Der Hundertjährige, dessen Titel zu lang ist… [Rezension]

Der Hundertjährige, dessen Titel zu lang ist… [Rezension]

Buchanfang

“Man möchte meinen, er hätte seine Entscheidung etwas früher treffen und seine Umgebung netterweise auch davon in Kenntnis setzen können. Aber Allan Karlsson war noch nie ein großer Grübler gewesen.”

Zum Inhalt:


Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ist kein anderer als Allan Karlsson, der frustriert darüber, dass das mit dem Sterben immer noch nicht geklappt hat, beschließt seine eigene Geburtstagsparty zu schwänzen. Auf der ungeplanten Flucht stielt er kurz darauf einen Koffer mit unerwartet wertvollem Inhalt, wodurch sich nicht nur die Polizei, sondern auch die schwedische Mafia an seine Fersen heften. Eine amüsante Geschichte über eine schlecht geplante Flucht mit spannenden Charakteren und unerwarteten Wendungen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich habe den Spruch „Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt” in mein Leben aufgenommen und dadurch mehr Gelassenheit in vielen Lebenslagen bekommen.
  2. Ich habe für eine Weile mein Leben in Jonas Jonassons Schreibstil kommentiert (sehr amüsant, so nebenbei gesagt).
  3. Ich hatte plötzlich das Interesse, mehr über die Entwicklung und Geschichte der Welt zu erfahren.

Mein Eindruck zu “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”:

Zunächst einmal muss ich sagen, dass mich der Titel von Anfang an irritiert hat. Einen so langen Titel, der keinen klar abgegrenzten Untertitel hat, habe ich zuvor noch nicht erlebt.

Der prägendste Satz des Buches ist jedoch eine Weisheit, die Allan Karlsson von seiner Mutter mitgenommen und zu seinem Lebensmotto erklärt hat: „Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt.” Dieser Satz wird im Buch immer wieder aufgegriffen und scheint die Grundlage der endlos entspannten Lebenseinstellung des Hundertjährigen zu sein. So sehr dieser auch immer wieder in brenzlige Situationen gerät, behält er doch – nicht zuletzt durch diese Grundeinstellung – immer Ruhe. Es ist eine der bemerkenswertesten Eigenschaften des Protagonisten, zusammen mit seinem Talent, immer wieder unüberlegt in große Geschichten hinein zu stolpern.

Ich weiß von Jonas Jonasson – auch durch das Buch „Die Analphabetin, die rechnen konnte“, das ich bereits von ihm gelesen habe –, dass er dazu neigt, große politische Persönlichkeiten und Ereignisse mit seinen Geschichten und Figuren zu verflechten. So ist der Protagonist Allan Karlsson in seinem Leben schon auf viele berühmte Personen gestoßen, oft hohe Staatsmänner, von verschiedensten Nationen. Neben der eigentlichen Handlung des Buches werden immer wieder Passagen aus Allan Karlssons langem und ereignisreichen Leben eingebunden, durch die man Einblicke in spannende geschichtliche Momente auf der ganzen Welt erhält.

Stärken des Buchs:

Jonas Jonasson weiß, wie er geschickt Geschichte und Fiktion miteinander verbindet. Er schafft dabei Figuren, die teils überzogen, aber immer mit einem trockenen teils schwarzen Humor ausgezeichnet sind. So kommen in der Beschreibung von Figuren Passagen vor wie: „Als Julius fünfundzwanzig war, starb erst seine Mutter an Krebs, und ihr Sohn trauerte sehr um sie. Wenig später ertrank der Vater im Sumpf, bei dem Versuch, eine Kuh zu retten. Auch da trauerte Julius sehr, denn er hatte wirklich an der Kuh gehangen.“

Besonders amüsant finde ich auch die Art, wie Jonas Jonasson einige Figuren in seinen Büchern beschreibt. Vor allem der lange namenlos gebliebene Besitzer des Koffers wird von ihm immer wieder beschreiben als „der junge Mann mit den langen, fettigen Haaren, struppigem Bart und einer Jeansjacke mit der Aufschrift Never Again auf dem Rücken“. Diese lange und umständliche Beschreibung findet sich nicht nur einmal, sondern jedes Mal, wenn der betreffende Mann auftaucht. Schon ab dem dritten Mal, beginnt man dabei zu schmunzeln, denn die Beschreibung beinhaltet bei unsinnig häufiger Wiederholung doch eine gewisse Komik.

Insgesamt ist „Der Hundertjährige“ ein sehr unterhaltsames Buch. Zwischen Spannung und Spaß baut der Autor immer wieder auch traurige Elemente ein, die jedoch so nebensächlich beschrieben werden, dass sie einem glatt entgehen könnte (siehe den Tod von Julius‘ Eltern). Was mir auch gefällt, ist, dass zwar viele politische Themen und Ereignisse aufgegriffen werden, man aber keinerlei politisches Vorwissen braucht, um sie zu verstehen und auch keine politische Meinung in dem Buch vertreten wird. Generell ist es ein sehr weltoffenes Buch.

Schwächen des Buchs:

Eine Schwäche – oder eher Geschmacksfrage – mag wohl sein, dass Jonas Jonasson viel mit indirekter Rede arbeitet. So kommt es vor, dass in einem Gespräch nur einer der beiden Gesprächspartner in wörtlicher Rede widergegeben wird, während der andere rein in indirekter Form spricht. So heißt es:

„Heyhörnsemal.“

Allan antwortete freundlich, dass er ihm ebenfalls einen guten Tag wünsche, und erkundigte sich, ob er ihm mit irgendetwas dienen könne.

Diese Art der Dialogführung mag mitunter irritierend wirken, hat aber auch ihren eigenen Charme.

Dass der Roman immer wieder mit teils recht langen Rückblenden arbeitet, könnte den einen oder anderen auch stören, mir persönlich gefiel es jedoch. Auch weil die Brücke hin und zurück meist sehr harmonisch geschlossen wurde.

Mein Fazit:

„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ war nach langer Durststrecke für mich mal wieder eines dieser Bücher, bei denen ich einfach nicht aufhören konnte, es zu lesen. Obwohl ich selbst bei Bestsellern meist eher zurückhaltend bin, musste ich mir schon bald eingestehen, dass dieses Buch sich die Position eindeutig verdient hat.

Der trockene Humor kombiniert mit der teils fragwürdigen Moral der Figuren, macht die Geschichte erfrischend anders und man hat Spaß daran, sie zu lesen. Es kommen immer wieder neue, unerwartete Details hinzu: Seien es neue Informationen über Allans Leben, eine weitere spannende Figur oder die neuste Entwicklung auf der Flucht.

Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Es ist meines Erachtens nach für eine sehr breite Zielgruppe geeignet. Vom Studenten bis zum Großvater würde ich jedem vorschlagen, Allan Karlsson einmal kennen zu lernen und sich in die Welt jenseits des Fensters zu wagen.

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Dean C. Wilkens
Geschichten mochte Dean schon immer. Am liebsten vertieft er sich in solche, die seiner Welt nahekommen, aber doch in ihrer Form freier und unkonventioneller sind. Dass dabei so manches Mal fragwürdige Moralvorstellungen, Magisches oder Morbides vorkommt, ist ganz nach seinem Geschmack. Wenn er nicht gerade selbst mit Schreiben, Zeichnen oder Musizieren beschäftigt ist, liest Dean viel und teilt diesbezüglich auch gerne seine Leseerfahrungen. So wie hier in der Weltenbibliothek.

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