Kategorie: Steampunk

Alles außer gewöhnlich – Ersticktes Matt [Rezension]

Alles außer gewöhnlich – Ersticktes Matt [Rezension]

Der erste Satz

Die Frau sah aus wie eine Wachsfigur.

Zum Inhalt:


Remy Lafayette ist Gesichtsanalytiker und Berater des New York Floodlands Police Departments. Im Jahr 1893 verfolgt die Polizei in den Floodlands – ein Elendsviertel mitten im East River – ein Gespenst. An jedem Tatort findet sich eine weibliche Leiche, mit einer Schachfigur in der Hand. Für Remy wird die Ermittlung der Mordserie gleichzeitig eine Reise in seine persönliche Vergangenheit. Denn nach und nach gerät seine ehemalige Verlobte immer tiefer in den Strudel der Ereignisse.

Mein Eindruck zu Ersticktes Matt:

Ein historischer Krimi? Im Jahr 1893? Normalerweise hätte ich das Buch allein deshalb angewidert aus der Hand gelegt. Allerdings ist “Ersticktes Matt” viel mehr als das. Im Jahr 1893 ist in der Welt-Version von Nina Hasse der Meeresspiegel immer weiter angestiegen, so dass es zu einem regen Strom an Klimaflüchtigen kam. Um der Lage Herr zu werden hat man in New York mitten im East River ein Dorf für die Ärmsten der Armen auf Stelzen gebaut – die Floodlands.
Zugegeben, so richtig überzeugt war ich noch immer nicht. Doch da ich von dem Buch nur Positives gehört hatte, habe ich bei einem Gewinnspiel eines sympathischen Saarländers teilgenommen und tatsächlich gewonnen, also habe ich dem Buch doch eine Chance gegeben. Danke nochmal an Benjamin für den Buchgewinn.

Stärken des Buchs:

Um es noch einmal deutlich hervor zu heben: Ich mag normalerweise keine Krimis. Und ich mag keine Geschichten, die zwar in unserer Welt, aber weit vor den 1980er-Jahren spielen. Und doch ist es genau diese Kombination, die “Ersticktes Matt” so lesenswert macht. Die Grundidee, einen Kriminalroman in ein Steampunk-Setting einzubetten ist eindeutig die größte Stärke des Buches. Zumindest mir ist dieser Genremix bisher sonst noch nicht untergekommen. Ein weiterer Pluspunkt für das Setting: Der Roman spielt in New York statt in Großbritannien (wann und warum genau hat sich London zum Dreh- und Angelpunkt für Urban Fantasy und Steampunk entwickelt?).

Aber auch abseits des Genres hat die Autorin einige Pluspunkte für sich zu verbuchen.
Zum Einen die Entwickler selbst. Sie bieten viel mehr Tiefe als ein obligatorisch irgendwie geartetes Alkohol-, Drogen- oder sonstiges Suchtproblem (die inflationäre Verbreitung dieser Charakterzüge ist einer der Hauptgründe, warum ich Krimis normalerweise nichts abgewinnen kann). Daneben gibt es unter anderem einen Papageien – der dringend sein Repertoire an Volksliedern erweitern sollte – und einen schizophrenen Schriftsteller (oder waren Rufus / Henley einfach nur zwei Personen in einem Körper?)
Zum Anderen ist es der Plot, der diesen Krimi so lesenswert macht (ein Punkt, den ich bei Rezensionen leider viel zu oft kritisieren muss). Jedes Mal, wenn die Ermittler fast am Ziel sind, fehlt ein entscheidendes Detail und die Ermittlungen drehen sich in eine andere Richtung. Beim Lesen kamen immer wieder Verdachtsmomente hoch, wo ich mir dachte: “Ha, da ist doch der Mörder, wie blöd seid…”, nur um im nächsten Moment von der Autorin eine Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen und festzustellen, dass ich mit meiner Vermutung wohl doch daneben lag.

Schwächen des Buchs:

Kommen wir zu einem Punkt, den ich sehr ungern anschneide, weil mir Ersticktes Matt doch ziemlich gut gefallen hat. Zuerst einmal ist das Buch bei CreateSpace erschienen. Das ist kein eigentliches Problem von “Ersticktes Matt”, weshalb es keinen Abzug dafür gibt. Aber: Die Verarbeitung der Paperbacks, die Amazon da drucken lässt, ist einfach grauenhaft. Wenn man das Buch einmal zu weit aufgeschlagen hat, stellt sich gleich ein “Memory-Effekt” ein und die Klappe bleibt auf ewig in einer leicht geöffneten Position stehen (für alle, die das genauso stört: Ersticktes Matt ist auch als E-Book erhältlich).
Ein Punkt, der allerdings sehr wohl auf das Karma-Konto des Buches geht, ist das Cover. Ich mag die eher minimalistische Umsetzung davon. Gerade der Rahmen, der gekonnt auf das Steampunk-Genre anspielt. Allerdings sind mir die Krimi-Elemente auf dem Cover zu subtil und der lieblos gestaltete Buchrücken geht leider gar nicht. Ich hätte es schöner gefunden, hätte sich der Rahmen weiter durchgezogen. Stattdessen hat Ersticktes Matt einen einheitlich schwarzen Buchrücken, der abgesehen von der Schachfigur überhaupt keinen Mehrwert bildet und in jedem Bücherregal, in dem der Rücken nun einmal das Erste – und oft das Einzige – ist, was man von einem Buch sieht, gnadenlos untergeht. Dieses Cover wird dem Inhalt in meinen Augen nicht gerecht.

Mein Fazit:

Um es kurz zu fassen: Ersticktes Matt ist ein Kriminalroman, wie man ihn oft schmerzlich vermisst: Ein Mörder. Ermittlungen, die im Dunkeln verlaufen. Ein vertracktes Rätsel. Und (um mich noch einmal zu wiederholen) Ermittler, die man nicht sofort in eine Suchttherapie oder eine Selbsthilfegruppe stecken möchte. Wenn man erst einmal seine Skepsis dem eher ungewöhnlichen Genremix gegenüber überwunden hat, ist Ersticktes Matt in erster Linie ein hervorragender Krimi, wie man ihn sonst vergeblich sucht in einem Setting, das dazu einlädt, sich auch mit den kleinen Details am Rande zu beschäftigen. Bis auf ein paar kleine Schönheitsfehler in der Verarbeitung und in der Covergestaltung (was allerdings Geschmackssache ist), habe ich – als jemand, der Krimis eher ablehnend gegenübersteht – kaum Etwas an dem Buch auszusetzen.

Weitere Informationen:

  • Paperback 440 Seiten, erschienen bei CreateSpace am 26.07.2016, ISBN: 978-1-535537933

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

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