Es sind die kleinen Momente – Das Licht der letzten Tage [Rezension]

Es sind die kleinen Momente – Das Licht der letzten Tage [Rezension]

Buchanfang

Der König stand schwankend in einer Lache aus blauem Licht.

Zum Inhalt:


Nachdem eine Pandemie mutierter Grippeviren binnen kürzester Zeit einen großen Teil der Menschheit dahingerafft hat, müssen sich die wenigen Überlebenden in ihrer so vertrauten Welt komplett neu zurechtfinden. Sie ziehen in Gruppen durch die Welt. Immer auf der Suche nach anderen Menschen. Der Tod und das Elend sind ihre ständigen Begleiter. Aber da ist noch mehr: All die warmen Erinnerungen an die Welt vor dem Zusammenbruch. Und eine ganze Menge Liebe zu Shakespeare.

Mein Eindruck zu Das Licht der letzten Tage:

Der Klappentext liest sich wesentlich romantischer als das Buch tatsächlich ist. „Das Licht der letzten Tage“ beschreibt die Geschichte einer Zivilisation, die durch eine verheerende Mutation von Grippeviren komplett zerbricht. Wer bei Titel, Klappentext und Cover eine strahlende Geschichte und eine Liebeserklärung an die schönen Dinge unserer Welt erwartet, macht schon Einiges richtig. Und könnte gleichzeitig nicht weiter danebenliegen. Aber der Reihe nach…

Stärken des Buchs:

“Das Licht der letzten Tage” von Emily St. John Mandel ist eines dieser Bücher, um die man ewig herumschleicht, sie dann doch kauft und bei denen aus einem “nur mal kurz reinlesen” ein “oh. Ist ja schon vorbei” wird.
Faszinierend ist Folgendes: Auf den knapp 400 Seiten passiert erstaunlich wenig. Zumindest wenig, das man gemeinhin als „Action“ bezeichnen würde. Der größte Teil der Erzählung besteht aus Wanderungen und Erinnerungen an eine längst vergangene Zivilisation. Neben der Erklärung, wie es zum Zusammenbruch kam und wie die unterschiedlichen Menschen damit umgegangen sind.
Tatsächlich war allerdings Langweile das einzige Gefühl, dass ich bei diesem Roman vermisst habe (wenn man von einigen Wiederholungen absieht). Allein schon die Art, wie die Autorin mit der Sprache umgeht und wie sie aus einem 08/15-Aufhänger für einen absolut typischen Endzeitroman eine Geschichte macht, die sich nicht so recht in irgendwelche Genres quetschen lässt. An sich ist dieses Buch ganz klar dystopisch. Was sollte es auch sonst sein, wenn 20 Jahre vor Beginn der Handlung 90% der Menschheit an einer Grippe verreckt sind? Aber es liest sich nicht wie ein postapokalyptischer Endzeitroman. Die Menschen klammern sich an die Erinnerung aus ihren alten Leben und versuchen damit als Motivation ihre Zivilisation wieder funktionieren zu lassen. Und diesen Punkt möchte ich als größte Stärke stehen lassen. Bis hierher wäre das Buch aus meiner Sicht ziemlich perfekt. Doch es folgt ein großes ABER:

fließender Übergang zu den Schwächen des Buchs:

Es ist erstaunlich. Der Roman (im Original mit „Station Eleven“ betitelt) liest sich wie eine Liebeserklärung an unsere Welt (besonders an Shakespeare scheint die Autorin sehr zu hängen) und gleichzeitig wie eine Warnung an die Vergänglichkeit dessen, was wir als selbstverständlich hinnehmen. Dabei sind es vor allem die Kleinigkeiten der Welt an denen sich die Charaktere festhalten und die verschiedensten kleinen Eigenheiten der Menschen in dieser lichtlosen Welt nach dem Zusammenbruch, die den Roman besonders machen.
Der rote Faden – der bekannte Schauspieler Arthur Leander – ist eine dabei eine nette Idee, allerdings kommen ein paar Einschübe zu viel über sein Leben, nachdem der Tod dieser Figur schon im ersten Kapitel bekannt wird. Die letzten Minuten seines Lebens bekommt man oft genug geschildert und seine Vergangenheit wird besonders oft hervorgekramt. Alles in allem reicht das leider nicht für die Bestwertung aus. Absolut geniale Ideen, die teilweise lieblos umgesetzt sind und das Gesamtkonstrukt stellenweise im Sand verlaufen lassen. Hier rächt sich die fehlende Handlung. Dadurch, dass kaum etwas passiert (was per se nicht unbedingt schlecht ist), kommen die kleinen Fehler ans Licht, die aufsummiert ein ganzes Herz verschenken.

Mein Fazit:

Merkt man, dass mir ein wenig die Worte fehlen? Das liegt einfach daran, dass “Das Licht der letzten Tage” ein perfektes Buch wäre. Aber der Mangel an brauchbarer Handlung und ein Übermaß an redundanten Rückblenden verhageln dieser Geschichte ihre Romantik. Es ist ein bisschen Schade. Denn im Prinzip ist es genau die Grundidee des Buches, die an sich selbst und dem gewählten Genre zerbricht. Der Witz ist: Dieser Roman funktioniert nicht als Dystopie. Aber ohne das dystopische Setting würde der Rest nicht funktionieren.
Insgesamt lässt mich das Buch gespalten zurück. Man sollte dem Buch fairerweise wenigstens eine Chance geben, ohne dabei zu viel zu erwarten. Für mich ist es per se kein schlechtes Buch. Ich habe allerdings auch schon deutlich bessere Bücher gelesen.

TL;DR: Es hätte eine wunderbare Liebesbeziehung werden können, aber irgendwie passen wir beide einfach nicht zusammen. Schade.

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Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Florian Eckardt
Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
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