Autor: Florian Eckardt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.
Ein phantastischer Auftakt – Die Krone der Sterne [Rezension]

Ein phantastischer Auftakt – Die Krone der Sterne [Rezension]

Der erste Satz

Sie trage die Sterne in den Augen, hatte einmal jemand gesagt.

Zum Inhalt:


Die allmächtige Gottkaiserin und ihr Hexenorden beherrschen das galaktische Reich Tiamande. Die Gottkaiserin lässt sich regelmäßig Mädchen von fernen Planeten als Bräute bringen. Was mit den Mädchen passiert, weiß niemand so genau. Dieses Mal fällt die Wahl auf die junge Adelige Iniza, die in einer Raumkathedrale zu ihrem Bestimmungsort gebracht werden soll. Die denkt allerdings nicht daran, sich auch tatsächlich als Braut ausliefern zu lassen…

Mein Eindruck zu Buchtitel:

In “Die Krone der Sterne” entführt uns Kai Meyer in eine fulminante Galaxie mit Raumschiffen, Lasergewehren und den ganzen Spielerein, aber ohne Science-Fiction. Das Buch ist der Auftakt einer Reihe, die explizit als “Space Fantasy” ausgezeichnet wird – ein Genre das besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts populär war, danach aber mehr oder weniger verloren gegangen ist. Kai Meyer und FISCHER Tor haben das Genre jetzt offiziell für die breite Masse wiederbelebt. Insgesamt ist “Die Krone der Sterne” eine Space Opera, die dem Autor alles ermöglicht, was ihm gerade einfallen wollte. Ohne es dabei mit der Wissenschaft allzu genau zu nehmen. Deshalb ist es eben “nur” Fantasy im Weltall und keine Science-Fiction.

Stärken des Buchs:

Das Auge liest mit. Allein das Cover ist ein absoluter Kaufgrund. Doch davon nicht genug: Die Geschichte an sich beginnt – anders als auf dem Markt üblich – erst auf Seite 15, weil der Verlag dem Buch hier eine Art “Vorspann” spendiert hat. Dabei zeigt Jens Maria Weber, was er als Illustrator auf dem Kasten hat. Schon die “Die Seiten der Welt” hatten einige Illustrationen von ihm. Leider liegt “Die Krone der Sterne” nicht in der selben Hardcover-Ausstattung wie besagte Trilogie (und die beiden Bänder der dazugehörigen Prequel-Reihe) vor, sondern “nur” als Paperback1. Aber das ändert nichts daran, dass der Verlag hier – mal wieder – ein Buch abgeliefert hat, das rein optisch völlig überzeugen kann. Man nimmt das Buch gerne in die Hand, weil selbst die Innenseite des Covers und die Klappen ansprechend gestaltet sind.

Ein weiterer Pluspunkt liegt in der Charaktergestaltung und -entwicklung. Auch wenn Kai Meyer plottechnisch in der Vergangenheit nicht immer 100%-ig überzeugen konnte (beispielsweise in den “Seiten der Welt”), kann er hier wie gewohnt überzeugen. Iniza ist eigentlich das, was man von einem jungen Mädchen erwartet. Und – SPOILER – schwangerschaftsbedingt ein bisschen hormongesteuert zickig. Sie gibt sich stellenweise störrisch, aber dennoch größtenteils mutig und zeichnet damit ein Charakterbild, dass ganz und gar nicht dem Klischee der Baroness entspricht. Ja, sie stammt aus gutem Hause. Aber sie deswegen als verwöhnt zu bezeichnen, wäre ein großer Fehler. Sie hat ihren eigenen Kopf und (mal mehr, mal weniger) eine Ahnung, was sie will. Eine Lehre, die man aus ihrer Geschichte ziehen kann: Reize niemals, nie, unter gar keinen Umständen, eine schwangere Frau. Das wird dir nicht bekommen.
Auch ihre – zugegeben eher unfreiwilligen – Begleiter sind wunderbar vielschichtig. Der etwas aufbrausende Kranit und Shara, die ihr Raumschiff “zur Verfügung stellt2“. Man könnte fast meinen, die Passagiere der Nachtwärts hätten ihre durchschnittlichen Probleme miteinander. In Wahrheit ist das aber noch viel mehr als das: In einem Universum, in dem es sowieso eher geheimnisvoll zugeht, scheint jeder vor jedem Geheimnisse zu haben.

Der letzte Punkt an dieser Stelle: Die Atmosphäre. Beim Lesen ist die Leere des Weltalls schon fast plastisch greifbar. Wenn man sich ein bisschen zurücklehnt und sich auf die Geschichte konzentriert, kann man einen Blick aus dem Cockpit der Nachtwärts werfen und im Schatten der gewaltigen Kathedralen ehrfurchtsvoll erbleichen.

1Ja, ich gestehe, dass ich ein ziemlicher Hardcover-Fetischist bin. Und ein Fußnoten-Fetischist. Jetzt ist es raus.
2Ich möchte es an dieser Stelle mal mit ironischem Unterton so bezeichnen, ohne zu viel von der Handlung vorweg zu nehmen.

Schwächen des Buchs:

Das Buch könnte gerne noch ein bisschen länger sein. Nicht viel, vielleicht so um die 50 Seiten. Aber wenn man bedenkt, dass es mittlerweile eine Fortsetzung gibt, ist das absolut zu verschmerzen. Was mir allerdings ein bisschen fehlt, ist die Umsetzung des Klappentextes. Die “Bedrohung, die selbst die Sternenmagie der Gottkaiserin in den Schatten stellt”, wie es im letzten Satz des Klappentextes heißt, bleibt für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr auf der Strecke, um es nicht wenigstens zu erwähnen. Aber auch nicht genug, um dafür an der Bewertung zu rütteln. Es stört das Gesamtpaket eher weniger, aber sehr spitzfindigen Lesern, die auf Krampf einen Aufhänger für Kritik suchen, dürfte dieser Punkt sauer aufstoßen.

Mein Fazit:

Wenn es eine Sache gibt, die Kai Meyer in seiner langen Laufbahn definitiv kann, dann ist es Leser zu fesseln. Auch die “Krone der Sterne” macht hier keine Ausnahme. Erfrischend anders, weil man dieses untypische “Fantasy im Weltall” nicht ständig vor der Nase hat. Das Werk fällt auf. Auf eine sehr angenehm positive Art.

Weitere Informationen:

  • Paperback 464 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 26.01.2017, ISBN: 978-3-596-03585-4

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Alles außer gewöhnlich – Ersticktes Matt [Rezension]

Alles außer gewöhnlich – Ersticktes Matt [Rezension]

Der erste Satz

Die Frau sah aus wie eine Wachsfigur.

Zum Inhalt:


Remy Lafayette ist Gesichtsanalytiker und Berater des New York Floodlands Police Departments. Im Jahr 1893 verfolgt die Polizei in den Floodlands – ein Elendsviertel mitten im East River – ein Gespenst. An jedem Tatort findet sich eine weibliche Leiche, mit einer Schachfigur in der Hand. Für Remy wird die Ermittlung der Mordserie gleichzeitig eine Reise in seine persönliche Vergangenheit. Denn nach und nach gerät seine ehemalige Verlobte immer tiefer in den Strudel der Ereignisse.

Mein Eindruck zu Ersticktes Matt:

Ein historischer Krimi? Im Jahr 1893? Normalerweise hätte ich das Buch allein deshalb angewidert aus der Hand gelegt. Allerdings ist “Ersticktes Matt” viel mehr als das. Im Jahr 1893 ist in der Welt-Version von Nina Hasse der Meeresspiegel immer weiter angestiegen, so dass es zu einem regen Strom an Klimaflüchtigen kam. Um der Lage Herr zu werden hat man in New York mitten im East River ein Dorf für die Ärmsten der Armen auf Stelzen gebaut – die Floodlands.
Zugegeben, so richtig überzeugt war ich noch immer nicht. Doch da ich von dem Buch nur Positives gehört hatte, habe ich bei einem Gewinnspiel eines sympathischen Saarländers teilgenommen und tatsächlich gewonnen, also habe ich dem Buch doch eine Chance gegeben. Danke nochmal an Benjamin für den Buchgewinn.

Stärken des Buchs:

Um es noch einmal deutlich hervor zu heben: Ich mag normalerweise keine Krimis. Und ich mag keine Geschichten, die zwar in unserer Welt, aber weit vor den 1980er-Jahren spielen. Und doch ist es genau diese Kombination, die “Ersticktes Matt” so lesenswert macht. Die Grundidee, einen Kriminalroman in ein Steampunk-Setting einzubetten ist eindeutig die größte Stärke des Buches. Zumindest mir ist dieser Genremix bisher sonst noch nicht untergekommen. Ein weiterer Pluspunkt für das Setting: Der Roman spielt in New York statt in Großbritannien (wann und warum genau hat sich London zum Dreh- und Angelpunkt für Urban Fantasy und Steampunk entwickelt?).

Aber auch abseits des Genres hat die Autorin einige Pluspunkte für sich zu verbuchen.
Zum Einen die Entwickler selbst. Sie bieten viel mehr Tiefe als ein obligatorisch irgendwie geartetes Alkohol-, Drogen- oder sonstiges Suchtproblem (die inflationäre Verbreitung dieser Charakterzüge ist einer der Hauptgründe, warum ich Krimis normalerweise nichts abgewinnen kann). Daneben gibt es unter anderem einen Papageien – der dringend sein Repertoire an Volksliedern erweitern sollte – und einen schizophrenen Schriftsteller (oder waren Rufus / Henley einfach nur zwei Personen in einem Körper?)
Zum Anderen ist es der Plot, der diesen Krimi so lesenswert macht (ein Punkt, den ich bei Rezensionen leider viel zu oft kritisieren muss). Jedes Mal, wenn die Ermittler fast am Ziel sind, fehlt ein entscheidendes Detail und die Ermittlungen drehen sich in eine andere Richtung. Beim Lesen kamen immer wieder Verdachtsmomente hoch, wo ich mir dachte: “Ha, da ist doch der Mörder, wie blöd seid…”, nur um im nächsten Moment von der Autorin eine Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen und festzustellen, dass ich mit meiner Vermutung wohl doch daneben lag.

Schwächen des Buchs:

Kommen wir zu einem Punkt, den ich sehr ungern anschneide, weil mir Ersticktes Matt doch ziemlich gut gefallen hat. Zuerst einmal ist das Buch bei CreateSpace erschienen. Das ist kein eigentliches Problem von “Ersticktes Matt”, weshalb es keinen Abzug dafür gibt. Aber: Die Verarbeitung der Paperbacks, die Amazon da drucken lässt, ist einfach grauenhaft. Wenn man das Buch einmal zu weit aufgeschlagen hat, stellt sich gleich ein “Memory-Effekt” ein und die Klappe bleibt auf ewig in einer leicht geöffneten Position stehen (für alle, die das genauso stört: Ersticktes Matt ist auch als E-Book erhältlich).
Ein Punkt, der allerdings sehr wohl auf das Karma-Konto des Buches geht, ist das Cover. Ich mag die eher minimalistische Umsetzung davon. Gerade der Rahmen, der gekonnt auf das Steampunk-Genre anspielt. Allerdings sind mir die Krimi-Elemente auf dem Cover zu subtil und der lieblos gestaltete Buchrücken geht leider gar nicht. Ich hätte es schöner gefunden, hätte sich der Rahmen weiter durchgezogen. Stattdessen hat Ersticktes Matt einen einheitlich schwarzen Buchrücken, der abgesehen von der Schachfigur überhaupt keinen Mehrwert bildet und in jedem Bücherregal, in dem der Rücken nun einmal das Erste – und oft das Einzige – ist, was man von einem Buch sieht, gnadenlos untergeht. Dieses Cover wird dem Inhalt in meinen Augen nicht gerecht.

Mein Fazit:

Um es kurz zu fassen: Ersticktes Matt ist ein Kriminalroman, wie man ihn oft schmerzlich vermisst: Ein Mörder. Ermittlungen, die im Dunkeln verlaufen. Ein vertracktes Rätsel. Und (um mich noch einmal zu wiederholen) Ermittler, die man nicht sofort in eine Suchttherapie oder eine Selbsthilfegruppe stecken möchte. Wenn man erst einmal seine Skepsis dem eher ungewöhnlichen Genremix gegenüber überwunden hat, ist Ersticktes Matt in erster Linie ein hervorragender Krimi, wie man ihn sonst vergeblich sucht in einem Setting, das dazu einlädt, sich auch mit den kleinen Details am Rande zu beschäftigen. Bis auf ein paar kleine Schönheitsfehler in der Verarbeitung und in der Covergestaltung (was allerdings Geschmackssache ist), habe ich – als jemand, der Krimis eher ablehnend gegenübersteht – kaum Etwas an dem Buch auszusetzen.

Weitere Informationen:

  • Paperback 440 Seiten, erschienen bei CreateSpace am 26.07.2016, ISBN: 978-1-535537933

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Ein grellbuntes, triestes Grau – Arthur und die Farben des Lebens [Rezension]

Ein grellbuntes, triestes Grau – Arthur und die Farben des Lebens [Rezension]

Der erste Satz

Licht mit einer Wellenlänge von fünfhundertzwanzig Nanometern trifft auf die Zapfen in Arthur Astorgs Netzhaut.

Zum Inhalt:


Arthur Astorg hat in so ziemlich allen Belangen versagt, in denen ein Mensch versagen kann. Damit ihm die Sozialhilfe nicht gestrichen wird, nimmt er unfreiwillig einen Job in einer Buntstiftfabrik an. Zu allem Überdruss meldet diese allerdings bald darauf Konkurs an. Um seine Arbeit wenigstens zu einem gelungen Abschluss zu führen, stellt er die leuchtkräftigsten Buntstifte her, die die Welt je gesehen hat.

Die Sache hat nur einen Haken: Denn von einem Tag auf den anderen verschwinden alle Farben von der Welt, die daraufhin mehr und mehr im Chaos versinkt.

Arthurs einziger Hoffnungsschimmer ist der Anblick seiner blinden Nachbarin Charlotte, die sich als Neurowissenschaftlerin mit der Wahrnehmung von Farben auskennt. Um ihr endlich näher zu kommen, schenkt er ihrer Tochter Louise einen pinken Buntstift. Das Bild, das sie damit malt, ist Pink und nicht wie erwartet Einheitsgrau. Und jeder, der das Bild betrachtet, kann wieder Pink sehen.

Und so kommt es, dass Arthur – gemeinsam mit Charlotte und Louise – damit beginnt, die Farben wieder zurück in die Welt zu holen. Gar nicht so einfach, wenn man ein paar Nichtsnutze der chinesischen Mafia am Hacken hat.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Das Buch zugeklappt und es erst einmal für drei Stunden zur Seite gelegt, bevor ich es ins Regal geräumt habe.
  2. Mir Gedanken darüber gemacht, ob es das beste oder das schlechteste Buch war, das ich bisher gelesen habe, ohne zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen.
  3. Dem (erneuten) Impuls widerstanden die Buntstifte rauszukramen und das Cover endlich fertig zu malen.

Mein Eindruck zu Arthur und die Farben des Lebens:

Wie bereits erwähnt bin ich mir ziemlich unschlüssig, wie ich das Buch einordnen soll. Das fängt schon beim Genre an. Auch am Ende der knapp 280 Seiten bin ich mir nicht sicher, ob ich da einen Liebes- oder einen Entwicklungsroman gelesen habe. Was das Buch – zur Abwechslung mal aus dem Französischen, nicht aus dem Englischen stammend – aber definitiv für sich verbuchen kann: Ich habe das Buch am Abend gegen 21 Uhr angefangen und hatte es am nächsten Tag schon vor 12 Uhr durchgelesen.

Stärken des Buchs:

Zugegeben, die 1. Person ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig (besonders weil sich der Autor scheinbar nicht einig werden konnte, aus wessen Sicht er denn jetzt eigentlich schreiben wollte), aber der Stil ist sehr locker gehalten. Fast schon typisch französisch, würde ich mal behaupten. Jedenfalls lässt sich das Buch sehr gut lesen und überwiegend leicht verstehen. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, kommt man ziemlich gut damit klar.

Besonders der Humor kommt hier nicht zu kurz. Wo es zwischendurch darum geht, wie die Menschheit das Verschwinden der Farben auffasst, unter anderem:

Fans der Serie Game of Thrones hingegen glauben, der Winter sei angebrochen, und warten auf die Armee der untoten Wiedergänger. – Seite 73

oder auch:

Eilmeldung auf lemonde.fr

E. L. James soll in Kürze ihren neuen Roman veröffentlichen: One Million Shades of Grey – Seite 116

Während das erste Zitat mir ein Schmunzeln entlockte (was vor allem auch am Kontext lag), habe ich beim zweiten Zitat ziemlich herzlich gelacht.

Auch das Cover ist definitiv gelungen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, Buch und Buntstifte getrennt aufzubewahren. Tatsächlich passt diese »Malbuch-Optik« aber wunderbar zur Geschichte. Schließlich ist die Umgebung der Figuren fast durchgängig in Grau-, Weiß- und Schwarztönen gehalten.

Wo wir übrigens bei den Farben sind, die das Hauptthema des Buches sind. Der Autor ist hauptberuflich als Farbdesigner (nein, ich habe auch keine Ahnung, was ein Farbdesigner macht), unter anderem für Jil Sander in Japan, tätig und außerdem Mitglied im »Comité Français de la Couleur« (deutsch also: Französische Farbkommission). Ich würde also behaupten, dass er jemand ist, der Ahnung von Farben hat. Ich habe nicht jede einzelne Behauptung zur Farbpsychologie überprüft, die in den Roman eingestreut wurde (das sind für unter 300 Seiten ziemlich viele). Was da allerdings zu den Farben erzählt wird klingt jedenfalls sinnvoll und authentisch, wenn man selbst keine Ahnung davon hat.

Schwächen des Buchs:

Um es mal ganz deutlich zu sagen: Mir missfällt der Plot. Stellenweise war die Handlung einfach zu schnell. Das Buch lässt sich zwar gut lesen, wirkt dann aber so als wäre dem Autor nach Seite 230 eingefallen: »Mist, jetzt habe ich alle brauchbaren Ideen verpulvert und muss dringend ein Ende schreiben.« Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass mir für den Übergang zwischen der Handlung und der letzten Szene mindestens 50 Seiten fehlten.

Außerdem werden ständig Eindrücke von irgendwelchen Nebenschauplätzen »eingeblendet« und immer mal wieder eine fiktive Schlagzeile eingestreut. Was als gute Auflockerung anfängt wird allerdings schnell nervig und führt letzten Endes dazu, dass der Plot zerfasert, nachdem er schon keinen Platz bekommen hat, sich zu entfalten.

Was mir außerdem sauer aufstößt ist die Figurengestaltung. Besonders die Figur der Charlotte finde ich – um es nett auszudrücken – ein bisschen daneben. Dadurch, dass das Buch so kurz ist, erfährt man leider relativ wenig über sie, obwohl sie ja doch so etwas wie eine zweite Protagonistin ist. Sie ist blind. Und Neurowissenschaftlerin, die sich hervorragend mit Farben auskennt. Eine bemerkenswert frische Ausgangslage. Allerdings schafft der Autor es, diesen schönen Prototyp von Charakter ansonsten mit Klischees aufzubauschen. Natürlich ist sie schön. Selbstverständlich hat sie den perfekten Körper. Und natürlich lässt sie sich nach nur wenigen Stunden in New York gleich von einem Taxifahrer schwängern, um dann zurück in Paris mit ihrer Tochter allein da zu stehen. Um es also auf den Punkt zu bringen: Gute Idee, miserabel umgesetzt. Und das gilt leider für Vieles in diesem Buch.

Ein kleiner Fakt am Rande:

Der französische Originaltitel des Buches lautet “Les crayons de couleur”, wörtlich übersetzt also: Buntstifte. Durchaus passend, wenn man bedenkt, dass es Buntstifte sind, die vom Band rollen und damit in die Welt der Farben eintauchen lassen. Außerdem ist es ausgerechnet ein pinker Buntstift, der die Handlung ins Rollen bringt.

Mein Fazit:

Dem Buch liegt eine gute Idee zu Grunde. Die Umsetzung hat allerdings gut angefangen und noch stärker nachgelassen. Ein paar Seiten mehr (vielleicht 50 oder 100) hätten dem Buch ziemlich gut getan, um dem Plot mal Zeit zu lassen, sich zu entfalten. Von der Gestaltung her ist das Buch ein auffällig unauffälliger Eyecatcher. Ein weißes Cover mit Farbsprenkeln fällt eben auf. Der Klappentext hat mich neugierig gemacht. Aber insgesamt ist es eher ein erzählendes Sachbuch über Farben, bei dem der Haupthandlungsstrang irgendwie zur Nebensache verkommt. Als Sachbuch? Sehr lehrreich und überzeugend. Als Roman? Na ja. Man hätte deutlich mehr daraus machen können.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 288 Seiten, erschienen bei C. Bertelsmann am 10.04.2018, ISBN: 978-3-570-10346-3

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Der erste Satz

Seit achtundzwanzig Minuten befand sich Lovelace nun in einem Körper, aber es fühlte sich noch kein bisschen weniger falsch an als in dem Augenblick, als sie darin erwacht war.

Zum Inhalt

Nach einem Systemausfall an Bord der Wayfarer ist die KI Lovelace in einem Bodykit gefangen. Von da an muss sich das ehemalige Computerhirn des Tunnlerschiffes mit den Beschränkungen eines menschlichen Körpers herumschlagen. Als wäre die ungewohnt eingeschränkte Wahrnehmung nicht schon schlimm genug, fällt es ihr ziemlich schwer, sich in einer Gesellschaft zurecht zu finden, in der künstliche Menschen verfolgt werden.
Ihre einzige Vertraute dabei ist die Technikerin Pepper, die selbst die Erfahrung machen musste, das Universum von einem Tag auf den Nächsten mit anderen Augen zu sehen.

Das Buch unterteilt sich in zwei Handlungsstränge, die zwar stellenweise miteinander verknüpft sind, ansonsten aber eigenständig bleiben.
Der erste Handlungsstrang – die Haupthandlung – aus Sicht von Lovelace / Sidra setzt direkt nach dem Ende von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” ein. Der zweite Handlungsstrang aus Sicht von Jane setzt etwa 20 GU-Standards vor den Geschehnissen aus Band 1 ein. Theoretisch kann man “Zwischen zwei Sternen” auch lesen, ohne “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” gelesen zu haben. Ich möchte an dieser Stelle allerdings dringend davon abraten, da “Zwischen zwei Sternen” in der selben Welt spielt und dementsprechend die verschiedenen Kulturen mit ihren Gepflogenheiten nur dort erklärt werden, wo es unbedingt nötig ist. Alles weitere am Setting ist in Band 1 nachzulesen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die letzte Seite ganz langsam umgeschlagen, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass das Buch schon zu Ende ist.
  2. Das Buch zur Seite gelegt, weil ich es leider doch komplett gelesen habe
  3. Die Empfehlung bekommen, noch einmal ganz vorne beim zornigen Planeten anzufangen, um die Reise erneut erleben zu können.

Mein Eindruck zu Zwischen zwei Sternen

Das Buch ist ein würdiger Nachfolger für das gefeierte Debüt der Autorin. Auch wenn die letzte Reise mit der Wayfarer schon ein bisschen länger her ist (wie es bei mir der Fall war), findet man sich nach einigen Startschwierigkeiten wieder wunderbar in die Welt ein. Ich muss schon sagen, dass mir – Achtung, nicht über den Spoiler stolpern – Die sympathischste Crew des Universums ein wenig fehlt. Wir begleiten die KI Lovelace, die sich in einem höchst illegalen Bodykit wiederfindet. Zwar hat sie damit den Ausfall der Wayfarer-Systeme überlebt, doch so ein Menschenkörper hat für eine KI eben seine Nachteile.

Stärken des Buchs:

Ich finde, die größte Stärke des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Die Autorin ist sehr geschickt darin, dem Leser die verschiedensten Eindrücke aus der Sicht der verschiedensten Kulturen lebhaft – und authentisch – auszubreiten. Besonders die Beziehungen der Figuren untereinander sind meisterhaft herausgearbeitet. Besonders der erneute “Kulturschock” der Protagonistin gefällt mir sehr gut. Wir erinnern uns: Zu Beginn von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” war es Rosemary, die als Mensch unter “Aliens” zurechtkommen muss. Besonders interessant finde ich an dieser Stelle, dass die Protagonistin in “Zwischen zwei Sternen” eine KI ist. Ich könnte jetzt eine Stunde darüber nachdenken, aber mir würde wahrscheinlich trotzdem kein Buch einfallen, in dem ich schon mal eine KI als Protagonist hatte.
Aus dieser Ausgangslage heraus ist Lovey natürlich ziemlich überfordert, weil ihr so ziemlich alles fremd ist, was sich außerhalb von Computersystemen befindet. Klar, an Bord der Wayfarer hat sie schon Einiges mitgenommen, aber wenn der Körper dann nur ein eingeschränktes Wahrnehmungsfeld hat, ist der Kulturschock – ja, das Wortspiel ist beabsichtigt – vorprogrammiert.

Was mich ein bisschen nachdenklich stimmt

Wo war da eigentlich die Spannung? Ich lese nicht so oft Bücher, in denen 460 Seiten lang kaum Action aufkommt, ohne sie deswegen an die Wand klatschen zu wollen. Deshalb: Ein klarer Plusminuspunkt. Die Autorin liefert ein Buch ab, das den Leser bei der Stange hält, ohne sich viele Gedanken um einen Spannungsbogen oder dergleichen zu machen. Dem einen oder anderen mag das überhaupt nicht gefallen.

Schwächen des Buchs:

Ich finde, die größte Schwäche des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Klingt redundant? Stimmt, hatten wir schließlich schon.
Im Wesentlichen könnte ich hier die Schwächen aufzählen, die Kia in ihrer Rezension zu Band 1 bereits erwähnt hat. Der Plot ist flach, es gibt keinen Showdown und keine spannenden Weltraumschlachten, die Handlung plätschert gemütlich im Hintergrund dahin. Es ist wahnsinnig entspannend, aber da hätte man mehr daraus machen können.
Der Grund, aus dem ich aber die Aufzählung von Stärken und Schwächen identisch begonnen habe: Mir fehlt die Überraschung. Einerseits heißt das, dass die Autorin weiß, wo ihre Stärken liegen und es deshalb vielleicht gar nicht versucht, es anders zu machen. Denn: Never touch a running system. Andererseits hat man aber irgendwie alles schon mal gesehen. Es ist die selbe Welt mit anderen Figuren und aus anderen Augen. Dennoch schwingt da so ein bisschen was von “lauwarmer Aufguss eines bewährten Schemas mit”.

Mein Fazit

Es tut mir wahnsinnig leid, das sagen zu müssen, aber: Ich habe “Zwischen zwei Sternen* gerne gelesen. Für mehr reicht es an dieser Stelle nicht. Es ist zweifelsfrei ein gutes Buch und eine angenehme Reise. Dennoch lässt mich das Ende ein bisschen bangen vor dem, was danach noch kommen mag. Eine einzige Wiederholung des Reiseerlebnisses des zornigen Planeten war es allemal wert. Gerade, weil Sidra eine Protagonistin ist, wie man sie eben nicht reihenweise auf der Straße findet. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele neue Reisen ins Universum der Wayfarer und ihrer Crew ich noch mitmachen möchte. Das ist sehr schade.
Deshalb ist “Zwischen zwei Sternen” eine Reise, die man sehr gerne in positiver Erinnerung behalten möchte. Doch irgendwie ist das Fernweh, das während und nach Band 1 noch ein riesiges Feuerwerk war, zu einem kleinen Funken geworden. Meine Bitte an die Autorin: Ich will mehr solcher Reisen, aber an das Gefühl von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” reicht “Zwischen zwei Sternen” leider nicht heran.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 464 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 25.01.2018, ISBN: 978-3-596-03569-4

Andere Leseeindrücke

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Der erste Satz

»Beginnen wir mit einer schlichten Hypothese: Stellt euch vor, die Welt, in der ihr lebt, ist nicht die einzige, die existiert. Es gibt Millionen Universen, die wie Fäden neben-, unter-, über- und ineinander verlaufen, ohne sich jemals zu berühren.«

Zum Inhalt:

Der Protagonist ist Vanjar Belaquar, ein Weltenwanderer, der für die LOG (L`Organisation Gris) arbeitet, um die paranormale Weltbevölkerung vor dem unwissenden Teil zu schützen. Bisweilen auch andersherum.

Doch wie das so ist, gehen auch in einer Geheimorganisation der paranormalen Gesellschaft Dinge schief und die Reaktivierung eines alten Teams für Sonderermittlungen bringt den Stein eines seltsamen Falls erst so richtig ins Rollen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Hund ausgeführt, um den Showdown am Ende des Buches besser verdauen zu können.
  2. Das Buch zu den anderen Büchern in mein Regal gestellt. Mit dem Cover voran, zu meinen anderen Lieblingsbüchern.
  3. Eine Nacht über das Buch geschlafen, bevor ich mich an die Rezension setzte.

Mein Eindruck zu Narrenlauf:

Ich möchte mich auf diesem Weg noch einmal bei der Autorin bedanken, der ich spätestens seit unserer ersten Begegnung auf dem M’era Luna damit in den Ohren liege, dass ich ihr Buch auf jeden Fall lesen wollte, wenn es erschienen ist. Tja, nun ist der Erscheinungstag endlich da und das – für ein Debüt mit 540 Seiten recht dicke – Buch liegt ausgelesen neben mir.

Schon als ich das Buch in der Hand hielt war ich hellauf begeistert. Nicht nur, dass die Autorin passende Buttons, ein Lesezeichen (Blogger stehen auf solches Klimbim) und einen Beutel guten Schwarztee dazu gelegt hat. Nein, das Buch ist Urban Fantasy und spielt in Paris (die Handlung beginnt zwar in Tokio, aber wir wollen nicht kleinlich sein) statt wie jeder 0815-Urban-Fantasy-Roman in London oder wenigstens in England. Außerdem fällt das Buch in jedem Fantasy-Regal auf. Gefühlt ist es eine Konvention geworden, Fantasycover entweder schwarz (oder wenigstens sehr dunkel) oder sehr farbenfroh zu gestalten. Narrenlauf* hingegen schmückt sich mit einem minimalistisch gestalteten Cover ganz in weiß ohne unnötigen Schnickschnack. In Kombination mit dem Klappentext war es dann auch ziemlich schnell um mich geschehen. Ich gebe es nur zu gerne zu: Carolin, ich bin schon ein bisschen verliebt in dein Buch.

Aber zurück zum Inhalt: Man wird hier relativ sanft in Form einer pseudo-wissenschaftlichen Vorlesung über das Multiversum und Magie eingeführt. Auch wenn man ein paar hundert Seiten braucht, um dahinter zu steigen, was dieser Prolog eigentlich sollte, ist das eine mehr als gelungene Einleitung.

Direkt danach wird die Handbremse mit einem Schwenk in das Gris-Quartier in Tokio direkt zu Vanjar Belaquar ein bisschen gelockert. Und dann passiert erst einmal nichts. Ich war drauf und dran, der Autorin eine nette Nachricht per Twitter zu schreiben, wo denn bitte die Handlung einsetzt. Aber als ich dann tatsächlich bemerkt hatte, dass das was mir fehlte, die Handlung war, war ich auch schon bei Seite 200 angelangt. Im Nachhinein betrachtet bin ich sogar ziemlich froh über die recht ausufernde Einleitung, was für einen ersten Band einer Reihe aber auch völlig in Ordnung ist. Und sobald die Handlung einmal “wirklich” eingesetzt hat, gelangt die Geschichte auch ohne größere Hänger an den Showdown.

Stärken des Buchs:

Bereits das erste Kapitel lässt erahnen, dass man das Buch mit einer gewissen Portion Nerd-Humor nehmen sollte. Allein deshalb war ich schon voll dabei. Außerdem wurde ich von Carolin bereits vorgewarnt, dass es die eine oder andere Anspielung auf Film und Literatur geben wird. Nun, – Achtung Spoiler – das Hauptquartier der L’ Organisation Gris mit der Tardis zu vergleichen, ist schon ein netter Schachzug. Wo wir schon dabei sind: Der äußerliche Aufbau in vier Züge ist äußerst gelungen. Und ja, es könnte vielleicht nicht schaden, die Grundzüge der Schachkunst zu kennen, bevor man sich Narrenlauf zu Gemüte führt. Warum das trotzdem eine Stärke ist? Man kommt auch dann dahinter, wenn man von Schach überhaupt keine Ahnung hat. Ich habe es selbst ausprobiert. Auch in Fußnoten und den Kapitelüberschriften (bzw. deren Datumsangaben) lässt sich eine ordentliche Prise Humor finden. Ja, verdammt, es ist immer noch der selbe Dienstag!

Schwächen des Buchs:

Kommen wir nun zu dem Teil, den ich bei Rezensionen immer relativ ungern schreibe, besonders wenn mir ein Buch an sich gut gefallen hat.

Zwei Dinge – die ich an dieser Stelle bitte unter “Schönheitsfehler” laufen lassen möchte – haben mich beim Lesen dann doch hin und wieder gestört. Zum Einen hat sich das Lektorat den einen oder anderen Patzer erlaubt. So fehlt an mindestens einer Stelle (die ich leider gerade nicht im Kopf habe) ein Wort und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob man an Weihnachten tatsächlich von “Heilig Abend” spricht. Zum Anderen eben die hin und wieder fehlende Handlung. Die Autorin versteht es ziemlich gut, mit Hintergrundinformationen über langatmige Stellen hinweg zu kommen. Aber insgesamt habe ich den diffusen Eindruck, dass man die ganze Geschichte auch in fünfzig Seiten weniger hätte erzählen können. Es wird nicht langweilig, aber der Spannungsbogen ist doch ein bisschen ungleichmäßig verteilt.

Mein Fazit:

Insgesamt war Narrenlauf ein hervorragendes Lese- und Reiseerlebnis, das seinen Platz neben Victoria Schwab (ja, auch meine Lieblingsbücher sind alphabetisch nach dem Nachnamen der Autoren sortiert) redlich verdient hat. Nur leider werde ich irgendwie das Gefühl nicht los, dass Narrenlauf an den typischen Krankheiten eines Debütromans leidet. Für meinen Geschmack vermeidbare Längen und (zum Glück wenige) Fehler, die das Lektorat allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt haben, lassen das Buch haarscharf an meiner persönlichen Bestwertung vorbeischrammen. Von mir gibt es für das Leseerlebnis den Stempel “sehr gutes Debüt” und für den Gesamteindruck (auch und weil ich Hardcover liebe) ein “exzellent, mit Schönheitsfehlern”.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 540 Seiten, erschienen bei Tredition am 18.02.2018, ISBN: 978-3-7439–8482-0

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Ein Kinofilm zwischen Buchdeckeln – Illuminae [Rezension]

Ein Kinofilm zwischen Buchdeckeln – Illuminae [Rezension]

Der erste Satz

Verehrte Geschäftsleitung, hier nun die Datei, die mich fast das Leben gekostet hätte.

Zum Inhalt:

Das Jahr 2575: In der Schule dachte Kady Grant, die Trennung von ihrem Freund Ezra wäre das Schlimmste, das ihr an diesem Tag passieren kann – Bis am Nachmittag ihr Planet angegriffen wird. Aus heiterem Himmel tauchen Kampfraumschiffe eines intergalaktischen Konzerns auf, der sich ohne Rücksicht auf Verluste den Planeten unter den Nagel reißen will. Mit drei Raumschiffen gelingt einem Teil der Zivilbevölkerung die Flucht von Kerenza. Kady und Ezra gelangen dabei auf unterschiedliche Schiffe. Einen feindlichen Zerstörer Lincoln immer dicht auf den Fersen.
Doch damit nicht genug: Auf der Flucht wird die Besatzung von einem mutierenden Virus geplagt, das bei den Angriffen auf Kerenza als biologische Waffe eingesetzt wurde.
Und dann wäre da noch AIDAN, die KI des Schlachtkreuzers Alexander, die von der Sauerstoffversorgung bis hin zu den Atomraketen alles an Bord steuern kann und mehr und mehr den Verstand zu verlieren scheint.

Die ersten Drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mit ganz kleinen Tränen in den Augen einen erleichterten Seufzer ausgestoßen.
  2. Das Buch zugeklappt und das Ende auf mich wirken lassen.
  3. Getwittert, dass ich den höllischen (im positiven Sinn) Ritt hinter mir habe.

Mein Eindruck zu Illuminae:

Illuminae fällt auf. Die erste Überraschung ist sicherlich der halbtransparente Schutzumschlag über dem auch darunter sehr liebevoll gestalteten Cover. Wenn man dann allerdings das Buch eine Weile in der Hand hält und ein bisschen durch die Seiten blättert, schießt nur ein einziger Gedanke in Richtung Cover durch den Kopf: »Wie langweilig«.
Nein, wirklich. Im Vergleich zu den einzelnen Seiten ist die Covergestaltung nahezu langweilig. Seiten in einem Buch sind immer schwarze Schrift auf weißen (okay, cremefarben) Papier? Weit gefehlt. In Illuminae ist jede Seite ein Kunstwerk. Das Buch enthält Chatprotokolle, E-Mails, Berichte und Seiten, auf denen sich der Text nicht an die normale Orientierung in waagerechten Zeilen hält. Dazwischen reihen sich Illustrationen zu den Raumschiffen und Pläne derselben ein.
Illuminae hat – anders als fast alle anderen Romane – keinen durchgehenden Handlungsstrang. Klar, es gibt einen roten Faden, der sich von vorne nach hinten durchzieht. Im Wesentlichen ist Illuminae aber ein riesiges Puzzle, bei dem der Leser nach und nach die einzelnen Teile zugeworfen bekommt und selbst entscheiden muss, was er mit den gewonnenen Informationen anfangen will.

Stärken des Buchs:

Das Buch fällt auf. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Arbeit in der Gestaltung des Buches gesteckt hat. Von der ersten bis zur letzten Seite ist Illuminae mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden. Dieses Buch ist kein Roman, sondern nicht weniger als ein gedruckter Kinofilm (die Filmrechte wurden kurz nach Erscheinen der englischen Originalausgabe verkauft).
Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass Illuminae die Tätigkeit des Lesens auf ein völlig neues Level hebt. Besonders gut gelungen ist dem Autorenduo das Verstricken vieler unterschiedlicher Sichtweisen zu einem großen Ganzen, das sich ziemlich gut weglesen lässt. Besonders spannend sind hier übrigens die Einblicke in die Gedankenwelt von AIDAN, die man besonders zum Ende des Buches bekommt.

Schwächen des Buchs:

Man muss eindeutig dafür gemacht sein und Rätseln zumindest nicht völlig abgeneigt sein. Illuminae ist kein Buch, das man einfach mal so nebenbei liest. Man muss es Seite für Seite aufmerksam verfolgen, um nicht am Ende ein wichtiges Puzzleteil übersehen zu haben.
Was aber wirklich stört ist ein Punkt, den ich schon bei den Stärken angesprochen habe: Die Gestaltung. Es gibt zwischendrin Seiten, die entweder komplett leer sind, nur drei Wörter oder gar nur ein einziges Wort (und das dafür zig Mal) beinhalten. Stellenweise nimmt das Umblättern mehr Zeit in Anspruch als man für das Lesen braucht. Auch Ezras Liebeserklärungen an Kady hätten ein wenig dezenter ausfallen können. Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau und eher ein Abzug in der B-Note.

Mein Fazit:

Selten habe ich ein Buch gelesen, das mich wirklich restlos begeistern konnte. Illuminae ist einer der wenigen Ausnahmefälle. Den zwischenzeitlichen Hype um dieses Buch im deutschsprachigen Bookstagram finde ich durchaus berechtigt. Illuminae* ist ein actionreicher Kinofilm zwischen zwei Buchdeckeln und ein Kunstwerk für sich. Stellenweise hätte man es gestaltungstechnisch ruhiger angehen lassen können, insgesamt stören diese Patzer aber den Gesamteindruck nicht. Illuminae definiert das Lesen neu. Ich bin gespannt, was uns da noch erwartet.
Eine klare Leseempfehlung – nicht nur für eingefleischte Science-Fiction-Fans.


Weitere Informationen:

  • Hardcover 604 Seiten, erschienen bei dtv am 13.10.2017, ISBN: 978-3-423-76183-3

Andere Leseeindrücke:

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

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