Ein gedruckter Hollywood-Blockbuster – Gemina [Rezension]

Ein gedruckter Hollywood-Blockbuster – Gemina [Rezension]

Der erste Satz

… über siebenhunderttausend Angestellte in über zwanzig kolonialisierten Welten. Ist das denn so schwer zu begreifen?

Zum Inhalt:


Erinnerst du dich noch an Illuminae? Nach den Übergriffen von BeiTech Industries auf die Bergbaukolonie Kerenza IV rückt hier die Sprungstation Heimdall in den Fokus.
Hanna ist die Tochter des Kommandanten von Heimdall. Verwöhnt und verhätschelt. Kämpft in ihrem Alltag darum, einfach mit Jungs ausgehen zu dürfen und nicht immer nur die Tochter des Kommandanten sein zu müssen.
Nik dagegen ist der Sohn eines Bosses eines Mafia-Clans, der mit seinem Erbe nicht gerade glücklich ist.
Beide haben so ihre Probleme mit dem Leben an Bord der Heimdall…

Bis dann die Sprungstation von einer feindlichen Elite-Einheit übernommen wird. Als wäre das nicht schon schlimm genug, gibt auch noch das Wurmloch seinen Geist auf und eine Fehlfunktion beim Reboot des selbigen führt schließlich dazu, dass das Raumzeitkontinuum ordentlich in Fetzen hängt. Mit einem Mal hängt das Schicksal des gesamten Universums von Hanna und Nik ab.

Aber sei unbesorgt. Die beiden schaffen das schon irgendwie. Hoffen sie jedenfalls.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch zugeklappt. Dieses Mal mit einer Mischung aus zufriedenem Lächeln und entsetztem Aufschrei.
  2. Noch einmal die Gestaltung auf mich wirken lassen.
  3. Diese Rezension getippt.

Mein Eindruck zu Gemina

Wie auch schon Illuminae glänzt auch Gemina* dadurch, dass es sich mit keinem anderen Buch vergleichen lässt. Das Buch ist kein Roman im klassischen Sinn sondern erzählt in Form eines Dossiers durch verschiedene Dokumente, Chatprotokolle und mit Illustrationen, was auf der Sprungstation Heimdall eigentlich vorgefallen ist.
Wie schon der erste Band hält sich Gemina nicht an schnöde Kleinigkeiten wie festgesetzte Zeilen oder reguläre Anordnungen von Buchstaben. 360-Grad-Drehungen des Buches beim Lesen oder andere Sportlichkeiten sind beim Lesen absolut keine Seltenheit. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der Text mal kreuz und quer über die Seite hüpft und man sich dreimal fragt, wo der ***** Satz jetzt eigentlich anfängt.

Stärken des Buchs:

Ich weiß gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll. Die Stärken der Gestaltung habe ich bereits in meiner Rezension zu Illuminae angepriesen. Bei Gemina wird genau diese Stärke weiter ausgebaut – wie ich finde liest sich Gemina noch einen Tick rasanter.

Besonders gelungen finde ich an dieser Stelle besonders Hannas Tagebucheinträge, die mit viel Liebe von Marie Lu (man kennt ihren Namen von den überaus erfolgreichen Jugendbuch-Reihen “Legend”, “Young Elites” und “Warcross”) illustriert wurden. Dort sind Zeichnungen aus ihrem Leben gesammelt, wie sie eine Siebzehnjährige eben in ein Tagebuch zeichnet. Unter anderem “alles, was man über meinen Dad wissen muss – in drei Schaubildern”.

Außerdem lohnend erwähnt werden sollte hier der Erzählstil. Ganz im Stil von Illuminae gibt es keine durchgängige Handlung in dem Sinne, sondern einen roten Faden, der sich durch alle Protokolle und Transkripte zieht und nach und nach klar erkennbar wird. Nicht nur, dass auch AIDAN wieder einen Platz als Erzähler bekommt (ich liebe diese KI), gibt es auch den einen oder anderen gekonnten Trick in die stilistische Trickkiste. Besonders im späteren Verlauf [ab hier nicht 100%-ig spoilerfrei, sorry] des Buches wird deutlich, WER hier eigentlich an diesem Buch mitgewirkt hat. Ähnlich wie das erste Kapitel aus Nevernight wird AIDANs Gespräch(e) mit Hanna und Nik parallel aufgeführt. Heißt im Klartext: ca. 90% sind jeweils gleich, nur eben einmal in Hannas Version auf der linken Seite und direkt daneben Niks Version auf der rechten Seite. Wenn besagte Szene nicht von Jay himself stammt, weiß ich auch nicht mehr.

Kleine Anmerkung: Gerüchten zufolge gibt es Illuminae und Gemina auch als E-Book. Davon möchte ich – nichts gegen E-Books – allerdings dringend abraten. Wenn du die volle Dröhnung willst, kauf dir unbedingt das Hardcover (bzw. gibt es die englischen Ausgaben soweit ich weiß auch als Taschenbuch). Und die skeptischen Blicke in der U-Bahn, wenn du das Buch eiskalt kopfüber liest, sind die paar Euro Mehrinvestition sowieso wert.

Schwächen des Buchs:

Nada. Nein wirklich, ich sehe keinen Grund, an Gemina etwas zu bemängeln. Das Buch macht einfach alles besser, was in Illuminae ohnehin schon sehr gut angefangen hat. Vielleicht könnte man anmerken, dass gefühlt 80% der Seiten das übliche schwarz-auf-weiß-Verhältnis in normalen Büchern umdrehen. Aber wie bereits erwähnt: Gemina ist kein normales Buch.

Mein Fazit:

Man ahnt es vielleicht schon, aber Gemina bekommt von mir in jedem Fall die Bestwertung. Am Liebsten würde ich ja 7 Herzen geben, nachdem Illuminae bereits die Bestwertung abgesahnt hat. Aber aus technischen Gründen bleiben wir bei 5 von 5 für ein Buch, das noch besser als sein Vorgänger ist. Ein Buch, das auf höchst kreative Art und Weise zeigt, was lesen eigentlich bedeuten kann. Ein Buch, das bewusst auf jegliche Konventionen pfeift und sein eigenes Ding macht. Ja, Gemina* ist ein Leseerlebnis, auf das man sich erst einmal einlassen muss. Und doch ist jede der 660 Seiten diesen fulminanten Action-Trip wert.
Deshalb kann ich nur sagen: Uneingeschränkte Leseempfehlung, nicht nur für Science-Fiction-Fans. Ich für meinen Teil kann es nicht erwarten bis der Verlag endlich Obsidio übersetzt und die Trilogie auf deutsch auch zu einem Abschluss führt.

PS: Wer nicht bis Herbst 2019 warten will, kann sich den dritten Band bereits auf englisch kaufen oder im April 2019 mit “Aurora Rising” in einen neuen Zyklus von Amie Kaufman und Jay Kristoff abtauchen.

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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