Mörderisch, düster und sexy – Nevernight: Die Prüfung [Rezension]

Mörderisch, düster und sexy – Nevernight: Die Prüfung [Rezension]

Der erste Satz

Wenn Menschen sterben, scheißen sie sich oft in die Hosen.

Zum Inhalt:


Mia Corvere ist zehn Jahre alt, als sie mit ansehen muss, wie ihr eigener Vater wegen Hochverrat in aller Öffentlichkeit hingerichtet wird. Ihre Mutter und ihr Bruder – noch ein Säugling – werden eingekerkert. Mia selbst entkommt den Häschern der Republik nur knapp und wird unter fremden Namen von dem alten Antiquitätenhändler Mercurio aufgezogen.
Doch der alte Mercurio ist viel mehr als ein einfacher Bürger und Händler, denn er bildet junge Menschen für den Assassinenorden der “Roten Kirche” aus.
Auch Mia ist alles andere als normal. Sie ist eine Dunkelinn. Seit dem Tag der Auslöschung ihrer Familie wird sie von einer Katze begleitet, die in ihrem Schatten lebt und sich von ihren Ängsten nährt.

Sechs Jahre später kennt Mia Corvere nur ein Ziel: Die Kunst des Tötens zu lernen und sich der Prüfung der Roten Kirche zu stellen, um grausam Rache an den Mächtigen des Reiches zu nehmen, die ihre Familie zerstört haben.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die letzte Seite mit Bedacht zugeklappt. Aus Respekt vor dieser erzählerischen Wucht.
  2. Das Buch ins Regal gestellt. Mit dem Cover voran. Dieses Bedürfnis hatte ich bisher bei keinem anderen Buch.
  3. Mich maßlos darüber entsetzt, dass von Jay Kristoff bisher so wenig übersetzt wurde.

Mein Eindruck zu Nevernight – Die Prüfung:

Ein blutroter Buchschnitt. Ein absolut umwerfendes Coverdesign. Eine – auf ihre ganz eigene Art – liebreizende Protagonistin. Ein Erzählstil, der trotz aller Brutalität mit einem düster-seichten Galgenhumor und der einen oder anderen Anekdote in den Fußnoten auftrumpfen kann. Beim Lesen dieses Buches habe ich angefangen vor dem Schreibstil, den Jay Kristoff hier an den Tag legt meinen imaginären Hut zu ziehen. Doch mit jeder Seite wich dieser zurückhaltende Respekt einer romantischen Verliebheit und schließlich beinahe fanatischer Verehrung.
Schon die englische Originalausgabe ist im deutschsprachigen Bookstagram und auf allen großen Blogs regelrecht durch die Decke gegangen. Die Story klang schon auf den ersten Blick ziemlich gut. Doch da mein eingerostetes Englisch für so ein komplexes Buch nicht ausreicht, habe ich sehnsüchtig die deutsche Übersetzung erwartet und mir zum ersten Mal seit – gefühlt – ewig langer Zeit1 ein Buch unbesehen vorbestellt. Um es gleich von Anfang an deutlich zu machen: Meine Erwartungen an das Buch waren exorbitant hoch. Schließlich wurde es als Hardcover nicht in irgendeinem Verlag, sondern unter dem Label FISCHER Tor2 veröffentlicht. Und irgendwie hat dieses Buch es beim Lesen geschafft, meine Erwartungen noch mal nach oben zu überbieten.

1 Tatsächlich war das letzte Mal im März 2016: Da war es der Abschluss von Kai Meyers “Die Seiten der Welt”-Trilogie, den ich in der Post hatte.
2 Merkt man, dass wir von diesem Verlag ein bisschen eingenommen sind? 😜

Stärken des Buchs:

Es fällt mir schwer, meine Begeisterung in Worte zu fassen. Zuerst folgende Tatsache: Nevernight ist das erste Buch seit einem Jahrzehnt, dass mir im Gesamteindruck besser gefallen hat, als meine Alltime-Favoriten “Tintenherz” und “Märchenmond”. Besonders bemerkenswert finde ich, mit welch einer eleganten Souveränität Nevernight dieses Kunststuck vollbracht hat.
Fangen wir doch einfach mal mit der Handlung und dem Erzählstil an.
Mia Corvere sieht im Alter von zarten 10 Jahren mit an, wie ihr Vater erhängt und ihre Mutter und ihr Bruder (noch ein Säugling) weggesperrt (glaube mir, den “Stein der Weisen” willst du nicht von innen sehen) werden. Von diesem Tag an schwört sich die “bleiche Tochter”, Rache zu nehmen. Blutige Rache an denen, die für die Zerstörung ihrer Familie verantwortlich sind.
Soweit, so die Ausgangslage. Hat man doch alles schon gesehen, oder etwa nicht? Weit gefehlt. Zugegeben, die Geschichte braucht ungefähr 100 Seiten, bis sie wirklich in Fahrt kommt. Aber spätestens dann ist Nevernight eine Droge, von der man nicht mehr loskommt, wenn man sich erst einmal an den Schreibstil gewöhnt hat. Zwar unterbricht man den Lesefluss, wenn man an den Markierungen für Fußnoten anhält, um die Kommentare zu lesen (die teilweise selbst zwei Seiten lang die Fußzeile ausfüllen). Aber es lohnt sich. Selbst im schlimmsten Gefecht hat der Erzähler in den Fußnoten einen staubtrockenen Humor, der aber sehr gut zur Story passt. Man erfährt auf diese Art sehr viel über die Hintergründe der Welt, der Handlung und der handelnden Figuren, ohne dass es wie übermäßiger Infodump wirkt, weil nan nicht gezwungen wird, diese Fußnoten zu lesen, aber man eben doch Einiges verpasst, wenn man sie überspringt.

Um mal eben eine kleine Kostprobe auf die Fußnoten zu geben:

Zitat von Seite 298f.:

Die Markgeborenen Gottesgrabs waren sich einig, dass es hier das beste Fleisch von ganz Itreya gab, und in etwas fragwürdigeren Kreisen galt die Schweinerei als ideale Möglichkeit, um lästige Leichen verschwinden zu lassen, falls es einmal einen Toten gegeben haben sollte, für den sich die Luminatii interessierten.

Leichen dieser Art gab es allerdings nur sehr wenige. Die Luminatii beschäftigen sich hauptsächlich mit Verbrechen, die denjenigen in die Quere kommen, die ihre Löhne zahlen – also den Senatoren von Gottesgrab. Solange die kriminellen Elemente der Stadt sich untereinander abmurksen und schön unterhalb der Hüften bleiben, ist es dem Senat schnurzpiepegal, ob irgendein Tintenspritzer ermordet wurde, der sich mit den falschen Leuten eingelassen hat, oder ein Lude, der in der Arena auf den falschen Gladiator gesetzt hat. Die Luminatii sind nicht die Vertreter von Recht und Ordnung in der itreyanischen Hauptstadt, edle Freunde, sie sind die Vertreter des Status quo.
Trotzdem kommt es natürlich manchmal zu Unfällen. Und dann ist man froh, wenn man jemanden kennt, der in der Schweinerei arbeitet.

und die folgende Stelle zeigt außerdem den Erzählstil und die Tatsache, dass der Erzähler mitunter ziemlich direkt ist, was die verwendete Sprache angeht (ich verweise an dieser Stelle auf den ersten Satz, den ich oben zitiert habe):

Zitat von Seite 299f.:

Der Gestank nach Eingeweiden und Exkrementen wurde immer stärker, bis sie endlich auf eine hölzerne Ballustrade hinaustraten. Es war schon spät, und die Metzger waren zur Nimmernacht nach Hause gegangen, aber in dem riesigen Pferch unter ihnen quiekte und grunzte eine wogende Masse von Schweinen. Auf dem blutbefleckten Steinboden der Metzgerei sah Mia Ablaufrillen, die zweifelsohne direkt zu dem Becken in den unteren Stockwerken führten. Sie zählte eins und eins zusammen und stellte fest, dass sie Mathematik unter diesen Bedingungen richtig eklig fand.
“Wir haben gerade in Schweineblut gebadet”, sagte Carlotte mit ihrer ausdruckslosen Stimme.
“Wahrscheinlich war auch etwas Menschenblut darunter”, sagte Mia.
“Bitte sag mir, dass das ein Witz ist.”
Mia schüttelte den Kopf. “Viele der Braavi von Gottesgrab entsorgen hier ihre Probleme, wenn sie vermeiden wollen, dass jemand Fragen stellt.”
Carlotta starrte sie an. Mia zuckte die Achseln.
“Hungrige Schweine fressen so gut wie alles.”

An dieser Stelle würde ich am Liebsten das gesamte Kapitel zitieren, aber ich möchte nicht noch mehr Spoiler auf den Weg geben (war schon schwierig genug, Textstellen zu finden, die zwar den Stil verdeutlichen, aber nicht zu viel von der Handlung vorwegnehmen. Ich mag die Szene in der Schweinerei). Dennoch: Nicht ohne Grund gibt der Erzähler schon vor dem ersten Kapitel einen Hinweis über die verwendete Sprache. In Nevernight fließt jede Menge Blut und es bleibt wenig der Fantasie überlassen. Aber mal ganz im Ernst: Die Protagonistin lässt sich für einen Assassinenorden ausbiden. Da ist es nicht wirklich verwunderlich, wenn um sie herum reihenweise Menschen abgeschlachtet werden.

Eine weitere, ganz klare, Stärke sind die Figuren. Drüben bei Twitter lese ich immer wieder von Menschen, die sich doch bitte mehr starke Frauen in der Phantastik wünschen. Ich möchte euch bitten: Schaut euch einfach mal Mia an. Sie ist zwar in der Hinsicht nicht perfekt (wer ist das schon?), aber definitiv weit ab von den üblichen Rollenklischees, die den Frauen auch in der Phantastik immer wieder angedichtet werden.
Wie Herr Freundlich das eine oder andere Mal feststellt: Eine liebreizende Persönlichkeit. Wunderbar zickig und so dickköpfig, wie es nur 16-jährige Mädchen sein können. Dennoch mit so einem Löwenmut, dass man sich ehrfurchtsvoll vor ihr verneigen möchte (was man wahrscheinlich lieber unterlassen sollte, wenn man nicht mit einem grabbeinernen Stilett in der Brust enden will). Sie tritt in die Schatten ein, hinter dir wieder hinaus und schneidet dir vollkommen lautlos die Kehle durch. In den wenigen Momenten, in denen Herr Freundlich nicht bei ihr ist (etwa weil sie ihn Tric die Angst nehmen lässt), wirkt sie seltsam klein und verletzlich, ist aber immer noch eine sehr starke Person. Deshalb kann sie die Frage: “Eisen oder Glas?” Folgerichtig nur mit “Stahl” beantworten. Und überhaupt legt Mia eine Zielstrebigkeit (im Hinblick auf ihr höheres Ziel, den mächtigen Arschlöchern, die für ihre Leiden verantwortlich sind, die Kehlen aufschlitzen zu können) an den Tag, die selbst Protagonisten selten haben, die doppelt oder gar dreimal so alt sind.
Auch Herr Freundlich, Mias ständiger Begleiter, ist ein überaus gelungener Charakter. Er besticht mit einem fragwürdigen Sinn für Galgenhumor an der falschen Stelle, ziemlichen makaberen Momentanalysen und ist dabei ungefähr so taktvoll wie eine Abrissbirne bei der Arbeit. Kurzum: Die Nicht-Katze ist ein sehr interessanter Sidekick für die Protagonistin. In Kombination mit den Fußnoten absolut unschlagbar.
Wie es sich für einen Fantasy-Roman gehört, gibt es natürlich noch viel mehr Charaktere, über die ich jetzt nicht mehr allzu viel sagen möchte. Erstens, weil ich nicht noch mehr spoilern will. Zweitens, weil ich mich ein bisschen ausbremsen muss. 3

Lass uns lieber noch ein wenig über das Setting und die Atmosphäre sprechen:
Nevernight ist düster und brutal. Gottesgrab ist eine raue Gegend und in der Schamgegend will man sich selbst im Wahrlicht nicht eine Sekunde länger als nötig aufhalten. Jay Kristoff schafft es, in verhältsmäßig kurzer Zeit viel von der Welt zu zeigen, ohne den – zugegeben eher erfahrenen – geneigten Fantasy-Leser damit zu überfordern. Die Erzählung in Nevernight ist komplex, verglichen mit anderen Werken, beispielsweise “Das Lied von Eis und Feuer” oder “Der Herr der Ringe”, aber erstaunlich eingängig und trotz des recht happigen Umfangs von 700 Seiten (als erster Band einer Trilogie) relativ leicht zu lesen – wenn man sich von regelmäßigen Perspektivenwechseln und den Fußnoten nicht abschrecken lässt.

3 Wenn du an diesem Punkt angekommen bist, hast du schon roundabout 1.200 bis 1.500 Wörter gelesen.

Schwächen des Buchs:

Nevernight lässt sich für einen derart komplexen Fantasy-Roman verdammt leicht lesen. So leicht, dass mich ein Punkt (aber das ist ein Luxusproblem) gestört hat: Die Länge. Normalerweise würde ich an dieser Stelle anmerken, dass ich ein Buch zu lang fand und man lieber noch 50 bis 100 Seiten hätte streichen können. Bei Nevernight dagegen war ich enttäuscht, dass es nach “gerade einmal” 700 Seiten schon vorbei war. Klingt verrückt, ist aber so. Einziger Lichtblick: Vor gut einem Monat ist der zweite Band bei FISCHER Tor erschienen und umfasst ebenso 700 Seiten. Für den durchschnittlichen Leser, der selbst im Fantasy-Bereich 400 bis 500 Seiten pro Buch (bei langen Reihen auch gerne ein bisschen kürzer) gewohnt ist und der sich an Brecher wie “Das Lied von Eis und Feuer” nicht heranwagen will, ist Nevernight eindeutig zu lang. Wenn man sich aber einmal daran gewöhnt hat, ist Nevernight eine Droge, von der man nicht mehr loskommt. Meiner Meinung nach hätte das Buch gut und gerne 100 bis 200 Seiten mehr haben können, ja fast schon mehr haben müssen. Aber wie gesagt: Das ist eher ein Luxusproblem und eine höchst subjektive Einschätzung.

Außerdem muss ich an dieser Stelle unbedingt eine Warnung für den Inhalt aussprechen. Nevernight hat einen sehr makaberen Humor und nimmt sich stellenweise selbst nicht unbedingt ernst. Dennoch ist die Story und die Welt sehr brutal und definitiv nichts für zart besaitete Leser, denen sich schon bei der Erwähnung des kleinsten Tropfen Blutes der Magen umdreht. Das Blutvergießen ist authentisch und schlüssig geschildert. Für mich ist es gerade diese Direktheit und Brutalität, wegen der ich Nevernight liebe. Aber: Wenn man neu in dem Genre ist und mit Gewalt nichts anzufangen weiß, sollte man einen sehr großen Bogen um Nevernight machen. 4

4 Allerdings: Auch mein Bruder (12) hat Nevernight gelesen und das Buch ohne Albträume überstanden. Man kann es also Kindern zu lesen geben, ich würde das aber niemandem wirklich empfehlen.

Mein Fazit:

Für mich ist Nevernight ein absolutes Lieblingsbuch, für das ich am Liebsten mindestens 7 von 5 Herzen vergeben würde. Aus technischen Gründen werde ich aber bei der Höchstwertung von 5 Herzen bleiben. Ich hätte es gerne ein bisschen länger gehabt und wenn du diese Rezension liest, Band 2 hinter mir (die entsprechende Rezension folgt schon sehr bald). Leider ist für Band 3 (erscheint im englischen Sprachraum unter dem Titel “Darkdawn” im September) noch kein deutsches Veröffentlichungsdatum bekannt (ich warte dann mal auf die Frühjahresvorschau von FISCHER Tor für 2019).
Das Buch kommt als Hardcover mit einem beeindruckenden Coverdesign daher, so dass ich nicht einmal an der Verarbeitung meckern kann. Wie unfair. Wenn ich dich mit dem Sprachstil nicht verschreckt habe: Kauf dir verdammt nochmal das Buch. Es ist definitiv jeden Cent wert. Aber dennoch ist Nevernight ein Sonderfall, der wieder einmal schön zeigt, wie subjektiv das Lesen ist. Für mich definitiv das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Aber ich kann auch jede einzelne negative Rezension zu diesem Buch verstehen.

Um diesen Redeschwall (mittlerweile über 2000 Wörter, wie WordPress mir mitteilt) in einem Satz zusammen zu fassen: Nevernight ist definitiv kein Buch, das jedem gefällt. Aber wenn dich weder der Erzählstil noch die Fußnoten abschrecken und du sowieso Fan guter Fantasy-Literatur bist, ist es wahrscheinlich das beste Buch, das du in die Finger bekommen kannst.

Weitere Informationen:

Informationen zum Buch anzeigen

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
Florian Eckardt on DeviantartFlorian Eckardt on InstagramFlorian Eckardt on Twitter

Es sind 3 Kommentare vorhanden

Gedanken hinterlassen...

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This website stores some user agent data. These data are used to provide a more personalized experience and to track your whereabouts around our website in compliance with the European General Data Protection Regulation. If you decide to opt-out of any future tracking, a cookie will be set up in your browser to remember this choice for one year. I Agree, Deny
608