Nicht vom gleichen Blatt genascht – Tulpologie [Rezension]

Nicht vom gleichen Blatt genascht – Tulpologie [Rezension]

Der erste Satz

Herr Huang kam aus einem Raum hinter der Ladentheke und sein Strahlen war größer, als es das Gesicht hätte halten können.

Zum Inhalt:

Ich habe die Tulpologie gelesen und kann gar nicht so recht in kurze Worte fassen, worum es bei der 128-Seitigen Novelle geht. Es geht irgendwie um alles, aber ein bisschen auch um nichts. In erster Linie aber um einen Blumenladen, in dem Mister Huang seiner Lieblingskundin Marlene Tulpen verkauft. Marlene beginnt irgendwann, ihm, ihren schrecklichen Freundinnen und der Welt zu erzählen, ihr Mann sei gestorben. Mit dieser Lüge verstrickt sich Marlene in eine Geschichte, die sich immer wieder um die Tulpen dreht.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die Krokusse im Garten betrachtet
  2. Meinen fast kalt gewordenen Tee geleert
  3. Die Zeilen pro Seite gezählt

Mein Eindruck zur Tulpologie:

Insgesamt finde ich, dass an der Tulpologie* so einiges gelungen ist. Das, was im Buch steht, ist gut und der größte Teil der Geschichte wirkt auf den Leser ein. Man muss das erste Viertel beim Lesen dranbleiben und sich selbst ein bisschen zwingen, einen Einstieg in die Geschichte zu bekommen, aber das lohnt sich und ist dankbar. Magret Kindermann hat es leider nicht geschafft, mich sofort in das Ambiente der Geschichte mitzunehmen, was bei alltäglichen Gesprächen zwischen zwei mir völlig unbekannten Personen immer der Fall ist. Das Niveau der Geschichte, die Klarheit über das Drumherum und die Message werden mit steigenden Seitenzahlen besser. Ab Seite 100 wirst du das Buch kaum aus der Hand legen können.

Stärken des Buchs:

Stark ist bei Magret Kindermann definitiv der Schreibstil. Sie schreibt meistens so elegant wie die Tulpen, die sich mit dem Wind treiben lassen, und dann kommt da plötzlich ein literarischer Backstein geflogen, der den Leser zum Taumeln bringt. Das geschieht ausschließlich an Stellen, an denen es gewollt ist. Der Leser soll verwirrt werden, er soll denken. Das ist eine Tugend, die Kindermann an einigen Stellen hervorragend umsetzt, an anderen jedoch für meinen Geschmack zu viel Verwirrung schürt. Mehr dazu in den Schwächen der Novelle.

Auch die Rechtschreibung ist in Ordnung. Ich habe neben dem obligatorischen das-dass-Fehler (WARUM muss der eigentlich in JEDEM Buch vorkommen?!) nur drei Tippfehler gefunden, was wie gesagt in Ordnung war.

Als weitere Stärke muss ich aufführen, welche Message Magret Kindermann mit der Tulpologie in die Welt schreit. Sie schreit sie nicht, sie macht es ganz leise, in einem zugeklappten Buch. Doch klappt man das Buch auf, fährt es einen an. Welche Message das ist, kann ich aus Spoiler-Gründen nicht verraten. Aber lasst euch so viel gesagt sein: Es sind mehrere, und ihr habt sie schon ein paar Mal gehört. Durch die Geschichte von Marlene sind sie besser nachvollziehbar und dringen ein bisschen besser in das Bewusstsein des Lesers ein. Und das tun sie, auch wenn sie schreien: Besser ins Bewusstsein rücken. Sie passen schön. Aber sie erschlagen den Leser nicht mit bombastischer Überwältigung der Erkenntnis. Sie sind, durch und durch, wie die gesamte Tulpologie auch: Okay bis gut.

Neutrale Gedanken zur Tulpologie:

Die Tulpologie hätte länger werden können. Sie birgt an vielen Stellen Potential, zu einem Roman heranzuwachsen. Charaktere, die blass bleiben, haben interessante Ansätze und können weiter entwickelt werden. Beziehungen, die von außen grob angerissen werden, könnte die Autorin vertiefen und erklären. Und insgesamt bietet die Geschichte Raum für Emotionen. Emotionen vermisste ich während der gesamten Tulpologie. Sie triefte hier und dort vor Melancholie, aber echte Emotionen habe ich nicht aufgenommen. Es kann sein, dass das Absicht war. Je leerer eine Charakter-Hülle, desto eher kann sich ein Leser oder eine Leserin hineinversetzen. Je unklarer die Gesichter der Menschen im Umfeld sind, desto eher projiziert man jemanden hinein, den man selbst kennt. Bei mir hat das nicht gewirkt, es sind leider leere Fassaden geblieben. Aber das kann bei empathischeren Menschen wirken, daher möchte ich das als neutrale Information und nicht als Stärke oder Schwäche anbringen.

Schwächen des Buchs:

Es war mir leider nicht möglich, die Tulpologie von Magret Kindermann in einem Rutsch durchzulesen. Dazu war mir der Einstieg zu schwierig und verworren, aber auch die gesamte Protagonistin leuchtete mir nicht so richtig ein. Vielleicht muss ich selbst Tulpenblüten probieren, um Marlene ansatzweise zu verstehen, aber für mich war sie ein verschlossener Charakter, der von irgendwas Innerem getrieben war, in das man aber die gesamte Novelle über keinen Einblick bekam. Alles, was ich über Marlenes Innenleben behalten habe, vermute ich das zu sein, was ich mir selbst zwischen den Zeilen gedacht habe. Auch, wenn das von der Autorin so gewollt war und das durchaus seine Daseinsberechtigung hat, führe ich es hier als Schwäche auf, da es mir persönlich missfallen hat.

Missfallen hat mir tatsächlich auch der Zeilenabstand. Die Geschichte, die sich über 128 Seiten erstreckt, wird auf Buchseiten mit 22 Zeilen erzählt, zwischen denen ein recht großer Zeilenabstand prangt. Das mag jedem gefallen, wie es einem gefällt, und ich hätte mich sicherlich an diesen großzügigen Platzgebrauch gewöhnt, wären da nicht die Kapitel. Sie beginnen und enden irgendwo. Einem neuen Kapitel wird keine neue Seite eingeräumt, was bei kurzen Kapiteln, die in seltenen Fällen auch mal nur aus fünf Zeilen bestehen, meiner Meinung nach besonders wichtig ist. Ich möchte nicht auf der linken Seite unten ein neues Kapitel beginnen und auf der rechten Seite in der Mitte bereits das nächste Kapitel. Ich möchte, wenn ein Buch so viel Raum fordert wie die Tulpologie, die rein physische Möglichkeit haben, nach einem Kapitel das Buch zuzuklappen und darüber nachzudenken. Gäbe es die langen Zeilenabstände und Seitenumbrüche bei neuen Kapiteln, würde ich darüber gar nichts schreiben, was unter die Überschrift „Schwäche“ fällt. Aber unter diesen Umständen ist ein Stückchen Kunst dieser Novelle verloren gegangen und das finde ich äußerst schade.

Mein Fazit:

Es ist schwer, ein Fazit zur Tulpologie von Magret Kindermann zu fassen. Sie hat ihre Stärken und ihre Schwächen. Die Stärken überwiegen die Schwächen nicht in herausragender Form, die Schwächen überwiegen aber auch nicht die Stärken. Die Geschichte reißt mich nicht vom Hocker, aber sie lässt mich nicht kalt. Was mich stört, fällt auf, reißt die Tulpologie aber nicht nieder. Und was mir gefällt, hebt das alles nicht an. Ich glaube, ich mag die Tulpologie – und nicht. Ich habe mir vorgenommen, sie bald erneut zu lesen, um ihren Zauber vielleicht zu entdecken. Da ich eine 50-%-Bewertung von 2,5 / 5,0 Herzen aus dem Bauchgefühl heraus zu niedrig finde, möchte ich mein Fazit mit 3 Herzen abschließen. Findest du, das ist eine zu niedrige Bewertung? Dann tu‘ der Autorin und den Tulpen einen Gefallen und kauf‘ und lies‘ die Tulpologie* unbedingt selbst. Sie ist lesenswert, auch wenn diese ausgeglichene Rezension eine eher etwas enttäuschte Leserin zurücklässt.

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Kia Kahawa
Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.
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