes ich treffender gefunden hätte.

Ab etwa Seite 197 hatte ich ein kleines Tief mit dem Mosaik der verlorenen Zeit. Alles fühlte sich gezogen an und als würden die Handlungen zerfasern. Mir fehlten in den folgenden 50 – 80 Seiten die Hinweise, die den Leser bei Laune halten und rätseln, denken und lieben lassen. Da Silva holt dies im letzten Teil des Buches nach und merzt diese kleine Schwäche vollkommen aus. Die Geschichte um Don Pedro herum war mir ebenfalls etwas zu schmal, da wollte ich mehr, da musste man ein bisschen zu viel selbst schlussfolgern. Auch gibt es einen Handlungsstrang zwischen den Zeilen, der nicht aufgelöst wird und nur angedeutet wird. Ohne zu spoilern kann ich nicht sagen, worum es sich hierbei handelt. Aber eines sei hier gesagt: Das Mosaik selbst setzt sich zusammen 😉

Auch hätte ich mir gewünscht, dass die Briefe an Godot irgendwie noch aufgelöst würden. Klar, Godot ist derjenige, auf den man wartet und der nicht kommt. Aber die Vermutungen, die ich angestellt habe, konnten sich weder bewahrheiten, noch wurden sie verneint. Spekulieren ist gut, und offene Handlungsstränge sind nicht verboten. Aber in Kombination mit dem mir wenigersagenden Klappentext, dem unhantlichen Seitenrand (ich gebe zu, er begründet 80 % meines Stern-Abzugs!) und dem Handlungs-Zerfaser-Tief ziehe ich hierfür einen Stern ab.

Mein Fazit:

Danke, dass es das Mosaik der verlorenen Zeit* gibt!

Und das ist es auch, was ich mit dieser Rezension ausdrücken will: Es gibt keine Alternative. Das Mosaik der verlorenen Zeit ist hermetisch. So sehr in sich geschlossen und durch eine solch natürliche Entwicklung beim Schreiben entstanden, dass die Geschichte nicht anders wahr sein kann. Es fühlt sich an, als wäre alles wahr und als könnte ich die Geschichte nur noch als Erinnerung für mich behalten. Dabei ist sie bis auf die geschichtlich recherchierten Daten fiktiv!

Lieber Elyseo: Danke, vielen Dank für das Mosaik der verlorenen Zeit! Es ist ein wirklich tolles Werk. Danke, dass ich diese Reise miterleben durfte und dass du weiterschreibst. Ich freue mich auf alles, was deiner Feder in Zukunft entspringt und lasse mich von deinen Figuren jederzeit wieder entführen.

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Kia Kahawa
Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.
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