Ein halbfertiges Potentialkonvolut – Spiegel [Rezension]

Ein halbfertiges Potentialkonvolut – Spiegel [Rezension]

Der erste Satz

Tiefer und tiefer dringt die Forschung der Menschheit.

Zum Inhalt:

Song sitzt im Knast. Er weiß zu viel. Dann ist da noch Bai. Er weiß noch mehr als Song. Um genau zu sein: Er weiß alles. Mithilfe eines Superstringcomputers ist eine vollständige Simulation unseres Universums möglich. Aber es gibt machthabende Menschen, die daran interessiert sind, dass niemand jemals davon erfährt.
Es werden Fragen aufgeworfen, die interessanter kaum sein werden. Wie verhalten wir uns, wenn wir rund um die Uhr uneingeschränkt überwacht werden (können) und das alles für alle Ewigkeit aufgezeichnet wird? Können wir etwas verhindern, oder ist jeder Versuch nur bloßes Hinauszögern?

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die ersten beiden Kapitel erneut gelesen
  2. Neil Christoph gegoogelt
  3. Mir den Superstringcomputer gewünscht – und mich dafür sofort verdammt

Mein Eindruck zu Spiegel:

Mein Eindruck zur Novelle “Spiegel” ist durchwachsen. Die ersten 33 % lassen sich schwer lesen, man kommt schlecht rein. Aber wenn man dann mit Physik-Nerd-Zeug bombardiert wird und dafür zufällig total affin ist, geht’s ab. Und zwar so richtig. Ein vollautomatisierter Film läuft im Kopf des Lesers ab. Man wird belohnt für jede Seite, die man im ersten Drittel der Novelle durchgehalten hat, und irgendwann bedauert man, dass die Novelle nach 108 Seiten bereits vorbei ist. Ein Trost: Nach der Novelle kommen Nachwort, Anhang und Leseproben, die das Buch auf 192 Seiten aufblähen. Das kann man so oder so sehen – ich persönlich fühlte mich durch den umfangreichen Anhang aufgefangen. Nicht allein gelassen.

Stärken des Buchs:

Nach etwa einem Drittel geht die Novelle los. Und zwar so richtig. Ab Seite 42 empfand ich die Handlung als spannend, interessant, clever und intrigant. Es fehlte an nichts, als der Fall Luo Luo* erzählt wurde, und ich kam so richtig in die Geschichte rein.
Wer sich für die Singularität des Universums, die Urknalltheorie, atomare Grundlagen und die Stringtheorie aus Sicht eines nicht ganz so weit in der Zukunft liegenden China interessiert, kommt mit der Novelle “Spiegel” voll auf seine Kosten.

Da die 108 Seiten schnell weggelesen sind, empfehle ich jedem Leser, die Novelle ein zweites Mal zu lesen und jedes Mal darauf zu achten, wann das Wort “Spiegel” erwähnt wird. Darüber könnte ich jetzt ellenlange Interpretationen schreiben. Cixin Lius Novelle ist definitv ein Buch zum Arbeiten und Überdenken.
Das Ende ist auch eine klare Stärke. Kein offenes Ende im klassischen Sinne, aber definitiv ein offenes Ende. Es zeigt, dass gewisse Wege geschehen werden. Inhaltlich möchte ich nicht spoilern. Egal, wer dich beeinflussen will: Wenn etwas geschehen soll, soll es geschehen. Die Message, die diese Novelle beim Leser hinterlässt, erzeugt waschechte Gänsehaut. Abgesehen davon empfand ich das starke Bedürfnis, weiterzulesen. Ich habe mir beim Beenden der Novelle gewünscht, es handele sich um einen deutlich längeren Roman. Das ist im Prinzip ein hervorragend gutes Zeichen!

Eine weitere Stärke des Buches: Heyne hat es wunderschön gestaltet. Es fühlt sich gut und hochwertig an, ganz anders als klassische Taschenbücher, die man sonst im Format von ca. 12 * 19 cm mit 192 Seiten erhält.

Schwächen des Buchs:

Bai weiß zu viel. Es ergeben sich selbst im spannendsten Teil zwischen Seite 100 und 108 Widersprüche, die an Bai zweifeln lassen. Dazu haben sich die Seiten 20 bis 31 unendlich gezogen. Es handelt sich dabei um einen Monolog, in dem der Leser mit “Sie” angesprochen wird, da Bai bis auf extrem wenige, kurze Einschübe à la “Song nickte erneut. Das war ihm alles nicht neu.” die ganze Zeit mit Song spricht.

Die Figuren sind extrem oberflächlich gehalten. Nicht auf die coole oberflächliche Weise, so dass sich jede Leserin und jeder Leser in einen Charakter einfühlen kann – die Charaktere sind schlichtweg leer. Song, der zu Beginn im Knast sitzt und misshandelt wird, ist irgendwann einfach frei. Passt schon. Kriegt man nicht mit. Keine Ahnung. (wtf?)
Warum da der Kommandant mit seinen Leuten rumsteht und die Hauptfiguren bedrohlich ausfragt, ist ebenfalls mitten in den Bai-lastigen Dialogen egal. So lange man mehr über das Universum und Superstirngcomputer erfährt, kann die Handlung offensichtlich wegfallen. Der Autor ignoriert die Handlung und taucht in ellenlange wörtliche Rede ab. Für einen Teilzeitnerd wie mich ist das okay, da das Thema extrem interessant ist – aber für einen durchschnittlichen Leser ohne spezielle Ambition in dieser Richtung wäre das äußerst enttäuschend.
Ein Mann, der auf Seite 88 noch eine Knarre hat und entsichert, verschwindet dann einfach und ward nie mehr gesehen. Insgesamt halte ich die Novelle “Spiegel* von Cixin Liu für ein unüberarbeitetes, im Lektorat lückenhaftes kleines Meisterwerk, dem vom schriftstellerischen Handwerk tatsächlich einiges fehlt. Die grandiose Message macht diese schwerwiegenden Schwächen allerdings wieder wett, sodass ich meine Wertung von 3 von 5 Herzen ohne schlechtes Gewissen rechtfertigen kann. Hätte mich das nerdige Thema nicht derart gepackt, wären es nur 2,5 Herzen geworden.

*Auch die Sache mit Luo Luo wird nicht aufgeklärt und ist… einfach egal. Angefangene Handlungsstränge, leere Charaktere, so weit das Auge reicht! Was ist los, Cixin Liu?

Offene Fragen, die mich fortan begleiten:

Existiert ein Universum aus einem vier Lichtjahre großen Ozean, warum kollabiert er zu einem schwarzen Loch?
Hat das Handeln eines Individuums eine Auswirkung auf die Zukunft, die zehntausende Jahre entfernt liegt?

Mein Fazit:

Wow. Wenn wir einen Blick in die nahe Zukunft haben, kommt es zu einem Fehler, weil wir durch das Wissen um die Zukunft die Gegenwart verändern. Ich werde mich jetzt in Nachwort, Anhang & co stürzen und die letzten 84 Seiten einverleiben. Einfach, weil ich mehr will. Weil “Spiegel” nicht fertig ist. Der Autor streut viele Potentiale, wirft Fragen auf und schneidet bewegende Themen an, aus denen sich ein umfangreiches, überwältigendes Buch schreiben ließe. Doch er hat es nicht getan und sich mit dieser gefühlt halbfertigen Novelle zufriedengegeben. Schade!

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 192 Seiten, erschienen bei Heyne am 09.10.2017, ISBN: 978-3-453-31912-7

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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