Unmoralisches Lesevergnügen – Ein Spion im Haus der Liebe [Rezension]

Unmoralisches Lesevergnügen – Ein Spion im Haus der Liebe [Rezension]

Der erste Satz

Der Lügen-Detektiv schlief, als das Telefon läutete.

Zum Inhalt:


Sabina ist auf der Suche nach der Liebe, gleichzeitig aber auch auf der Flucht vor ihr. Sie ist verheiratet, doch ihr Ehemann Alan schenkt ihr zwar ein väterliches Heim, das sie braucht, doch gleichzeitig fühlt sie sich vom Stillstand gejagt. Der Kurzroman beginnt mit ihrem Anruf bei einem Detektiv. Sie hatte wahllos eine Nummer gewählt, um einem Fremden ihre Sünden und Sorgen anzuvertrauen. Doch der Detektiv macht sie nach dem Telefonat ausfindig und folgt ihr tagelang zu den Adressen ihrer verschiedenen Liebhaber. Sabina ist Schauspielerin, doch weniger als Beruf. Stattdessen spielt sie vor jedem Mann eine andere Rolle ihrer gespaltenen Persönlichkeit, die sie so gerne vereinen will.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Noch einmal den Klappentext und die erste Seite gelesen, weil ich noch mehr davon wollte
  2. Mich auf die Rezension gefreut
  3. Mich an meine zwei Lieblingsstellen zurückerinnert

Mein Eindruck zu Ein Spion im Haus der Liebe:

Auch wenn Sabinas Geschichte fiktiv ist, erkenne ich die Anaïs Nin aus ihren Tagebüchern wieder. Dieselben Fragen quälen die beiden Frauen: Wer bin ich von meinen vielen Seiten? Wer durchschaut mich? War mein Gedanke gerade wirklich die Wahrheit? Wie schon Anaïs betrügt auch Sabina ihren Gatten. Sie möchte Abenteuer wie ein Mann, sagt sie. Damit meint sie Verlangen ohne die Last der Liebe, die einen rasend macht. Ich habe schon ihre Tagebücher gefressen, ihre fiktive Geschichte umso mehr. Zum Teil mag es auch an der Spannung liegen, die von einer Unmoral automatisch ausgeht. Vor allem hat es mir aber die schamlose Ehrlichkeit angetan. Sabina – oder auch Anaïs – lässt sich nicht davon täuschen, wer sie gerne wäre. Schicht für Schicht kratzt sie ihre Masken ab und möchte zum Kern ihres Wesens vordringen. Das mit einer Sprachgewalt, die ihre eigene Erotik ausstrahlt. Meine zwei Lieblingsstellen sind übrigens: Die Szene, als sie ihr Spiegelbild im Schaufenster sieht und es für das einer anderen Frau hält, einer stärkeren, kühleren, mächtigeren Frau. Als sie ihren Irrtum erkennt, sieht sie das Spiegelbild plötzlich nur noch für verschreckt und schwach. Die zweite Lieblingsszene ist, wenn sie sich nackt in den Sand legt und sich vorstellt, sie würde nie wieder aufstehen. Ob der Sand sie ganz bedecken würde? Zum ersten Mal erlebt sie das Gegenteil von Unruhe, ohne sich davor zu ängstigen. (Wenige Sekunden begegnet sie so übrigens einen ihrer Liebhaber.)

Stärken des Buchs:

Das Buch beinhaltet einen Detektiv, eine leidenschaftliche Frau, viele Liebhaber, Sex und Verlangen; die Härte, Verzweiflung, aber auch Schönheit der frühen Nachkriegszeit; Gespräche über Kunst und einen Intellekt, der jedem Leser eine Gänsehaut verursacht. Langweilig kann es damit nicht werden.

Die ehrlichen Gedanken hatte ich schon erwähnt. Dabei besteht natürlich die Gefahr, dass man sich selbst wiedererkennt. Das mögen manche Leser als furchtbar empfinden, ich suche es in der Literatur.

Anaïs Nin schreibt so, wie Frauen Sex haben (sollten). Der Leser wird bei jedem Satz mitgenommen, man kann sich den Gefühlen nicht entziehen. Dabei entdeckt sie all die schönen und hässlichen Details, die ein Erlebnis persönlich machen. Man legt das Buch weg wie einen Liebhaber, den man aber auch ein paar Stunden nicht mehr sehen kann, weil man überwältigt ist. So intensiv ist die Lektüre.

Schwächen des Buchs:

Das Buch braucht dich. Du kannst nicht nebenbei laufen (hab’s versucht), plaudern oder etwas anderes wie an die berühmte Einkaufsliste denken. Sobald man abschweift, ist man verloren. Denn die Sätze fordern die volle Konzentration und manchmal hat man die gerade nicht. Ich empfehle daher zwei Leseszenarien: Erstens kann man das Buch an einem Nachmittag lesen (126 Seiten mit kleiner Schrift) und schläft danach erschöpft ein. Oder zweitens man betrügt das Buch mit einer zweiten, leichteren Lektüre und liest über Tage hinweg immer wieder darin.

Der folgende Kritikpunkt ist so lächerlich, dass ich mir unfassbar kleinlich vorkomme. Aber mir fällt sonst nichts ein. Manchmal verwendet Anaïs ein wenig zu viele Nomen als Synonyme hintereinander, die das Gleiche bedeuten. Das macht sie aber nicht oft, mir ist es vielleicht dreimal aufgefallen und wen das von diesem Buch abhält, sollte lieber kalt duschen gehen.

Mein Fazit:

Eine Geschichte über eine starke, getriebene Frau at its best. Anaïs Nin erkundet das Seelenleben Sabinas ebenso wie das des Lesers. Es gibt wenig Literatur, die mich derart begeistert. Wer intellektuell eins auf die Nüsse kriegen will, sollte Anaïs Nin lesen.

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Magret Kindermann

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