Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Der erste Satz

Als Patricia sechs Jahre alt war, fand sie einen verletzten Vogel im Wald.

Zum Inhalt:


Patricia ist ein Mädchen, das bemerkt, dass sie eine Hexe ist und den Wald schützen soll. Sie vernachlässigt ihre Fähigkeit, weil irgendwie nichts klappt und ihr niemand sagt, wie dieses Hexenleben wirklich funktioniert. In der Schule trifft sie auf Laurence, der ihr einziger Freund ist, sodass sie mit ihm eine On-Off-Freundschaft eingeht, bis sie sich nach der Schule verlieren, wiedertreffen, wieder verlieren und gemeinsam die redundantesten Sachen überhaupt erleben.

Laurence ist ein Nerd, der eine künstliche Intelligenz geschaffen hat, die schon in seiner Jugend viel Macht und Intelligenz bekommt. Patricia nutzt er zunächst, um seinen Eltern gegenüber zu rechtfertigen, dass er kein Stubenhocker ist. Sie erfinden Geschichten über gemeinsame Ausflüge in die Natur, was in etwa so glaubwürdig ist wie eine Salsa tanzende Katze, die dir morgens den Kaffee bringt. Die Geschichten der beiden streifen sich immer mal wieder, und der Fokus liegt ganz klar auf den Zusammentreffen. Dass im weiteren Verlauf im Hintergrund die Welt in Gefahr ist oder andere potentiell plotrelevante Dinge geschehen, wird artig ausgeblendet.

Warum ich den Inhalt von “Alle Vögel unter dem Himmel” nicht in einem Absatz unter Betrachtung der unterschiedlichen Gesichtspunkte wiedergeben kann, liegt daran, dass es die Autorin selbst im gesamten Buch nicht geschafft hat, aus den zwei interessanten Ausgangslagen eine Geschichte zu stricken.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Hysterisch über den Satz mit der Langeweile und dem Narbengewebe gelacht.
  2. Das schlechte Gewissen runtergeschluckt.
  3. Mich total geärgert, weil das schlechte Gewissen wieder hochkam.

Mein Eindruck zu Alle Vögel unter dem Himmel:

Einen Plot sucht man vergebens, und selbst viel Geduld hat sich bei mir nicht ausgezahlt, sodass ich das Buch auf Seite 201 abbrechen musste. Ich brach “Alle Vögel unter dem Himmel* ab, nachdem mich der Satz “Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes” getriggert hat. Die Autorin hat echt Mut. In der Danksagung schreibt sie: “Ich hoffe, das Buch hat euch gefallen. Falls nicht, oder falls euch einige Dinge nicht eingeleuchtet haben oder zu abwegig erscheinen, schickt mir einfach eine E-Mail, dann komme ich vorbei und spiele euch das Ganze vor. Vielleicht mit Origami-Fingerpuppen.” Dieses Angebot würde ich gerne annehmen, doch ich weiß nicht, ob ich jemals nochmal so viel Interesse aufbringen kann, der Geschichte eine weitere Chance zu geben.

Stärken des Buchs:

Es riecht unfassbar gut! Der Klappentext verspricht viel! Das Cover macht was her und insgesamt fühlt sich das Buch wirklich gut an! Orthografie und Grammatik sind ok. Dass ich das erwähne, ist kein gutes Zeichen. Im Gegenteil. Zunächst dachte ich, es seien die einzigen Stärken, die “Alle Vögel unter dem Himmel” mitbringt.

Selbst Bücher, die mir nicht gefallen (Beispielsweise “Loslassen” von Katharina Finke), bleiben in meinem Bücherregal. Weil sie irgendwann mal wieder interessant sein könnten oder gute Stellen hatten, oder mir ans Herz gewachsen sind. “Alle Vögel unter dem Himmel” ist das erste Buch, bei dem ich darüber nachgedacht habe, es loszuwerden. Zu verkaufen und von dem Geld einen Ersatz zu kaufen. Ich fühle mich frustriert und als hätte ich beim Lesen Lebenszeit verschwendet. Nachdem mir das bewusst wurde, habe ich dem Buch dennoch einen Zweck zuordnen können: Ich habe mir Notizen gemacht, was in welchem Kapitel geschieht, versucht, den Plot nachzuvollziehen und mir aufgeschrieben, was mir nicht gefällt. Als angehende Sci-Fi-Autorin möchte ich auch gerne ein Buch bei Fischer TOR platzieren (hach, wie schön das wäre! Lasst mich träumen!), und wenn so ein undurchdachtes, lieblos geschriebenes Buch bei diesem Qualitätsverlag unterkommt – dann schaffe ich das schon längst. Das ist eine ganz klare Stärke von “Alle Vögel unter dem Himmel”: Es macht mir als Autorin Mut, denn das kann ich locker übertreffen. vielleicht nicht jetzt, aber mit mehr Genrekenntnis und einem akribisch geplotteten, mit Herzblut geschriebenen Manuskript kann ich das schaffen. Wir sehen uns auf Augenhöhe, Charlie!

Eine weitere Stärke – und das muss man der Autorin und der Geschichte lassen – ist, dass die nerdigen Stellen wirklich… angemessen sind. Auf 200 Seiten muss man sicherlich drei Mal leicht schmunzeln, wenn man sich mit Laurence auch nur ein bisschen identifizieren kann.

Schwächen des Buchs:

Der Anfang des Buches ist sehr holprig und unglaubwürdig. Von Klischees überrannt gab ich dem Buch weitere Chancen, mir zu beweisen, dass der Charakter von Patricia nichtssagend und leer ist. Leider wurde das nicht verändert. Das Kennenlernen von Patricia und Laurence ist unschlüssig und passt überhaupt nicht. Der Sprachstil ist ungelenk und oberflächlich. Immer, wenn man denkt, jetzt könnte die Geschichte ins Rollen kommen, driftet die Autorin ab und versorgt den Leser mit emotionslosem, redundantem Zeug.

Ich kenne zahlreiche Lektoren, die bei “Er hat einen nervösen Kopf” oder “Er lächelt mit einer Lippe” den Rotstift zücken würden. Weder Übersetzung noch Lektorat von Fischer TOR haben solche merkwürdigen Ausdrücke gestört. Mir haben sie sich in den Kopf gebrannt.

Bis Seite 118 passiert nichts. Dann passiert etwas und das Buch droht mir an, fast spannend zu werden. Aber dann flacht die Spannung sofort wieder ab und das Niveau kehrt zurück. Das sprachliche Niveau ist einerseits in Ordnung, andererseits so emotionslos, dass Charlie Jane Anders einen Preis dafür verdient hat. Keine andere Autorin kann einen versuchten Mord so langweilig schreiben wie sie! Das muss Talent sein.

Bei einigen Sätzen zeigt die Autorin wirklich Potential, und ich fühle mich in das Debüt eines blutjungen Selfpublishers versetzt. Aus Sätzen wie “Das Messer verfehlte sein Herz, aber es brach sein Herz” sieht man, was die Autorin sagen wollte, und freilich könnte man aus diesem Satz etwas Gutes machen – aber er wurde genau so veröffentlicht, wie viele, viele andere Sätze auch. Der lieblose Stil äußert sich auch im Verzicht auf Synonyme, dieser aneinandergeklatschte Stil ist sowas von eindimensional, dass ich es nicht einmal schaffe, ihn in dieser Rezension nachzuahmen. Aber ich gebe mir Mühe, vielleicht merkt man das.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erlaubt man sich noch einen Patzer mit einem Satz wie diesem: “Es stimmte, im Hintergrund waren Polizeisirenen hören.” (Seite 153) Das unterstreicht die größte Schwäche des Buches: Es ist lieblos und flach. Nach weiteren fünfzig Seiten bekam ich einen hysterischen Lachanfall, als die Autorin das Thema Langeweile in einem Satz anbrach (“Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes”) und zwang mich dazu, das Buch abzubrechen. Es hat mir tatsächlich wehgetan, diesem Buch – ein Geburtstagsgeschenk – keine Chance zu geben, sich endlich mal zu entfalten. Aber nach 50 % sollte die Geschichte zu einer Geschichte werden.

Übrigens: Wenn Laurence und Patricia sich nach der Schule wiedertreffen, seilt er sich von irgendwas ab und macht einen Millionendeal klar, weil die Welt in Gefahr ist. Man will wissen, warum die Welt in Gefahr ist und irgendwas darüber erfahren, wieso und warum und was los ist – aber davor verschont Charlie Jane Anders den Leser und füllt die folgenden Seiten mit Rückblicken und oberflächlichem Beziehungsgehabe, stockenden Bla-Bla-Gesprächen und ein bisschen Tell, don’t Show.

Als ich mich entschieden habe, das Buch abzubrechen, habe ich in einem der letzten Kapitel den “großen Showdown” gelesen. Ich will nicht spoilern, aber… Er konnte mich nicht vom Hocker hauen, hatte unglaubwürdige, klischeehaft-überspitzte Stellen, und auch das letzte Kapitel hat die nicht-vorhandene Geschichte nicht wirklich zu Ende geführt.

Mein Fazit:

“Alle Vögel unter dem Himmel” ist ein Buch, das mehr verspricht als es halten kann. Ich bin nicht nur gelangweilt und maßlos enttäuscht, sondern vergleiche den Schreibstil der Autorin auch mit “Mathilde Möhring”. Wer Lust auf ein Buch hat, das sich bestenfalls zur Analyse eigener Schreibkompetenz eignet und einem Mut macht, auch einmal in einem so großen Verlag unterzukommen, muss dieses Buch unbedingt lesen. Ich wünsche jedem viel Erfolg dabei, mehr als 200 Seiten durchzuhalten.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen bei Fischer TOR am 23.03.2017, ISBN: 978-3-596-03696-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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