Monat: Februar 2018

Ein halbfertiges Potentialkonvolut – Spiegel [Rezension]

Ein halbfertiges Potentialkonvolut – Spiegel [Rezension]

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Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Emotionslos und flach – Alle Vögel unter dem Himmel [Rezension]

Der erste Satz

Als Patricia sechs Jahre alt war, fand sie einen verletzten Vogel im Wald.

Zum Inhalt:


Patricia ist ein Mädchen, das bemerkt, dass sie eine Hexe ist und den Wald schützen soll. Sie vernachlässigt ihre Fähigkeit, weil irgendwie nichts klappt und ihr niemand sagt, wie dieses Hexenleben wirklich funktioniert. In der Schule trifft sie auf Laurence, der ihr einziger Freund ist, sodass sie mit ihm eine On-Off-Freundschaft eingeht, bis sie sich nach der Schule verlieren, wiedertreffen, wieder verlieren und gemeinsam die redundantesten Sachen überhaupt erleben.

Laurence ist ein Nerd, der eine künstliche Intelligenz geschaffen hat, die schon in seiner Jugend viel Macht und Intelligenz bekommt. Patricia nutzt er zunächst, um seinen Eltern gegenüber zu rechtfertigen, dass er kein Stubenhocker ist. Sie erfinden Geschichten über gemeinsame Ausflüge in die Natur, was in etwa so glaubwürdig ist wie eine Salsa tanzende Katze, die dir morgens den Kaffee bringt. Die Geschichten der beiden streifen sich immer mal wieder, und der Fokus liegt ganz klar auf den Zusammentreffen. Dass im weiteren Verlauf im Hintergrund die Welt in Gefahr ist oder andere potentiell plotrelevante Dinge geschehen, wird artig ausgeblendet.

Warum ich den Inhalt von “Alle Vögel unter dem Himmel” nicht in einem Absatz unter Betrachtung der unterschiedlichen Gesichtspunkte wiedergeben kann, liegt daran, dass es die Autorin selbst im gesamten Buch nicht geschafft hat, aus den zwei interessanten Ausgangslagen eine Geschichte zu stricken.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Hysterisch über den Satz mit der Langeweile und dem Narbengewebe gelacht.
  2. Das schlechte Gewissen runtergeschluckt.
  3. Mich total geärgert, weil das schlechte Gewissen wieder hochkam.

Mein Eindruck zu Alle Vögel unter dem Himmel:

Einen Plot sucht man vergebens, und selbst viel Geduld hat sich bei mir nicht ausgezahlt, sodass ich das Buch auf Seite 201 abbrechen musste. Ich brach “Alle Vögel unter dem Himmel* ab, nachdem mich der Satz “Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes” getriggert hat. Die Autorin hat echt Mut. In der Danksagung schreibt sie: “Ich hoffe, das Buch hat euch gefallen. Falls nicht, oder falls euch einige Dinge nicht eingeleuchtet haben oder zu abwegig erscheinen, schickt mir einfach eine E-Mail, dann komme ich vorbei und spiele euch das Ganze vor. Vielleicht mit Origami-Fingerpuppen.” Dieses Angebot würde ich gerne annehmen, doch ich weiß nicht, ob ich jemals nochmal so viel Interesse aufbringen kann, der Geschichte eine weitere Chance zu geben.

Stärken des Buchs:

Es riecht unfassbar gut! Der Klappentext verspricht viel! Das Cover macht was her und insgesamt fühlt sich das Buch wirklich gut an! Orthografie und Grammatik sind ok. Dass ich das erwähne, ist kein gutes Zeichen. Im Gegenteil. Zunächst dachte ich, es seien die einzigen Stärken, die “Alle Vögel unter dem Himmel” mitbringt.

Selbst Bücher, die mir nicht gefallen (Beispielsweise “Loslassen” von Katharina Finke), bleiben in meinem Bücherregal. Weil sie irgendwann mal wieder interessant sein könnten oder gute Stellen hatten, oder mir ans Herz gewachsen sind. “Alle Vögel unter dem Himmel” ist das erste Buch, bei dem ich darüber nachgedacht habe, es loszuwerden. Zu verkaufen und von dem Geld einen Ersatz zu kaufen. Ich fühle mich frustriert und als hätte ich beim Lesen Lebenszeit verschwendet. Nachdem mir das bewusst wurde, habe ich dem Buch dennoch einen Zweck zuordnen können: Ich habe mir Notizen gemacht, was in welchem Kapitel geschieht, versucht, den Plot nachzuvollziehen und mir aufgeschrieben, was mir nicht gefällt. Als angehende Sci-Fi-Autorin möchte ich auch gerne ein Buch bei Fischer TOR platzieren (hach, wie schön das wäre! Lasst mich träumen!), und wenn so ein undurchdachtes, lieblos geschriebenes Buch bei diesem Qualitätsverlag unterkommt – dann schaffe ich das schon längst. Das ist eine ganz klare Stärke von “Alle Vögel unter dem Himmel”: Es macht mir als Autorin Mut, denn das kann ich locker übertreffen. vielleicht nicht jetzt, aber mit mehr Genrekenntnis und einem akribisch geplotteten, mit Herzblut geschriebenen Manuskript kann ich das schaffen. Wir sehen uns auf Augenhöhe, Charlie!

Eine weitere Stärke – und das muss man der Autorin und der Geschichte lassen – ist, dass die nerdigen Stellen wirklich… angemessen sind. Auf 200 Seiten muss man sicherlich drei Mal leicht schmunzeln, wenn man sich mit Laurence auch nur ein bisschen identifizieren kann.

Schwächen des Buchs:

Der Anfang des Buches ist sehr holprig und unglaubwürdig. Von Klischees überrannt gab ich dem Buch weitere Chancen, mir zu beweisen, dass der Charakter von Patricia nichtssagend und leer ist. Leider wurde das nicht verändert. Das Kennenlernen von Patricia und Laurence ist unschlüssig und passt überhaupt nicht. Der Sprachstil ist ungelenk und oberflächlich. Immer, wenn man denkt, jetzt könnte die Geschichte ins Rollen kommen, driftet die Autorin ab und versorgt den Leser mit emotionslosem, redundantem Zeug.

Ich kenne zahlreiche Lektoren, die bei “Er hat einen nervösen Kopf” oder “Er lächelt mit einer Lippe” den Rotstift zücken würden. Weder Übersetzung noch Lektorat von Fischer TOR haben solche merkwürdigen Ausdrücke gestört. Mir haben sie sich in den Kopf gebrannt.

Bis Seite 118 passiert nichts. Dann passiert etwas und das Buch droht mir an, fast spannend zu werden. Aber dann flacht die Spannung sofort wieder ab und das Niveau kehrt zurück. Das sprachliche Niveau ist einerseits in Ordnung, andererseits so emotionslos, dass Charlie Jane Anders einen Preis dafür verdient hat. Keine andere Autorin kann einen versuchten Mord so langweilig schreiben wie sie! Das muss Talent sein.

Bei einigen Sätzen zeigt die Autorin wirklich Potential, und ich fühle mich in das Debüt eines blutjungen Selfpublishers versetzt. Aus Sätzen wie “Das Messer verfehlte sein Herz, aber es brach sein Herz” sieht man, was die Autorin sagen wollte, und freilich könnte man aus diesem Satz etwas Gutes machen – aber er wurde genau so veröffentlicht, wie viele, viele andere Sätze auch. Der lieblose Stil äußert sich auch im Verzicht auf Synonyme, dieser aneinandergeklatschte Stil ist sowas von eindimensional, dass ich es nicht einmal schaffe, ihn in dieser Rezension nachzuahmen. Aber ich gebe mir Mühe, vielleicht merkt man das.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erlaubt man sich noch einen Patzer mit einem Satz wie diesem: “Es stimmte, im Hintergrund waren Polizeisirenen hören.” (Seite 153) Das unterstreicht die größte Schwäche des Buches: Es ist lieblos und flach. Nach weiteren fünfzig Seiten bekam ich einen hysterischen Lachanfall, als die Autorin das Thema Langeweile in einem Satz anbrach (“Langeweile ist das Narbengewebe des Geistes”) und zwang mich dazu, das Buch abzubrechen. Es hat mir tatsächlich wehgetan, diesem Buch – ein Geburtstagsgeschenk – keine Chance zu geben, sich endlich mal zu entfalten. Aber nach 50 % sollte die Geschichte zu einer Geschichte werden.

Übrigens: Wenn Laurence und Patricia sich nach der Schule wiedertreffen, seilt er sich von irgendwas ab und macht einen Millionendeal klar, weil die Welt in Gefahr ist. Man will wissen, warum die Welt in Gefahr ist und irgendwas darüber erfahren, wieso und warum und was los ist – aber davor verschont Charlie Jane Anders den Leser und füllt die folgenden Seiten mit Rückblicken und oberflächlichem Beziehungsgehabe, stockenden Bla-Bla-Gesprächen und ein bisschen Tell, don’t Show.

Als ich mich entschieden habe, das Buch abzubrechen, habe ich in einem der letzten Kapitel den “großen Showdown” gelesen. Ich will nicht spoilern, aber… Er konnte mich nicht vom Hocker hauen, hatte unglaubwürdige, klischeehaft-überspitzte Stellen, und auch das letzte Kapitel hat die nicht-vorhandene Geschichte nicht wirklich zu Ende geführt.

Mein Fazit:

“Alle Vögel unter dem Himmel” ist ein Buch, das mehr verspricht als es halten kann. Ich bin nicht nur gelangweilt und maßlos enttäuscht, sondern vergleiche den Schreibstil der Autorin auch mit “Mathilde Möhring”. Wer Lust auf ein Buch hat, das sich bestenfalls zur Analyse eigener Schreibkompetenz eignet und einem Mut macht, auch einmal in einem so großen Verlag unterzukommen, muss dieses Buch unbedingt lesen. Ich wünsche jedem viel Erfolg dabei, mehr als 200 Seiten durchzuhalten.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 416 Seiten, erschienen bei Fischer TOR am 23.03.2017, ISBN: 978-3-596-03696-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Zwischen den Welten – Narrenlauf [Rezension]

Der erste Satz

»Beginnen wir mit einer schlichten Hypothese: Stellt euch vor, die Welt, in der ihr lebt, ist nicht die einzige, die existiert. Es gibt Millionen Universen, die wie Fäden neben-, unter-, über- und ineinander verlaufen, ohne sich jemals zu berühren.«

Zum Inhalt:

Der Protagonist ist Vanjar Belaquar, ein Weltenwanderer, der für die LOG (L`Organisation Gris) arbeitet, um die paranormale Weltbevölkerung vor dem unwissenden Teil zu schützen. Bisweilen auch andersherum.

Doch wie das so ist, gehen auch in einer Geheimorganisation der paranormalen Gesellschaft Dinge schief und die Reaktivierung eines alten Teams für Sonderermittlungen bringt den Stein eines seltsamen Falls erst so richtig ins Rollen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Den Hund ausgeführt, um den Showdown am Ende des Buches besser verdauen zu können.
  2. Das Buch zu den anderen Büchern in mein Regal gestellt. Mit dem Cover voran, zu meinen anderen Lieblingsbüchern.
  3. Eine Nacht über das Buch geschlafen, bevor ich mich an die Rezension setzte.

Mein Eindruck zu Narrenlauf:

Ich möchte mich auf diesem Weg noch einmal bei der Autorin bedanken, der ich spätestens seit unserer ersten Begegnung auf dem M’era Luna damit in den Ohren liege, dass ich ihr Buch auf jeden Fall lesen wollte, wenn es erschienen ist. Tja, nun ist der Erscheinungstag endlich da und das – für ein Debüt mit 540 Seiten recht dicke – Buch liegt ausgelesen neben mir.

Schon als ich das Buch in der Hand hielt war ich hellauf begeistert. Nicht nur, dass die Autorin passende Buttons, ein Lesezeichen (Blogger stehen auf solches Klimbim) und einen Beutel guten Schwarztee dazu gelegt hat. Nein, das Buch ist Urban Fantasy und spielt in Paris (die Handlung beginnt zwar in Tokio, aber wir wollen nicht kleinlich sein) statt wie jeder 0815-Urban-Fantasy-Roman in London oder wenigstens in England. Außerdem fällt das Buch in jedem Fantasy-Regal auf. Gefühlt ist es eine Konvention geworden, Fantasycover entweder schwarz (oder wenigstens sehr dunkel) oder sehr farbenfroh zu gestalten. Narrenlauf* hingegen schmückt sich mit einem minimalistisch gestalteten Cover ganz in weiß ohne unnötigen Schnickschnack. In Kombination mit dem Klappentext war es dann auch ziemlich schnell um mich geschehen. Ich gebe es nur zu gerne zu: Carolin, ich bin schon ein bisschen verliebt in dein Buch.

Aber zurück zum Inhalt: Man wird hier relativ sanft in Form einer pseudo-wissenschaftlichen Vorlesung über das Multiversum und Magie eingeführt. Auch wenn man ein paar hundert Seiten braucht, um dahinter zu steigen, was dieser Prolog eigentlich sollte, ist das eine mehr als gelungene Einleitung.

Direkt danach wird die Handbremse mit einem Schwenk in das Gris-Quartier in Tokio direkt zu Vanjar Belaquar ein bisschen gelockert. Und dann passiert erst einmal nichts. Ich war drauf und dran, der Autorin eine nette Nachricht per Twitter zu schreiben, wo denn bitte die Handlung einsetzt. Aber als ich dann tatsächlich bemerkt hatte, dass das was mir fehlte, die Handlung war, war ich auch schon bei Seite 200 angelangt. Im Nachhinein betrachtet bin ich sogar ziemlich froh über die recht ausufernde Einleitung, was für einen ersten Band einer Reihe aber auch völlig in Ordnung ist. Und sobald die Handlung einmal “wirklich” eingesetzt hat, gelangt die Geschichte auch ohne größere Hänger an den Showdown.

Stärken des Buchs:

Bereits das erste Kapitel lässt erahnen, dass man das Buch mit einer gewissen Portion Nerd-Humor nehmen sollte. Allein deshalb war ich schon voll dabei. Außerdem wurde ich von Carolin bereits vorgewarnt, dass es die eine oder andere Anspielung auf Film und Literatur geben wird. Nun, – Achtung Spoiler – das Hauptquartier der L’ Organisation Gris mit der Tardis zu vergleichen, ist schon ein netter Schachzug. Wo wir schon dabei sind: Der äußerliche Aufbau in vier Züge ist äußerst gelungen. Und ja, es könnte vielleicht nicht schaden, die Grundzüge der Schachkunst zu kennen, bevor man sich Narrenlauf zu Gemüte führt. Warum das trotzdem eine Stärke ist? Man kommt auch dann dahinter, wenn man von Schach überhaupt keine Ahnung hat. Ich habe es selbst ausprobiert. Auch in Fußnoten und den Kapitelüberschriften (bzw. deren Datumsangaben) lässt sich eine ordentliche Prise Humor finden. Ja, verdammt, es ist immer noch der selbe Dienstag!

Schwächen des Buchs:

Kommen wir nun zu dem Teil, den ich bei Rezensionen immer relativ ungern schreibe, besonders wenn mir ein Buch an sich gut gefallen hat.

Zwei Dinge – die ich an dieser Stelle bitte unter “Schönheitsfehler” laufen lassen möchte – haben mich beim Lesen dann doch hin und wieder gestört. Zum Einen hat sich das Lektorat den einen oder anderen Patzer erlaubt. So fehlt an mindestens einer Stelle (die ich leider gerade nicht im Kopf habe) ein Wort und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob man an Weihnachten tatsächlich von “Heilig Abend” spricht. Zum Anderen eben die hin und wieder fehlende Handlung. Die Autorin versteht es ziemlich gut, mit Hintergrundinformationen über langatmige Stellen hinweg zu kommen. Aber insgesamt habe ich den diffusen Eindruck, dass man die ganze Geschichte auch in fünfzig Seiten weniger hätte erzählen können. Es wird nicht langweilig, aber der Spannungsbogen ist doch ein bisschen ungleichmäßig verteilt.

Mein Fazit:

Insgesamt war Narrenlauf ein hervorragendes Lese- und Reiseerlebnis, das seinen Platz neben Victoria Schwab (ja, auch meine Lieblingsbücher sind alphabetisch nach dem Nachnamen der Autoren sortiert) redlich verdient hat. Nur leider werde ich irgendwie das Gefühl nicht los, dass Narrenlauf an den typischen Krankheiten eines Debütromans leidet. Für meinen Geschmack vermeidbare Längen und (zum Glück wenige) Fehler, die das Lektorat allen Widrigkeiten zum Trotz überlebt haben, lassen das Buch haarscharf an meiner persönlichen Bestwertung vorbeischrammen. Von mir gibt es für das Leseerlebnis den Stempel “sehr gutes Debüt” und für den Gesamteindruck (auch und weil ich Hardcover liebe) ein “exzellent, mit Schönheitsfehlern”.

Weitere Informationen:

  • Hardcover 540 Seiten, erschienen bei Tredition am 18.02.2018, ISBN: 978-3-7439–8482-0

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Neben der Arbeit am Blog der Weltenbibliothek mit eigenem Blog und viel zu oft auf Twitter anzutreffen. Steckt seine Nase besonders gern in Fantasy- und Science-Fiction-Romane (sehr gerne auch ohne Raumschiffe). Schreibt Gerüchten zufolge selbst Romane.

Von verbotenen Wäldern und vergessenen Menschen – Eselmädchen [Rezension]

Von verbotenen Wäldern und vergessenen Menschen – Eselmädchen [Rezension]

Der erste Satz

Die kleine Hand zur Faust geballt, hielt das Mädchen den zierlichen Schatz fest umschlossen.

Zum Inhalt:

Ein namenloser Protagonist wohnt mit seiner Mutter in einer kleinen Hütte. Sie leben in Armut, der Vater hat sie verlassen, und auf dem Nachbargrundstück wohnt ein komisches Mädchen. Niemand spricht mit ihr, und jeder, der etwas auf sich hält, soll das Eselmädchen meiden. Im Dorf hält jeder etwas auf sich, also ignoriert man das Kind von der Eselwiese. Dem Protagonisten ist das egal, er besucht das Mädchen namens Nike und entschlüsselt Stück für Stück die Rätsel um das Mädchen, das niemand beachtet, den Wald, den niemand betritt und die Esel, die nicht sind, was sie scheinen.

Die ersten drei Dinge, die ich nach dem Lesen getan habe:

  1. Mein Mund stand offen. Ich habe Luft geholt und konnte meinen sensationsgeilen Blick nicht verstecken. Leider konnte ich niemandem vom Ende erzählen, da ich das Buch vor Release lese. So ein Mist!
  2. Ich habe mir an den Kopf gefasst, als habe ich eine schwer verdauliche Nachricht bekommen.
  3. Diese Rezension musste geschrieben werden. Umgehend!

Mein Eindruck zu Eselmädchen:

Eselmädchen fühlt sich nicht an wie ein Debüt. Die Autorin hat bereits Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht, aber Eselmädchen selbst ist als alleinstehendes Werk das Debüt von Wiebke Tillenburg. Ich habe es auf den ersten fünfzig Seiten nicht als Debüt wahrgenommen, so professionell erschien es mir. Einzig die sich doch ziemlich häufenden Fehler erinnern beim Lesen immer wieder daran, dass es sich um ein Erstlingswerk im Selfpublishing handelt, später aber mehr dazu. Im Großen und Ganzen bin ich froh und glücklich, Eselmädchen* gelesen zu haben und bedanke mich bei der Autorin für die liebevolle Signatur und die Chance, schon vor Release-Datum am 10. Februar eine Reise in den verbotenen Wald gemacht haben zu dürfen.

Stärken des Buchs:

Die Novelle von Wiebke Tillenburg beginnt nicht ad ovo, sondern schmeißt den Leser sofort mitten in die Geschichte. Das gelingt der Autorin wirklich hervorragend, ich fühle mich nach nur acht Buchseiten in die Geschichte hineinversetzt und will gar nicht aufhören.
Die Konflikte reihen sich aneinander, der Spannungsbogen nimmt Fahrt auf, ganz, wie es sich gehört. Da Eselmädchen mit seinen kurzen 116 Seiten etwas mager ist, erkenne ich als Autorin ziemlich deutlich die unterschiedlichen Wendepunkte einer Geschichte. Aber obwohl ich Hook, Pinch und Midpoint relativ gut erahnen kann, ist jeder Plottwist unvorhersehbar. Das Wissen um die Struktur der Geschichte macht Eselmädchen nicht schlechter, sondern besser. Beim Lesen hatte ich durch und durch eine gewisse kindliche Aufregung, weil ich wusste, dass etwas kommt, ahnte, was in etwa kommt und dann auch noch überrascht wurde. Klasse!
Der Schreibstil von Wiebke Tillenburg ist durch und durch flüssig. Ich habe beim Lesen zu 90 % der Zeit eine Welt im Kopf gehabt, in der die Häuser, Wege und der Wald klar abgebildet wurden. Dieses automatisch ablaufende Kopfkino ist beim Lesen eines wirklich guten Buches typisch und für mich unerlässlich. Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen und habe die ersten drei Viertel der Novelle regelrecht verschlungen.
Etwa zur Mitte des Buches gerät der Protagonist in solch eine Misere, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie er da wieder herauskommen sollte. Genau solche Stellen machen mir Belletristik schmackhaft: Es muss ausweglos erscheinen. Ich will das Buch weglegen und selbst überlegen, wie es weitergehen könnte. Dann komme ich auf keine Idee und lese weiter wie ein Junkey, der keine fünf Minuten auf seine Droge verzichten möchte. Und, was soll ich sagen? Natürlich wusste die Autorin einen genialen und glaubhaften Ausweg. Für solche Stellen liebe ich Bücher! Hut ab, Wiebke!
Außerdem empfand ich das Ende als besonders stark. Ich will nicht spoilern, und das widerspricht einem inneren Drang. Gerade will ich in die Welt hinausschreien, wie das Ende ist und weiterführende Theorien und Ideen mit jemandem austauschen. Da das aber nicht geht, möchte ich an dieser Stelle lediglich deutlich betonen, dass ich das Ende mehr als gelungen finde.

Schwächen des Buchs:

Leider hat das Eselmädchen einige Schwächen, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Es gibt an einigen Stellen im Buch Geheimnistuerei, die mir klischeehaft erscheint. Etwa zwischen Seite 80 und 90 erstreckt sich ein ermüdender Dialog zwischen dem Protagonisten und dem Eselmädchen. Dieser Dialog klärt vieles auf und beschreibt die letzte Etappe, die der namenlose Held zu meistern hat, aber er zieht sich für mich unglaublich dahin. Für mich bröckelt die Geschichte an dieser Stelle, und das ein oder andere halte ich für zu ausführlich erklärt, zu sehr Fantasy- und Märchen-Klischee.
Danach nimmt die Geschichte wieder Fahrt auf und zeigt sich, wie auch vor diesem schwachen Dialog, von der besten Seite. Bis zum letzten Wort werde ich mitgerissen und kann kaum fassen, was dann geschieht. Das bombastische Ende lasse ich auf mich wirken – und das ist gut so. Denn er Epilog kommt mir etwas zerfasert vor. Als wisse er nicht, wofür er stünde. Es hätte dem Eselmädchen keinen Abbruch getan, den Epilog ganz wegzulassen. Oder ihn gegen einen anderen auszutauschen. Und das ist wohl mein Problem: Er ist austauschbar. Es geht anders, es geht besser. Da muss ich ganz klar gestehen: Der Epilog hat mir nicht gefallen.
Weitere Schwächen von Eselmädchen sind die Fehler. Man kann beim Lesen regelrecht merken, an welchen Stellen die Autorin, Lektorin und Testleser betriebsblind waren. Hier und da ist ein “die” statt “dir”, ein “sie” statt “sich”, ein doppeltes “hat”, und die Anführungszeichen wurden leider nicht immer richtig konvertiert. Die Guillements rahmen die wörtliche Rede in 98 % der Fälle ein – aber manchmal schleicht sich ein deutsches Anführungszeichen an das Ende eines gesprochenen Satzes. Das ist unprofessionell und mit einfachen Handgriffen zu beheben – hier muss ich gestehen, wurde ein wenig geschlampt.
Aber: Ich bin durch die Erstauflage vor Erscheinungsdatum gereist. Wenn du dir das Buch kaufst, sind die Fehler vielleicht schon längst ausgebügelt 😉

Mein Fazit:

Das Eselmädchen ist eine Geschichte (meiner Meinung nach für Jung und Alt), die nicht nur märchenhafte Rätsel erzeugt und wieder aufdeckt, sondern hat eine Botschaft für uns alle. Es geht um Wut und die Zerstörungskraft der Worte und Taten, die wir Menschen füreinander haben. Ich möchte diese faszinierende Reise jedem empfehlen, der über ein paar Schwächen hinwegsehen kann und Lust auf eine kurze, sprachlich gewandte und inhaltlich berührende Waldwanderung hat.

Weitere Informationen:

  • Taschenbuch 116 Seiten, erschienen bei Twentysix am 29.01.2018, ISBN: 978-3-7407-4301-7

Andere Leseeindrücke:

  • noch keine bekannt

Kia liest. Nicht nur Sachbücher zur persönlichen Entwicklung und Schreibratgeber, sondern auch Entwicklungsromane, nerdige Science Fiction und alles, was zwischen Utopie und Dystopie ein bisschen Drama angereichert hat. Bei der Weltenbibliothek gibt sie hin und wieder Einblicke in ihre Reiseberichte, die sie beim Durchqueren spannender Welten anfertigt.

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