Psychogramm einer Mörderin – Die Geschichte von Blue [Rezension]

Psychogramm einer Mörderin – Die Geschichte von Blue [Rezension]

Der erste Satz

Mein Name ist Blue.

Zum Inhalt:


Wie der Titel andeutet, geht es in “Die Geschichte von Blue” um das Mädchen Blue. Dieses Mädchen hat früh ihrer Vater verloren, lebt mit ihrer drogenabhängigen Mutter in einer kriminellen Kleinstadt. Blue spricht nicht und ignoriert auch sonst ihre Mitmenschen wo sie kann. Sie und ihre Mutter leben beide in ihrer eigenen Traumwelt. Blue ist nahezu besessen von dem Wunsch, den Mörder ihres Vaters zu töten. Außerdem klebt sie seit seinem Tod in jeder Sekunde ihres Lebens an ihrer Ausgabe von “Der Zauberer von Oz”, die er ihr geschenkt hat. “Die Geschichte von Blue” ist die Geschichte eines ganz normalen Mädchens. Von der ersten Liebe führt die Reise über die Abgründe der menschlichen Psyche hin zu einem Doppelmord. Das alles in der stillen Hoffnung, einen Ort zu finden, der wie das Land von Oz ist. Aber noch mal zur Erinnerung: Blue Vanity McGregor ist nicht verrückt. Aber das wird sich alles mit der Zeit aufklären.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch an mich gedrückt, wie Blue es mit dem “Zauberer von Oz” macht.
  2. Das Ende etwas auf mich wirken lassen und eine Weile schweigend neben dem Buch gesessen.
  3. Ganz langsam, aber sicher verstanden, was ich da eigentlich gelesen habe.

Mein Eindruck zu Die Geschichte von Blue:

Dieses Buch ist mir letzten Montag eher zufällig im Buchladen über den Weg gelaufen. Genauer gesagt, war ich im Buchladen, um etwas Zeit zu überbrücken (Randnotiz: In Hannover hat morgens um 9:30 am Kröpcke NUR der Hugendubel auf). Wenn man schon die Zeit hat, kann man sich auch mal mit den Mängelexemplaren beschäftigen. Dabei ist mir “Die Geschichte von Blue” in die Finger gekommen, ich habe den Klappentext gelesen und es auf dem Weg an die Kasse einfach nicht mehr aus der Hand gelegt.
Dienstagabend habe ich relativ entspannt die erste Hälfte gelesen, heute Mittag dann den Rest. Auf den ersten Seiten ist das Buch verwirrend und es schweift immer wieder ab. Denn eine Sache sollte man sich immer vor Augen führen: Blue redet nicht mit anderen Menschen, denkt dafür aber umso mehr. Wenn man aber über einen gewissen Punkt hinaus ist, kann man das Buch immer schwerer wieder aus der Hand legen. Und ehe man sich verzieht hat man eine ähnliche Sucht nach diesem Buch entwickelt wie Blue nach “Der Zauberer von Oz”. Für die letzten 150 Seiten habe ich absolut ablenkungsfrei etwas weniger als eine Stunde gebraucht. Was schon fast abartig schnell ist, wenn man von etwa einer Seite pro Minute ausgeht.

Stärken des Buchs:

An dieser Stelle möchte ich einmal meinen imaginären Hut vor der Autorin ziehen. Mit einem Blick auf die Vita – die auch als Verkaufsargument herangezogen wird – stelle ich fest: Solomonica de Winter ist 1997 in der Nähe von Amsterdam geboren. Zum Erscheinen der Erstausgabe war sie also zarte 17 Jahre jung. Wenn man nun bedenkt, dass das Buch bei Diogenes erschienen ist: Reife Leistung.
Aber zurück ins Buch: Blue ist eine starke Persönlichkeit, die mit all ihren Tiefen beleuchtet wird. Der frühe Verlust ihres Vaters. Die Mutter, die lieber sämtliches Geld für Drogen aus dem Fenster wirft, statt sich um ihre Tochter zu kümmern. Die Gesellschaft, in der niemand ihr Schweigen hören will. Mitmenschen, die sie als Soziopathin brandmarken. Die Tatsache, dass sie ein bisschen weniger Dorothy ist, als sie es gerne hätte. All das nimmt Blue deutlich mit. Sämtliche Wege sind auf irgendeine Weise nachvollziehbar. Einzige Voraussetzung: Man hält lange genug durch, um den Grund hinter all dem zu erfahren.
Das Ende wird auf der zweiten Seite angeteasert, ohne dass auch nur eine einzelne Zeile des tatsächlichen Ergebnisses vorhersehbar ist.
Funfact (SPOILERWARNUNG): Auf Seite 80 wird quasi mit dem Zaunpfahl in Richtung Ende gewunken. Ohne das Ende aber tatsächlich zu kennen, wird man diesen Wink aber nicht verstehen. Ich finde das schon ziemlich genial.
Außerdem sind die Kapitel meistens angenehm lang. So könnte man (rein hypothetisch) quasi jederzeit eine Pause machen. Was aber egal ist, weil man das Buch spätestens bei Seite 150 nicht mehr aus der Hand legt, bis man am Ende angekommen ist.

Schwächen des Buchs:

Dieses Buch ist verwirrend. Gerade zu Beginn wechselt Blue von einem Thema zum Nächsten und über Umwege zum Ausgangspunkt. Die Geschichte ist voll mit der Erzählung eines Mädchens, das mit 13 Jahren zur Mörderin wird und nicht damit hinter dem Berg hält, was man denn von ihr halten soll. Für meinen Geschmack vergleicht sich Blue zu oft mit Dorothy. Überhaupt hätte es gut getan, nicht auf Krampf zu versuchen, gefühlt alle zwei Zeilen das gerade erlebte mit dem “Zauberer von Oz” in Verbindung zu bringen. Nein Blue, du bist nicht Dorothy und das ist auch nicht Oz. Also benimm dich entsprechend. Du bist hier immer noch in Kansas!

Mein Fazit:

Wenn man sich einmal an den eigenartigen Erzählstil und die seltsame Protagonistin gewöhnt hat und sich auf diese Reise nach Oz einlässt, entwickelt sich “Die Geschichte von Blue” zu einer Droge. Man will es nicht wahrhaben, wie süchtig dieses Buch irgendwann macht, bis man feststellt, dass man dieses Buch mal eben durchgelesen hat, obwohl man ja eigentlich nur reinlesen wollte…
Ein bisschen neidisch bin ich ja schon, dass die Autorin mir rein alterstechnisch nur drei Monate voraus hat und dennoch so ein geniales Buch abgeliefert hat. Am Liebsten würde ich dieses Buch verbrennen und nie mehr loslassen (und ja, genau so). Ich schwanke dazwischen, dieses Buch abgrundtief zu hassen und einfach nur zu lieben. Beim Lesen überwog stellenweise der Hass. Im Gesamtkontext überwiegt dann aber die Liebe.

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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