Zwischen doppeltem Spiel und Hormonrausch – Renegades: Gefährlicher Freund [Rezension]

Zwischen doppeltem Spiel und Hormonrausch – Renegades: Gefährlicher Freund [Rezension]

Buchanfang

Am Anfang waren wir alle Schurken

Zum Inhalt:


Jahrhunderte lang wurden Wunderkinder – also Menschen mit Superkräften – verfolgt und unterdrückt. Bis Ace Anarcho mehr oder weniger im Alleingang die Welt ins Chaos stürzte und eine Ära der Anarchie begründete. Alles mit dem Ziel, aus den Trümmern eine Welt zu erschaffen, in der alle Menschen – Wunderkinder oder nicht – in Frieden mit einander leben können.
Eine spezielle Vereinigung von Wunderkindern, Renegades genannt, setzte diesem Schrecken schließlich ein Ende. Ace Anarcho wurde besiegt und die Renegades begangen, die Welt wieder aufzubauen. Was Superhelden eben machen, wenn die Welt zerstört wurde.

Nova – alias Nachtmahr – hat als eine der wenigen Überlebenden unter den Anarchisten zusätzlich einen ganz persönlichen Grund, die Renegades zu hassen: Ihre Familie wurde vor ihren Augen kaltblütig erschossen, ohne dass die versprochene Hilfe vonseiten der Renegades kam. Von da an wächst sie bei den Anarchisten auf und arbeitet darauf hin, die Renegades zu vernichten und ganz im Sinne der Anarchie eine Welt zu schaffen, in der auch die Wunderkinder einen Platz haben, die sich nicht den Renegades anschließen wollen.
Als bei der Parade der Anschlag auf den Rat der Renegades misslingt, entschließt sich Nova, den Renegades beizutreten, um die Organisation von innen heraus zu vernichten. Dass sie sich dabei ausgerechnet in Adrian Everhart verliebt, der leider der Sohn zweier Ratsmitglieder ist, erschwert ihre Mission allerdings zusätzlich. Auch ohne die Tatsache, dass er schon fast fanatisch alles daran setzt, Novas Alter Ego Nachtmahr zur Rechenschaft zu ziehen und die Anarchisten endgültig zu vernichten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Ende des Buches gleichermaßen gefeiert und die Autorin dafür zum Teufel gejagt.
  2. Mich gefragt, warum die Liebesgeschichte so kurz geraten ist.
  3. Mir Gedanken darüber gemacht, welche Rolle Max wohl im zweiten Band spielen wird.

Mein Eindruck zu Renegades – Gefährlicher Freund:

Eine Bestandsaufnahme: Superhelden, Superschurken und ein Hauch von Romanze. Von einer Autorin, die zurecht auf Bestsellerlisten weltweit zu finden ist. Die im Klappentext erwähnte Liebesgeschichte hat mich ein bisschen abgeschreckt, aber letzten Endes war Renegades sowieso ein Coverkauf.
Die Geschichte selbst wird abwechselnd aus der Sicht von Nova und Adrian erzählt, so dass der Leser immer wieder auf dem Laufenden gehalten wird, was bei den Renegades UND den Anarchisten so vor sich geht. Auch dass Nova zwischendurch die Seiten wechselt, verleiht der Story Tiefgang.

Stärken des Buchs:

Womit fange ich am besten an? Eine große Stärke von Renegades ist, dass es keine klare Abgrenzung zwischen gut und böse gibt. Die beiden Protagonisten stehen auf unterschiedlichen Seiten. Nova alias Nachtmahr / Insomnia hasst die Renegades aus tiefstem Herzen. Scheinheilige Weltverbesserer, die in Wahrheit nur Diktatoren sind, die mit ihrer Macht einfach überfordert sind und damit die Welt zugrunde richten. Alternativ könnte man sie auch als Hochstapler bezeichnen. Aus ganz persönlichen Gründen – und weil sie die Nichte des gefürchteten Superschurken Ace Anarcho ist – setzt Nova alles daran, die Renegades zu vernichten. Da die Renegades in Gatlon City erklärtermaßen »die Guten« sind, macht das Nova als Mitglied der Anarchisten automatisch zur Antagonistin.
Adrian Everhart dagegen ist als Adoptivsohn zweier Ratsmitglieder und leiblicher Sohn eines weiteren Gründungsmitglied der Renegades von Geburt an auf der guten Seite. Aus seiner Sicht sind die Renegades das Beste, das der Welt passieren konnte. Für ihn sind die Anarchisten um Nachtmahr nichts weiter als eine Gruppe von Terroristen, die es um jeden Preis zu vernichten gilt. Dass Nachtmahr außerdem beinahe einen seiner Dads zu töten, ist nur ein weiterer Grund, sie endlich zur Rechenschaft zu ziehen.

Und da damit die Fronten eigentlich geklärt sind, setzt die Autorin noch einen drauf und lässt Nova die Seiten wechseln. Oder eben auch nicht. Die Frage, wer hier eigentlich Freund und Feind ist, schwebt nicht nur für Nova über allem. Das hat eindeutig Blockbuster-Potenzial.

Ein weiterer Punkt ist die Umsetzung der Grundidee. Bzw. die Bandbreite dessen, was Marissa Meyer daraus macht. Superhelden, die die Welt retten wollen, nachdem die absoluten Superschurken die Welt ins Chaos gestürzt haben. Bin ich der Einzige, der da an die guten alten Helden aus den Comics denkt? Ace Anarcho (in der Originalausgabe: Ace Anarchy) hat zwar einen plakativen Namen wie sonst niemand und hat quasi im Alleingang die ganze Welt zerstört und einer der Anführer der Renegades – Captain Chrom – ist natürlich ein gelackter Superheld, der unter seiner Haut eine Chromschicht hat und deshalb unverwundbar ist.

Abgesehen davon kann Renegades Marvel und DC locker das Wasser reichen. Phobion ist die personifizierte Angst, Nova alias Nachtmahr schickt Menschen durch bloße Berührung in einen tiefen Schlaf (den sie selbst übrigens nicht braucht), »Der Bibliothekar« (ja, er leitet außerdem eine Bibliothek) Gene Cronin erinnert sich an jedes Wort, das er je gelesen hat. Ruby blutet scharfkantige Edelsteine, die sich perfekt als Waffen eignen.
Wenn ich mich aber dafür entscheiden müsste, welche Fähigkeit ich am Coolsten finde, bleibe ich bei Adrian »Sketch« Everhart. Seine Fähigkeit ist es, seine Zeichnungen zum Leben zu erwecken. Ich finde, das macht ihn zum genialsten Superhelden überhaupt, ohne dass es irgendjemand wahrhaben will. Ich meine: Stell dir vor, du stehst deinem Erzfeind gegenüber und deine einzige Waffe ist ein verdammter Filzstift, mit dem du dir einfach ein funktionierendes Maschinengewehr an die Wand malen kannst oder ein Sandwich, wenn dir eher nach einer Henkersmahlzeit ist…

Was mich nach dem Lesen aber noch viel mehr beschäftigt, ist Novas Aussage, dass man keine Superkräfte haben muss, um ein Held sein zu können. Was die Renegades offenbar nicht wahrhaben wollen. Denn wer ein Renegade sein will, muss schon ein Wunderkind sein. Und waren es nicht die Renegades, die geschworen hatten, alle Menschen zu beschützen? Wunderkind oder nicht?

Solche Hintergrundgeschichten gibt es allerdings auch zuhauf für eigentlich belanglose Nebencharaktere. Ist ja gut und schön, wenn man auch die Hintergrundgeschichten von Figuren wie Blendnebel oder der Roten Assassine erfährt, weil sie eben zufälligerweise Teil des Teams sind, das auch Nova nach der Qualifikation aufnimmt. Ist ja gut und schön. Schafft Atmosphäre und überbrückt die Zeit, in der sie einfach darauf warten, dass in der Bibliothek gegenüber endlich etwas passiert…

Schwächen des Buchs:

… aber: So wenig wie der Rest des Teams wirklich Screentime hat, hätte man sich das einfach sparen können. Natürlich habe ich nichts gegen zusätzliche Erklärung an der einen oder anderen Stelle. Irgendwann wird es einfach zu viel. Spätestens wenn irgendwo ein Gebäude abfackelt und ich stattdessen erfahre, wer Narcissa Cronin ist, die im gesamten Buch auf insgesamt 20 Seiten überhaupt mal da ist, steige ich aus. Wie gesagt: Irgendwann wird es auch einfach zu viel des Guten. Andererseits: Irgendwo muss ein Umfang von 640 Seiten herkommen. Als Auftakt einer Trilogie.

Und auch, wenn wir uns hier unter der Überschrift »Schwächen« befinden, ist das hier alles auch ein bisschen Meckern auf hohem Niveau. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Renegades locker noch ein paar hundert Seiten vertragen können (ja ich weiß, das habe ich zu Nevernight auch angemerkt).
Und zwar aus zwei Gründen:

[ACHTUNG: Die nachfolgenden Absätze enthalten Spoiler. Lesen erfolgt auf eigene Gefahr] Meine Liebe Nova, es hat seinen verdammten Grund, dass ein zehnjähriges Kind in Quarantäne sitzt. Vor allem, wenn dir gesagt wird, dass es gefährlich ist! Mich hat bei dem ganzen Informationsaufgebot ein bisschen der Hintergrund zu allem gefehlt. Bin ich der einzige, der es absolut bescheuert findet, dass die Geheimwaffe der Renegades in der Schlacht um Gatlon City ein verdammter Säugling war? Wobei mir das Bild nicht aus dem Kopf geht, wie der unverwundbare Captain Chrom mit einem Baby auf dem Rücken seinem Erzfeind gegenübertritt, durchaus amüsant ist. Stell dir mal eine Mischung aus Captain America und Superman vor, die ihre Feinde besiegt, indem sie ihnen ein Baby ins Gesicht hält…
Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die sonst so gelackten und überaus perfekten Superhelden von Renegades keine andere Möglichkeit zum Sieg gesehen haben, als das Leben eines Babys aufs Spiel zu setzten. Zwar ein Baby, das anderen Wunderkinder die Superkräfte raubt, aber trotz allem ein Baby.

Der zweite Grund – und ich hätte nie erwartet, dass ich ausgerechnet DAS jemals als Kritik äußern würde – ist der Mangel an Romanze in diesem Buch. Wenn man den Klappentext durchliest, erwartet man eine unglaubliche Liebesgeschichte. Was man (ohne viel spoilern zu wollen) aber nicht bekommt. Ein paar warme Blicke, ein bisschen rot anlaufen und dann? Gut, hätte Adrian in dieser einen Szene wirklich vorgehabt, eine Schurkin zu fangen, hätte er zum Einen direkt Handschellen und zum Anderen auch den Rest des Teams mitgebracht. Gehen wir mal davon aus, dass das eine Art Date war, beginnt diese versprochene Romanze auf Seite 500 von 640. Meh. Nicht mal ein kurzer Kuss, während im Hintergrund eine Bibliothek bis auf die Grundmauern niederbrennt.
Als erklärten Romantik-Hasser dürft ihr mich jetzt steinigen, aber: Ein bisschen mehr hätte man es zwischen Nova und Adrian durchaus funken lassen können. Ich shippe die beiden extrem und wünsche ihnen, dass sie im Laufe der Reihe noch zusammenkommen.

Mein Fazit:

Trotz der aufgezählten Kritikpunkte bin ich von diesem Buch zutiefst beeindruckt. Als Protagonistin ist Nova absolut sympathisch. Auch wenn ihre Beweggründe nicht immer vollständig nachvollziehbar sind und stellenweise ein wenig naiv rüberkommt, ist sie doch genau die Art von Heldin, die man in Jugendbüchern braucht. Im Gegenzug dazu ist Adrian zwar der Adoptivsohn von zwei Superhelden und etwas geblendet, was die Renegades angeht, aber er hat das Herz am rechten Fleck und versucht, das Beste für seine Familie und Freunde zu tun.
Beide Protagonisten haben ihre Fehler und sind sich ihrer Stärken bewusst, ohne sich in ungesundem Maß zu überschätzen. Für das Charakterdesign gibt es daher volle Punktzahl (was ich sonst dazu denke, habe ich bereits weiter oben geschrieben).

Und dafür, dass es sich um den Auftakt einer Trilogie handelt, sind 640 Seiten eine echte Kampfansage. Bei einem solchen Umfang muss man höllisch aufpassen, den Leser nicht zu langweilen und sich trotzdem noch Platz für die geplante Fortsetzung zu lassen. Marissa Meyer hat diesen Spagat mit Bravour hinter sich gebracht. Schon die Luna-Chroniken haben gezeigt, dass diese Frau schreiben kann. Auch Renegades ist da keine Ausnahme.

Einzige Schwächen, die den Gesamteindruck minimal trüben: Hintergründe das nächste Mal bitte, wo sie auch WIRKLICH hingehören (Winston Pratt bei der Gelegenheit bitte knebeln, aber an sich war das ganz angenehm, mal wieder eine dreidimensionale Welt zu haben) und die angeteaserte Liebesgeschichte endlich einbringen. Verliebte Blicke schön und gut, aber für Band 2 wünsche ich mir mindestens eine Szene, in der Adrian endlich den Mut zusammennimmt, Nova zu küssen. So schwer kann das doch nicht sein, Mr. Ich-zeichne-mir-meine-Superkräfte.

Insgesamt lässt sich aber über die Schwächen locker hinwegsehen (das – mal wieder – nachlässige Korrektorat mal außer Acht gelassen, aber von Heyne kennen wir es ja leider nicht anders). Deshalb bekommt Renegades von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung.
Für mich definitiv eines der diesjährigen Highlights und ein Must-Read nicht nur für Fans von Marvel und DC.

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Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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