Von phantastischen Ideen, magischen Büchern und atemberaubenden Welten – Buchwächter [Rezension]

Von phantastischen Ideen, magischen Büchern und atemberaubenden Welten – Buchwächter [Rezension]

Buchanfang

Sein Herz pumpte die Nervosität bis in Finns Ohren, sodass die Umgebung immer wieder in rauschendem Nebel verschwand.

Zum Inhalt:


Auf der Flucht vor Schlägertypen findet Finn auf dem Rückweg von der Schule einen Unterschlupf in Arthurs Buchladen. Noch ahnt er nicht, dass diese Begegnung sein Leben grundlegend verändern wird. Denn schon bald entwickelt sich bei dem Jungen zwischen all den Büchern eine ungewöhnliche Gabe.
Immer tiefer taucht er in die Welt der Bücher ein und lernt bald, dass die bedruckten Seiten weit mehr als nur Geschichten enthalten. Bis er sich einer Bedrohung stellen muss, die selbst seine neu erwachten Fähigkeiten in den Schatten stellt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die Danksagung gelesen. Etwas, das ich normalerweise höchst selten tue
  2. Mich daran gesetzt, diese Rezension zu schreiben
  3. Versucht, einen Beitragstitel zu finden, der diesem Buch auch nur annähernd gerecht wird und bin vorerst daran gescheitert, meinen Eindruck zu diesem Buch in Worte zu fassen.

Mein Eindruck zu Buchwächter – Das Buch der Phantasien:

“Wie ist das möglich, dass man mit Papier, Tinte und Gedanken solch beeindruckende Welten schaffen kann? Dass Wörter Geschichten formen, Bilder entstehen lassen – gut, aber ganze Welten? Physische Welten. In denen man sogar sterben kann!”
– Seite 173

Es fällt mir unglaublich schwer, zu beschreiben, wie meine Eindrücke zu diesem Buch sind. Ich bin total geflasht, was für Bilder man nur mit Wörtern malen kann.
Fangen wir mit dem Klappentext an: Wenn man sich diese Zeilen so durchliest, wird man zwangsläufig irgendwas zwischen “Die Unendliche Geschichte” und Kai Meyers “Seiten der Welt”-Trilogie erwarten. Gleichzeitig ist der Buchwächter aber noch so viel mehr.
Mit der Zeit offenbart sich dem Leser eine Geschichte, die sich gleichermaßen um den Zauber der Bücher, die Kraft der Magie und den Wert von Freundschaft dreht. Die Geschichte ist bildgewaltig und wortstark wie auch ein Michael Ende es nicht besser hinbekommen hätte (auch wenn man an einigen Stellen anmerkt, dass Andreas Hagemann als Autor noch einen langen Weg vor sich hat) und erinnert auch ein bisschen an den Charme und den Witz, der Geschichten wie “Alice im Wunderland” anhaftet – was nicht zuletzt an einem Cameo-Auftritt einer bestimmten Figur liegen könnte.
Dieses Buch erschafft auf 356 Seiten ganze Welten und füllt den Kopf mit mehr als lebendigen Bildern.

Stärken des Buchs:

Wirklich gelungen finde ich die Entwicklung, die Finn in diesem Buch durchmacht. Zu Beginn ist er das, was man von einem Neunjährigen erwarten würde: Er ist ängstlich und das regelmäßige Ziel von Gordon und seinen Schlägerkumpanen. Gleichzeitig ist er kindlich naiv und neugierig, auch wenn ihm durchaus der Ernst bewusst ist, der mit den Leiden seiner armen Bauernfamilie einhergeht.
Alles beginnt damit, dass er mehr oder weniger aus Versehen in Arthurs Buchladen stolpert, sich eine Ausgabe vom Pinocchio ausleiht und für den Schaden, den er an dem Buch anrichtet, für Arthur arbeitet. Das ist der Moment, an dem er eine seltene Begabung feststellt, dass die Geschichten in seinem Kopf lebendig werden. Je mehr er schließlich diese Begabung entdeckt und je tiefer er in die Welt der Buchwächter und der Magie der Bücher eintaucht, umso mehr wird ihm auch die Bedrohung bewusst, die seine gerade neu betretene Welt bedroht. Gerade am Anfang macht er – auch seinem jungen Alter und seiner Unerfahrenheit geschuldet – einen Fehler nach dem anderen. Aber: Er lernt. Und das erstaunlich schnell.
Um die Entwicklung mal zu verdeutlichen, möchte ich hier ein Zitat einfügen:

“Ich soll einen Hundertmeter-Sprint hinlegen, wo ich gerade Laufen gelernt habe. Das dürfte ordentlich blaue Flecke geben. Und ich werde wohl nicht der Schnellste sein”
– Seite 247

Ich finde, diese Stelle trifft es ziemlich gut. Denn es verdeutlicht, wie Finn selbst zu seinen Fähigkeiten steht. Er neigt eher dazu, seine Kräfte zu unterschätzen und klein zu reden. Finde ich als Protagonist wesentlich zugänglicher, als einen gelackten Superhelden. Finn weiß, wo seine Schwächen liegen und wächst mehrfach über sich hinaus.

Aber auch die anderen Figuren sind erstaunlich tief gezeichnet. Zum Einen ist da der alte Tüftler Gillian, der ebenfalls eine tiefgreifende Veränderung durchmacht und damit Dinge ins Rollen bringt, ohne eine Hauptfigur zu werden.
Selbst Ring (die Türglocke mit Berliner Dialekt) und Ka-Tsching (die Registerkasse, die sich gerne mit der soeben erwähnten Türglocke streitet) sind für dekorative Nebenfiguren erstaunlich dreidimensional.

Bevor ich fortfahre, einen Einschub zur äußeren Gestaltung des Buches:
Mit einem Cover von Alexander Kopainski (einem sehr talentierten Coverdesigner) und Illustrationen von Andreas Hagemann selbst ist der Buchwächter auch in jedem Regal und beim Durchblättern ein absoluter Hingucker.
Die Illustrationen unterstreichen die Bilder, die beim Lesen im Kopf entstehen.

Und eine absolute Stärke dieses Buches ist der letzte Satz, der auch wunderbar ein erster Satz hätte werden können.

Schwächen des Buchs:

Wie bereits erwähnt, merkt man dem Autor an, dass er viel Potential hat, sich aber dennoch einige Schnitzer erlaubt. Ich führe diese Punkte hier als Schwächen an. Sie sind beim Lesen aber eher in die Kategorie “das gibt Abzüge in der B-Note, das sollte eigentlich nicht passieren” bzw. “hier hätte man gründlicher arbeiten können”, schaffen es aber nicht, die Stärken des Buches runterzuziehen.
An der einen oder anderen Stelle (vielleicht zwei oder dreimal im ganzen Buch) wurden offenbar Namen vertauscht. So gibt es eine Stelle, in der Ka-Tsching auf einmal berlinert, obwohl eigentlich Ring die Glocke mit dem Dialekt ist. Besonders schmerzhaft für den Protagonisten ist aber auch eine Stelle, an der er eine Tür öffnen will und auf einmal die Klinge in die Hand nimmt – ein geänderter Buchstabe hätte hier Einiges an Schmerzen erspart.
Aber diese Fehler sind mit so einer geringen Dichte über den Text verstreut, dass man zwar darüber stolpert, aber ohne Probleme darüber hinwegsehen kann. Das sind Kleinigkeiten, die sich in einer zweiten Auflage beheben lassen sollten. Abzüge in der Bewertung gibt es dafür aber nicht.

Was mir außerdem als neutraler Punkt aufgefallen ist: Die Handlung wird immer hektischer, je schneller man sich dem Ende nähert. Das mag für den einen oder anderen Leser gerade richtig sein. Für mich hätte die eine oder andere Entschleunigung aber sehr gut getan.

Mein Fazit:

Müsste ich eine Empfehlung aussprechen, was denn meine Highlights des bisherigen Lesejahres waren – Der Buchwächter würde definitiv auf der Shortlist landen. Ich mag diese Geschichte und finde es sehr erfrischend, was Andreas hier aus einer Ausgangslage macht, die doch sehr an “Die Unendliche Geschichte” erinnert. Auch charakterlich sind Finn und Bastian sich – gerade zu Beginn – recht ähnlich. Dennoch hat man nie das Gefühl, diese Geschichte zu kennen. Klar, man stößt auf etliche bekannte Figuren unter den Phantasien – auch aus der Xerubian-Reihe*. Aber die Ideen sind neu und anders. Ich freue mich jedenfalls schon wahnsinnig auf den zweiten Band.
In seinem Nachwort schreibt der Autor übrigens, die Idee zum Buchwächter sei ihm beim Ausräumen der Spülmaschine gekommen. Wenn dem tatsächlich so war: Ab in die Küche, der Abwasch wartet!

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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