Humorvoll, nachdenklich, bedrückend – Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden [Rezension]

Humorvoll, nachdenklich, bedrückend – Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden [Rezension]

Der erste Satz

Wie wäre es wohl, wenn alle Katzen von der Welt verschwänden?

Zum Inhalt:


Der namenlose Protagonist ist Briefträger und erfährt nach einem längst überfälligen Arztbesuch, dass er einen Hirntumor im Endstadium und nur noch maximal eine Woche zu leben hat. Als er wieder nach Hause kommt, steht der leibhaftige Teufel vor ihm. Der eröffnet dem Protagonisten, dass er nicht erst nächste Woche, sondern schon morgen sterben wird.
Doch der Teufel wäre nicht der Teufel, hätte er nicht einen teuflischen Pakt im Gepäck. Für einen zusätzlichen Tag Leben darf der Protagonist eine Sache von der Welt verschwinden lassen. So verschwinden am Dienstag alle Telefone, am Mittwoch alle Filme und am Donnerstag alle Uhren. Als dann aber am Freitag alle Katzen von der Welt verschwinden sollen, gerät der Protagonist ins Grübeln.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch mit einer Mischung aus höchstem Glücksgefühl und tiefster Trauer zugeklappt.
  2. Mich ein bisschen zurückgelehnt und die Gedanken schweifen lassen.
  3. Diese Rezension begonnen, direkt nachdem ich das Buch beendet hatte. Kurz nach 6 am frühen Morgen.

Mein Eindruck zu Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden:

Auf dem Umschlag steht zwar Roman, im Prinzip ist das Buch aber eine Art Abschiedsbrief auf 192 Seiten. “Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden* hat mich (in exakt dieser Reihenfolge) zum Lachen, Nachdenken, Weinen und Nachdenken gebracht. “Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden” befasst sich mit einem Thema, das uns allen irgendwie präsent ist, mit dem sich aber nie jemand so wirklich befassen will: Dem eigenen Tod.
Genki Kawamura konfrontiert seinen Protagonisten und damit den Leser ganz offen damit, dass die Lebenszeit begrenzt ist. Niemand von uns weiß, wie lange er noch zu leben hat. Es kann jederzeit vorbei sein. Vielleicht schon heute, vielleicht morgen, vielleicht erst in einem halben Jahrhundert. Und doch ist das Buch kein mach endlich was aus deinem Leben, sondern eher ein denk doch mal in Ruhe darüber nach, was dir eigentlich wichtig ist.

Stärken des Buchs:

Ein ganz klarer Pluspunkt: Die Emotionen. Wenn ich jetzt nicht unterbewusst ein Buch verdrängt habe, ist “Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden” das zweite Buch1 in meinem Leben, bei dem ich mich aktiv daran erinnern kann, dass es mir die Tränen übers Gesicht gejagt hat. Vielleicht liegt es daran, dass ich selten Bücher lese, die sich mit solchen Themen befassen. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass ich abgestumpft bin. Blutige Szenen in Jay Kristoffs “Nevernight” oder Gänsehautmomente in Josh Malermans “Bird Box” habe ich inhaliert ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Und das bringt mich auch direkt dazu, warum ich diesen Punkt hier überhaupt erwähne. Dieses Abstumpfen ist genau das, was Kawamura in seinem Buch thematisiert. Aber eher ein Abstumpfen im Sinne davon, Dinge – allen voran die Familie und Katzen – für selbstverständlich zu erachten. Weil wir sie immer um uns haben, ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden, wie wertvoll diese Dinge eigentlich sind und was und fehlt, wenn wir sie verlieren. Das Besondere an diesem Buch ist allerdings die Art, wie der Autor mit dem Thema umgeht. Mit einer gehörigen Portion Humor und einer Leichtigkeit, die wohl irgendwie zur Mentalität der Japaner gehört (ohne jetzt in Klischees verfallen zu wollen) legt Kawamura ein Gedankenprotokoll vor, das es am Ende dem Leser überlässt, wie er mit dem Thema umgehen soll.

Ein weiteres Plus gibt es für den Schreibstil. Denn trotz des ernsten Themas kann man “Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden” relativ locker lesen, vor allem weil es mit 192 Seiten angenehm dünn ist. Viel länger dürfte es auch gar nicht sein, finde ich.
Und die Figuren finde ich angenehm. Der Protagonist ist super, auch wenn er für meinen Geschmack vielleicht ein bisschen viel um den heißen Brei herumredet und ein bisschen weniger was wäre gewesen wenn, aber so war es dann nicht, hätte ihm nicht geschadet. Aber dafür ist Weißkohl – auch wenn ich normalerweise kein Katzenmensch bin – sehr sympathisch. Allerdings gibt es da eine Figur, die ich so gar nicht ausstehen kann.

1 Das erste Buch (oder eher die Verfilmung davon) war tatsächlich “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” von John Green. Ja manchmal befasse ich mich auch mit solchen Sachen.

Schwächen des Buchs:

Zum Teufel mit dir, Aloha! Ach Mist, du bist ja der Teufel… Aber mal ehrlich. Den kompletten Montag bringt der Teufel sinnloserweise damit zu, zu betonen dass er der Teufel ist und dass er der Teufel ist und das er sowieso ziemlich von sich eingenommen ist. Diese Überheblichkeit und gleichzeitig der katastrophale Sinn für arg schlechten Humor. Mehr als einmal wollte ich ihn einfach nur mit der imaginären Mistgabel aufspießen. Der Leibhaftige. Ja klar. Für mich leider nicht mehr als ein egozentrischer Spinner mit Aufmerksamkeitsdefizit.
Abzüge gibt es außerdem für die Kapitelstruktur. Da die “Handlung” von Montag bis Sonntag geht, macht es Sinn, sieben Kapitel zu haben. Der Nebeneffekt ist allerdings, dass ein Kapitel dadurch fast 25 bis 30 Seiten hat, was gerade bei der Themenwahl einfach zu lang ist. Ja, das Buch lässt sich schnell lesen, aber ich hätte gerne innerhalb der Tage öfter die Gelegenheit gehabt, das Buch zur Seite zu legen und über den Inhalt nachzudenken oder aus dem Bus aussteigen zu können. So bleibt man bei jeder Unterbrechung an einer Stelle mitten im Kapitel hängen.

Mein Fazit:

Alles in Allem ist “Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden* ein gutes Buch als Auflockerung und Denkanreger zwischen zwei anderen Büchern, aber leider Nichts für zwischendurch. Man kann das Buch aufgrund des geringen Umfangs locker flockig an einem Tag lesen, bei dem Inhalt sollte man sich aber Zeit lassen, sonst hat das Buch aus meiner Sicht leider seinen Sinn verfehlt. Das ist kein Buch, das man konsumiert, weil man wieder unterlesen ist, sondern ein Buch, das man liest, um über sich und seine eigene Umwelt nachzudenken. Ein Buch, das den Leser zum Nachdenken anregt, ohne den Zeigefinger zu erheben. Ein Buch, das in unter 200 Seiten mehr vom Leben erzählt und mehr Weisheit enthält, als jeder 800-Seiten-Schinken es jemals könnte.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 192 Seiten, erschienen bei C. Bertelsmann am 23.04.2018, ISBN: 978-3-570-10335-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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