Monat: März 2018

Fremdschämen für Fortgeschrittene – Geheimes Verlangen [Rezension]

Fremdschämen für Fortgeschrittene – Geheimes Verlangen [Rezension]

Der erste Satz

Frustriert betrachte ich mich im Spiegel.

Zum Inhalt:


Ana Steele ist schüchtern, unschuldig und hat gerade die Uni abgeschlossen. Bei einem Interview lernt sie den attraktiven, reichen Christian Grey kennen und fühlt sich sofort zu ihm hingezogen. Die magische Anziehung ist beidseitig, doch je näher sie dem charmanten Millionär kommt, desto mehr lernt sie Christians geheime Vorlieben kennen. Zwischen Verstörung und Verliebtheit muss Ana sich entscheiden – und wählt schlussendlich die Lust.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Meine Hirnzellen zählen und ein Verlustgeschäft beklagen.
  2. Die Autorenbeschreibung lesen, um herauszufinden, welcher Mensch so ein Buch schreibt.
  3. Das Buch zurück ins Regal stellen und mich fragen, ob ich jemals das Bedürfnis verspüren werde, die anderen beiden Teile zu lesen, oder ob ich es gleich verschenken soll.

Mein Eindruck zu 50 Shades:

Nun. Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Ich habe den Hype um 50 Shades of Grey* noch nie so richtig verstanden – aber andererseits ist so etwas immer schwer zu beurteilen, wenn man das Buch nicht wirklich gelesen hat. Ich habe mit vielen Menschen darüber gesprochen, sie gefragt, was ihnen daran gefallen hat und was nicht, und wurde nicht so richtig schlau daraus. Manche behaupteten, es sei das erotischte und spannendste, das sie jemals gelesen hatten, andere bezeichneten es als größten Schwachsinn überhaupt. Um herauszufinden, was ich wirklich von dem Buch halten sollte, gab es also nur eine Lösung: Ich musste das Buch selbst lesen.

Geld dafür auszugeben schien mir nicht unbedingt angebracht, also habe ich mir alle drei Teile für genauso viele Euro auf einem Flohmarkt organisiert. Um das Buch tatsächlich ganz zu lesen habe ich sage und schreibe sechs Monate gebraucht – und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich immer ein bisschen Pause gebraucht habe, um meinen Hirnzellen nach dem Lesen Zeit zur Regeneration zu geben. Den Großteil habe ich allerdings im Januar geschafft, nachdem ich mich im Urlaub endlich mal richtig auf die Geschichte einlassen konnte.

Tja. Die Geschichte. Was kann ich euch zu dieser Geschichte erzählen? Ich bin mir nicht sicher. Also ja, es existiert eine Handlung – manchmal deutlicher, manchmal (meistens) weniger deutlich. Ja, es gibt Protagonisten – eindeutig sonderbar, manchmal (selten) nachvollziehbar und in wenigen Bereichen realistisch. Und dann gibt es einen Haufen Erotik – oder das, was manche darunter verstehen wollen.

Stärken des Buchs:

Trotzdem war das Buch nicht ganz “für die Fisch” wie man in Österreich sagt. Als (sehr) anspruchslose Unterhaltung war es sogar gar nicht so unerfolgreich: Ich habe knapp sieben Mal gelacht. Gut, vier Mal, weil das Fremdschämen einen Höhepunkt erreicht hatte, der einfach nicht mehr erträglich war, aber auch drei Mal, weil es wirklich witzig war. Dabei denke ich vor allem an den E-Mail-Verkehr zwischen Ana und Christian, sowohl Anas Hinweise zu Christians Stalkertum als auch Christians Anpassungen der Signatur haben tatsächlich für einige laute Lacher gesorgt.

Ebenfalls bei den Stärken anzuführen ist das umfangreiche Vokabular, das die Autorin verwendet, um sexuelle Erregung, Verlangen, Lust, erotische Handlungen oder die Gefühlswelt der Protagonistin zu beschreiben. Als Nachschlagewerk für besonders kitschige oder schundbehaftete Szenen sind vor allem diverse Sexszenen sehr zu empfehlen; ich habe mir selbst die eine oder andere Formulierung rausgeschrieben.

Schwächen des Buchs:

Alles andere. Klingt nicht sehr differenziert und objeketiv, daher ein kurzer Versuch, es aufzuschlüsseln.
Dem Buch mangelt es an…
a) Handlung: Der Inhalt kann stark reduziert werden auf den Satz “Sie lernen sich kennen und vögeln”. Ansonsten passiert eigentlich nicht viel, außer dass mehrmals (!) der Vertrag mit den sexuellen Vereinbarungen über Seiten hinweg minutiös und Paragraph für Paragraph abgedruckt wird.
b) Spannung: Die ersten 200 Seiten passiert, wie gerade angedeutet, im Grunde genommen einfach nichts (nicht Mal Sex). Mein Lieblingssatz, der das Spannungsniveau wunderbar widerspiegelt: “Junge, Junge, war das aufregend!” – und ja, Ana referiert dabei auf die unerlaubte Verwendung von Christians’ Zahnbürste. Mehr ist nicht.
c) glaubwürdigen Charakteren: Auch hier kann man die Protagonisten auf einen Satz reduzieren. Christian Grey ist ein reicher Stalker mit schlechtem Kleidergeschmack und kaum Hintergrundgeschichte – und nein, “Meine Mutter war eine… und Mrs. Robinson hat…” reicht nicht aus – ; Ana ist gleichzeitig prüde und lasziv (manchmal beides gleichzeitig) und, wenn sie nicht gerade per E-Mail kommuniziert, wunderbar stereotyp und hysterisch.
d) sprachlichem Ausdruck: Als Beispiel für vorbildhafte Schundsprache bietet das Buch wie bereits berichtet doch einiges, wobei allerdings die Lektüre von ca. 20 Seiten ausreicht um das gesamte Vokabular zu kennen. Das ganze ist repetitiv, lebt von den immer gleichen Beschreibungen und bewegt sich vom Niveau her meistens irgendwo zwischen (bitte verzeiht meine Ausdrucksweise) “ficken” und “vögeln”. Literarisch anspruchsvoller wird es – tut mir leid – nicht.

Mein Fazit:

Man kann das Buch lesen. Und zwar unter drei Umständen: Entweder man will endlich auch mal wissen, worüber da immer alle reden. Oder man will die Marktlage recherchieren (ja, Menschen kaufen und lieben das – weiß noch immer nicht, warum). Oder – und dafür gibt es ein halbes Herz in der Bewertung – man will ein amüsantes Level an Fremdschämen erreichen, das nicht nur einem selbst, sondern auch allen, die unfreiwillig den Zitaten lauschen, einen gewissen Unterhaltungswert verspricht. Von der “winzig kleinen Göttin, die ungeduldig mit den Füßen auf den Boden tippt” über das dagegen kunkurrierende “Unterbewusstsein hinter dem Sofa” bis hin zu “Oh vielleicht braucht er zu den Kabelbindern einen Blaumann” und “Oh Gott, er hat mich bestimmt vergewaltigt, obwohl ich noch alle Klamotten anhabe – aber nein, er ist ja doch heiß, deshalb komme ich gleich unter der Dusche”, habe ich das ganze auf vielleicht doch auch ein wenig masochistische Weise manchmal sogar genossen. Insgesamt kommen wir für diese Strand-Unterhaltung daher auf großartige:

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch, 601 Seiten, erschienen bei Goldmann am 30.06.2012, ISBN: 978-3-442-47895-8

Andere Leseeindrücke:

Auch wenn sie besonders oft Fantasy liest, wird prinzipiell jedes Buch gelesen, das unvorsichtig genug war, ihr in die Hände zu gelangen. Nur vor Krimis und Thrillern wahrt Marlen respektvollen Sicherheitsabstand, der sich bei begründetem Spannungsverdacht allerdings sehr schnell verringern kann. Wenn sie nicht gerade liest, haut sie wahrscheinlich gerade eifrig in die Tasten um ihre Roman voranzutreiben und ihre Figuren leiden zu lassen.

Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Kulturschock der anderen Art – Zwischen zwei Sternen [Rezension]

Der erste Satz

Seit achtundzwanzig Minuten befand sich Lovelace nun in einem Körper, aber es fühlte sich noch kein bisschen weniger falsch an als in dem Augenblick, als sie darin erwacht war.

Zum Inhalt

Nach einem Systemausfall an Bord der Wayfarer ist die KI Lovelace in einem Bodykit gefangen. Von da an muss sich das ehemalige Computerhirn des Tunnlerschiffes mit den Beschränkungen eines menschlichen Körpers herumschlagen. Als wäre die ungewohnt eingeschränkte Wahrnehmung nicht schon schlimm genug, fällt es ihr ziemlich schwer, sich in einer Gesellschaft zurecht zu finden, in der künstliche Menschen verfolgt werden.
Ihre einzige Vertraute dabei ist die Technikerin Pepper, die selbst die Erfahrung machen musste, das Universum von einem Tag auf den Nächsten mit anderen Augen zu sehen.

Das Buch unterteilt sich in zwei Handlungsstränge, die zwar stellenweise miteinander verknüpft sind, ansonsten aber eigenständig bleiben.
Der erste Handlungsstrang – die Haupthandlung – aus Sicht von Lovelace / Sidra setzt direkt nach dem Ende von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” ein. Der zweite Handlungsstrang aus Sicht von Jane setzt etwa 20 GU-Standards vor den Geschehnissen aus Band 1 ein. Theoretisch kann man “Zwischen zwei Sternen” auch lesen, ohne “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” gelesen zu haben. Ich möchte an dieser Stelle allerdings dringend davon abraten, da “Zwischen zwei Sternen” in der selben Welt spielt und dementsprechend die verschiedenen Kulturen mit ihren Gepflogenheiten nur dort erklärt werden, wo es unbedingt nötig ist. Alles weitere am Setting ist in Band 1 nachzulesen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Die letzte Seite ganz langsam umgeschlagen, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass das Buch schon zu Ende ist.
  2. Das Buch zur Seite gelegt, weil ich es leider doch komplett gelesen habe
  3. Die Empfehlung bekommen, noch einmal ganz vorne beim zornigen Planeten anzufangen, um die Reise erneut erleben zu können.

Mein Eindruck zu Zwischen zwei Sternen

Das Buch ist ein würdiger Nachfolger für das gefeierte Debüt der Autorin. Auch wenn die letzte Reise mit der Wayfarer schon ein bisschen länger her ist (wie es bei mir der Fall war), findet man sich nach einigen Startschwierigkeiten wieder wunderbar in die Welt ein. Ich muss schon sagen, dass mir – Achtung, nicht über den Spoiler stolpern – Die sympathischste Crew des Universums ein wenig fehlt. Wir begleiten die KI Lovelace, die sich in einem höchst illegalen Bodykit wiederfindet. Zwar hat sie damit den Ausfall der Wayfarer-Systeme überlebt, doch so ein Menschenkörper hat für eine KI eben seine Nachteile.

Stärken des Buchs:

Ich finde, die größte Stärke des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Die Autorin ist sehr geschickt darin, dem Leser die verschiedensten Eindrücke aus der Sicht der verschiedensten Kulturen lebhaft – und authentisch – auszubreiten. Besonders die Beziehungen der Figuren untereinander sind meisterhaft herausgearbeitet. Besonders der erneute “Kulturschock” der Protagonistin gefällt mir sehr gut. Wir erinnern uns: Zu Beginn von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” war es Rosemary, die als Mensch unter “Aliens” zurechtkommen muss. Besonders interessant finde ich an dieser Stelle, dass die Protagonistin in “Zwischen zwei Sternen” eine KI ist. Ich könnte jetzt eine Stunde darüber nachdenken, aber mir würde wahrscheinlich trotzdem kein Buch einfallen, in dem ich schon mal eine KI als Protagonist hatte.
Aus dieser Ausgangslage heraus ist Lovey natürlich ziemlich überfordert, weil ihr so ziemlich alles fremd ist, was sich außerhalb von Computersystemen befindet. Klar, an Bord der Wayfarer hat sie schon Einiges mitgenommen, aber wenn der Körper dann nur ein eingeschränktes Wahrnehmungsfeld hat, ist der Kulturschock – ja, das Wortspiel ist beabsichtigt – vorprogrammiert.

Was mich ein bisschen nachdenklich stimmt

Wo war da eigentlich die Spannung? Ich lese nicht so oft Bücher, in denen 460 Seiten lang kaum Action aufkommt, ohne sie deswegen an die Wand klatschen zu wollen. Deshalb: Ein klarer Plusminuspunkt. Die Autorin liefert ein Buch ab, das den Leser bei der Stange hält, ohne sich viele Gedanken um einen Spannungsbogen oder dergleichen zu machen. Dem einen oder anderen mag das überhaupt nicht gefallen.

Schwächen des Buchs:

Ich finde, die größte Schwäche des Buchs ist, dass Becky Chambers ihrer Linie treu bleibt. Klingt redundant? Stimmt, hatten wir schließlich schon.
Im Wesentlichen könnte ich hier die Schwächen aufzählen, die Kia in ihrer Rezension zu Band 1 bereits erwähnt hat. Der Plot ist flach, es gibt keinen Showdown und keine spannenden Weltraumschlachten, die Handlung plätschert gemütlich im Hintergrund dahin. Es ist wahnsinnig entspannend, aber da hätte man mehr daraus machen können.
Der Grund, aus dem ich aber die Aufzählung von Stärken und Schwächen identisch begonnen habe: Mir fehlt die Überraschung. Einerseits heißt das, dass die Autorin weiß, wo ihre Stärken liegen und es deshalb vielleicht gar nicht versucht, es anders zu machen. Denn: Never touch a running system. Andererseits hat man aber irgendwie alles schon mal gesehen. Es ist die selbe Welt mit anderen Figuren und aus anderen Augen. Dennoch schwingt da so ein bisschen was von “lauwarmer Aufguss eines bewährten Schemas mit”.

Mein Fazit

Es tut mir wahnsinnig leid, das sagen zu müssen, aber: Ich habe “Zwischen zwei Sternen* gerne gelesen. Für mehr reicht es an dieser Stelle nicht. Es ist zweifelsfrei ein gutes Buch und eine angenehme Reise. Dennoch lässt mich das Ende ein bisschen bangen vor dem, was danach noch kommen mag. Eine einzige Wiederholung des Reiseerlebnisses des zornigen Planeten war es allemal wert. Gerade, weil Sidra eine Protagonistin ist, wie man sie eben nicht reihenweise auf der Straße findet. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele neue Reisen ins Universum der Wayfarer und ihrer Crew ich noch mitmachen möchte. Das ist sehr schade.
Deshalb ist “Zwischen zwei Sternen” eine Reise, die man sehr gerne in positiver Erinnerung behalten möchte. Doch irgendwie ist das Fernweh, das während und nach Band 1 noch ein riesiges Feuerwerk war, zu einem kleinen Funken geworden. Meine Bitte an die Autorin: Ich will mehr solcher Reisen, aber an das Gefühl von “Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten” reicht “Zwischen zwei Sternen” leider nicht heran.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 464 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 25.01.2018, ISBN: 978-3-596-03569-4

Andere Leseeindrücke

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Die sympathischste Crew des Universums – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten [Rezension]

Die sympathischste Crew des Universums – Der lange Weg zu einem kleinen, zornigen Planeten [Rezension]

Der erste Satz

Als sie in der Kapsel die Augen aufschlug, erinnerte sie sich an dreierlei.

Zum Inhalt:


Rosemary kommt vom Mars auf die Wayfarer – ein abgewracktes, aber zweckmäßig funktionierendes Schiff. Unter Captain Ashby arbeiten dort nicht nur Menschen, sondern Angehörige unterschiedlicher Spezies, um mit dem Tunnlerschiff Wurmlöcher in den Raum zu stoßen. Rosemary arbeitet als Verwaltungsassistentin und durch die Einstellung einer solchen qualifiziert Ashby sich und seine Crew dazu, einen großen Auftrag anzunehmen. Eine lange Reise beginnt.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Ich habe gelächelt
  2. Das Bild von Sissix ging nicht aus meinem Kopf raus
  3. Ich habe Florian, der gerade “Zwischen zwei Sternen” las, gefragt, ob Lovey darin vorkommt.

Mein Eindruck zu Der lange Weg zu einem zornigen Planeten:

Dieser Roman von Becky Chambers ist gut zu lesen und die perfekte Methode, mich als Weltraum-Muffel an Science Fiction mit Raumschiffen heranzuführen. Ich kann interplanetarische Kriege nicht leiden, halte Star Wars, Star Trek und ähnliches für affig und redundant, und mit Aliens braucht man mir gar nicht erst kommen. In “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten* geht es zwar um Raumschiffe und Aliens, aber auf eine sehr sympathische Weise. Die Crew auf dem Tunnlerschiff macht nur ihren Job, und Kriege geschehen irgendwo in der Ferne – damit haben die Leute an Bord der Wayfarer nichts zu tun. Becky Chambers hat mir gezeigt, dass Science Ficiton mit Raumschiffen unfassbar sympathisch und spaßig sein kann und ich bin sehr, sehr dankbar, dieses Buch zum Geburtstag im letzten Dezember geschenkt bekommen zu haben.

Stärken des Buchs:

Die größte Stärke von “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” ist definitiv die Crew. Dr. Koch ist das sympathischste Wesen, das ich jemals getroffen habe, und auch die Charaktere von Ashby, Corbin, Sissix, Rosemary, Lovey, Jenks und Kizzy sind äußerst schlüssig. Jeder hat so seine Eigenheiten, ohne dass man das Gefühl hat, die Figuren würden nur existieren, damit sie irgendeine Rolle erfüllen oder damit Becky Chambers konträre Charaktere einbauen könnte. Die gesamte Crew ist lustig, schlüssig und sympathisch. Auch die Beziehungen untereinander werden mit liebevollen Details und durch herausragende Dialoge unterstrichen, so dass sie alle noch lebendiger wirken.

Eine weitere Stärke ist, wie die Autorin das Geheimnis um Rosemary anreißt. Es wird hervorragend angedeutet und kaum vergisst man es beim Lesen, kommt eine weitere Schlinge, die den Leser an den Plot erinnert.

Informationen über beispielsweise die KI als vernunftbegabtes Individuum oder das Sianatpaar mit seinem Flüsterer und der schwierigen Kultur hinsichtlich einer alles entscheidenden Frage in der Gestaltung des Sianat-Lebens werden an den richtigen Stellen eingeworfen. Ich habe zu jedem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, dass Infodumps und Beschreibungen relevant waren. Eine klare Stärke: Das Buch lässt sich flüssig lesen und ist “rund”.

Unter’m Strich macht es einfach Spaß – richtigen Spaß –, dieses Buch zu lesen. Ich habe es sehr genossen und möchte noch einmal betonen, dass die Figuren und Beziehungen so dermaßen gut sind, dass die doch zahlreichen Schwächen, die ich im Folgenden dieser Rezension aufzählen werde, diese Stärke nicht aufwiegen können.

Eine neutrale Information:

Etwa gegen Seite 109 wird in einem gefühlt ewigen Dialog erklärt, wie Wurmlöcher funktionieren. Ich halte diese Erklärung für ziemlich schwierig formuliert und weiß nicht, ob ich den Text verstanden hätte, wenn ich nicht vorher schon gewusst hätte, was die Autorin an dieser Stelle sagen wollte. Wer nicht zufällig ohnehin nerdiger Fan von Astronomie ist, könnte ein paar Schwierigkeiten bekommen.

Schwächen des Buchs:

Es braucht ein wenig, bis man ins Buch reinkommt. Erst ab etwa 30 – 60 Seiten kam ich in die Welt hinein, was bei einer solch anderen Welt im Vergleich zu unserer und den vielen unterschiedlichen Spezies absolut verständlich und in Ordnung ist. Dennoch erachte ich den Anfang von “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” als ungelenk geschrieben. Die Charaktere wurden zu sehr im Infodump eingeführt und ich wollte mir zunächst kaum die Mühe machen, mir die Namen und Spezies zu merken. Nach den besagten Seiten funktioniert das aber fast von allein, daher geht diese Schwäche nicht so sehr ins Gewicht. Bleibt einfach dran; auch die unkommentierten bzw. nicht erklärten technischen Geräte leuchten dem Leser irgendwann einfach ein.

Eine weiter Schwäche ist der Plot. In “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” ist der Plot relativ flach, es passiert eher wenig und die Stärken der Autorin liegen ganz klar im Weltenbau und im Charakterdesign. Es hat mich beim Lesen nicht gestört, aber erwartet bitte keinen unendlich spannenden Showdown am Ende, bei dem eine wahnsinnige Epiphanie die Persönlichkeiten und Leben der Charaktere verändert. Müsste ich den Plot mit Musik vergleichen, wäre “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” eher angenehme Hintergrundmusik als eine mitreißende Symphonie mit  herunterbrechendem Finale am Ende.

Darüber hinaus sind mir die Kapitel zu lang. Ich hätte es schön gefunden, wenn pro Kapitel nur eine Perspektive eingenommen wird; denn das hat ab und zu zu Stolperern geführt. Es war mir häufig nicht möglich, ein Kapitel vor dem Schlafengehen zu lesen, weil es zu lang war und ich mitten drin unterbrechen musste.

Die letzte Schwäche, die ich ansprechen möchte, betrifft das deutsche Korrektorat der Übersetzung. Man merkt, wenn man aufmerksam liest, dass die deutschen Mitarbeiter schnell fertig werden wollten. Da war wohl eine Frist recht fortgeschritten, sodass sämtliche das-dass-Fehler (vier an der Zahl) im letzten Sechstel (!) des Buches vorkommen. Was mit ausgezeichneter Orthografie und Grammatik beginnt, schwächelt am Ende immer mehr, und das empfinde ich als äußerst schade.

Mein Fazit:

Kennst du das, wenn man einfach nur verliebt ist, ohne dass es dazu gute Gründe gibt? So geht es mir mit diesem Buch. Ich habe mehr Schwächen als Stärken aufgelistet, aber ich bin einfach in dieses Buch verliebt. Ich bin sehr glücklich, dieses Buch gelesen zu haben. “Der lange Weg zu einem zornigen Planeten” hat mir sehr viel Spaß gemacht, obwohl ich bevorzugt eher Science Fiction ohne Raumschiffe lese. Zum entspannten Entwicklung einer Lesesucht ist dieser Roman definitiv hervorragend geeignet.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 544 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor am 27.10.2016, ISBN: 978-3-596-03568-7

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Dümmliche Trulla trifft auf Fehlerflut – Hummeln fliegen auch bei Regen [Rezension]

Der erste Satz

Mama? Kannst du kommen?

Zum Inhalt:


Hannah ist depressiv, übergewichtig, geschieden und hat eine ausgeprägte Angststörung. Sie erbt Geld von ihrer Großmutter, sodass sie es sich leisten kann, ihr Leben sich selbst zu widmen und gesund zu werden. Sie reist nach Mallorca, um dort Urlaub allein zu machen, da sie das als Kind mal in ein Wünschebuch geschrieben hat. Dort trifft sie auf Beate, eine Dame, die nichts anderes zu tun hat, als Hannah auf den Geist zu gehen und dadurch das Leben der Depressiven positiver zu gestalten.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Kopf geschüttelt
  2. “Endlich” gesagt, da ich mich endlich getraut habe, das Buch abzubrechen
  3. Mich schnell mit etwas anderem beschäftigt

Mein Eindruck zu Hummeln fliegen auch bei Regen:

Hummeln fliegen auch bei Regen ist die unglaubwürdigste, flachste und redundanteste Geschichte, die ich seit “Alle Vögel unter dem Himmel” gelesen habe. Da das Buch das Thema Depressionen, Angststörung und Übergewicht behandelt, ist es neben der Tatsache, dass ich es als außerordentlich schlecht empfinde, zudem noch eine Beleidigung an alle Leserinnen und Leser, die sich ernsthaft mit den Themen auseinandersetzen wollen.

Stärken des Buchs:

Inhaltlich ist dieser Roman wirklich nett. Zumindest auf den ersten Seiten. Der Einstieg scheint sich zu lohnen, die ersten fünfzig Seiten ziehen den Leser in ein Geschehen und ein Setting, das ist in erster Linie etwas Gutes. Dass Geschehen und Setting nicht warm werden und es mit der Qualität des Buches stetig bergab geht, steht auf einem anderen Blatt.

Am Anfang macht das Buch wirklich Spaß. Und er bestürzt. Als Depressive weiß ich sehr gut, was die Protagonistin durchmacht und bin auch darüber informiert, dass die Autorin selbst an Depressionen leidet oder gelitten hat. Zu Beginn war ich über mich selbst bestürzt, da ich diese Situationen und mich selbst wiedererkannte. Die Sicht von außen auf sich selbst zu haben ist ein schöner Spiegel, der natürlich gewissermaßen schmerzt. Vor allem die ungeduldigen, idiotischen Angehörigen hat Andrea Kraft beim Schreiben ihres Romans hervorragend getroffen und damit ein kleines Tabu gebrochen. Sehr gut!

Das Joggen-Gehen ist schön dargestellt und einige Sätze findet man, die wirklich herausragend sind. Schöne Worte, gute Qualität – eben leider in einem Meer aus Stuss und Schwachsinn.

Mangelhafte Recherche:

Die mangelhafte Recherche der Autorin hat es nicht in die “Schwächen”-Liste geschafft, da sie gesondert dargestellt werden soll. Macht also bitte Platz für einen Rant der Rezensentin. Wer schreibt bitte darüber, wie man zum ersten Mal im Leben eine Feige isst, wenn man noch nie selbst eine Feige in der Hand gehalten zu haben scheint? Eine Feige schmeckt widerlich, wenn man sie vorsichtig von außen anknabbert und sich nur das weiße Bett einverleibt, in das das rote, süße Fruchtfleisch eingelassen ist. Abgesehen davon, dass ich es für absolut unrealistisch halte, dass eine 35-jährige Frau noch nie eine Feige gesehen oder probiert hat, ist diese Szene wirklich absurd schlecht geschrieben. Eine Feige wird aufgeschnitten und ausgelöffelt. Meinetwegen auch mit Honig bestrichen und dann abgebissen, aber niemand knabbert die nicht verzehrbare Schale an und sagt: “mhh, so schmecken Feigen also, lecker!”.

Außerdem ist die Protagonistin dick. Übergewichtig. Ihr Body Mass Index (BMI) ist so hoch, dass sie nicht einmal joggen gehen darf. So sagt es eine besserwisserische, aber sicher nicht im Unrecht stehende Freundin der Protagonistin. Dieser BMI ist bei einem Wert von 30 erreicht, ab welchem man adipös, also krankhaft fettleibig ist. Das ist vollkommen okay – ich mag übergewichtige Protagonisten und lese gerne über das Thema, das ist wichtig. Aber wieso zum Geier glaubt Andrea Kraft, dass ein derart übergewichtiger “Moppel”, wie Hannah sich selbst bezeichnet, weinend in die Dusche kauert und ihre Bene umschlingt? Jeder, der einen Bauch hat, weiß, dass das eine unbequeme Haltung ist und anatomisch für krankhaft übergewichtige Adipöse mit einem BMI über 30 schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Solche Kleinigkeiten ignoriert die Autorin – und stören mich daher umso mehr.

Als dritte mangelhafte Recherche möchte ich anmerken, dass Hummeln fliegen können. Sie sind nicht nur doof und wissen nicht, dass sie nicht fliegen können und fliegen trotzdem – sorry, was ist das für ein Bullshit? Hat die Autorin jemals einen Zeppelin gesehen? Der hat gar keine Flügel und wird nicht so romantisiert wie dieses arme, gemobbte Wesen, das selbstverständlich fliegen kann. Die Flügel erzeugen Auftrieb, indem sie Wirbel verursachen. Bei bis zu 200 Flügelschlägen pro Sekunde gibt die Hummel sich ganz schön Mühe. Dann einfach zu sagen, sie sei dumm und wisse nicht, dass sie gar nicht fliegen könne, ist gemein. Scherz beiseite – ich mag es schlichtweg nicht, dass die Autorin solchen Humbug einfach in ihr Manuskript übernimmt und darüber schreibt, ohne selbst mal ein paar Minuten darüber nachgedacht zu haben.

Schwächen des Buchs:

Die Kommasetzung ist eine Katastrophe. Der Schreibstil auch. Bei “Hummeln fliegen auch bei Regen” handelt es sich um einen Titel, der im Selfpublishing seit 2014 wohl schon Erfolg hatte und im Februar 2018 seinen Weg in einen Verlag gefunden hat. Es handelt sich hierbei nicht um ein literarisches Werk, nicht um eine durch den Goldmann-Verlag überdachte schriftstellerische Leistung, sondern um ein Produkt, das sich gut verkauft und wovon der Verlag etwas abhaben wollte. Das merkt man beim nichtvorhandenen Lektorat, beim langweiligen Plot und bei den zahlreichen Fehlern.

Auf den ersten fünfzig Seiten findet man bereits zwei das-dass-Fehler. Pro Buchseite springt mir mindestens ein Kommafehler entgegen und manchmal schreibt man das höfliche “Sie” eben klein. Und auch sonst merkt man dem Schreibstil an, dass er monoton und lieblos ist. Manchmal vergisst die Autorin die Grammatik vollkommen. Mitten im Satz werden die Kräfte des Dudens ausgehebelt und geschrieben, als gäbe es ihn nicht.

Besonders nervig finde ich den Schreibstil, der sich inflationär an grammatikalischen Wundern bedient wie “Erstmals nahm ich die Umgebung zur Kenntnis, kein Wunder, plagten mich bei der Anreise andere Sorgen.” (S. 135) Diese Umstellung kann man wirkungsvoll einsetzen, aber wenn es gefühlt alle hundert Wörter vorkommt, nervt es einfach nur.

Die Protagonistin weint viel. Aber statt Einblick in die Seele einer zerstörten, labilen Depressiven zu geben, wird beiläufig erwähnt, dass sie vielleicht wieder weint und es selbst nicht weiß. Diese Abstumpfung könnte in ihrer Absurdität für tiefe Botschaften verwendet werden, aber die Autorin hat sich keinerlei Mühe gemacht, der Protagonistin Hannah irgendwas Nachvollziehbares zu geben.

Dann ist da noch er. Der kursiv gedruckte Typ, der nicht Ben, der frisch geschiedene Exmann von Hannah ist, über den wir auch nicht viel erfahren, bevor ich das Buch empört über die Grauenhaftigkeit des Schreibens abbrechen musste. Aber Hannah zeigt auf Young Adult Niveau, dass es nur um ihn geht. Er hat ihr Leben verändert, wie auch immer das geschehen sein soll. Die Tussi macht sich abhängig von irgendwelchen Typen, und kaum ist Ben, der Exmann, der ihr Herz so sehr gebrochen hat, mal nicht Thema, geht es um ihn. Wenigstens so lange, bis es um Lukas geht, der Hannah in der ersten Schulklasse, also vor etwa 29 Jahren, wichtig gewesen ist. Lukas sitzt nur zu Hause und wartet darauf, dass Hannah ihm E-Mails schreibt. Da er der einzige Mann ist, der ihr Aufmerksamkeit schenkt – ganz im Gegensatz zu unserem geheimnisvollen “er” –, ist er natürlich plötzlich die Liebe des Lebens und alle Gedanken müssen sich um Lukas drehen. Außer, sie denkt mal kurz an ihn, dann existiert Lukas natürlich nicht. Wird Hannah langweilig, wird eben wieder geheult oder mit Beate gesprochen.

Ach ja, Beate. Beate Sommer. Über diese Dame muss ich in dieser Rezension zu “Hummeln fliegen auch bei Regen” ein paar Worte verlieren. Auf dem Weg nach Mallorca trifft Hannah auf Beate. Sie ist 78 Jahre alt und sitzt zufällig neben ihr im Flieger. Auf eine arrogante, widerwärtige Weise urteilt sie über die 35-Jährige, erzählt ihr ungefragt etwas übers Leben und stalkt sie anschließend. Hannah wundert sich nicht, dass Beate nichts anderes auf Mallorca tut als Hannah zu verfolgen und in ihrer Finca aufzusuchen. (Hat die Autorin Andrea Kraft schon mal etwas über Datenschutz gehört?) Beate verbringt ihre Zeit auf Mallorca damit, Hannah auf den Kranz zu gehen und ihr das Leben zu erklären – dabei ist Beate lediglich Mittel zum Zweck. Als Person ist sie null charakterisiert. Sie hat keine eigene Geschichte, keine nennenswerte Vergangenheit und keine Charakterzüge. Im Grunde ist diese Person nur ein Skelett des Dialogs. Dazu da, die Epiphanie der Protagonistin anzustoßen und ihr irgendwas zu tun zu geben. Wäre ich Hannah, hätte ich dieser hobbylosen Stalker-Oma schon am ersten Tag, als sie bei einer Heulattacke plötzlich in der Finca vor der Badezimmertür stand (wtf?!?) die Meinung gegeigt. Hier ist die Protagonistin Hannah allerdings schlüssig gestaltet: Sie hat keine Meinung. Und das konsequent. Leider hat sie neben der Meinungslosigkeit außerdem weder Charakter noch Gefühle.

Ach so, und da ich noch nicht genug Schwächen aufgezählt habe, muss ich noch etwas zum Buch als physisches Objekt sagen. Es ist scharf geschnitten, die Ecken stechen in die Hand beim Lesen und hinterlassen schmerzende Eindrückstellen. Ich habe mich selten so oft beim Lesen verletzt. Der Buchblock ist in einen Umschlag aus billigster Pappe gesteckt, die ich fortan Memory-Pappe nenne: Hast du das Buch einmal aufgeschlagen, merkt sich der Buchdeckel das und bleibt fortan für immer aufgeklappt.

P.S.: Wenn eine Protagonistin leckeren Käse isst, dann aber erfährt, dass es Ziegen- und kein Kuhkäse ist und ihn fortan eklig (also doch lecker, aber wegen der Ziege einfach nur eklig) findet, kann sie nur unsympathisch sein. Wieso sollte irgendjemand etwas gegen Ziegenkäse haben, obwohl er gut schmeckt?!

Mein Fazit:

Wer Lust auf eine undurchdachte, flache Geschichte hat, die Seite um Seite immer schlechter wird und sich selbst zerfasert und verliert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Undurchdachte Charaktere, unglaubwürdige Dialoge und redundantes, oberflächliches Geschwafel gehören definitiv zu den Stärken der Autorin. Ich werde nie wieder ein Buch von ihr anfassen und befördere “Hummeln fliegen auch bei Regen* auf meinen Aussortier-Stapel. Dieser Roman hat es leider nicht einmal ins dauerhafte Inventar meines Bücherregals geschafft. Das bricht mir immer wieder das Herz, weshalb ich für dieses Buch lediglich eines von fünf Herzen übrig habe.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen beim Goldmann Verlag am 19.02.2018, ISBN: 978-3-442-22218-6

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Die deideste Abwärtsspirale ever – Die Optimierer [Rezension]

Die deideste Abwärtsspirale ever – Die Optimierer [Rezension]

Der erste Satz

Samson ließ das Lenkrad los und blickte nach draußen.

Zum Inhalt:


Samson Freitag ist ein Lebensberater. Die Geschichte spielt im viel zu heißen Spätsommer 2052, Samson ist wohnhaft in München, BEU. Die BEU ist die Bundesrepublik Europa, die sich vom Rest der Welt abgeschottet hat. Samson hat 980 Sozialpunkte. Für jede Wohltat erhält man welche. Die Lebensberatungen, die er durchführt, helfen der Gesellschaft ebenfalls und bringen ihn immer näher an die 1.000. Mit der Begrüßung “Jeder an seinem Platz!” tritt er bei Martina Fischer ein, die er für ihre zukünftige Arbeitsstelle beraten soll. Wer eine Lebenberatung per Unterschrift auf dem Vertrag annimmt, verpflichtet sich, das Beratungsergebnis anzunehmen. Bei Martina lautet die Empfehlung “Kontemplation”, was bedeutet, dass sie mit ihrem Bedingungslosen Grundeinkommen machen kann, was sie will, solange sie arbeitslos bleibt und keinem anderen einen Arbeitsplatz wegnimmt. Das findet Frau Fischer ganz und gar nicht deide1. Er geht seiner Arbeit nach, obwohl er von der Kommunikationslinse, einer modernen Form der Brillen mit integriertem Web-Portal, Gesichtsscanner, Navi, Messengern und allem, was dazugehört, Augen- und Kopfschmerzen bekommt. Seine Freundin ist eher mies und genervt drauf, sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, und seine Beförderung, die beim Erreichen von 1000 Sozialpunkten winkt, rückt plötzlich in die Ferne, weil nichts mehr läuft wie es eigentlich soll.

1 Deide ist ein Wort, das im Jahr 2052 als Ausdruck für “cool”, “nice” oder ähnliche Wörter verwendet wird.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Klappentext erneut gelesen
  2. Halbseitig gegrinst und einige tiefe Atemzüge genommen
  3. In den letzten Kapiteln geblättert und einige Passagen nochmal gelesen

 

Mein Eindruck zu Die Optimierer:

Die Utopie “Die Optimierer* habe ich eigentlich eher zufällig recht weit oben im Regal meiner Lieblingsbuchhandlung gefunden. Am Samstag um 17 Uhr tauschte ich es gegen runde zehn Euro ohne Wechselgeld, am Montag um 13:30 Uhr hatte ich es ausgelesen. Seit Ready Player One habe ich keine 100 Seiten mehr an einem Tag gelesen. Die Optimierer habe ich für meine Verhältnisse in Bestzeit gelesen, und ich war durch und durch süchtig nach dem Buch. Meine Faszination grenzt schon an Fanatismus, so sehr bin ich von diesem Buch begeistert. Daher zügele ich mich gerade beim Schreiben dieser Rezension zu “Die Optimierer”, um nicht zu viel zu verraten. Der Schreibstil ist glatt und rund, man ahnt nicht, dass es sich um ein Debüt handelt. Der Plot und die Welt im Jahr 2052 sind schlüssig, nicht komplett unrealistisch (wobei eine Jahreszahl hundert Jahre in der Zukunft der Sache mit den Robotern mehr Glaubwürdigkeit verliehen hätte) und spannend. Kurz vor dem Ende habe ich geahnt, was kommen wird. Die kleinen Details, die die Autorin eingestreut hat, um auf die Auflösung hinzuweisen, habe ich größenteils wahrgenommen, aber ich wette, wenn ich das Buch noch einmal lesen würde, würden mir zwischen Seite 260 und 304 sicherlich noch mehr Hinweise auffallen, die die Spannung maßlos in die Höhe treiben. Die Optimierer ist ein hervorragendes Buch. Grandios. Wow.

Stärken des Buchs:

Wo soll ich bei den Stärken von “Die Optimierer” anfangen? Die ersten 25 Buchseiten habe ich noch in der Buchhandlung weggesnackt. Nachdem mich Cover und Rückentext beeindruckt haben, kam ich nach den ersten meiner Meinung nach ziemlich schwachen fünf Seiten voll in der Handlung an. Was bei Zukunftssetting und einem ausgeklügelten Gesellschaftsmodell meist um die dreißig bis fünfzig Seiten braucht, ging enorm schnell. Die ersten Seiten empfinde ich als schwach, weil sich der Schreibstil der Autorin meiner Meinung nach über die gesamten 304 Seiten des Romans verbessert. Insgesamt wird die Handlung immer spannender, die Konflikte packender und das automatische Kopfkino beim Lesen lebendiger, je mehr man beim Lesen voranschreitet.
Eine deutliche Stärke sind dabei die kurzen Kapitel. Mit 52 Kapiteln haben diese eine Durchschnittslänge von weniger als sechs Seiten, so dass ich nach jedem einzelnen Kapitel dachte: “Eines lese ich noch, ist doch nur ganz kurz.” Dass ich durch diese Nur-noch-fünf-Minuten-Mentalität das gesamte Buch in weniger als 48 Stunden verputzt habe, spricht für sich. Die kurzen Kapitel sorgen aber nicht dafür, dass Sinnabschnitte zu früh unterbrochen werden oder die Welt drumherum zu kurz kommt, im Gegenteil: Alles hat seinen Platz. Es hat knappen Platz, der aber durchaus ausreichend ist.
Dennoch habe ich durch die Bank weg den Wunsch gehabt, dass das Buch mindestens 700 Seiten hat. Schon ab Seite 100 hab ich bedauert, ein Drittel des Buches ausgelesen zu haben und ich wollte es mir aufteilen wie eine Tafel Schokolade, die dann mir nichts dir nichts doch irgendwie verschwindet.
Die Welt, die Theresa Hannig um die Bundesrepublik Europa erbaut hat, erscheint mir extrem gut durchdacht. Die negativen Folgen eines Bedingungslosen Grundeinkommens, die Sicht der Schüler, die in die Generation der Optimalwohlgesellschaft auf die Vergangenheit und sämtliche technische Errungenschaften erscheinen mir realistisch. Ich habe kein einziges Plothole und keine Logikfehler gefunden. Die Welt saugt den Leser in sich auf, und man will in das Buch kriechen und selbst zu dieser Gesellschaft gehören (und einiges besser machen als Samson Freitag).
Der Schüler, an den ich beim Verfassen des letzten Absatzes denke, wird für seine sechzehn Jahre ziemlich doof dargestellt. Seine Artikulation lässt vermuten, dass ihn Schule kaum interessiert und er eher zu den Dummen gehört. In einer glattgebügelten utopischen Welt, in der es darum geht, jedem einen perfekten Arbeitsplatz zuzuordnen, ist es durchaus wichtig, auch solche Menschen zu berücksichtigen. Was von der Autorin eigentlich nur als Methode diente, über die Geschichte der BEU zwischen 2016 und 2052 zu referieren, erschien realistisch und hat die Umstände, unter denen die Bürger im Jahr 2052 in “Die Optimierer” leben, solide untermauert.
Auch im übrigen Roman passt die Weltenbeschreibung perfekt zur Handlung. Alles, was beschrieben wird, ist aus Sicht des Protagonisten auf irgendeine Art und Weise relevant und alles, wovon ich beim Lesen mehr wollte, kam im nächsten Absatz auf dem Silbertablett serviert.
Kurz vor dem Ende geschieht ein Plottwist, der mich ein bisschen an die Dystopie “Infiziert” von Elenor Avelle erinnert hat. Der Handlungsstrang wird hart abgebrochen, der Protagonist kommt in eine andere Umgebung und der Leser wird maximal verwirrt. Diese Verwirrung hat das Finale eingeleitet und in einem grandiosen Ende sämtliche Handlungsstränge und offenen Rätsel der vorherigen 260 Seiten aufgegriffen und erklärt.
Außerdem endet der Roman – okay sorry, der Spoiler muss sein – mit einer Frage. Wie genial ist das denn bitte? Ich erkläre mich hiermit offiziell zum Fangirl.

Eine neutrale Information:

Sexszenen sind in “Die Optimierer” sehr ausführlich beschrieben. Obwohl ich geschriebene Erotik nicht mag, sind die Szenen angenehm geschrieben, auch wenn sie für meinen gefühlten Genredurchschnitt zu ausführlich sind (eine bis zwei Buchseiten geht es mehrmals voll zur Sache). Wer eine Aversion gegen detailierte Erotik hat, würde diesem Buch definitiv Abzüge in der Gesamtbewertung geben. Ich persönlich konnte mich mit dem Sexualverhalten der Charaktere abfinden, fühlte mich nicht gestört und empfand die Sexszenen insgesamt als plot- und weltrelevant und sinnvoll. Daher ignoriere ich hinsichtlich der Gesamtwertung, dass es eigentlich zu viel für meinen Geschmack ist. Dennoch ist es mir wichtig, diese Information im Buch unterzubringen.
Darüber hinaus befindet sich im ersten Drittel des Buches die typische Spiegel-Szene. Das Äußere des Protagonisten Samsons wird beschrieben, indem er sich selbst im Spiegel ansieht. Für meine Autorenkollegen ist das sicher eine nette Info am Rande 😉

Schwächen des Buchs:

Willkommen zum Meckern auf hohem Nivaeu. Auch, wenn “Die Optimierer” meine erste 5-Sterne-Bewertung in der Weltenbibliothek und für mich auch die erste Höchstwertung im Jahr 2018 hervorgerufen haben, möchte ich die Schwächen herausstellen.
Zu meinem Erstaunen enthält das Buch ziemlich viele Kommafehler. Für das, was ich von Bastei Lübbe gewohnt bin, sind sie mir recht häufig aufgefallen. Ausgerechnet auf den letzten Seiten findet sich ein fetter Das-Dass-Fehler, der mir sauer aufgestoßen ist.
Die Motivation des Protagonisten, alles haargenau zu machen, ist nicht 100 %-ig sauber herausgearbeitet worden. Durch mehr Information über den Spleen des Protagonisten oder über seine Bedeutung von Genauigkeit, weshalb der Kernkonflikt überhaupt ins Rollen kommt, hätten der Geschichte durchaus gut getan.
Ein paar Ticks der Autorin habe ich ebenfalls beim Lesen herausgestellt. Während in meinen Romanen ständig Augenbrauen gehoben, Köpfe schiefgelegt oder mit den Augen gerollt wird, hat Theresa Hannig augenscheinlich eine Vorliebe für knackende Kiefer, trockene Rachen und das sich ständig wiederholende Über-die-Lippen-lecken. Das ist ziemlich repetetiv, und auch, wenn es den sich verschlechternden Gesundheitsstatus des Protagonisten verdeutlichen soll, gingen mir diese drei Wiederholungen dann doch auf die Nerven.
Die Offenbarung des Hintergrundes, der Ercan Bösers wahre Motivation / Rolle darstellt, kam mir zu sehr im Infodump. Das letzte Kapitel hat mich nicht wirklich befriedigt. Ich kann aber nicht sagen, ob das daran liegt, dass ich mir noch immer wünsche, das Buch hätte 700 Seiten oder ich hätte Fortsetzungen davon im Regal stehen. Ich bin nur unbefriedigt in dem Sinne, als dass ich ewig weiterlesen möchte, daher ist diese Schwäche mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Mein Fazit:

Es würde mich nicht wundern, wenn Die Optimierer verfilmt werden. Im Gegenteil: Ich erwarte, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre eine Verfilmung anstehen wird. Der Plot eignet sich dafür, sodass der Film nicht viel vom Buch vernachlässigen oder über Bord werfen müsste. Die Optimierer ist eine durch und durch gelungene Utopie, die ich ausnahmslos jedem Liebhaber zukünftiger Gesellschaftsmodelle empfehlen möchte.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 304 Seiten, erschienen bei Bastei Lübbe am 29.09.2017, ISBN: 978-3-404-20887-6

Andere Leseeindrücke:

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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