Ein wortschmeichelndes Rätsel ohne Lösung – Dein Paradies wächst [Rezension]

Ein wortschmeichelndes Rätsel ohne Lösung – Dein Paradies wächst [Rezension]

Buchanfang

In den Haaren steckte ein ganzes Jahr.

Zum Inhalt:


Dein Paradies wächst* von Julia von Rein-Hrubesch erzählt nicht “die eine” Geschichte, es erzählt viele Geschichten und jeder muss seine eigene darin finden. Durch die Augen eines unbekannten, rästelhaften Protagonisten begleiten wir Yara, die ein seltsames Leben führt. Sie wandelt auf dem Grat zwischen dem Alltag eines gewöhnlichen Teenagers und dem Leben, das das Rätsel, welches sie umgibt, ihr aufzwingt. Der Protagonist weiß vieles, beinahe alles und doch fällt es ihm schwer, Yara zu ergründen. Letztlich geht es in der Geschichte jedoch um Entscheidungen. Wer will ich sein und zu welchem Preis? Worauf kommt es im Leben an und womit muss ich es ausfüllen?

Die ersten drei Dinge, die wir nach dem Lesen getan haben:

  1. Das Ende nachwirken lassen
  2. Uns unbefriedigt gefühlt
  3. Mails ausgetauscht

Unser Eindruck zu Dein Paradies wächst:

“Dein Paradies wächst” kommt daher wie eine Fabel, die leise und unaufgeregt vom Leben erzählt und nicht zu unterschätzen ist. Die 60 Seiten sind kompakt und dicht. Man kann sie vielleicht schnell lesen, doch bleibt es dann ohne Gewinn. Lässt man sich auf diese Geschichte ein, ist es ein fordernder Text. Sätze müssen doppelt gelesen werden und es erfordert Pausen, die man zum Nachdenken braucht. Das ist etwas Gutes und etwas Schlechtes zugleich. Wir werden mit bekannten Elementen ebenso konfrontiert, wie mit unbekannten. Ein Rätsel schwebt über der Geschichte, das auch mehrfach angesprochen, jedoch zuletzt nicht vollständig aufgeklärt wird.

Kias Eindruck:

Einerseits ist der Schreibstil sehr prägnant und literarisch ansprechend, gewollt wunderschön und vor lauter Bedeutung triefend. Andererseits haben mich die ersten ca. 50 % des Buches ob möglicher Redundanz geschlaucht. Aber es war eine genussvolle Redundanz, ein sehr in die Länge gezogener Anfang mit liebevollen Details.
Wiebkes Eindruck:

Diese Kurzgeschichte muss ohne Erwartungen gelesen werden. Die Suche nach einer konkreten Bedeutung habe ich nach den ersten zehn Seiten aufgegeben und mich auf die Welt eingelassen, die die Sprache hier schafft. Mitgenommen habe ich aus diesem Paradies einiges, aber ich weiß nicht, was davon die Autorin bewusst in den Text legte.

Stärken des Buchs:

Julia von Rein-Hrubesch ist eine Meistern der Wortmagie. In einige ihrer Wortschöpfungen und sprachlichen Bilder möchte man am liebsten hineinkriechen, obwohl man sie nicht zwingend versteht. Die Geschichte ist angenehm düster. Yara, die Figur im Mittelpunkt der Handlung, lebt in ärmlichen Verhältnissen und scheint sozial isoliert zu sein.

Wiebke meint:

Dabei wirkt sie selbst allerdings nicht wirklich traurig, aber sie stimmt den Leser traurig.
Kia meint:

Für mich war das Mädchen Yara sehr leer und blass. Die Art von Blässe, für die die Autorin sich wünscht, dass der Leser sich in die Hülle hineinfindet und in ihr lebt, die bei mir aber wie die Überreste eine gehäuteten Schlange erscheinen: Zerbrechlich, transparent und hohl.

Der Protagonist, der selbst nur als Beobachter in Erscheinung tritt, ist zutiefst unsympathisch. Trotzdem gelingt es ihm nicht, den Leser zu vergraulen, sondern bindet ihn an die Geschichte, indem er immer wieder von Rätseln spricht, die er lösen will, zugleich jedoch das größte Rätsel darstellt.

Wiebke meint:

Die Atmosphäre macht dem Leser deutlich worauf er sich einlässt, doch am Ende zeigt sich, dass man ahnunglos war (und immer noch ein bisschen bleibt.)
Kia meint:

Stark empfand ich das Rätsel über den Ich-Erzähler (Protagonisten?) der Geschichte. Ich schwankte zwischen Tod, pädophilem Stalker, dem Geist einer toten Mutter, dem zukünftigen Ich, das die Vergangenheit beobachtet und Träumemacher. Schließlich dachte ich, es sei einfach nur eine Emotion, die das Mädchen verfolgt. Mystisch und märchenhaft, dabei anspruchsvoll und intelligent gemacht. Das gefiel mir am besten.

Schwächen des Buchs:

Rätsel. Oder besser gesagt: ein Rästel ist das große Thema in “Dein Paradies wächst”. Es bindet den Leser, bis zum Schluss durchzuhalten, lässt ihn aber leider erbarmungslos fallen. Es werden zwar einige Antworten geboten, doch sind sie nur ein oberflächlicher Teil des Rätsels. Viele der säuberlich gesponnenen Fäden, werden am Ende lieblos fallengelassen, das ist schade.

Ein Punkt der nicht unerwähnt bleiben darf, ist das nachlässige Korrektorat. Es finden sich auffällige Wortdreher, Tippfehler und Dopplungen, die sich mit einem letzten Korrekturlesen hätten vermeiden lassen.

Ein paar Beispiele

Seite 9: “Sie zog die Schultern hoch und stand sie auf.”

Seite 37: “Doch nun ging um etwas, das mich…”

Seite 54: “Vom Waldboden wirbelten vom Waldboden auf.”

Kia meint:

Im Impressum des Buches steht nicht, dass eines explizit stattgefunden hat, und da bin ich tatsächlich inzwischen längst nicht mehr nur bei Selfpublishern kritisch. Bei Büchern des Heyne-Verlags bemängele ich in 100 % der Fälle die Schlampigkeit des Korrektorats. Hier würde ich “Dein Paradies wächst” von Julia von Rein-Hrubesch mit dem Großverlag Heyne auf eine Stufe stellen. Das kann als Kompliment angesehen werden: “Hey, dein Buch liest sich wie eines von einem millionenschweren Erfolgsverlags!” oder eben auch als Kritik: “Hey, dein Buch ist so schlampig wie von Heyne!” Beides zählt.
Wiebke meint:

Die Geschichte liest sich als habe die Autorin sie in erster Linie für sich selbst geschrieben und am Ende gemerkt, dass sie die Lösungen für all die Rätsel gar nicht preisgeben möchte. So erscheint das Ende wie ein Rückzieher, der dem Leser ein paar wenig zufriedenstellende Happen hinwirft.

Unser Fazit:

Dein Paradies wächst* von Julia von Rein-Hrubesch liest sich wie ein Rausch. An jeder Ecke lassen sich wundervolle, zauberhafte Elemente entdecken, bei einigen muss man sich allerdings fragen, welches Mittel zu diesem Rausch geführt hat. Es ist ein Buch für mutige Träumer, die nicht zwingend einen roten Faden brauchen und mit vielen bunten Kordeln auskommen, für Leser, die ohne eine bestimme Erwartung an ein Buch herantreten können. Es ist ein Buch zum Nachdenken und Doppeltlesen. Keine einfache Kost, keine süße Geschichte von Kind und Wüstenfuchs-Dackel.

Kia meint:

Zum Titel und Cover habe ich intuitiv eine gewisse Orchester-Musik im Kopf gehabt, die das Ende des Buches vorwegnimmt. Ich glaube, ich hatte andere Erwartungen an das Buch und wurde somit ein bisschen enttäuscht. Das liegt aber an mir und nicht an diesem tollen Werk. Was die klare Aussage des Buches, den Wohnort des Mädchens und die Identität des Protagonisten allerdings angeht, sind meine Gedanken ähnlich verschwurbelt wie die Message. Außerdem: Warum heißt das Buch “Dein Paradies wächst”? Genau an der Stelle, an der das Paradies erwähnt wird, kommt die Geschichte ins Schwanken. Es wird schwurbelig, unklar und zu schnell. Die Autorin hat sich mit ihrer Erzählgeschwindigkeit vertan und legt Bedeutung in Worte, die den Leser, also mich, an diesen Stellen nicht erreichen konnten. Schade!
Wiebke meint:

Ich lege dieses Buch jedem ans Herz, der sich gerne von Worten und Bildern entführen lässt und bereit ist, für eine Erkenntnis ein bisschen Denkarbeit zu leisten. Das Buch bietet beides; Das gedankenlose Träumen und die durchaus anstrengende Bedeutungsfindung.

Weitere Informationen:

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Wiebke Tillenburg
Wiebke liest alles, was ihr interessant erscheint und nicht Horror ist. (Sonst kann Wiebke nicht schlafen.) Verschiedene Gattungen der Fantastik findet sie besonders häufig interessant und sie liebt den klassischen Krimi. Bilderbücher sind ihre große Leidenschaft und sie sammelt sie nicht nur für ihre Kinder. Einst studierte Wiebke Geschichte und Germanistik, allerdings störte sie das dazugehörige Lehramt irgendwann dermaßen, dass sie damit aufhörte und sich vorerst ausschließlich dem Schreiben eigener Bücher widmet.
Kia Kahawa
Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.
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