Kategorie: Entwicklungsroman

Ein grellbuntes, triestes Grau – Arthur und die Farben des Lebens [Rezension]

Ein grellbuntes, triestes Grau – Arthur und die Farben des Lebens [Rezension]

Der erste Satz

Licht mit einer Wellenlänge von fünfhundertzwanzig Nanometern trifft auf die Zapfen in Arthur Astorgs Netzhaut.

Zum Inhalt:


Arthur Astorg hat in so ziemlich allen Belangen versagt, in denen ein Mensch versagen kann. Damit ihm die Sozialhilfe nicht gestrichen wird, nimmt er unfreiwillig einen Job in einer Buntstiftfabrik an. Zu allem Überdruss meldet diese allerdings bald darauf Konkurs an. Um seine Arbeit wenigstens zu einem gelungen Abschluss zu führen, stellt er die leuchtkräftigsten Buntstifte her, die die Welt je gesehen hat.

Die Sache hat nur einen Haken: Denn von einem Tag auf den anderen verschwinden alle Farben von der Welt, die daraufhin mehr und mehr im Chaos versinkt.

Arthurs einziger Hoffnungsschimmer ist der Anblick seiner blinden Nachbarin Charlotte, die sich als Neurowissenschaftlerin mit der Wahrnehmung von Farben auskennt. Um ihr endlich näher zu kommen, schenkt er ihrer Tochter Louise einen pinken Buntstift. Das Bild, das sie damit malt, ist Pink und nicht wie erwartet Einheitsgrau. Und jeder, der das Bild betrachtet, kann wieder Pink sehen.

Und so kommt es, dass Arthur – gemeinsam mit Charlotte und Louise – damit beginnt, die Farben wieder zurück in die Welt zu holen. Gar nicht so einfach, wenn man ein paar Nichtsnutze der chinesischen Mafia am Hacken hat.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch zugeklappt und es erst einmal für drei Stunden zur Seite gelegt, bevor ich es ins Regal geräumt habe.
  2. Mir Gedanken darüber gemacht, ob es das beste oder das schlechteste Buch war, das ich bisher gelesen habe, ohne zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen.
  3. Dem (erneuten) Impuls widerstanden die Buntstifte rauszukramen und das Cover endlich fertig zu malen.

Mein Eindruck zu Arthur und die Farben des Lebens:

Wie bereits erwähnt bin ich mir ziemlich unschlüssig, wie ich das Buch einordnen soll. Das fängt schon beim Genre an. Auch am Ende der knapp 280 Seiten bin ich mir nicht sicher, ob ich da einen Liebes- oder einen Entwicklungsroman gelesen habe. Was das Buch – zur Abwechslung mal aus dem Französischen, nicht aus dem Englischen stammend – aber definitiv für sich verbuchen kann: Ich habe das Buch am Abend gegen 21 Uhr angefangen und hatte es am nächsten Tag schon vor 12 Uhr durchgelesen.

Stärken des Buchs:

Zugegeben, die 1. Person ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig (besonders weil sich der Autor scheinbar nicht einig werden konnte, aus wessen Sicht er denn jetzt eigentlich schreiben wollte), aber der Stil ist sehr locker gehalten. Fast schon typisch französisch, würde ich mal behaupten. Jedenfalls lässt sich das Buch sehr gut lesen und überwiegend leicht verstehen. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, kommt man ziemlich gut damit klar.

Besonders der Humor kommt hier nicht zu kurz. Wo es zwischendurch darum geht, wie die Menschheit das Verschwinden der Farben auffasst, unter anderem:

Fans der Serie Game of Thrones hingegen glauben, der Winter sei angebrochen, und warten auf die Armee der untoten Wiedergänger. – Seite 73

oder auch:

Eilmeldung auf lemonde.fr

E. L. James soll in Kürze ihren neuen Roman veröffentlichen: One Million Shades of Grey – Seite 116

Während das erste Zitat mir ein Schmunzeln entlockte (was vor allem auch am Kontext lag), habe ich beim zweiten Zitat ziemlich herzlich gelacht.

Auch das Cover ist definitiv gelungen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, Buch und Buntstifte getrennt aufzubewahren. Tatsächlich passt diese »Malbuch-Optik« aber wunderbar zur Geschichte. Schließlich ist die Umgebung der Figuren fast durchgängig in Grau-, Weiß- und Schwarztönen gehalten.

Wo wir übrigens bei den Farben sind, die das Hauptthema des Buches sind. Der Autor ist hauptberuflich als Farbdesigner (nein, ich habe auch keine Ahnung, was ein Farbdesigner macht), unter anderem für Jil Sander in Japan, tätig und außerdem Mitglied im »Comité Français de la Couleur« (deutsch also: Französische Farbkommission). Ich würde also behaupten, dass er jemand ist, der Ahnung von Farben hat. Ich habe nicht jede einzelne Behauptung zur Farbpsychologie überprüft, die in den Roman eingestreut wurde (das sind für unter 300 Seiten ziemlich viele). Was da allerdings zu den Farben erzählt wird klingt jedenfalls sinnvoll und authentisch, wenn man selbst keine Ahnung davon hat.

Schwächen des Buchs:

Um es mal ganz deutlich zu sagen: Mir missfällt der Plot. Stellenweise war die Handlung einfach zu schnell. Das Buch lässt sich zwar gut lesen, wirkt dann aber so als wäre dem Autor nach Seite 230 eingefallen: »Mist, jetzt habe ich alle brauchbaren Ideen verpulvert und muss dringend ein Ende schreiben.« Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass mir für den Übergang zwischen der Handlung und der letzten Szene mindestens 50 Seiten fehlten.

Außerdem werden ständig Eindrücke von irgendwelchen Nebenschauplätzen »eingeblendet« und immer mal wieder eine fiktive Schlagzeile eingestreut. Was als gute Auflockerung anfängt wird allerdings schnell nervig und führt letzten Endes dazu, dass der Plot zerfasert, nachdem er schon keinen Platz bekommen hat, sich zu entfalten.

Was mir außerdem sauer aufstößt ist die Figurengestaltung. Besonders die Figur der Charlotte finde ich – um es nett auszudrücken – ein bisschen daneben. Dadurch, dass das Buch so kurz ist, erfährt man leider relativ wenig über sie, obwohl sie ja doch so etwas wie eine zweite Protagonistin ist. Sie ist blind. Und Neurowissenschaftlerin, die sich hervorragend mit Farben auskennt. Eine bemerkenswert frische Ausgangslage. Allerdings schafft der Autor es, diesen schönen Prototyp von Charakter ansonsten mit Klischees aufzubauschen. Natürlich ist sie schön. Selbstverständlich hat sie den perfekten Körper. Und natürlich lässt sie sich nach nur wenigen Stunden in New York gleich von einem Taxifahrer schwängern, um dann zurück in Paris mit ihrer Tochter allein da zu stehen. Um es also auf den Punkt zu bringen: Gute Idee, miserabel umgesetzt. Und das gilt leider für Vieles in diesem Buch.

Ein kleiner Fakt am Rande:

Der französische Originaltitel des Buches lautet “Les crayons de couleur”, wörtlich übersetzt also: Buntstifte. Durchaus passend, wenn man bedenkt, dass es Buntstifte sind, die vom Band rollen und damit in die Welt der Farben eintauchen lassen. Außerdem ist es ausgerechnet ein pinker Buntstift, der die Handlung ins Rollen bringt.

Mein Fazit:

Dem Buch liegt eine gute Idee zu Grunde. Die Umsetzung hat allerdings gut angefangen und noch stärker nachgelassen. Ein paar Seiten mehr (vielleicht 50 oder 100) hätten dem Buch ziemlich gut getan, um dem Plot mal Zeit zu lassen, sich zu entfalten. Von der Gestaltung her ist das Buch ein auffällig unauffälliger Eyecatcher. Ein weißes Cover mit Farbsprenkeln fällt eben auf. Der Klappentext hat mich neugierig gemacht. Aber insgesamt ist es eher ein erzählendes Sachbuch über Farben, bei dem der Haupthandlungsstrang irgendwie zur Nebensache verkommt. Als Sachbuch? Sehr lehrreich und überzeugend. Als Roman? Na ja. Man hätte deutlich mehr daraus machen können.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 288 Seiten, erschienen bei C. Bertelsmann am 10.04.2018, ISBN: 978-3-570-10346-3

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Die Perle unter Säuen – Das Flüstern der Pappeln [Rezension]

Die Perle unter Säuen – Das Flüstern der Pappeln [Rezension]

Der erste Satz

“Ich erwarte nichts von dir. Das habe ich nie.”

Zum Inhalt:

Hennie war lange weg, zum Studieren in einer anderen Stadt und im Ausland. Sie kehrt auf den elterlichen Hof zurück, fühlt sich verloren, weiß nicht, warum sie sauer ist und wohin ihr Leben führen will. Ihre Großmutter liegt sterbend im Bett und spricht nicht mehr. Vielleicht ist sie nicht mehr bei Sinnen. Dennoch liest Hennie ihr alte Briefe vor, die Woche für Woche zurückkommen und die die Großmutter in jungen Jahren an einen Mann schrieb. Und der ist nicht Hennies Großvater.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Bemerkt, wie kalt es geworden ist, weil ich mich im Frühling in den ersten Sonnenstrahl setzte und das Buch “nur mal anlesen” wollte. Und es dann wie im Wahn in einem Rutsch las.
  2. Geseufzt vor Glücksgefühl.
  3. Der Autorin geschrieben, dass ich ihr Buch fressen will.

Mein Eindruck zu Das Flüstern der Pappeln:

Ich meinte es ernst, ich habe es wirklich gefressen. Es ist sensibel, aber nicht jammernd oder kitschig. Es ist sanft, aber scheut sich nicht davor, echt zu sein. Ich wurde sofort reingezogen. Es ist weise. Dieses Buch sollte jeder in den 20ern lesen, finde ich. Das Buch ist Coming of Age für Erwachsene. How to be an adult. Viele Szenen spielen draußen im Feld, im Sumpf, im Wald. Dadurch und durch den sanften Schreibstil entwickelt sich eine ganze eigene Romantik, die bezirzt und nie in Kitsch abrutscht.

Stärken des Buchs:

Hennie ist ein toller Charakter, denn sie ist nicht geschaffen, wie wir alle gerne wären, sondern wie wir sind oder sein könnten. Hennie ist echt. Sie kann schön, aber auch hässlich sein und ich habe mich oft in ihr wiedererkannt. Damit schafft die Autorin etwas, das ich in anderen Büchern oft vermisse. Ich fühle mich in sterilen Buchwelten nicht wohl, das Leben soll nicht vereinfacht und romantisiert dargestellt werden. Einige lesen genau deswegen, um zu flüchten. Ich nicht. Dazu ist “Das Flüstern der Pappeln* nicht schwermütig, sondern fühlt sich leicht an. Erst am Ende merkt man, wie stark man durchgeschüttelt wurde. Außerdem hebt sich das Buch von der Masse ab. Es käut nicht altbekannte Muster wieder, die wir schon satt sind. Die Pappeln gehen ihren eigenen Weg und sind genau deswegen aufregend.

Schwächen des Buchs:

Die Stärken können für viele Schwächen bedeuten. Das Buch ist nichts für Leute, die sich bedudeln lassen wollen, die lesen, um zu flüchten. Dazu ist es gewöhnungsbedürftig gesetzt, nämlich gar nicht. Es hat Flattersatz und die Anführungszeichen sind deutsch, also Gänsefüßchen oben und unten. Das Cover ist farblich schlecht gestaltet und man kann den Klappentext nur schwer lesen. Dadurch geht das Buch unter und ich bin mir sicher, ich hätte es nicht gelesen. Aber ich bekam es geschenkt und ich muss sagen, jetzt finde ich die Gestaltung so fast toll. Gerade weil ich das Buch so liebe und weil es sich wie ein besonderer Fund anfühlt.

Mein Fazit:

Eine absolute Perle unter Säuen! Mehr muss ich nicht sagen, oder?

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 166 Seiten, erschienen bei CreateSpace am 17. Juni 2016, ISBN: 978-1-53342038-1

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt
Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Der erste Satz

Mama? Kannst du kommen?

Zum Inhalt:


Hannah ist depressiv, übergewichtig, geschieden und hat eine ausgeprägte Angststörung. Sie erbt Geld von ihrer Großmutter, sodass sie es sich leisten kann, ihr Leben sich selbst zu widmen und gesund zu werden. Sie reist nach Mallorca, um dort Urlaub allein zu machen, da sie das als Kind mal in ein Wünschebuch geschrieben hat. Dort trifft sie auf Beate, eine Dame, die nichts anderes zu tun hat, als Hannah auf den Geist zu gehen und dadurch das Leben der Depressiven positiver zu gestalten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Kopf geschüttelt
  2. “Endlich” gesagt, da ich mich endlich getraut habe, das Buch abzubrechen
  3. Mich schnell mit etwas anderem beschäftigt

Mein Eindruck zu Hummeln fliegen auch bei Regen:

Hummeln fliegen auch bei Regen ist die unglaubwürdigste, flachste und redundanteste Geschichte, die ich seit “Alle Vögel unter dem Himmel” gelesen habe. Da das Buch das Thema Depressionen, Angststörung und Übergewicht behandelt, ist es neben der Tatsache, dass ich es als außerordentlich schlecht empfinde, zudem noch eine Beleidigung an alle Leserinnen und Leser, die sich ernsthaft mit den Themen auseinandersetzen wollen.

Stärken des Buchs:

Inhaltlich ist dieser Roman wirklich nett. Zumindest auf den ersten Seiten. Der Einstieg scheint sich zu lohnen, die ersten fünfzig Seiten ziehen den Leser in ein Geschehen und ein Setting, das ist in erster Linie etwas Gutes. Dass Geschehen und Setting nicht warm werden und es mit der Qualität des Buches stetig bergab geht, steht auf einem anderen Blatt.

Am Anfang macht das Buch wirklich Spaß. Und er bestürzt. Als Depressive weiß ich sehr gut, was die Protagonistin durchmacht und bin auch darüber informiert, dass die Autorin selbst an Depressionen leidet oder gelitten hat. Zu Beginn war ich über mich selbst bestürzt, da ich diese Situationen und mich selbst wiedererkannte. Die Sicht von außen auf sich selbst zu haben ist ein schöner Spiegel, der natürlich gewissermaßen schmerzt. Vor allem die ungeduldigen, idiotischen Angehörigen hat Andrea Kraft beim Schreiben ihres Romans hervorragend getroffen und damit ein kleines Tabu gebrochen. Sehr gut!

Das Joggen-Gehen ist schön dargestellt und einige Sätze findet man, die wirklich herausragend sind. Schöne Worte, gute Qualität – eben leider in einem Meer aus Stuss und Schwachsinn.

Mangelhafte Recherche:

Die mangelhafte Recherche der Autorin hat es nicht in die “Schwächen”-Liste geschafft, da sie gesondert dargestellt werden soll. Macht also bitte Platz für einen Rant der Rezensentin. Wer schreibt bitte darüber, wie man zum ersten Mal im Leben eine Feige isst, wenn man noch nie selbst eine Feige in der Hand gehalten zu haben scheint? Eine Feige schmeckt widerlich, wenn man sie vorsichtig von außen anknabbert und sich nur das weiße Bett einverleibt, in das das rote, süße Fruchtfleisch eingelassen ist. Abgesehen davon, dass ich es für absolut unrealistisch halte, dass eine 35-jährige Frau noch nie eine Feige gesehen oder probiert hat, ist diese Szene wirklich absurd schlecht geschrieben. Eine Feige wird aufgeschnitten und ausgelöffelt. Meinetwegen auch mit Honig bestrichen und dann abgebissen, aber niemand knabbert die nicht verzehrbare Schale an und sagt: “mhh, so schmecken Feigen also, lecker!”.

Außerdem ist die Protagonistin dick. Übergewichtig. Ihr Body Mass Index (BMI) ist so hoch, dass sie nicht einmal joggen gehen darf. So sagt es eine besserwisserische, aber sicher nicht im Unrecht stehende Freundin der Protagonistin. Dieser BMI ist bei einem Wert von 30 erreicht, ab welchem man adipös, also krankhaft fettleibig ist. Das ist vollkommen okay – ich mag übergewichtige Protagonisten und lese gerne über das Thema, das ist wichtig. Aber wieso zum Geier glaubt Andrea Kraft, dass ein derart übergewichtiger “Moppel”, wie Hannah sich selbst bezeichnet, weinend in die Dusche kauert und ihre Bene umschlingt? Jeder, der einen Bauch hat, weiß, dass das eine unbequeme Haltung ist und anatomisch für krankhaft übergewichtige Adipöse mit einem BMI über 30 schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Solche Kleinigkeiten ignoriert die Autorin – und stören mich daher umso mehr.

Als dritte mangelhafte Recherche möchte ich anmerken, dass Hummeln fliegen können. Sie sind nicht nur doof und wissen nicht, dass sie nicht fliegen können und fliegen trotzdem – sorry, was ist das für ein Bullshit? Hat die Autorin jemals einen Zeppelin gesehen? Der hat gar keine Flügel und wird nicht so romantisiert wie dieses arme, gemobbte Wesen, das selbstverständlich fliegen kann. Die Flügel erzeugen Auftrieb, indem sie Wirbel verursachen. Bei bis zu 200 Flügelschlägen pro Sekunde gibt die Hummel sich ganz schön Mühe. Dann einfach zu sagen, sie sei dumm und wisse nicht, dass sie gar nicht fliegen könne, ist gemein. Scherz beiseite – ich mag es schlichtweg nicht, dass die Autorin solchen Humbug einfach in ihr Manuskript übernimmt und darüber schreibt, ohne selbst mal ein paar Minuten darüber nachgedacht zu haben.

Schwächen des Buchs:

Die Kommasetzung ist eine Katastrophe. Der Schreibstil auch. Bei “Hummeln fliegen auch bei Regen” handelt es sich um einen Titel, der im Selfpublishing seit 2014 wohl schon Erfolg hatte und im Februar 2018 seinen Weg in einen Verlag gefunden hat. Es handelt sich hierbei nicht um ein literarisches Werk, nicht um eine durch den Goldmann-Verlag überdachte schriftstellerische Leistung, sondern um ein Produkt, das sich gut verkauft und wovon der Verlag etwas abhaben wollte. Das merkt man beim nichtvorhandenen Lektorat, beim langweiligen Plot und bei den zahlreichen Fehlern.

Auf den ersten fünfzig Seiten findet man bereits zwei das-dass-Fehler. Pro Buchseite springt mir mindestens ein Kommafehler entgegen und manchmal schreibt man das höfliche “Sie” eben klein. Und auch sonst merkt man dem Schreibstil an, dass er monoton und lieblos ist. Manchmal vergisst die Autorin die Grammatik vollkommen. Mitten im Satz werden die Kräfte des Dudens ausgehebelt und geschrieben, als gäbe es ihn nicht.

Besonders nervig finde ich den Schreibstil, der sich inflationär an grammatikalischen Wundern bedient wie “Erstmals nahm ich die Umgebung zur Kenntnis, kein Wunder, plagten mich bei der Anreise andere Sorgen.” (S. 135) Diese Umstellung kann man wirkungsvoll einsetzen, aber wenn es gefühlt alle hundert Wörter vorkommt, nervt es einfach nur.

Die Protagonistin weint viel. Aber statt Einblick in die Seele einer zerstörten, labilen Depressiven zu geben, wird beiläufig erwähnt, dass sie vielleicht wieder weint und es selbst nicht weiß. Diese Abstumpfung könnte in ihrer Absurdität für tiefe Botschaften verwendet werden, aber die Autorin hat sich keinerlei Mühe gemacht, der Protagonistin Hannah irgendwas Nachvollziehbares zu geben.

Dann ist da noch er. Der kursiv gedruckte Typ, der nicht Ben, der frisch geschiedene Exmann von Hannah ist, über den wir auch nicht viel erfahren, bevor ich das Buch empört über die Grauenhaftigkeit des Schreibens abbrechen musste. Aber Hannah zeigt auf Young Adult Niveau, dass es nur um ihn geht. Er hat ihr Leben verändert, wie auch immer das geschehen sein soll. Die Tussi macht sich abhängig von irgendwelchen Typen, und kaum ist Ben, der Exmann, der ihr Herz so sehr gebrochen hat, mal nicht Thema, geht es um ihn. Wenigstens so lange, bis es um Lukas geht, der Hannah in der ersten Schulklasse, also vor etwa 29 Jahren, wichtig gewesen ist. Lukas sitzt nur zu Hause und wartet darauf, dass Hannah ihm E-Mails schreibt. Da er der einzige Mann ist, der ihr Aufmerksamkeit schenkt – ganz im Gegensatz zu unserem geheimnisvollen “er” –, ist er natürlich plötzlich die Liebe des Lebens und alle Gedanken müssen sich um Lukas drehen. Außer, sie denkt mal kurz an ihn, dann existiert Lukas natürlich nicht. Wird Hannah langweilig, wird eben wieder geheult oder mit Beate gesprochen.

Ach ja, Beate. Beate Sommer. Über diese Dame muss ich in dieser Rezension zu “Hummeln fliegen auch bei Regen” ein paar Worte verlieren. Auf dem Weg nach Mallorca trifft Hannah auf Beate. Sie ist 78 Jahre alt und sitzt zufällig neben ihr im Flieger. Auf eine arrogante, widerwärtige Weise urteilt sie über die 35-Jährige, erzählt ihr ungefragt etwas übers Leben und stalkt sie anschließend. Hannah wundert sich nicht, dass Beate nichts anderes auf Mallorca tut als Hannah zu verfolgen und in ihrer Finca aufzusuchen. (Hat die Autorin Andrea Kraft schon mal etwas über Datenschutz gehört?) Beate verbringt ihre Zeit auf Mallorca damit, Hannah auf den Kranz zu gehen und ihr das Leben zu erklären – dabei ist Beate lediglich Mittel zum Zweck. Als Person ist sie null charakterisiert. Sie hat keine eigene Geschichte, keine nennenswerte Vergangenheit und keine Charakterzüge. Im Grunde ist diese Person nur ein Skelett des Dialogs. Dazu da, die Epiphanie der Protagonistin anzustoßen und ihr irgendwas zu tun zu geben. Wäre ich Hannah, hätte ich dieser hobbylosen Stalker-Oma schon am ersten Tag, als sie bei einer Heulattacke plötzlich in der Finca vor der Badezimmertür stand (wtf?!?) die Meinung gegeigt. Hier ist die Protagonistin Hannah allerdings schlüssig gestaltet: Sie hat keine Meinung. Und das konsequent. Leider hat sie neben der Meinungslosigkeit außerdem weder Charakter noch Gefühle.

Ach so, und da ich noch nicht genug Schwächen aufgezählt habe, muss ich noch etwas zum Buch als physisches Objekt sagen. Es ist scharf geschnitten, die Ecken stechen in die Hand beim Lesen und hinterlassen schmerzende Eindrückstellen. Ich habe mich selten so oft beim Lesen verletzt. Der Buchblock ist in einen Umschlag aus billigster Pappe gesteckt, die ich fortan Memory-Pappe nenne: Hast du das Buch einmal aufgeschlagen, merkt sich der Buchdeckel das und bleibt fortan für immer aufgeklappt.

P.S.: Wenn eine Protagonistin leckeren Käse isst, dann aber erfährt, dass es Ziegen- und kein Kuhkäse ist und ihn fortan eklig (also doch lecker, aber wegen der Ziege einfach nur eklig) findet, kann sie nur unsympathisch sein. Wieso sollte irgendjemand etwas gegen Ziegenkäse haben, obwohl er gut schmeckt?!

Mein Fazit:

Wer Lust auf eine undurchdachte, flache Geschichte hat, die Seite um Seite immer schlechter wird und sich selbst zerfasert und verliert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Undurchdachte Charaktere, unglaubwürdige Dialoge und redundantes, oberflächliches Geschwafel gehören definitiv zu den Stärken der Autorin. Ich werde nie wieder ein Buch von ihr anfassen und befördere “Hummeln fliegen auch bei Regen* auf meinen Aussortier-Stapel. Dieser Roman hat es leider nicht einmal ins dauerhafte Inventar meines Bücherregals geschafft. Das bricht mir immer wieder das Herz, weshalb ich für dieses Buch lediglich eines von fünf Herzen übrig habe.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen beim Goldmann Verlag am 19.02.2018, ISBN: 978-3-442-22218-6

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

%d Bloggern gefällt das: