Von verbotenen Wäldern und vergessenen Menschen – Eselmädchen [Rezension]

Von verbotenen Wäldern und vergessenen Menschen – Eselmädchen [Rezension]

Der erste Satz

Die kleine Hand zur Faust geballt, hielt das Mädchen den zierlichen Schatz fest umschlossen.

Zum Inhalt:

Ein namenloser Protagonist wohnt mit seiner Mutter in einer kleinen Hütte. Sie leben in Armut, der Vater hat sie verlassen, und auf dem Nachbargrundstück wohnt ein komisches Mädchen. Niemand spricht mit ihr, und jeder, der etwas auf sich hält, soll das Eselmädchen meiden. Im Dorf hält jeder etwas auf sich, also ignoriert man das Kind von der Eselwiese. Dem Protagonisten ist das egal, er besucht das Mädchen namens Nike und entschlüsselt Stück für Stück die Rätsel um das Mädchen, das niemand beachtet, den Wald, den niemand betritt und die Esel, die nicht sind, was sie scheinen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mein Mund stand offen. Ich habe Luft geholt und konnte meinen sensationsgeilen Blick nicht verstecken. Leider konnte ich niemandem vom Ende erzählen, da ich das Buch vor Release lese. So ein Mist!
  2. Ich habe mir an den Kopf gefasst, als habe ich eine schwer verdauliche Nachricht bekommen.
  3. Diese Rezension musste geschrieben werden. Umgehend!

Mein Eindruck zu Eselmädchen:

Eselmädchen fühlt sich nicht an wie ein Debüt. Die Autorin hat bereits Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht, aber Eselmädchen selbst ist als alleinstehendes Werk das Debüt von Wiebke Tillenburg. Ich habe es auf den ersten fünfzig Seiten nicht als Debüt wahrgenommen, so professionell erschien es mir. Einzig die sich doch ziemlich häufenden Fehler erinnern beim Lesen immer wieder daran, dass es sich um ein Erstlingswerk im Selfpublishing handelt, später aber mehr dazu. Im Großen und Ganzen bin ich froh und glücklich, Eselmädchen* gelesen zu haben und bedanke mich bei der Autorin für die liebevolle Signatur und die Chance, schon vor Release-Datum am 10. Februar eine Reise in den verbotenen Wald gemacht haben zu dürfen.

Stärken des Buchs:

Die Novelle von Wiebke Tillenburg beginnt nicht ad ovo, sondern schmeißt den Leser sofort mitten in die Geschichte. Das gelingt der Autorin wirklich hervorragend, ich fühle mich nach nur acht Buchseiten in die Geschichte hineinversetzt und will gar nicht aufhören.
Die Konflikte reihen sich aneinander, der Spannungsbogen nimmt Fahrt auf, ganz, wie es sich gehört. Da Eselmädchen mit seinen kurzen 116 Seiten etwas mager ist, erkenne ich als Autorin ziemlich deutlich die unterschiedlichen Wendepunkte einer Geschichte. Aber obwohl ich Hook, Pinch und Midpoint relativ gut erahnen kann, ist jeder Plottwist unvorhersehbar. Das Wissen um die Struktur der Geschichte macht Eselmädchen nicht schlechter, sondern besser. Beim Lesen hatte ich durch und durch eine gewisse kindliche Aufregung, weil ich wusste, dass etwas kommt, ahnte, was in etwa kommt und dann auch noch überrascht wurde. Klasse!
Der Schreibstil von Wiebke Tillenburg ist durch und durch flüssig. Ich habe beim Lesen zu 90 % der Zeit eine Welt im Kopf gehabt, in der die Häuser, Wege und der Wald klar abgebildet wurden. Dieses automatisch ablaufende Kopfkino ist beim Lesen eines wirklich guten Buches typisch und für mich unerlässlich. Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen und habe die ersten drei Viertel der Novelle regelrecht verschlungen.
Etwa zur Mitte des Buches gerät der Protagonist in solch eine Misere, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie er da wieder herauskommen sollte. Genau solche Stellen machen mir Belletristik schmackhaft: Es muss ausweglos erscheinen. Ich will das Buch weglegen und selbst überlegen, wie es weitergehen könnte. Dann komme ich auf keine Idee und lese weiter wie ein Junkey, der keine fünf Minuten auf seine Droge verzichten möchte. Und, was soll ich sagen? Natürlich wusste die Autorin einen genialen und glaubhaften Ausweg. Für solche Stellen liebe ich Bücher! Hut ab, Wiebke!
Außerdem empfand ich das Ende als besonders stark. Ich will nicht spoilern, und das widerspricht einem inneren Drang. Gerade will ich in die Welt hinausschreien, wie das Ende ist und weiterführende Theorien und Ideen mit jemandem austauschen. Da das aber nicht geht, möchte ich an dieser Stelle lediglich deutlich betonen, dass ich das Ende mehr als gelungen finde.

Schwächen des Buchs:

Leider hat das Eselmädchen einige Schwächen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Es gibt an einigen Stellen im Buch Geheimnistuerei, die mir klischeehaft erscheint. Etwa zwischen Seite 80 und 90 erstreckt sich ein ermüdender Dialog zwischen dem Protagonisten und dem Eselmädchen. Dieser Dialog klärt vieles auf und beschreibt die letzte Etappe, die der namenlose Held zu meistern hat, aber er zieht sich für mich unglaublich dahin. Für mich bröckelt die Geschichte an dieser Stelle, und das ein oder andere halte ich für zu ausführlich erklärt, zu sehr Fantasy- und Märchen-Klischee.
Danach nimmt die Geschichte wieder Fahrt auf und zeigt sich, wie auch vor diesem schwachen Dialog, von der besten Seite. Bis zum letzten Wort werde ich mitgerissen und kann kaum fassen, was dann geschieht. Das bombastische Ende lasse ich auf mich wirken – und das ist gut so. Denn er Epilog kommt mir etwas zerfasert vor. Als wisse er nicht, wofür er stünde. Es hätte dem Eselmädchen keinen Abbruch getan, den Epilog ganz wegzulassen. Oder ihn gegen einen anderen auszutauschen. Und das ist wohl mein Problem: Er ist austauschbar. Es geht anders, es geht besser. Da muss ich ganz klar gestehen: Der Epilog hat mir nicht gefallen.
Weitere Schwächen von Eselmädchen sind die Fehler. Man kann beim Lesen regelrecht merken, an welchen Stellen die Autorin, Lektorin und Testleser betriebsblind waren. Hier und da ist ein “die” statt “dir”, ein “sie” statt “sich”, ein doppeltes “hat”, und die Anführungszeichen wurden leider nicht immer richtig konvertiert. Die Guillements rahmen die wörtliche Rede in 98 % der Fälle ein – aber manchmal schleicht sich ein deutsches Anführungszeichen an das Ende eines gesprochenen Satzes. Das ist unprofessionell und mit einfachen Handgriffen zu beheben – hier muss ich gestehen, wurde ein wenig geschlampt.
Aber: Ich bin durch die Erstauflage vor Erscheinungsdatum gereist. Wenn du dir das Buch kaufst, sind die Fehler vielleicht schon längst ausgebügelt 😉

Mein Fazit:

Das Eselmädchen ist eine Geschichte (meiner Meinung nach für Jung und Alt), die nicht nur märchenhafte Rätsel erzeugt und wieder aufdeckt, sondern hat eine Botschaft für uns alle. Es geht um Wut und die Zerstörungskraft der Worte und Taten, die wir Menschen füreinander haben. Ich möchte diese faszinierende Reise jedem empfehlen, der über ein paar Schwächen hinwegsehen kann und Lust auf eine kurze, sprachlich gewandte und inhaltlich berührende Waldwanderung hat.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 116 Seiten, erschienen bei Twentysix am 29.01.2018, ISBN: 978-3-7407-4301-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Kia Kahawa
Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.
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