Liebenswerter Unsympathler – Carim Drachentöter [Rezension]

Liebenswerter Unsympathler – Carim Drachentöter [Rezension]

Der erste Satz

Die Sonne tanzte auf den Schuppen der nachtschwarzen Drachendame und warf mannigfaltige Schattenmuster auf den Boden.

Zum Inhalt:

Carim tötet für sein Leben gerne Drachen. Bis er eines Tages ein Drachenei stiehlt, um es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen – dummerweise schlüpft der Drache und zerlegt seine Wohnstätte. Statt das Tier jedoch zu töten, erkennt Carim seinen Vorteil und beginnt, das Tier zu trainieren. Seine Ziele sind hoch gesteckt: Er will sich für den König unabdingbar machen, um Land und Gold zu kassieren.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Lena schreiben, wie großartig ich ihr Buch fand.
  2. Sophie anschreiben und fragen, wie weit sie mit dem Lesen ist, damit ich mich mit ihr darüber unterhalten kann.
  3. Lena nochmal anschreiben, um herauszufinden, wann Band 2 kommt.

Mein Eindruck zu Carim:

Also erst mal vorab: Ich mag keine Drachen. Mochte ich noch nie.

Begonnen habe ich das Buch daher mit vielen Vorurteilen und aus reiner Not: ich war gerade auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse und mein Buch (das ich hier demnächst auch noch rezensieren werde) war so schlecht, dass ich lieber das meiner besten Freundin und Schreibpartnerin Sophie angelesen hab. Seit sie es auf der Buch Berlin gekauft hatte, haben wir diskutiert, warum Drachen einfach nicht meins sind und sie meinte nur: jetzt lies doch einfach Carim und stell dich nicht so an. Also habe ich die Busfahrt genutzt und plötzlich… mochte ich es.

Keine nervigen Friede-Freude-Eierkuchen Protagonisten, stattdessen miese Laune, schlecht gelaunte Charaktere und statt edler Ziele einfach mal eine gute Portion Egoismus und Selbstbereicherung. Dazu klassisches Fantasysetting mit Schwertern, Schlachten und Kriegen und eine Handlung, die zwar an manchen Stellen besser ausgebaut hätte werden können, aber trotzdem überzeugend ist. Und natürlich die Drachen, die selbst einem Drachenskeptiker wie mir ans Herz wachsen (vielleicht, weil der Protagonist die Drachen selbst hasst und erst lieben lernen muss? Wer weiß).

Stärken des Buchs:

Die größte Stärke des Buches ist auf jeden Fall der ungewöhnliche Charakterbau. Carim ist richtig unsympathisch, vor allem am Anfang und schafft es nicht wirklich, zu einem großartigen Menschen zu werden. Trotzdem mag man ihn irgendwie, lernt, seinen Charakter und sein Denken nachzuvollziehen, und feiert es am Ende richtig, wenn er all die guten Eigenschaften, die er eigentlich gelernt haben könnte, einfach aus Prinzip wieder über Board wirft. Damit bleibt er das ganze Buch über in seiner Rolle und vollkommen nachvollziehbar.

Auch die anderen Charaktere sind gut gebaut, vor allem auch die Nebencharaktere, die ja in manchen Büchern oft schwer vernachlässigt werden. Man sieht sie sofort vor sich und baut trotz der kurzen Erwähnungen schnell eine Beziehung zu ihnen auf.

Die Handlung ist grundsätzlich spannend und bleibt bis zum Schluss recht unvorhersehbar, tritt aber neben den Charakteren fast ein bisschen in den Hintergrund. Auch die Drachen, vor denen ich mich etwas gefürchtet hatte, bleiben eher im Hintergrund (für manche vielleicht eher ein Minuspunkt?). Nur Vlynnar, Carims Drache wird wie ein eigener Charakter eingeführt. Er wird regelmäßig mit liebevollen Spitznamen wie Mistvieh versorgt und dabei so cool und gleichzeitig so niedlich dargestellt, dass man ihn einfach liebhaben muss. Auch andere Darstellungen sind sehr überzeugend: so gehören zum Beispiel die Schlachten definitiv zu den realistischeren, Städte und Umgebungen bekommen einen eigenen Charakter und am Ende sieht man Alpetoria und seine Bewohner richtig vor sich.

Schwächen des Buchs:

Trotzdem kann all das nicht ganz über die eine große Schwäche hinwegretten: die Handlung. Nicht, dass sie langweilig wäre, unlogisch und vorhersehbar – das ist nicht das Problem. Das Problem ist eher, dass die Autorin an manchen Stellen einfach Dinge nicht beschreibt, die man durchaus schöner hätte ausführen können. Manche Handlungsstränge werden in Nebensätzen abgehandelt, nicht genauer ausgeführt oder passieren einfach Off-Screen. Das macht zwar für die Grundhandlung keinen Unterschied, reißt einen aber ab und zu aus dem Geschichtenerzählertum raus und lässt manche Geschehnisse einfach sehr schnell erscheinen. Halber Stern Abzug für dieses (vertretbare) Versäumnis.

So. Und jetzt zu meinem eigentlichen Dilemma: ich wollte Carim wirklich vier einhalb Sterne geben und hätte ich die Rezension gleich nach dem Lesen geschrieben, hätte ich das auch sofort getan. Aber! Aber… da gab es eine spezielle Szene am Ende. Und die geht mir irgendwie nicht aus dem Kopf. Ich weiß nichts über die Handlung von Band 2 und ich will jetzt hier auch niemanden spoilern, aber … da gibt es so einen dramatischen Moment in den letzten Kapiteln. Und entweder die Autorin hat da die Beschreibung versehentlich zu unklar gemacht (was ich nicht glaube), oder sie hat eine Handlung für Band 2 angekündigt (was ich eher vermute). Und dann stellt sich mir die Frage: Warum – WARUM! – gibt sich der Charakter mit dieser fadenscheinigen Erklärung zufrieden?! Das ist irgendwie unrealistisch. Nur ist diese einzelne Szene einen weiteren halben Stern Abzug wert? Ich glaube nicht. Trotzdem soll es an dieser Stelle kurz erwähnt werden und wer der Meinung ist, dass so ein kleiner absichtlicher oder unabsichtlicher Patzer doch einen halben Stern rechtfertigt, kann ja gedanklich am Ende 4 Sterne draus machen.

Mein Fazit:

Trotzdem ist das Buch auf jeden Fall zu empfehlen – vor allem für jene, die mal “andere Fantasy” wollen – und gehört zu meinen Lesehighlights des ersten Quartals. Weil die Charaktergestaltung ungewöhnlich ist, weil die Welt toll beschrieben war, weil die Nebencharaktere lebendig sind, weil Carim ein Arsch ist und Vlynnar ein Mistvieh, das man sofort ins Herz schließt. Weil ich noch nie so was niedliches wie einen schwer verletzten Drachen gelesen habe – und das, obwohl ich Drachen doch gar nicht mag.

Deshalb doch: 4,5 Herzen für Carim, den Drachentöter, und seinen glänzend schwarzen Freund.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 257 Seiten, erschienen bei Eisermann Verlag am 15.05.2017, ISBN: 978-3946172697

Andere Leseeindrücke:

Marlen Grand
Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

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