Kategorie: Fantasy

Ein phantastisches Weltraumabenteuer – Hexenmacht [Rezension]

Ein phantastisches Weltraumabenteuer – Hexenmacht [Rezension]

Der erste Satz

In jenen Tagen strahlten die Sterne heller.

Zum Inhalt:

Hexenmacht ist der zweite Band des galaktischen Abenteuers »Die Krone der Sterne« und erzählt aus verschiedenen Perspektiven eine phantastische Space-Opera. Zwischen Band 1 und Band 2 liegt ein ganzes Jahr.

Wir treffen Iniza und Glanis wieder, deren Tochter Tanys inzwischen das Licht der Welt erblickt hat. Gemeinsam leben sie auf dem gut versteckten Planeten Noa, den sie am Ende des ersten Bandes erreicht haben. Allerdings ist Noa nicht gerade eine Oase der Ruhe und der Sicherheit, sondern bevölkert mit Piraten. Inizas Onkel, Fael, hat das Kommando über den Noa, aber unter der Oberfläche brodeln bereits Intrigen, denen Glanis auf die Spur kommt. Gleichzeitig geraten der Waffenmeister Krankt und die Alleshändlerin Shara in eine äußerst unangenehme Lage und treffen bei einem ihrer Flüge unerwartet auf die Hexen, deren Oberhaupt Setembra gefährliche Pläne verfolgt.
Derweil gelingt Hadrath, Inizas Vater, der Ausbruch aus seiner Zelle auf Noa. Bei der spektakulären Flucht hat er nicht nur Noas geheime Koordinaten, sondern auch seine Enkeltochter in seiner Gewalt. Fortan beginnt für Iniza und Glanis das Bangen um das Leben ihrer Tochter, während sich Kranit und Shara mit dem Hexenorden konfrontiert sehen. Um das Chaos perfekt zu machen, wacht auch noch die Muse auf — ein künstliches Mädchen, das alles andere als harmlos ist und noch einige Fragen aufwirft.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Bedauert, dass das Buch jetzt “ausgelesen” ist
  2. Durchgeblättert und Lieblingsstellen nochmal gelesen
  3. Gejammert, dass ich jetzt auf Band 3 warten muss

Mein Eindruck zu Hexenmacht:

Wie auch beim ersten Band, habe ich mich mit Hexenmacht zunächst schwer getan. Das liegt weder am Schreibstil noch an der Handlung, sondern schlicht an mir: Ich lese selten Science-Fiction und mein Kopfkino war mit Meyers fulminanten Beschreibungen zu Beginn überfordert. Da fehlt mir die Leseerfahrung im Genre. Insbesondere die gewaltigen Ausmaße von Raumschiffen, Statuen und Planeten, waren zwar beeindruckend, aber zunächst auch schwer zu erfassen. Glücklicherweise ist Hexenmacht wieder mit wundervollen Illustrationen von Jens Maria Weber versehen, die dem Kopfkino auf die Sprünge helfen. Zusammen mit dem Cover verwandeln sie das Buch wirklich in ein kleines Kunstwerk.

Stärken des Buchs:

Kai Meyer überzeugt mit ausgefeilten Charakteren, einer rasanten Handlung und verschiedenen Perspektiven. Figuren, die im ersten Band noch etwas kurz kamen, gewinnen im zweiten an Tiefe und andere enthüllen Teile ihrer Vergangenheit. Dann darf das geniale Setting natürlich nicht unerwähnt bleiben. Eine gelungene Verzahnung aus Science Fiction mit einer Prise Fantasy, die durch Elemente wie die Hexen, aber auch die Technik zu einer komplexen Welt — einem Universum wird. Das Tempo ist rasant, ein Highlight jagt das nächste, ohne dass der Autor die Gefühle seiner Protagonisten und Antagonisten aus den Augen verliert.

Schwächen des Buchs:

Nicht wirklich eine Schwäche, aber vielleicht etwas, das manche Leser nicht mögen: Die häufigen Wechsel der Perspektive. Ich konnte glücklicherweise mit jeder Figur mitfiebern, deshalb haben sie mich nicht gestört, aber wer unter den Protagonisten seine Lieblinge hat, wird wohl manches Mal frustriert sein.

Mein Fazit:

Hexenmacht ist definitiv eine phantastische Space-Opera, die Lust auf mehr macht und ich bin jetzt schon traurig, dass es nach dem dritten Band wahrscheinlich vorbei ist. Ich würde auch noch weitere drei lesen. Die Schauplätze, die Figuren, die unvorhersehbaren Entwicklungen im Roman — Hexenmacht bringt alles mit, was ich mir von einem sehr guten Buch wünsche und hat meine Erwartungen übertroffen. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt der Lektüre gelangweilt, sondern von Anfang bis Ende mitgefiebert und sowohl Dialoge, als auch actionhaltige Szenen und Beschreibungen gleichermaßen genossen.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch mit Klappenbroschur 480 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 22.02.2018, ISBN: 978-3-596-70174-2

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

 

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Lily liest bevorzugt Fantasy und Science Fiction, greift aber auch gerne mal zu Werken aus anderen Genres und auch zu Sachbüchern. Sie trinkt eindeutig zu viel Kaffee und verbringt zu viel Zeit auf Twitter, braucht aber beides, um bei der Arbeit an ihrem eigenen Roman nicht dem Wahnsinn zu verfallen.

Ein phantastischer Auftakt – Die Krone der Sterne [Rezension]

Ein phantastischer Auftakt – Die Krone der Sterne [Rezension]

Der erste Satz

Sie trage die Sterne in den Augen, hatte einmal jemand gesagt.

Zum Inhalt:


Die allmächtige Gottkaiserin und ihr Hexenorden beherrschen das galaktische Reich Tiamande. Die Gottkaiserin lässt sich regelmäßig Mädchen von fernen Planeten als Bräute bringen. Was mit den Mädchen passiert, weiß niemand so genau. Dieses Mal fällt die Wahl auf die junge Adelige Iniza, die in einer Raumkathedrale zu ihrem Bestimmungsort gebracht werden soll. Die denkt allerdings nicht daran, sich auch tatsächlich als Braut ausliefern zu lassen…

Mein Eindruck zu Buchtitel:

In “Die Krone der Sterne” entführt uns Kai Meyer in eine fulminante Galaxie mit Raumschiffen, Lasergewehren und den ganzen Spielerein, aber ohne Science-Fiction. Das Buch ist der Auftakt einer Reihe, die explizit als “Space Fantasy” ausgezeichnet wird – ein Genre das besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts populär war, danach aber mehr oder weniger verloren gegangen ist. Kai Meyer und FISCHER Tor haben das Genre jetzt offiziell für die breite Masse wiederbelebt. Insgesamt ist “Die Krone der Sterne” eine Space Opera, die dem Autor alles ermöglicht, was ihm gerade einfallen wollte. Ohne es dabei mit der Wissenschaft allzu genau zu nehmen. Deshalb ist es eben “nur” Fantasy im Weltall und keine Science-Fiction.

Stärken des Buchs:

Das Auge liest mit. Allein das Cover ist ein absoluter Kaufgrund. Doch davon nicht genug: Die Geschichte an sich beginnt – anders als auf dem Markt üblich – erst auf Seite 15, weil der Verlag dem Buch hier eine Art “Vorspann” spendiert hat. Dabei zeigt Jens Maria Weber, was er als Illustrator auf dem Kasten hat. Schon die “Die Seiten der Welt” hatten einige Illustrationen von ihm. Leider liegt “Die Krone der Sterne” nicht in der selben Hardcover-Ausstattung wie besagte Trilogie (und die beiden Bänder der dazugehörigen Prequel-Reihe) vor, sondern “nur” als Paperback1. Aber das ändert nichts daran, dass der Verlag hier – mal wieder – ein Buch abgeliefert hat, das rein optisch völlig überzeugen kann. Man nimmt das Buch gerne in die Hand, weil selbst die Innenseite des Covers und die Klappen ansprechend gestaltet sind.

Ein weiterer Pluspunkt liegt in der Charaktergestaltung und -entwicklung. Auch wenn Kai Meyer plottechnisch in der Vergangenheit nicht immer 100%-ig überzeugen konnte (beispielsweise in den “Seiten der Welt”), kann er hier wie gewohnt überzeugen. Iniza ist eigentlich das, was man von einem jungen Mädchen erwartet. Und – SPOILER – schwangerschaftsbedingt ein bisschen hormongesteuert zickig. Sie gibt sich stellenweise störrisch, aber dennoch größtenteils mutig und zeichnet damit ein Charakterbild, dass ganz und gar nicht dem Klischee der Baroness entspricht. Ja, sie stammt aus gutem Hause. Aber sie deswegen als verwöhnt zu bezeichnen, wäre ein großer Fehler. Sie hat ihren eigenen Kopf und (mal mehr, mal weniger) eine Ahnung, was sie will. Eine Lehre, die man aus ihrer Geschichte ziehen kann: Reize niemals, nie, unter gar keinen Umständen, eine schwangere Frau. Das wird dir nicht bekommen.
Auch ihre – zugegeben eher unfreiwilligen – Begleiter sind wunderbar vielschichtig. Der etwas aufbrausende Kranit und Shara, die ihr Raumschiff “zur Verfügung stellt2“. Man könnte fast meinen, die Passagiere der Nachtwärts hätten ihre durchschnittlichen Probleme miteinander. In Wahrheit ist das aber noch viel mehr als das: In einem Universum, in dem es sowieso eher geheimnisvoll zugeht, scheint jeder vor jedem Geheimnisse zu haben.

Der letzte Punkt an dieser Stelle: Die Atmosphäre. Beim Lesen ist die Leere des Weltalls schon fast plastisch greifbar. Wenn man sich ein bisschen zurücklehnt und sich auf die Geschichte konzentriert, kann man einen Blick aus dem Cockpit der Nachtwärts werfen und im Schatten der gewaltigen Kathedralen ehrfurchtsvoll erbleichen.

1Ja, ich gestehe, dass ich ein ziemlicher Hardcover-Fetischist bin. Und ein Fußnoten-Fetischist. Jetzt ist es raus.
2Ich möchte es an dieser Stelle mal mit ironischem Unterton so bezeichnen, ohne zu viel von der Handlung vorweg zu nehmen.

Schwächen des Buchs:

Das Buch könnte gerne noch ein bisschen länger sein. Nicht viel, vielleicht so um die 50 Seiten. Aber wenn man bedenkt, dass es mittlerweile eine Fortsetzung gibt, ist das absolut zu verschmerzen. Was mir allerdings ein bisschen fehlt, ist die Umsetzung des Klappentextes. Die “Bedrohung, die selbst die Sternenmagie der Gottkaiserin in den Schatten stellt”, wie es im letzten Satz des Klappentextes heißt, bleibt für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr auf der Strecke, um es nicht wenigstens zu erwähnen. Aber auch nicht genug, um dafür an der Bewertung zu rütteln. Es stört das Gesamtpaket eher weniger, aber sehr spitzfindigen Lesern, die auf Krampf einen Aufhänger für Kritik suchen, dürfte dieser Punkt sauer aufstoßen.

Mein Fazit:

Wenn es eine Sache gibt, die Kai Meyer in seiner langen Laufbahn definitiv kann, dann ist es Leser zu fesseln. Auch die “Krone der Sterne” macht hier keine Ausnahme. Erfrischend anders, weil man dieses untypische “Fantasy im Weltall” nicht ständig vor der Nase hat. Das Werk fällt auf. Auf eine sehr angenehm positive Art.

Weitere Informationen:

  • Paperback 464 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 26.01.2017, ISBN: 978-3-596-03585-4

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Sprachpoet und Weltenmaler – Verhext [Rezension]

Sprachpoet und Weltenmaler – Verhext [Rezension]

Der erste Satz

Hast du dafür eine Erklärung?

Zum Inhalt:


Verhext ist ein Sammelband mit fünf phantastischen Erzählungen, die alle in unterschiedliche Welten und Geschichten eintauchen lassen. Wir leiden mit der Magierin Catya, die sich mit den Regeln und Strafen der Magierakademie herumzuplagen hat, begegnen Kendra von den Meeren auf einem geisterhaften Strand, der wahren Liebe in einer düsteren Zitadelle, einer Horde Bestien im 11.Jahrhundert und dem Herr der Toten selbst. Verhext, Kendras Auge, Nur ein Stein, Exsanguis, Glaswiesentänzer, so heißen die Geschichten. Ihnen allen ist eines gemeinsam: der Versuch, die Magie dazu zu nutzen, die eigenen Sehnsüchte zu stillen. Doch bald müssen die Protagonisten lernen, dass die Magie ihren eigenen Kopf hat, dass sie nicht alles heilen kann, dass sie gefährlich ist, einen manchmal auffrisst mit Haut und Haaren und ins Verderben stürzt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ein paar Minuten ins Leere gestarrt und mich gefragt, ob ich auch lernen kann, so schön zu schreiben.
  2. Zum Anfang zurück geblättert, um noch einmal einen Überblick über die Geschichten zu bekommen und sicher zu gehen, dass es tatsächlich nur 140 Seiten waren.
  3. Die Stellen rausgesucht, die ich aufgrund ihrer Schönheit markiert hatte und gleich nochmal gelesen.

Mein Eindruck zu Verhext:

Als ich Verhext gekauft habe, wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Ich mag keine Kurzgeschichten, schon gar keine Sammlungen. Auch das Cover hat mich nicht so recht überzeugt, aber wegen der interessanten Leseprobe wollte ich dem Büchlein, das knapp 140 Seiten umfasst, trotzdem eine Chance geben. Ich habe das Buch aufgeschlagen – und war fasziniert. Denn egal, wie man es zusammenfasst, es ist unmöglich, die Tiefe dieser kurzen Geschichten auch nur ansatzweise zu erfassen. Jede Erzählung ist ein Werk für sich und öffnet ein Tor zu einer neuen Welt, so ausgefeilt und durchdacht, dass man aus jeder der Geschichten einen neuen Roman machen könnte.

Stärken des Buchs:

Nach der ersten Erzählung, Verhext, dachte ich mir: von diesem Autor will ich unbedingt mal einen Roman lesen. Toller Stil. Tolle Handlung. Dann kamen die anderen Geschichten und meine Faszination wurde zu etwas, das man vermutlich nur mit Bewunderung oder Verehrung umschreiben kann. Markus Müller schafft es, in jeder dieser fünf Geschichten ein ganz eigenes Universum zu erschaffen, eine Erzählung mit fünfzig Seiten fühlt sich an, als hätte man einen ganzen Roman gelesen, mit einer so intensiven Atmosphäre, dass sie noch lange nachwirkt. Dies gelingt ihm mit einer solchen Wortgewalt und Sprachpoesie, dass ich sogar immer wieder Stellen anstreichen musste – etwas, was ich sonst nie tue. Mit einer Phantasie, die an die Genialität von Michael Ende grenzt, und einer Sprache, die einen nicht nur an die Handlung bindet, sondern auch tiefe Gefühle in einem hervorruft, weiß der Autor den Leser zu fesseln. Exsanguis vielleicht weniger, aber vor allem Nur ein Stein und Glaswiesentänzer waren für mich so wunderschön, dass ich sie am liebsten immer wieder lesen würde, nur um noch einmal die Poesie hinter den Worten zu entdecken und mich von dieser düsteren, melancholischen Atmosphäre gefangen nehmen zu lassen.

Schwächen des Buchs:

Die einzige Schwäche dieses Buches ist seine Kürze. Ich hätte einfach gerne mehr von allem gelesen. Ansonsten kann ich hier nicht viel dazu sagen.

Mein Fazit:

Verhext ist ein unglaubliches Stück Sprache, das mich mehr als fasziniert und inspiriert hat: Es hat mich in meiner Seele berührt – und das kann ich wirklich nicht von vielen Büchern behaupten. Ich denke, ich muss an dieser Stelle auch nicht mehr dazu schreiben, ihr dürftet meinem Lobgesang bereits entnommen haben, was ich euch sagen will: Kauft das Buch. Vor allem, wenn ihr Fantasy liebt: Lasst euch davontragen. Lasst euch inspirieren. Es ist das beste Buch, das ich im letzten Jahr gelesen habe und vermutlich auch eines der besten, das ich jemals gelesen haben werde. Also los!

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 142 Seiten, erschienen bei Books on Demand am 19.10.2015, ISBN:  978-3-73864693-1

Andere Leseeindrücke:

    • noch keine bekannt

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Der erste Satz

Als Patricia sechs Jahre alt war, fand sie einen verletzten Vogel im Wald.

Zum Inhalt:


Patricia ist ein Mädchen, das bemerkt, dass sie eine Hexe ist und den Wald schützen soll. Sie vernachlässigt ihre Fähigkeit, weil irgendwie nichts klappt und ihr niemand sagt, wie dieses Hexenleben wirklich funktioniert. In der Schule trifft sie auf Laurence, der ihr einziger Freund ist, sodass sie mit ihm eine On-Off-Freundschaft eingeht, bis sie sich nach der Schule verlieren, wiedertreffen, wieder verlieren und gemeinsam die redundantesten Sachen überhaupt erleben.

Laurence ist ein Nerd, der eine künstliche Intelligenz geschaffen hat, die schon in seiner Jugend viel Macht und Intelligenz bekommt. Patricia nutzt er zunächst, um seinen Eltern gegenüber zu rechtfertigen, dass er kein Stubenhocker ist. Sie erfinden Geschichten über gemeinsame Ausflüge in die Natur, was in etwa so glaubwürdig ist wie eine Salsa tanzende Katze, die dir morgens den Kaffee bringt. Die Geschichten der beiden streifen sich immer mal wieder, und der Fokus liegt ganz klar auf den Zusammentreffen. Dass im weiteren Verlauf im Hintergrund die Welt in Gefahr ist oder andere potentiell plotrelevante Dinge geschehen, wird artig ausgeblendet.

Warum ich den Inhalt von “Alle Vögel unter dem Himmel” nicht in einem Absatz unter Betrachtung der unterschiedlichen Gesichtspunkte wiedergeben kann, liegt daran, dass es die Autorin selbst im gesamten Buch nicht geschafft hat, aus den zwei interessanten Ausgangslagen eine Geschichte zu stricken.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Hysterisch über den Satz mit der Langeweile und dem Narbengewebe gelacht.
  2. Das schlechte Gewissen runtergeschluckt.
  3. Mich total geärgert, weil das schlechte Gewissen wieder hochkam.

Mein Eindruck zu Alle Vögel unter dem Himmel:

Einen Plot sucht man vergebens, und selbst viel Geduld hat sich bei mir nicht ausgezahlt, sodass ich das Buch auf Seite 201 abbrechen musste. Ich brach “Alle Vögel unter dem Himmel* ab, nachdem mich der Satz “Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes” getriggert hat. Die Autorin hat echt Mut. In der Danksagung schreibt sie: “Ich hoffe, das Buch hat euch gefallen. Falls nicht, oder falls euch einige Dinge nicht eingeleuchtet haben oder zu abwegig erscheinen, schickt mir einfach eine E-Mail, dann komme ich vorbei und spiele euch das Ganze vor. Vielleicht mit Origami-Fingerpuppen.” Dieses Angebot würde ich gerne annehmen, doch ich weiß nicht, ob ich jemals nochmal so viel Interesse aufbringen kann, der Geschichte eine weitere Chance zu geben.

Stärken des Buchs:

Es riecht unfassbar gut! Der Klappentext verspricht viel! Das Cover macht was her und insgesamt fühlt sich das Buch wirklich gut an! Orthografie und Grammatik sind ok. Dass ich das erwähne, ist kein gutes Zeichen. Im Gegenteil. Zunächst dachte ich, es seien die einzigen Stärken, die “Alle Vögel unter dem Himmel” mitbringt.

Selbst Bücher, die mir nicht gefallen (Beispielsweise “Loslassen” von Katharina Finke), bleiben in meinem Bücherregal. Weil sie irgendwann mal wieder interessant sein könnten oder gute Stellen hatten, oder mir ans Herz gewachsen sind. “Alle Vögel unter dem Himmel” ist das erste Buch, bei dem ich darüber nachgedacht habe, es loszuwerden. Zu verkaufen und von dem Geld einen Ersatz zu kaufen. Ich fühle mich frustriert und als hätte ich beim Lesen Lebenszeit verschwendet. Nachdem mir das bewusst wurde, habe ich dem Buch dennoch einen Zweck zuordnen können: Ich habe mir Notizen gemacht, was in welchem Kapitel geschieht, versucht, den Plot nachzuvollziehen und mir aufgeschrieben, was mir nicht gefällt. Als angehende Sci-Fi-Autorin möchte ich auch gerne ein Buch bei Fischer TOR platzieren (hach, wie schön das wäre! Lasst mich träumen!), und wenn so ein undurchdachtes, lieblos geschriebenes Buch bei diesem Qualitätsverlag unterkommt – dann schaffe ich das schon längst. Das ist eine ganz klare Stärke von “Alle Vögel unter dem Himmel”: Es macht mir als Autorin Mut, denn das kann ich locker übertreffen. vielleicht nicht jetzt, aber mit mehr Genrekenntnis und einem akribisch geplotteten, mit Herzblut geschriebenen Manuskript kann ich das schaffen. Wir sehen uns auf Augenhöhe, Charlie!

Eine weitere Stärke – und das muss man der Autorin und der Geschichte lassen – ist, dass die nerdigen Stellen wirklich… angemessen sind. Auf 200 Seiten muss man sicherlich drei Mal leicht schmunzeln, wenn man sich mit Laurence auch nur ein bisschen identifizieren kann.

Schwächen des Buchs:

Der Anfang des Buches ist sehr holprig und unglaubwürdig. Von Klischees überrannt gab ich dem Buch weitere Chancen, mir zu beweisen, dass der Charakter von Patricia nichtssagend und leer ist. Leider wurde das nicht verändert. Das Kennenlernen von Patricia und Laurence ist unschlüssig und passt überhaupt nicht. Der Sprachstil ist ungelenk und oberflächlich. Immer, wenn man denkt, jetzt könnte die Geschichte ins Rollen kommen, driftet die Autorin ab und versorgt den Leser mit emotionslosem, redundantem Zeug.

Ich kenne zahlreiche Lektoren, die bei “Er hat einen nervösen Kopf” oder “Er lächelt mit einer Lippe” den Rotstift zücken würden. Weder Übersetzung noch Lektorat von Fischer TOR haben solche merkwürdigen Ausdrücke gestört. Mir haben sie sich in den Kopf gebrannt.

Bis Seite 118 passiert nichts. Dann passiert etwas und das Buch droht mir an, fast spannend zu werden. Aber dann flacht die Spannung sofort wieder ab und das Niveau kehrt zurück. Das sprachliche Niveau ist einerseits in Ordnung, andererseits so emotionslos, dass Charlie Jane Anders einen Preis dafür verdient hat. Keine andere Autorin kann einen versuchten Mord so langweilig schreiben wie sie! Das muss Talent sein.

Bei einigen Sätzen zeigt die Autorin wirklich Potential, und ich fühle mich in das Debüt eines blutjungen Selfpublishers versetzt. Aus Sätzen wie “Das Messer verfehlte sein Herz, aber es brach sein Herz” sieht man, was die Autorin sagen wollte, und freilich könnte man aus diesem Satz etwas Gutes machen – aber er wurde genau so veröffentlicht, wie viele, viele andere Sätze auch. Der lieblose Stil äußert sich auch im Verzicht auf Synonyme, dieser aneinandergeklatschte Stil ist sowas von eindimensional, dass ich es nicht einmal schaffe, ihn in dieser Rezension nachzuahmen. Aber ich gebe mir Mühe, vielleicht merkt man das.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erlaubt man sich noch einen Patzer mit einem Satz wie diesem: “Es stimmte, im Hintergrund waren Polizeisirenen hören.” (Seite 153) Das unterstreicht die größte Schwäche des Buches: Es ist lieblos und flach. Nach weiteren fünfzig Seiten bekam ich einen hysterischen Lachanfall, als die Autorin das Thema Langeweile in einem Satz anbrach (“Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes”) und zwang mich dazu, das Buch abzubrechen. Es hat mir tatsächlich wehgetan, diesem Buch – ein Geburtstagsgeschenk – keine Chance zu geben, sich endlich mal zu entfalten. Aber nach 50 % sollte die Geschichte zu einer Geschichte werden.

Übrigens: Wenn Laurence und Patricia sich nach der Schule wiedertreffen, seilt er sich von irgendwas ab und macht einen Millionendeal klar, weil die Welt in Gefahr ist. Man will wissen, warum die Welt in Gefahr ist und irgendwas darüber erfahren, wieso und warum und was los ist – aber davor verschont Charlie Jane Anders den Leser und füllt die folgenden Seiten mit Rückblicken und oberflächlichem Beziehungsgehabe, stockenden Bla-Bla-Gesprächen und ein bisschen Tell, don’t Show.

Als ich mich entschieden habe, das Buch abzubrechen, habe ich in einem der letzten Kapitel den “großen Showdown” gelesen. Ich will nicht spoilern, aber… Er konnte mich nicht vom Hocker hauen, hatte unglaubwürdige, klischeehaft-überspitzte Stellen, und auch das letzte Kapitel hat die nicht-vorhandene Geschichte nicht wirklich zu Ende geführt.

Mein Fazit:

“Alle Vögel unter dem Himmel” ist ein Buch, das mehr verspricht als es halten kann. Ich bin nicht nur gelangweilt und maßlos enttäuscht, sondern vergleiche den Schreibstil der Autorin auch mit “Mathilde Möhring”. Wer Lust auf ein Buch hat, das sich bestenfalls zur Analyse eigener Schreibkompetenz eignet und einem Mut macht, auch einmal in einem so großen Verlag unterzukommen, muss dieses Buch unbedingt lesen. Ich wünsche jedem viel Erfolg dabei, mehr als 200 Seiten durchzuhalten.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen bei Fischer TOR am 23.03.2017, ISBN: 978-3-596-03696-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Der erste Satz

»Beginnen wir mit einer schlichten Hypothese: Stellt euch vor, die Welt, in der ihr lebt, ist nicht die einzige, die existiert. Es gibt Millionen Universen, die wie Fäden neben-, unter-, über- und ineinander verlaufen, ohne sich jemals zu berühren.«

Zum Inhalt:

Der Protagonist ist Vanjar Belaquar, ein Weltenwanderer, der für die LOG (L`Organisation Gris) arbeitet, um die paranormale Weltbevölkerung vor dem unwissenden Teil zu schützen. Bisweilen auch andersherum.

Doch wie das so ist, gehen auch in einer Geheimorganisation der paranormalen Gesellschaft Dinge schief und die Reaktivierung eines alten Teams für Sonderermittlungen bringt den Stein eines seltsamen Falls erst so richtig ins Rollen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Hund ausgeführt, um den Showdown am Ende des Buches besser verdauen zu können.
  2. Das Buch zu den anderen Büchern in mein Regal gestellt. Mit dem Cover voran, zu meinen anderen Lieblingsbüchern.
  3. Eine Nacht über das Buch geschlafen, bevor ich mich an die Rezension setzte.

Mein Eindruck zu Narrenlauf:

Ich möchte mich auf diesem Weg noch einmal bei der Autorin bedanken, der ich spätestens seit unserer ersten Begegnung auf dem M’era Luna damit in den Ohren liege, dass ich ihr Buch auf jeden Fall lesen wollte, wenn es erschienen ist. Tja, nun ist der Erscheinungstag endlich da und das – für ein Debüt mit 540 Seiten recht dicke – Buch liegt ausgelesen neben mir.

Schon als ich das Buch in der Hand hielt war ich hellauf begeistert. Nicht nur, dass die Autorin passende Buttons, ein Lesezeichen (Blogger stehen auf solches Klimbim) und einen Beutel guten Schwarztee dazu gelegt hat. Nein, das Buch ist Urban Fantasy und spielt in Paris (die Handlung beginnt zwar in Tokio, aber wir wollen nicht kleinlich sein) statt wie jeder 0815-Urban-Fantasy-Roman in London oder wenigstens in England. Außerdem fällt das Buch in jedem Fantasy-Regal auf. Gefühlt ist es eine Konvention geworden, Fantasycover entweder schwarz (oder wenigstens sehr dunkel) oder sehr farbenfroh zu gestalten. Narrenlauf* hingegen schmückt sich mit einem minimalistisch gestalteten Cover ganz in weiß ohne unnötigen Schnickschnack. In Kombination mit dem Klappentext war es dann auch ziemlich schnell um mich geschehen. Ich gebe es nur zu gerne zu: Carolin, ich bin schon ein bisschen verliebt in dein Buch.

Aber zurück zum Inhalt: Man wird hier relativ sanft in Form einer pseudo-wissenschaftlichen Vorlesung über das Multiversum und Magie eingeführt. Auch wenn man ein paar hundert Seiten braucht, um dahinter zu steigen, was dieser Prolog eigentlich sollte, ist das eine mehr als gelungene Einleitung.

Direkt danach wird die Handbremse mit einem Schwenk in das Gris-Quartier in Tokio direkt zu Vanjar Belaquar ein bisschen gelockert. Und dann passiert erst einmal nichts. Ich war drauf und dran, der Autorin eine nette Nachricht per Twitter zu schreiben, wo denn bitte die Handlung einsetzt. Aber als ich dann tatsächlich bemerkt hatte, dass das was mir fehlte, die Handlung war, war ich auch schon bei Seite 200 angelangt. Im Nachhinein betrachtet bin ich sogar ziemlich froh über die recht ausufernde Einleitung, was für einen ersten Band einer Reihe aber auch völlig in Ordnung ist. Und sobald die Handlung einmal “wirklich” eingesetzt hat, gelangt die Geschichte auch ohne größere Hänger an den Showdown.

Stärken des Buchs:

Bereits das erste Kapitel lässt erahnen, dass man das Buch mit einer gewissen Portion Nerd-Humor nehmen sollte. Allein deshalb war ich schon voll dabei. Außerdem wurde ich von Carolin bereits vorgewarnt, dass es die eine oder andere Anspielung auf Film und Literatur geben wird. Nun, – Achtung Spoiler – das Hauptquartier der L’ Organisation Gris mit der Tardis zu vergleichen, ist schon ein netter Schachzug. Wo wir schon dabei sind: Der äußerliche Aufbau in vier Züge ist äußerst gelungen. Und ja, es könnte vielleicht nicht schaden, die Grundzüge der Schachkunst zu kennen, bevor man sich Narrenlauf zu Gemüte führt. Warum das trotzdem eine Stärke ist? Man kommt auch dann dahinter, wenn man von Schach überhaupt keine Ahnung hat. Ich habe es selbst ausprobiert. Auch in Fußnoten und den Kapitelüberschriften (bzw. deren Datumsangaben) lässt sich eine ordentliche Prise Humor finden. Ja, verdammt, es ist immer noch der selbe Dienstag!

Schwächen des Buchs:

Kommen wir nun zu dem Teil, den ich bei Rezensionen immer relativ ungern schreibe, besonders wenn mir ein Buch an sich gut gefallen hat.

Zwei Dinge – die ich an dieser Stelle bitte unter “Schönheitsfehler” laufen lassen möchte – haben mich beim Lesen dann doch hin und wieder gestört. Zum Einen hat sich das Lektorat den einen oder anderen Patzer erlaubt. So fehlt an mindestens einer Stelle (die ich leider gerade nicht im Kopf habe) ein Wort und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob man an Weihnachten tatsächlich von “Heilig Abend” spricht. Zum Anderen eben die hin und wieder fehlende Handlung. Die Autorin versteht es ziemlich gut, mit Hintergrundinformationen über langatmige Stellen hinweg zu kommen. Aber insgesamt habe ich den diffusen Eindruck, dass man die ganze Geschichte auch in fünfzig Seiten weniger hätte erzählen können. Es wird nicht langweilig, aber der Spannungsbogen ist doch ein bisschen ungleichmäßig verteilt.

Mein Fazit:

Insgesamt war Narrenlauf ein hervorragendes Lese- und Reiseerlebnis, das seinen Platz neben Victoria Schwab (ja, auch meine Lieblingsbücher sind alphabetisch nach dem Nachnamen der Autoren sortiert) redlich verdient hat. Nur leider werde ich irgendwie das Gefühl nicht los, dass Narrenlauf an den typischen Krankheiten eines Debütromans leidet. Für meinen Geschmack vermeidbare Längen und (zum Glück wenige) Fehler, die das Lektorat allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt haben, lassen das Buch haarscharf an meiner persönlichen Bestwertung vorbeischrammen. Von mir gibt es für das Leseerlebnis den Stempel “sehr gutes Debüt” und für den Gesamteindruck (auch und weil ich Hardcover liebe) ein “exzellent, mit Schönheitsfehlern”.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 540 Seiten, erschienen bei Tredition am 18.02.2018, ISBN: 978-3-7439–8482-0

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Von verbotenen Wäldern und vergessenen Menschen – Eselmädchen [Rezension]

Von verbotenen Wäldern und vergessenen Menschen – Eselmädchen [Rezension]

Der erste Satz

Die kleine Hand zur Faust geballt, hielt das Mädchen den zierlichen Schatz fest umschlossen.

Zum Inhalt:

Ein namenloser Protagonist wohnt mit seiner Mutter in einer kleinen Hütte. Sie leben in Armut, der Vater hat sie verlassen, und auf dem Nachbargrundstück wohnt ein komisches Mädchen. Niemand spricht mit ihr, und jeder, der etwas auf sich hält, soll das Eselmädchen meiden. Im Dorf hält jeder etwas auf sich, also ignoriert man das Kind von der Eselwiese. Dem Protagonisten ist das egal, er besucht das Mädchen namens Nike und entschlüsselt Stück für Stück die Rätsel um das Mädchen, das niemand beachtet, den Wald, den niemand betritt und die Esel, die nicht sind, was sie scheinen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mein Mund stand offen. Ich habe Luft geholt und konnte meinen sensationsgeilen Blick nicht verstecken. Leider konnte ich niemandem vom Ende erzählen, da ich das Buch vor Release lese. So ein Mist!
  2. Ich habe mir an den Kopf gefasst, als habe ich eine schwer verdauliche Nachricht bekommen.
  3. Diese Rezension musste geschrieben werden. Umgehend!

Mein Eindruck zu Eselmädchen:

Eselmädchen fühlt sich nicht an wie ein Debüt. Die Autorin hat bereits Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht, aber Eselmädchen selbst ist als alleinstehendes Werk das Debüt von Wiebke Tillenburg. Ich habe es auf den ersten fünfzig Seiten nicht als Debüt wahrgenommen, so professionell erschien es mir. Einzig die sich doch ziemlich häufenden Fehler erinnern beim Lesen immer wieder daran, dass es sich um ein Erstlingswerk im Selfpublishing handelt, später aber mehr dazu. Im Großen und Ganzen bin ich froh und glücklich, Eselmädchen* gelesen zu haben und bedanke mich bei der Autorin für die liebevolle Signatur und die Chance, schon vor Release-Datum am 10. Februar eine Reise in den verbotenen Wald gemacht haben zu dürfen.

Stärken des Buchs:

Die Novelle von Wiebke Tillenburg beginnt nicht ad ovo, sondern schmeißt den Leser sofort mitten in die Geschichte. Das gelingt der Autorin wirklich hervorragend, ich fühle mich nach nur acht Buchseiten in die Geschichte hineinversetzt und will gar nicht aufhören.
Die Konflikte reihen sich aneinander, der Spannungsbogen nimmt Fahrt auf, ganz, wie es sich gehört. Da Eselmädchen mit seinen kurzen 116 Seiten etwas mager ist, erkenne ich als Autorin ziemlich deutlich die unterschiedlichen Wendepunkte einer Geschichte. Aber obwohl ich Hook, Pinch und Midpoint relativ gut erahnen kann, ist jeder Plottwist unvorhersehbar. Das Wissen um die Struktur der Geschichte macht Eselmädchen nicht schlechter, sondern besser. Beim Lesen hatte ich durch und durch eine gewisse kindliche Aufregung, weil ich wusste, dass etwas kommt, ahnte, was in etwa kommt und dann auch noch überrascht wurde. Klasse!
Der Schreibstil von Wiebke Tillenburg ist durch und durch flüssig. Ich habe beim Lesen zu 90 % der Zeit eine Welt im Kopf gehabt, in der die Häuser, Wege und der Wald klar abgebildet wurden. Dieses automatisch ablaufende Kopfkino ist beim Lesen eines wirklich guten Buches typisch und für mich unerlässlich. Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen und habe die ersten drei Viertel der Novelle regelrecht verschlungen.
Etwa zur Mitte des Buches gerät der Protagonist in solch eine Misere, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie er da wieder herauskommen sollte. Genau solche Stellen machen mir Belletristik schmackhaft: Es muss ausweglos erscheinen. Ich will das Buch weglegen und selbst überlegen, wie es weitergehen könnte. Dann komme ich auf keine Idee und lese weiter wie ein Junkey, der keine fünf Minuten auf seine Droge verzichten möchte. Und, was soll ich sagen? Natürlich wusste die Autorin einen genialen und glaubhaften Ausweg. Für solche Stellen liebe ich Bücher! Hut ab, Wiebke!
Außerdem empfand ich das Ende als besonders stark. Ich will nicht spoilern, und das widerspricht einem inneren Drang. Gerade will ich in die Welt hinausschreien, wie das Ende ist und weiterführende Theorien und Ideen mit jemandem austauschen. Da das aber nicht geht, möchte ich an dieser Stelle lediglich deutlich betonen, dass ich das Ende mehr als gelungen finde.

Schwächen des Buchs:

Leider hat das Eselmädchen einige Schwächen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Es gibt an einigen Stellen im Buch Geheimnistuerei, die mir klischeehaft erscheint. Etwa zwischen Seite 80 und 90 erstreckt sich ein ermüdender Dialog zwischen dem Protagonisten und dem Eselmädchen. Dieser Dialog klärt vieles auf und beschreibt die letzte Etappe, die der namenlose Held zu meistern hat, aber er zieht sich für mich unglaublich dahin. Für mich bröckelt die Geschichte an dieser Stelle, und das ein oder andere halte ich für zu ausführlich erklärt, zu sehr Fantasy- und Märchen-Klischee.
Danach nimmt die Geschichte wieder Fahrt auf und zeigt sich, wie auch vor diesem schwachen Dialog, von der besten Seite. Bis zum letzten Wort werde ich mitgerissen und kann kaum fassen, was dann geschieht. Das bombastische Ende lasse ich auf mich wirken – und das ist gut so. Denn er Epilog kommt mir etwas zerfasert vor. Als wisse er nicht, wofür er stünde. Es hätte dem Eselmädchen keinen Abbruch getan, den Epilog ganz wegzulassen. Oder ihn gegen einen anderen auszutauschen. Und das ist wohl mein Problem: Er ist austauschbar. Es geht anders, es geht besser. Da muss ich ganz klar gestehen: Der Epilog hat mir nicht gefallen.
Weitere Schwächen von Eselmädchen sind die Fehler. Man kann beim Lesen regelrecht merken, an welchen Stellen die Autorin, Lektorin und Testleser betriebsblind waren. Hier und da ist ein “die” statt “dir”, ein “sie” statt “sich”, ein doppeltes “hat”, und die Anführungszeichen wurden leider nicht immer richtig konvertiert. Die Guillements rahmen die wörtliche Rede in 98 % der Fälle ein – aber manchmal schleicht sich ein deutsches Anführungszeichen an das Ende eines gesprochenen Satzes. Das ist unprofessionell und mit einfachen Handgriffen zu beheben – hier muss ich gestehen, wurde ein wenig geschlampt.
Aber: Ich bin durch die Erstauflage vor Erscheinungsdatum gereist. Wenn du dir das Buch kaufst, sind die Fehler vielleicht schon längst ausgebügelt 😉

Mein Fazit:

Das Eselmädchen ist eine Geschichte (meiner Meinung nach für Jung und Alt), die nicht nur märchenhafte Rätsel erzeugt und wieder aufdeckt, sondern hat eine Botschaft für uns alle. Es geht um Wut und die Zerstörungskraft der Worte und Taten, die wir Menschen füreinander haben. Ich möchte diese faszinierende Reise jedem empfehlen, der über ein paar Schwächen hinwegsehen kann und Lust auf eine kurze, sprachlich gewandte und inhaltlich berührende Waldwanderung hat.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 116 Seiten, erschienen bei Twentysix am 29.01.2018, ISBN: 978-3-7407-4301-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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