Düstere Verschwörung – Die Klinge des Schicksals [Rezension]

Düstere Verschwörung – Die Klinge des Schicksals [Rezension]

Der erste Satz

“Nahezu die ganze Stadt Molgandskron hatte die Mauern verlassen, um mit weiteren Hunderten Besuchern in einer munteren Prozession lachend, scherzend und singend hinter dem Karren mit dem Verurteilten herzuziehen.”

Zum Inhalt:


Danèstra ist nicht irgendeine Heldin, sie ist die Klinge des Schicksals*, die neben den üblichen und allseits bekannsten Eigenschaften einer Heldin über ein außergewöhlich hohes Alter verfügt. Als Klinge des Schicksals erscheint sie stets an jenen Orten, an denen sie benötigt wird, um für das Gute zu kämpfen. Als Danèstra erneut vom Schicksal auf eine Expedition geschickt wird, trifft sie auf ein hochschwangeres Mädchen, das sie vor dem Tode bewahrt. Das Mädchen berichtet von einer dämonischen Verschwörung die den Untergang ganz Nankans herbeiführen wird. Offensichtlich ist es Danèstras nächste Aufgabe, die Verschwörer aufzuspüren und das Schlimmste zu verhindern, doch dann ist das Schicksal plötzlich ganz anderer Meinung.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Wort “Gedärme” aus meinem Vokabular gestrichen
  2. Die verteilten Post-Its gezählt
  3. Endlich zur Toilette gegangen

Mein Eindruck zu Die Klinge des Schicksals:

Zugegeben, es war mein erster Ausflung in die große, weite Welt der High Fantasy. Man kann mich auf diesem Gebiet also durchaus als unbedarfte Leserin bezeichnen. Dennoch muss ich sagen, war ich überrascht. Positiv wie negativ zugleich. Positiv, weil ich nicht nur von Schwert und Schild schwingenden Zwergen, Elfen und Orks umgeben war, was man der High Fantasy ja gerne unterstellt. Negativ überrascht war ich, weil dieses fast sechshundert Seiten starke Abenteuer, doch eine gewisse Zeit braucht, um wirklich in Fahrt zu kommen.

Stärken des Buchs:

Die wahren Stars dieser Geschichte sind alle Figuren außer Danèstra. Danèstra ist die Klinge des Schicksals, mehr aber auch nicht. Sie ist gut, stark, mutig und macht eigentlich immer alles richtig – langweilig. Und das ist gut so. Denn sie ist zwar die Protagonistin, aber nicht die einzige Figur, die diese Geschichte gestaltet. Ihre Mitstreiter, Gegner und alle anderen Bewohner Nankans stehen nicht im Schatten der Protagonistin, sondern hauchen der Welt den nötigen Atem ein. Der Leser fiebert nicht nur mit Danèstra und ihrem Schützling Kalenia, sondern auch mit Mabian, Rouva, Arbos, Ilreen, Iridias, Vytain, Isona, Sysca, Nymaina und natürlich dem armen Quent. (Ich muss gestehen, mir war am Schluss fast egal, wie es mit Danèstra endet, solange es Quent gut geht.) Es gibt in dieser Geschichte nicht nur “das Gute” auf der einen und “das Böse” auf der anderen Seite, sondern Gruppierungen und Individuen, die unterschiedliche Ziele verfolgen und zum Erreichen dieser, verschiedene Mittel einsetzen. Die liebevolle Charaktergestaltung ermöglicht es dem Leser problemlos, den häufigen Perspektivwechseln zu folgen.

Nicht nur das große Augenmerk, dass auf die Figuren gerichtet wurde macht das Eintauchen in diese Erzählung möglich, sondern auch der umfassende Weltenbau. Ich wusste bereits vor dem Lesen, dass Markus Heitz für seinen detaillierten Weltenbau bekannt ist und jetzt weiß ich auch warum. Als ungeübte Leserin in dieser Disziplin brauchte ich etwas, um mich in die fremde Welt einzufinden, doch es hat sich gelohnt. Ich konnte mich bald ganz selbstverständlich in den fremden Städten und Ländereien bewegen und sah alles klar vor mir. Manchmal ein wenig zu klar, aber dazu komme ich später. Der teils heitere Ton der Erzählung und der ironische Umgang der Figuren untereinander lockert das düstere Verschwörungsszenario auf, ohne das Erzählte ins Lächerliche zu ziehen. Auch die technischen Errungenschaften und andere Erfindungen die in Nankan zu finden sind, ließen mich manches Mal schmunzeln.

Schwächen des Buchs:

Wie ich bereits erwähnte, ist das Buch spannend und die Handlung fesselnd … Allerdings stellt sich diese konstante Spannung erst ab der Hälfte ein. Zunächst tröpfelt die Handlung nur so dahin. Der Leser wird sehr lange auf einen bestimmten Eindruck festgenagelt, der etwa in der Mitte des Buches zu bröckeln beginnt, was dann die Handlung erst richtig interessant macht. Davor sind es immer nur kleine Sequenzen aus Spannung, Reise und Weltenbeschreibung.

Und Kämpfe.
Wie konnte ich die nur vergessen?
An dieser Stelle ein Geständnis: Ich hasse Kampfszenen!
Ich verstehe, dass sie gerade in diesem Genre kaum zu vermeiden sind und maßgeblich zum Setting und der Handlung beitragen, aber müssen die denn immer so lang sein? Nach dem dritten Schwertstrich hat jeder Leser begriffen, was passiert und es ist einfach lästig, wenn der Gegner am Ende einbeinig, blind und ohnehin entwaffnet nochmal aufsteht, um zum endgültig finalen Schlag auszuholen oder vielleicht auch erst zum vorletzten. Die elende Länge mancher Kampfszenen hat mich irgenwann dermaßen angeödet, dass ich sie nur noch überflogen und mir vorgestellt habe, wie viel kürzer und angenehmer zu lesen dieses Buch ohne sie wäre.
Hier wären wir dann auch an dem Punkt der etwas zu eindrucksvollen Beschreibung. Die störten mich vor allem im Zusammenhang mit dem Wort “Gedärme”. Wieder und immer wieder quillen, platschen und stinken sie. Leider taten diverse Gedärme dies so oft, dass es mir irgendwann nicht mehr wie eine besonders bildliche Beschreibung, sondern eher wie eine platte Wiederholung vorkam.

Mein Fazit:

Das Lesen von “Die Klinge des Schicksals* hat überwiegend Spaß gemacht. Dennoch sollten Leser über einen langen Atem verfügen oder über mehr Liebe zu bestimmten Details, als ich es tue. Die Ausflüge in die menschlichen Abgründe werden hier zwar vorwiegend in einer sehr gewalttätigen und verabscheuungswürdigen Form vorgenommen, sind aber dennoch interessant. An diesen Stellen schafft es das Buch über Abenteuer, Glanz und Glorie hinauszugehen und den Leser zum Grübeln zu bringen. Ein Gedanke, der mich die ganze Zeit begleitete, war: “Da kann man doch so viel mehr draus machen!” Eine aufbegehrende, kämpferische Natur und jede Menge weitere Völker in dieser Welt und dann geben sich am Ende alle diese wunderbaren Individuen mit der Übereinkunft zufrieden? Auch wenn Herr Heitz betont, dass es sich hierbei um einen Einzelband handelt: Ich wüsste gerne, wie die Zukunft Nakans aussieht. Und natürlich die von Quent.

Weitere Informationen:

  • Format 572 Seiten, erschienen Knaur Verlag am 01.03.2018, ISBN: 978-3-426-65448-4

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Wiebke Tillenburg
Wiebke liest alles, was ihr interessant erscheint und nicht Horror ist. (Sonst kann Wiebke nicht schlafen.) Verschiedene Gattungen der Fantastik findet sie besonders häufig interessant und sie liebt den klassischen Krimi. Bilderbücher sind ihre große Leidenschaft und sie sammelt sie nicht nur für ihre Kinder. Einst studierte Wiebke Geschichte und Germanistik, allerdings störte sie das dazugehörige Lehramt irgendwann dermaßen, dass sie damit aufhörte und sich vorerst ausschließlich dem Schreiben eigener Bücher widmet.

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